Kriegssanitäter ohne Krieg

Bei der Gründung der Basler Sektion des Roten Kreuzes vor 125 Jahren spielte der Daig eine zentrale Rolle. Ein Blick zurück auf ein wenig bekanntes Stück Basler Geschichte.

Basler Sanitätshilfskolonnen ein Jahr nach ihrer Gründung an einem Kurs in der Kaserne. (Bild: Schweizerisches Bundesarchiv)

Bei der Gründung der Basler Sektion des Roten Kreuzes vor 125 Jahren spielte der Daig eine zentrale Rolle. Ein Blick zurück auf ein wenig bekanntes Stück Basler Geschichte.

Die «Section Basel des Schweizerischen Zentralvereins vom rothen Kreuz» begann bescheiden. Der Militär-Sanitäts-Verein und der Samariter-Verband, die 1881 und 1886 gegründet worden waren, wiesen keine grossen Mitgliederzahlen aus. Die Soldaten begannen mit 14 Freiwilligen, die Samariter hatten anfänglich 146 Aktivmitglieder. Trotzdem spielten beide Vereine eine Vorreiterrolle bei der Entstehung der lokalen Rotkreuzsektion.

Ihre Repräsentanten waren Mitglieder des Initiativkomitees, das die Generalversammlung des «Schweizerischen Zentralvereins vom rothen Kreuz» im Mai 1888 vorbereitete. Das Komitee war breit abgestützt in den altbürger­lichen Patrizierfamilien, die politische und wirtschaftliche Macht in ihren Händen konzentrierten und zur intellektuellen Elite gehörten. Die Herren Courvoisier, La Roche, Hoffmann, Burckhardt, Socin u.a. waren Präsiden­ten der städtischen Behörden, bürgerlichen Vereine oder Universitätslehrer.

Samariterkurse boomten in den Vorjahren des Ersten Weltkriegs.

Die Generalversammlung fand am 23. Mai 1888 im Bernoullianum statt, wo die erste Sternwarte und Universitätsanstalten für Astronomie, Physik und Chemie untergebracht waren. Der Zentralverein beschloss, Kantonalzweigvereine zu gründen, die verpflichtet werden sollten, «mindestens einen halben Franken per Mitglied an die Zentralkasse» zu zahlen und «im Ernstfalle teils in bar, teils in Form von Verbandsstoffen und Lazaretmaterial zur Verfügung [zu] stellen».

Am 30. Mai 1888 wurde die Sektion Basel gegründet. Dank wirksamer Propaganda traten ihr 13 Vereine und 358 Personen bei. Den Vorstand präsidierte Franz La Roche, zu seinen Mitgliedern zählten die Universitätsprofessoren August Socin und Louis Courvoisier. Der Militär-Sanitäts-Verein und der Samariter-Verband waren durch deren Präsidenten Eduard Zimmermann sowie die Präsidentin und die Aktuarin des Frauen-Comités des Samariter-Verbandes, die Damen Labhardt-Schubiger und Bernoulli-Siegfried, vertreten.

Am 1. Januar 1890 schloss sich der Samariter-Verband offiziell der Basler Sektion des Roten Kreuzes an, ohne seine Strukturen zu ändern. Die Sa-mariterinnen und Samariter wurden Mitglieder, hatten aber keine finan­ziellen Verpflichtungen. Die Passivmit­glieder, die den Verein unterstützten, konnten über ihren Beitritt zur Sektion entscheiden, die die finanzielle Verantwortung für alle Tätigkeiten des Samariter-Verbandes übernahm.

Beginn der Erste-Hilfe-Kurse

Zu dieser Zeit gehörten zur Sektion Basel 25 Vereine und 770 Privatpersonen, die Geldbeiträge leisteten. Die beiden Verbände wurden vom Erziehungs- und Sanitätsdepartement des Kantons Basel-Stadt subventioniert.

Der Samariter-Verband konzentrierte sich auf die Organisation der Samariterkurse. Nach 12 Abenden mit je zwei Unterrichtsstunden folgte ein Diplomexamen. Geprüft wurden die ­Theorie und praktische Übungen für die erste «Hülfeleistung bei den verschiedenen Unglücksfällen bis zur Ankunft des Arztes» sowie «die nöthigsten Kenntnisse aus dem Gebiete der Krankenpflege». Zuerst wurden die Kurse für Männer, bald auch für Frauen ausgeschrieben.

Die Beteiligung war überraschend hoch. Ende 1888 gab es 175 geprüfte Samariterinnen und 145 Samariter, die als Aktivmitglieder des Samariter-Verbandes aufgenommen wurden. Im September 1888 wurde das Frauen-Comité gegründet. «In der Absicht, den Samariterinnen eine feste Organisation zu geben, speziell im Hinblick auf einen allfälligen Krieg und um auch den Vor- stand in seiner Arbeit zu unterstützen.» Im folgenden Jahr begannen ­Samariterinnen in den Grund- und Wiederholungskursen zu unterrichten.

In den Kursen wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für «Hülfeleistungen» vorbereitet, die sie auch im Alltag ausüben konnten. Sie erlernten erste Hilfe bei Blutungen, Quetschungen, Schnitt-, Brand- und Bisswunden, bei Knochenbrüchen, Verrenkungen und Verstauchungen, aber auch bei Ohnmachtsanfällen, epileptischen Anfällen und Badeunfällen.

Das Rote Kreuz betrachtete es als seine Hauptaufgabe, «im Frieden für den Krieg zu rüsten und (…) alles vorzu­bereiten, was man (…) für den Sanitätsdienst im Kriegsfall (…) in umfang­reichem Masse bedarf, d. h. zu sorgen für ausreichende Geldfonds, für Verband und Lazaretmaterial, für Krankenmobiliar und eventuell für Pflegepersonal». Zu einem ersten gros-sen Einsatz kamen die Basler Samariter bei einem Eisenbahnunglück bei Münchenstein im Jahre 1891, bei dem auch ein Kursleiter der Samariterkurse unter den Todesopfern war.

Ein grosser Publikumserfolg

Gleich nach der Fusion mit dem Samariter-Verband 1890 wurde der erste Entwurf für ein Musterdepot der Verbandsgegenstände und chirurgischen Apparate ausgearbeitet. Ein grosser Publikumserfolg und die beste Werbung für neue Mitglieder war die Ausstellung eines provisorischen Lazaretts 1893. Auch die regelmässigen Samariter­kurse sowie Vorträge der Universitäts­lehrer über Berufskrankenpflege, ­Geschichte und Bekämpfung von Epidemien sowie Hygiene erwiesen sich als wirksame Propaganda. Desgleichen der erfolgreiche Bazar, den das Damen-Comité 1894 veranstaltete. Alle diese Aktivitäten brachten Geldmittel für die Mate­rialanschaffungen ein.

So konnten 1895 Sanitätseinrich- tungen für mehr als 25 000 Franken eingekauft werden: Eisenbettgestelle, Notbetten aus Tannenholz, Tragbahren, Krankentransportwagen mit Ausrüstung, Sturmlaternen, Wasserkessel, Drahtschienen, Matratzen, Decken und Kopfkissen, Leintücher und Leinen für die Herstellung von Bett­wäsche, Handtüchern, Schürzen und anderes. Aufbewahrt wurde dieses Material in Schulhäusern, Apotheken und Privathäusern.

Ein weiterer wichtiger Schritt beim Aufbau der Lokalsektion des Roten Kreuzes war die Eröffnung dreier ­Samariterposten 1894, die während der Friedenszeit nicht nur als Anlaufstellen für die erste Hilfe, sondern auch für die Katastrophenhilfe dienen sollten – etwa bei ­einem Massenunglück oder Erdbeben.

Nach dem Beitritt der Samariter-Verbände Binningen, Birsfelden und Kleinhüningen (1896–1901) stieg die Anzahl der Samariterposten auf sieben, am Vorabend des Ersten Weltkriegs gab es in Basel und in den Vor­orten 22 Posten. Sie waren teilweise in Polizeistationen untergebracht und durch ein Alarmsystem mit den Feuerwehrbehörden verbunden. Und sogenannte «fliegende» Samariterposten wirkten während festlicher Anlässe. Einen wesentlichen Teil der Sama­ritertätigkeit bildeten regelmässige Feldübungen, die zusammen mit dem Militär-Sanitäts-Verein durchgeführt wurden und auch Propagandazwecken dienten.

Das soziale Engagement ist seit Jahrhunderten Tradition.

Der expandierenden «Section Basel des Schweizerischen Vereins vom rothen Kreuz» trat 1901 noch der Verein für Anschaffung künstlicher Glieder und Apparate bei. Das Rote Kreuz ­unterstützte auch diese neue Abteilung finanziell.

Die Statuten von 1905 definierten neu die Ziele des Roten Kreuzes «im Frieden und Kriege». Neben paramilitärischen Aufgaben wie der Organisa­tion des freiwilligen Sanitätsdienstes sollten auch Krankenpflegevereine und «ähnliche Institutionen» gegründet und gefördert werden. Ausserdem sollte das Rote Kreuz weiterhin «Liebes­gabensammlungen bei öffentlichen Notständen» ausführen.

Die Krankenpflegerinnen wurden in Basel seit 1886 vom Samariter-Verband ausgebildet. Ein «Pflegerinnenheim und ein Stellenvermittlungs­bureau für Krankenpflegepersonal» konnte 1912 dank der Schenkung ­zweier Liegenschaften eröffnet werden. Die Krankenschwestern arbeiteten in Sanatorien, Spitälern und privaten Haushalten in Basel, in anderen Kantonen und in Frankreich.

Geldsammelaktionen für Bedürftige gehörten zum Standardprogramm. In Basel wurde etwa für die Opfer der Hungersnot in Russland (1892), für die Leidenden im Burenkrieg (1900), für die Opfer des Erdbebens in Messina (1908–1909) und der Balkankriege (1912) gesammelt.

Basler Patrizier und ihre Frauen spielten eine entscheidende Rolle im Vorstand der lokalen Sektion des Schweizerischen Roten Kreuzes. In den jährlichen Mitgliederverzeichnissen sind die altbürgerlichen Familien Bach­ofen, Barth, Burckhardt, Geigy, Iselin, Merian, Preiswerk, Riggenbach, Stähelin, Stehelin, Vischer, Zellweger und andere vertreten. Ihre philanthropischen Aktivitäten (Mäzenatentum, Stiften, Geldspenden und freiwillige Arbeit) wurzelten in der humanitären Tradition, die in das 16. Jahrhundert zurückreicht.

Zu dieser Zeit wurden die ersten Refugianten, religiöse Flücht­linge, aufgenommen – etwa die Vor­fahren der Patrizierfamilien Bernoulli und Sarasin, die als Hugenotten verfolgt worden waren, oder Glaubensflüchtlinge aus dem Elsass und der Lombardei wie die Familien Christ und Paravicini.

Ein Leben für die Philanthropie

Der Arzt Alfred Christ-Paravicini (1865–1928) war einer jener weltoffenen Basler Philanthropen, der sein Leben lang soziales Engagement ausübte. Nach Studienjahren in Neuenburg, München, Heidelberg, Berlin, Wien und Basel begann er als Assistent bei August Socin in der Chirurgischen Klinik des Bürgerspitals zu arbeiten.

Socin und seine Kollegen revolu­tionierten die Behandlungsmethoden der Knochen- und Gelenktuberkulose. Statt die infizierten Stellen zu ope­rieren und die Patienten zu verstümmeln, wandten sie Klima- und Heliotherapien an. In diesem Ärztekreis entstand der Gedanke, Heime für er­holungsbedürftige Kinder in Langenbruck zu gründen.

Alfred Christ wurde mit der Aufsicht in den Erholungsheimen Rosengarten und Au beauftragt. Er entschied sich, Landarzt zu werden. In dieser idealistischen Entscheidung unterstützt wurde er von seiner künftigen Frau Elisabeth (1866–1949), einer in Paris ausgebildeten Porzellanmalerin.

Das Ehepaar zog kurz nach der Hochzeit im Frühling 1893 nach Langenbruck um. Alfred Christ arbeitete mit seiner Frau Elisabeth detaillierte Pläne für ein Kindersanatorium aus.

Das Sanatorium Erzenberg für die chirurgische Tuberkulose wurde 1896 eröffnet und 1896/1897 erweitert. In der freundlichen Atmosphäre der hellen Liegehallen, in mit schönen Wandmalereien geschmückten «Stübchen» und in Gartenanlagen wurden die kleinen Patienten vor allem mit Licht, Luft, Sonne und gesunder Ernährung therapiert, meist unentgeltlich oder zu ­minimalen Taxen.

Nach neun Jahren, im Herbst 1902, musste die kinderreiche Familie Christ-Paravicini nach Basel umziehen, um den sechs Söhnen und einer Tochter solide Ausbildung bieten zu können. In Basel wurde noch der siebte Sohn geboren.

Gründer von Waldschulen

Die Führung des Sanatoriums übergab Alfred Christ erfahrenen Ärzten, mit denen er in Kontakt blieb. Sein Herzenswunsch ging erst 1925 in Erfüllung, als sein Sohn Anton Erzenberg übernahm. In seiner Praxis in Basel behandelte Christ später vor allem Kassenpatienten. Er arbeitete auch als Arzt in der Gundeldingerkrippe, im Säuglingsheim und im Zuchthaus.

Christs Mitarbeit in Basler Wohl­tätigkeitsorganisationen war breitgefächert. So engagierte er sich etwa im Vorstand der Gesellschaft zur Förderung des Guten und Gemeinnützigen, die er teilweise auch präsidierte. Als ­Vizepräsident der Pestalozzigesellschaft setzte er sich für die Gründung der Waldschulen für gesundheits­gefährdete Kinder ein und leitete 1907 bis 1921 die zuständige Kommission. In den Ferienheimen in Bettingen und Allschwil konnten sich während der Sommermonate Stadtkinder aus ärmlichen Verhältnissen erholen.Christs Sozialengagement galt auch der Anstalt zur Hoffnung für schwachbegabte Kinder und der Pro Juventute.

In den Fussstapfen seines Übervaters August Socin begann sich Alfred Christ nach seiner Rückkehr in die Stadt für das Rote Kreuz zu engagieren. 1903 wurde er zum Vorstandsmitglied und 1906 zum Präsidenten der neu entstandenen «Hülfskolonne Basel» gewählt. Die Sanitäts-Transportkolonne war verpflichtet, nicht nur bei alltäglichen Unglücksfällen, sondern auch bei Bränden und Massenkatastrophen wie Eisenbahnunfällen oder Überschwemmungen Hilfe zu leisten.

Die «Hülfskolonne» wurde bei kleinen Unfällen und an Festen eingesetzt.

Da sich ihre Mitglieder anfänglich nur aus älteren Landsturmpflichtigen rekrutierten, überstieg der Mitgliederbestand kaum je 30 Personen. Auch nach der Lockerung des Reglements von 1911 waren jüngere Leute kaum interessiert, der Sanitätskolonne bei­zutreten. Als paramilitärischer Verband stand die Kolonne im Schatten des Militär-Sanitätsvereins, mit dem sie die Routine- und Alarmübungen ausführte.

­Zwischen den beiden Verbänden ent­standen Differenzen, weil ihre Aufgaben identisch waren. Alfred Christ berichtete über den Zwist und seine Lösung. Gemäss dem Abkommen von 1912 und 1913 übernahm die Kolonne Verantwortung für kleinere Unglücksfälle und leistete den Sanitätsdienst bei kleineren festlichen Anlässen.

1910 wurde Christ Vizeprä­sident der Sektion Basel, deren Mitgliederzahl 1913 auf 1675 anwuchs und nach Kriegsbeginn auf 1756 stieg. Der Sek­tion waren 14 Korporationen an­­ge­gliedert. 1914 wurden die Posten vom Sanitätsdepartement ­über­nommen und die seit 30 Jahren bereitstehenden Betten, Matratzen und Kissen wurden ins Etappenspital in ­Solothurn und an die Etappensanität Olten, Abteilung Zofingen, geliehen.

Als Sanitätsmajor und Oberfeldarzt leitete Alfred Christ im Ersten Weltkrieg die Etappensanitätsanstalt in ­Olten und bereiste als Leiter der Untersuchungskommission die Gefangenenlager in Deutschland.

«Hausarzt vom alten Schrot»

Nach Kriegsende nahm er erneut alle seine Funktionen wahr. Er wurde als «ein Hausarzt vom alten Schrot», als grosszügiger, herzensguter Mensch und liebender Familienvater charakterisiert. Seine Passion für die schönen Künste und Literatur verband ihn mit seiner Frau Elisabeth, die seine vielen Projekte stets unterstützte.

Nachdem Alfred Christ am 1. Juni 1928 unerwartet gestorben war, schrieb einer seiner Kollegen: «Auch seine ­Patienten verlieren viel, und die Allgemeinheit verliert in ihm einen vor­nehmen, aufrechten Mann, dessen ­Lebensaufgabe es gewesen war, für andere zu arbeiten.»

*Die Historikerin Helena Kanyar Becker erhielt 2010 den Wissenschaftspreis der Stadt Basel für ihre Arbeiten über Minder­heiten, die schweizerische Flüchtlingspolitik und die humanitäre Schweiz. Dieser Beitrag stammt aus dem soeben erschienenen Buch «Die Basler und das Rote Kreuz. 125 Jahre SRK Basel», ­erhältlich über www.srk-basel.ch

Rotkreuz-Fest auf dem Barfüsserplatz

Am 28. und 29. Juni feiert das Schweizerische Rote Kreuz Basel sein 125-Jahr-Jubiläum – mit Ausstellungen, Konzerten (u.a. Greis, Anna Kaenzig), Slam Poetry (Laurin Buser) sowie Gastroangeboten. Detailinformationen finden Sie unter www.srk-basel.ch

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 28.06.13

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