Kosovo on the rocks

Vier Jahre nach der Unabhängigkeit kämpft der Kosovo noch immer mit alten Pro­blemen: Korruption, Apathie, Arbeitslosigkeit.

(Bild: Matteo Gariglio)

Vier Jahre nach der Unabhängigkeit kämpft der Kosovo noch immer mit alten Pro­blemen: Korruption, Apathie, Arbeitslosigkeit.

Die Kosovaren sind kein Volk von Eiskunstläufern. Ungelenk schliefern sie über die glatten Gehwege Pristinas, und wenn sie fallen, landen sie in einer Mauer aus Schnee. Der Rekordwinter hat die Stadt überrascht, die Menschen fluchen und die Schneeräumungsfirma weiss nichts Besseres, als den Schnee von den Strassen auf die Gehwege zu pflügen.

Die Strassen müssen frei sein, für die glänzenden neuen Dienstwagen der Politiker, die riesigen weissen Jeeps der internationalen Administratoren. Zu Fuss geht hier nur das Volk. Und das fällt auf die Nase.

Ein Land im Würgegriff des ewigen Winters, eingefroren in einem Zustand zwischen Warten und Hoffen. «Auch Scheisse ist schön, wenn Schnee dar­über liegt», sagt der Taxifahrer. «Willkommen im Kosovo.»

Wir sind hergekommen, weil wir mehr wissen wollten. In diese Stadt, von der man viel hört und von deren Bewohnern man keine Ahnung hat. In diesen Staat, der – je nach Ansicht – ein ganzer, ein halber oder gar keiner ist. Zu diesen Menschen, die in den letzten Jahrzehnten viel durchleben mussten und ihre Geschichten bis in die Schweiz getragen haben.

Rund 200 000 Kosovaren leben da inzwischen (siehe Studie auf der Rückseite), und viele von ihnen werden heute ein Fest feiern. Vielleicht laut und voller Freude. Vielleicht nur leise und ein wenig wehmütig. Vier Jahre Republik Kosovo – Urime ditelindjen! Happy Birthday.

Jubel rund um die Welt

Der 17. Februar 2008 war ein kristallklarer Sonntag, als der kosovarische Ministerpräsident Hashim Thaçi die Unabhängigkeit Kosovos von Serbien ausrief und damit eine Welle schier grenzenloser Euphorie freisetzte: Die Menschen versammelten sich auf den Strassen Pristinas, sie jubelten und tanzten und die Telefone standen nicht mehr still.

Auto-Corsos mit Albanienflaggen brausten hupend durch die Strassen der Diaspora. New Yorks Times Square, Berlins Kreuzberg, der Basler Marktplatz – gefüllt mit tanzenden Kosovaren.

Auf einem Platz in Pristina wurde ein Monument aus gelben, mannshohen Lettern errichtet, wie übergrosse Kerzen eines Geburtstagskuchens. Sie fassten die allgegenwärtige Stimmung in ein hoffnungsvolles Wort: NEWBORN. Endlich frei und unabhängig. Endlich einen eigenen Pass, eine eigene Regierung, eine eigene Identität. Endlich ein Neuanfang. «Vielleicht wird der Kosovo», so sagte ein hoffnungsvoller Schweiz-Kosovare gegenüber Radio DRS, «bald so reich sein wie die Schweiz!»

Vier Jahre später sieht das Monument aus wie viele Wände in Pristina: versprayt und abgetragen. Schnee bedeckt den Platz, von Weitem hört man das Jauchzen von schlittelnden Kindern. Ansonsten tut sich nichts. Was ist übrig von den Hoffnungen und Träumen? Wir machen uns auf die Suche nach Antworten im jüngsten Staat Europas, schauen, was vom Neuanfang übrig ist.

Warten auf Arbeit

Der jüngste Staat Europas hat auch die jüngsten Einwohner. 26 Jahre ist der Altersdurchschnitt; zwei Drittel der zwei Millionen Kosovaren sind noch keine dreissig Jahre alt. Das ist viel Startkapital für ein neues Land. Doch Jobs gibt es keine. Über die Hälfte der Bevölkerung findet seit Jahren keine Arbeit. Die Jugendarbeitslosigkeit wird inzwischen gar auf siebzig Prozent geschätzt. Wer sich in Pristina umsieht, sieht das schnell bestätigt.

An allen Ecken der Stadt stehen sie, und in den Aussenbezirken sind es noch viel mehr: die eingemummten Männer, die an den Strassenecken stehen und auf Arbeit warten. Taglöhner jeden Alters, die morgens um sieben warten und ihre Arbeitskraft anbieten, für zehn oder zwölf Euro am Tag. Sie sind die Verlierer der Unterschicht – ohne Ausbildung und ohne Auffangnetz.

Der Mann ist siebenundzwanzig, doch er sieht aus wie fünfzig. Die Zähne stehen dunkel und schief in seinem Mund, die Augen leicht zugekniffen, das Körpergewicht ununterbrochen vom linken auf das rechte Bein und zurück verschiebend. Zigarette im Mundwinkel, Jeans, Bürstenschnitt. Bereitwillig hört er unsere Fragen an.

Was hat sich seit der Unabhängigkeit verändert? «Nichts. Gar nichts.» Nach einem Moment des Schweigens: «Das Einzige, was besser geworden ist: Die Polizei kommt nicht mehr vorbei und schlägt uns.» Seit dem Krieg habe man ständig gewartet. Zuerst auf wirtschaftliche Besserung, dann auf die Unabhängigkeit, jetzt weiss man nicht, worauf man noch warten sollte. «Vorher waren wir arm und unterdrückt. Jetzt sind wir arm und frei.»

Am Schluss bleiben fünf Euro

Er hat zwei Kinder, eine Frau, dazu deren Mutter, die er versorgen muss. Für den Weg alleine zahlt er täglich zwei Euro, je einen für den Hin- und den Rückweg ins dreissig Kilometer entfernte Haus. Dazu etwas zu essen, ein Pack Zigaretten. Bleiben fünf Euro, sofern er heute noch etwas verdient.

Was er denn von der Regierung halte? Der Mann verwirft die Arme. Das seien Gesetzlose. «Das Gesetz gilt nur für die Armen und Machtlosen. Nicht für die Politiker.» Und er gibt ein Beispiel. «Wenn ein Politiker etwas will, dann werden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Ich hingegen warte seit zwölf Jahren für eine Bewilligung, um mein Haus umbauen zu können.»

Es ist keine Wut in den Leuten hier und kaum mehr Enttäuschung. Die meisten haben es hingenommen, dass sich das Leben für sie nicht verändert.

Gefriermittel des Fortschritts

Auf den Strassen Pristinas haben die Bewohner inzwischen die Nase voll vom Eiskunstlaufen. Überall treten Männer mit Pickel und Schaufel vor die Türen und machen sich an den Kampf gegen das Eis. Es habe keinen Zweck, bei der zuständigen Schneeräumungsfirma nachzufragen, sagt einer der Schaufler. «Sonst fallen wir den Rest des Winters auf die Nase.»

Wenn eine Firma nur kassiert und dafür nichts leistet oder ein Gericht über Jahrzehnte Anträge nicht ­bearbeitet, dann schreiben es die Leute ein und derselben Sache zu. Sie gilt als das zentrale Problem Kosovos, als Gefriermittel des Fortschritts: Korruption.

Wer über Korruption sprechen will, muss sich mit Jeta Xharra treffen. Auf der Strasse wird sie gerne als «einflussreichste Frau Kosovos» bezeichnet, obwohl sie weder reich ist noch ein politisches Amt innehat. Xharra ist Journalistin und Moderatorin der beliebtesten Politsendung im kosovarischen Fernsehen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Korruption in diesem Land aufzudecken.

Hart, direkt, unverblümt

Im blauen Deuxpièces und mit Strähnenfrisur wirkt sie wie eine beliebige Moderatorin. Doch die 33-jährige Xharra ist eine Frau wie ein Faustschlag: hart, direkt, unverblümt.

«Mein Erfolg ist der Beweis für das Versagen des Staates», sagt sie. «Mehr Korruption heisst mehr Arbeit für mich. Und seit der Unabhängigkeit ist es mehr denn je.» Vor sechs Jahren startete sie ihre Sendung «Leben im Kosovo» mit drei Leuten. Inzwischen leitet sie eine Truppe von 110, die den Mächtigen des Landes auf die Finger klopfen.

Korruption ist dabei mehr als simple Bestechung. Korruption ist Teil des Systems und als Prinzip im Kosovo weitverbreitet. Die Mächtigen dieses kleinen Landes seien zu eng miteinander verbandelt, sagt Xharra. Politiker, die im Rahmen der Privatisierung ganze Staatsfirmen an Freunde verscherbeln und die Bevölkerung damit um Geld und Jobs bringen. Oder Richter, die die Fälle angeklagter Machthaber bewusst hinauszögern. Geschichten, wie man sie sonst aus Ländern wie Kolumbien oder Usbekistan hört. «Nur: das hier ist Europa», sagt Xharra. «Es passiert unter der Aufsicht der UNO – und die tut nichts dagegen.»

Xharras Sendung ist so einzigartig wie beliebt im kosovarischen Fernsehen: eine knallharte Polit-Talkshow, in der eingeladene Gesprächspartner Rede und Antwort stehen müssen. Durch diese direkte Konfrontation kann Xharra den Mächtigen das Wichtigste nehmen, was sie haben: ihren Ruf.

Doch Blossstellung halten die wenigsten aus. Vor drei Jahren forderte eine Zeitung in einer grossangelegten Kampagne Xharras Tod, weil sie mit einem Bürgermeister der Regierungspartei zu hart ins Gericht ging. Die Staatsanwaltschaft ignorierte den Fall. «Die hatten Angst, ihre Jobs zu verlieren.»

Die Hälfte möchte auswandern

Die Korruption verdirbt dabei auch die Zukunftsperspektiven der Jungen, sagt Xharra. Die Vetternwirtschaft und die unberechenbare Justiz halte ausländische Investoren fern. «Der Wirtschaftsprozess wird damit als Geisel gehalten.»

Wenn draussen die Minustemperaturen selbst das normale Atmen erschweren, findet das soziale Leben hinter den rauen Fassaden statt. Die Cafés und Teestuben sind voll von jungen Menschen. Bei den Männern besonders beliebt sind Wettbüros, lichtarme Räume mit verklebten Scheiben. Innen kleben Flachbildschirme an den Wänden, die Fussballspiele aus ganz Europa übertragen.

Viele der jungen Männer verbringen jeden Abend und das ganze Wochenende hier. Immer läuft irgendwo ein Spiel, immer gibt es irgendwo etwas zu gewinnen, zu verlieren, zu diskutieren. Man ist unter sich und an der Wärme. Trotzdem würden viele am liebsten wegziehen.

Damit sind sie nicht alleine. Einer Studie der UNO zufolge möchten fast die Hälfte aller befragten Jugendlichen zwischen 15 und 24 auswandern.

Ein unnützer Pass

Doch der kosovarische Pass, den sich so viele wünschten, verstaubt in den Schubladen ihrer Besitzer. Gerade mal in fünf Länder lässt sich damit ohne Visa reisen, sogar Afghanen haben mehr Reisefreiheit. Alle anderen Länder verlangen den Gang auf die Botschaft – ein bürokratischer Spiessrutenlauf. Viele versuchen es gar nicht mehr.

«Wer männlich, unverheiratet und unter dreissig ist, bekommt garantiert kein Visum – nicht einmal in den Irak. Man könnte ja untertauchen und nicht mehr zurückkommen», ­kommentiert ein frustrierter Kosovare ironisch. Das ist die Krux mit der Anerkennung. Eine Vielzahl von Staaten hat den Kosovo nicht als eigenständiges Land anerkannt. Das hat absurde Folgen.

Kosovo hat kein eigenes Kürzel am Ende einer Website-Adresse. Die Telefonvorwahl ist jene von Monaco. Kosovaren sind für jegliche Banktransaktionen übers Internet gesperrt und können weder auf Ebay noch auf Amazon einkaufen. Pristinas Universitätsabschlüsse werden vielerorts nicht akzeptiert.

Kosovos Fussballteam wird nicht anerkannt, ebenso wenig eine olympische Delegation. Einzig in Wrestling, Tischtennis und Gewichtheben können sie internationale Wettkämpfe bestreiten, nur: Die Kosovaren sind nicht gerade eine Nation von Gewichthebern.

Ein Land voller junger Menschen – ohne Jobs, ohne Perspektiven und ohne Ausweg. Die Chancen so schlecht, dass sie auf sich selbst nicht wetten würden. Wie kann das gut gehen?

Kann es nicht, sagt Korab Krasniqi. Er arbeitet für die lokale NGO Integra, die sich für die Jugend Kosovos einsetzt. Er erfährt im täglichen Umgang mit Schülern und Studenten von deren Frustration, und diese sei riesig. «Zurzeit gibt es pro freie Stelle etwa fünfhundert Bewerber.

Und jedes Jahr werden eine Vielzahl von gut ausgebildeten Universitätsabgängern auf den Jobmarkt gespült. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.» Drogenmissbrauch und Alkoholismus seien weitverbreitet, ebenso eine Apathie gegenüber Politik und Bildung. Und die Politik? «Tut nichts dagegen.»

Junges Unternehmertum

Da ist das Pristina, über das alle fluchen. Das ein Bild der Apathie und Enttäuschung vermittelt. Doch dann ist da auch das Pristina, von dem alle schwärmen. Wofür junge Menschen aus Mazedonien, Montenegro oder Albanien herreisen, um für wenig Geld viel Spass zu haben. Wovon die meisten nicht wissen, dass es existiert. Und doch: Hinter abgerockten Fassaden vibriert ein progressives Kulturleben.

Jeden Tag Konzerte, eine ausschweifende Klubkultur, eine wachsende Anzahl von Galerien. Trotz der nüchternen Wirtschaftslage: Pristina weiss zu feiern. Und man beginnt langsam, sich selbst zu helfen. In den letzten Jahren hat das junge Unternehmertum die Stadt entdeckt. Piercingshops, Webdesign-Büros, Cafés, gegründet von jungen Kosovaren.

Das Café «Dit e Nat» ist eines davon. Ein Szene­lokal, wie es auch in Berlin-Mitte stehen könnte. Dunkler Holzboden, kleine Tischchen mit Blumengedeck, eine schwarze Schiefertafel hinter der Bar, die Latte Macchiato und Panini für zwei Euro anpreist. Das Café ist auch ein Buchladen, mit englischen Klassikern, Design-Büchern und einer kleinen Sektion mit Gay-Literatur. Abends finden hier Konzerte statt, manchmal auch politische Debatten.

Auch die Besucher sehen aus wie Berliner Hipstertum: bärtige junge Männer mit Blackberrys und Parkas, die über Philosophie und Indiebands diskutieren; junge Frauen mit Ponyfrisuren und Gedichtbänden unter den Armen. Auch das ist Pristina. Eine Minderheit moderner Weltbürger, über das Internet mit den Eliten anderer Länder verbunden. Wer Visionen für die Zukunft des Landes hören will, muss hier suchen.

Zum Beispiel Kosovo 2.0. Die beliebteste Blogplattform des Landes ist das Sprachrohr der jungen Wilden. Dem Ruf macht auch ihr Büro alle Ehre: eine abgehalfterte Zwei-Zimmer-Wohnung, knarrendes Holzparkett, fünf Computer um einen Tisch. In der Küche stapeln sich die ungereinigten Kaffeetassen, überall Türme frischgedruckter Magazine.

«Ihr erwischt uns in einer Phase des Umbruchs», entschuldigt sich Chefredaktorin Besa Luci und lädt in ihr Büro. Sie spricht schnell und ohne Punkt und Komma, eine junge Frau mit scharfer Zunge und einer Wut im Bauch. «Wir wollen die Menschen verbinden und sie nicht belehren. Wir geben ihnen eine Plattform, auf der sie sich ausdrücken und sich austauschen können», sagt Luci und in ihrem Tonfall klingt eiserne Entschlossenheit mit.

Meinungen, Perspektiven, Widersprüche

Der Blog publiziert persönliche Beiträge, die eine Vielfalt an Meinungen und Perspektiven wiedergeben und sich oftmals widersprechen. Die Textbeiträge werden von rund 50 Bloggern geschrieben und behandeln alles von Kunst, Politik bis zu den Problemen des Alltags. «Wir wollen die jungen Leute hier aus der Apathie rausholen und ihr Engagement reaktivieren. Und das gelingt!», sagt Luci stolz.

Dann ist da noch das Magazin. Ein aufwendig gestaltetes, in Albanisch, Serbisch und Englisch herausgegebenes Gesellschafts-Magazin, das sich mit seiner modernen Bildsprache und der eigenständigen Themenwahl auch in der Schweiz gut machen würde. Es soll die Elite ansprechen, Entscheidungsträger erreichen und zum Nachdenken bringen.

Auch die Zusammensetzung des Teams steht für ein neues Kosovo. Die meisten haben eine Zeit im Ausland gelebt, ein paar sind extra für das Projekt zurückgekehrt. Hana Marku etwa, die den Grossteil ihres Lebens in Kanada verbracht hat und nur noch bruchstückhaft Albanisch spricht. «Ich hatte immer das Gefühl: Eines Tages kehre ich zurück und tue etwas für das Land», sagt sie.

Sie steht für eine Reihe von jungen, hochqualifizierten Kosovaren, die dem befürchteten Braindrain entgegenwirken. Denn im Ausland wächst gerade eine Generation von Kosovaren heran, die ihre Chancen zu nutzen wissen. Das Schweizerische Bundesamt für Migration etwa registrierte bereits 2009 «eine Entwicklung hin zu vermehrt höheren Bildungskarrieren» von jungen Kosovaren (siehe Diaspora-Studie auf der Rückseite).

Auf die deutschsprachige Diaspora angesprochen, reagieren allerdings viele in Pristina mit Befremdung. Die würden sich komisch kleiden, sagen sie, und sie seien arrogant. «Schatzis» werden sie hier genannt – weil sich die Pärchen gegenseitig so nennen. Ein wenig Eifersucht schwingt auch mit. Sie würden nur im Sommer kommen und nur für die schönen Dinge: Hochzeiten, Feste, Ferien.

Man trifft kaum einen Kosovaren, der nicht selbst einen Verwandten im Ausland hat. Jemanden in der Schweiz mit einem Job zu haben, heisst, jeden Monat ein wenig Geld zu bekommen und damit die eigene Familie über die Runden zu bringen. Ungefähr fünfzehn Prozent des Bruttoinlandprodukts machen die privaten Überweisungen jährlich aus.

Der Ort, wo die Hoffnung wohnt

«Ich bring euch an den Ort, wo die Hoffnung wohnt», sagt der Taxifahrer und biegt von der Hauptstrasse ab. Der alte Mercedes schlittert durch Seitenwege an Wohnblöcken vorbei wie in einem Eiskanal. Passanten springen zur Seite, Bremsen hilft wenig. Gegenüber dem Nationaltheater hält er an. Hier finden wir doch noch den Ort, wo jugendliche Frustration und Wut zusammenfinden und zu einem explosiven Gemisch verschmelzen.

Ein mehrstöckiges Gebäude, in dem junge Männer und Frauen an alten Computern sitzen, grelles Licht auf Linoleum, überall Fotos von Protesten an den Wänden. Dies ist die Zentrale von Vetevendosje («Selbstbestimmung»), jener politischen Bewegung, die im Land für Furore sorgt. Sie gelten als grösster Feind der Regierung – und als grösste Hoffnung der jungen Generation.

Boiken Abazi erwartet uns am Eingang des Gebäudes. Er ist ein behäbiger Mann um die dreissig, Typ Teddybär, trägt Jeans und einen abgetragenen Pullunder. Er koordiniert die Kampagnen der Bewegung und redet in druckreifen Sätzen. «Demokratie passiert nicht im Parlament, sondern auf den Stras­sen», sagt er und holt aus zu einem Rundumschlag gegen die Regierung.

Auf den ersten Blick gleicht die Bewegung einer aggressiven Version von Occupy. Die Leute wissen um das Potenzial der frustrierten jungen Generation und nutzen dieses für Protestaktionen und Boykotte. Erst Mitte Januar sorgte die Gruppierung für Schlagzeilen; mit einer Protestaktion gegen serbische Warenimporte, bei der mehrere serbisch-kosovarische Grenzübergänge blockiert und erst nach Scharmützeln mit der kosovarischen Polizei aufgelöst wurden.

Vetevendosje fordert die Unabhängigkeit von der internationalen Administration und setzt sich für eine Fusion mit Albanien zu einem sogenannten Gross-Albanien ein. Sie machen klassische Oppositionspolitik, geben sich bürgernah und schiessen gegen das politische Establishment.

Nationalistisch und radikal

Doch für viele Kritiker ist klar: Die Bewegung spielt mit dem Feuer. Ihre Forderungen sind nationalistisch und radikal, ihre Aktionen oft stark ideologisch aufgeladen und gewaltbereit. Für Boiken Abazi ist die Anwendung von Gewalt gegenüber dem Staat legitim: Dies seien «blosse Gegenmassnahmen zur strukturellen, systematischen Gewalt des Staates».

Diese Haltung ist problematisch, doch sie spricht vielen jungen Kosovaren aus dem Herzen. Wenn die Mächtigen sonst nicht hören wollen, müsse man zu solchen Mitteln greifen. Laut einer Umfrage der UNO sind inzwischen fünfzehn Prozent der jungen Kosovaren bereit, sich der Organisation anzuschliessen.

Abazi erklärt die herrschende Frustration damit, dass zwischen Politik und Jugend ein Graben verlaufe. Viele seien zu jung, um sich an den Krieg erinnern zu können. «Sie schauen in die Zukunft, anstatt in der Bewältigung der Vergangenheit stecken zu bleiben.»

Vetevendosje, so schrieb eine Bloggerin auf Kosovo 2.0 kürzlich, reflektiere den Abscheu der jungen Generation gegenüber der korrupten Obrigkeit, den überbezahlten Internationalen und der Stummschaltung der kosovarischen Bürger. Wie verstrickt die Lage auch sei, mit ihnen gäbe es Hoffnung.

Vier Jahre nach der Unabhängigkeit ist Hoffnung noch immer die treibende Kraft der Jugend. Doch wenn sich nichts tut, muss sie ihre Zukunft weiter auf Eis legen. So lange der kosovarische Winter eben dauert.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 17.02.12

Konversation

  1. Bravo zu diesem Kosovo-Bericht! Ich habe vergangenen Sommer zweimal Pristina besucht und dabei viele engagierte, mutige und aufgestellte Kosovaren und Kosovarinnen kennengelernt, die stolz auf ihr Ländlein sind und trotz Korruption und Arbeitslosigkeit mit ihren bescheidenen Mitteln tatkräftig am Aufbau eines jungen Staates mithelfen. Weiter so, Tageswoche! Hajde, Haide!

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