Mitten ins Herz

James Gruntz (27) hat mit seinem aktuellen Album «Belvedere» beste Aussichten, auch im Ausland wahrgenommen zu werden. Es wäre wohlverdient. Am 10. Januar singt der Pop-Preisträger live in der Kuppel Basel.

James Gruntz lässt den Blick und die Gedanken schweifen – vom Elsässer «Grand Ballon» rüber, in die Schweiz. (Bild: Gregor Brändli)

James Gruntz (27) hat mit seinem aktuellen Album «Belvedere» beste Aussichten, auch im Ausland wahrgenommen zu werden.

So geht das am Anfang eines neuen Jahres: Man trifft sich in einem Café, wärmt sich an einem Cappuccino und plaudert über Filme, mit denen man die faulen Festtage überbrückt hat. Netflix sei dank. Auch Jonas Gruntz hat den neuen Streaming-Dienst abonniert. Als Musiker weiss er um das Glück, wenn Leute bereit sind, für die Künste im Netz zu bezahlen. Und er schätzt es, Filme unsynchronisiert sehen zu können. Auf Serien verzichtet er weitgehend, weil sie süchtig machen und ihn allzu sehr versäumen. Einen Film pro Tag aber, das gönnt er sich gerne.

Was nicht heisst, dass nicht auch Filme süchtig machen können. «Ocean’s Eleven» etwa habe er schon unzählige Male gesehen, gesteht er. Nicht nur, weil er ihn mag. Sondern auch, weil er ihn weiterbrachte. «Die Dialoge habe ich vor Jahren auf MiniDisc überspielt und sie mir so oft angehört, bis ich sie auswendig konnte», erzählt er. So perfektionierte er seine Verwandlung, vom privaten Jonas zum beruflichen James. James Gruntz. Singer. Songwriter. Soundtüftler.

Begeistert von Rhythmen und Blues

Viele Basler assoziieren mit dem Nachnamen Gruntz noch immer George, den Big-Band-Leader, der 2013 verstarb. Entfernt sind die beiden auch tatsächlich verwandt. «Wir haben uns mal darauf geeinigt, dass wir Gross-Cousins sind», erzählt James. Gemein ist ihnen nicht nur der Basler Stammbaum, sondern auch die Begeisterung für afroamerikanische Musik.

In der Plattensammlung seiner Eltern entdeckte James Gruntz jedoch weniger den Jazz für sich als vielmehr den Blues. Buddy Guy oder John Lee Hooker trafen direkt ins Herz. «Stärker als die Beatles», gesteht er. «Vielleicht, weil mich ihr Pop weniger auf der Gefühlsebene abholte. Ich stand früh auf Rhythmen und Grooves.»

Als Teenager musste er seine Eltern davon überzeugen, dass die Trompete eher ihr Wunschinstrument als seines war und er mehr Freude daran hätte, wenn sie ihm stattdessen Schlagzeugunterricht ermöglichen würden. Immerhin: Dass er schnell schnalzen kann mit der Zunge, wie im aktuellen Radiohit «Heart Keeps Dancing» zu hören, mag auch dem kurzen Trompetenunterricht zu verdanken sein.

Zum Schlagzeug kam immer auch die Stimme, als Sprachrohr für Sehnsüchte in einer Stadt, deren Übergänge zur Vorstadt fliessend sind wie die Aare selber: Biel/Bienne. Hier verbrachte James Gruntz den Grossteil seines Lebens. In Biel kann man gut schwermütig und glücklich zugleich sein. 

Solche Eindrücke werden bei ihm zur Musik. Vielleicht ist es auch umgekehrt. Sicher ist: Im Sommer 2013 hatte Gruntz den Master der Zürcher Jazzschule in der Tasche und die Frage im Kopf: wie weiter? «Fünf Jahre lang hatte ich Gesang und Klavier studiert, Songs geschrieben und Konzerte gegeben. Und irgendwie doch noch immer nicht ganz meine eigene Stimme gefunden», sagt er selbstkritisch. «Für mich war klar: Wenn ich mit der Musik Geld verdienen will, dann mit der eigenen. Dafür musste ich aber zuerst meinen eigenen Stil suchen.»

Er gab sich ein Jahr Zeit, setzte sich täglich ans Klavier, wusste nicht immer, wo er suchen sollte. Wohl aber, was er finden wollte: seine musikalische Heimat, die mit Michael Jackson ebenso verbunden ist wie mit Sophie Hunger. «Sie verkörpert in meinen Ohren sehr treffend das, was ich in Schweizer Musik suche. Etwas Eigenes, das über Gefühle und Stimmungen transportiert wird.»

Rückzug ins fiktive Wochenendhaus

An manchen Tagen stand er auf und las ein Buch (von internationalen Schriftstellern wie Haruki Murakami, aber auch von Schweizern wie Markus Werner oder Martin Suter) oder informierte sich über den Alpinismus und die Geschichte alter Berghotels. Hörte viel Musik, hörte in sich hinein. «Ich konzentrierte mich sehr fest auf mich – und das funktionierte recht gut.»

Dieses Alleinsein, dieser Rückzug in ein fiktives Wochenendhaus führte zum Album, das den schönen Namen «Belvedere» trägt. Viele Lieder sind durchzogen von einer Nachdenklichkeit. Von Sehnsüchten, zu deren leichtfüssigen Grooves man ganz gut durch Basel oder Zürich federn kann – aber auch sehr passend sind zu seinem aktuellen Wohnort, einem Vorort von Olten. Denn er vermittelt mit seinen Songs immer wieder dieses Gefühl, als ob ein Sonnenstrahl durch den Nebel stechen würde.

Auf den Ausdruck kommt es an

Diese Gefühle. Auch James Gruntz erwähnt sie immer wieder, wenn er auf seinen Gesang zu sprechen kommt. Nichts gegen die Jazzschule, aber eigentlich könnte man auf ein Gesangsstudium verzichten, sagt er – und meint das nicht kokett, sondern sachlich. «Denn nicht die Technik macht eine Stimme aus, sondern ihr Ausdruck. Und eben, es sind die Gefühle, die mich zum Sänger machen.»

Da ist ja auch viel Soul in seiner Stimme, sanfter Soul. Einige vergleichen ihn daher mit James Blunt, was nicht sein müsste, wenn man ihn fragt. Man kann es verstehen. Gruntz ist experimentierfreudiger veranlagt als der britische James. Auf «Belvedere» kann man das heraushören. Gleich zum Auftakt, im A-cappella-Lied «Countless Roads», hypnotisiert er mit Chören, unter die er elegante Vocodereffekte geschoben hat. Ist das ein Neo-Gospel? Stark ist es auf jeden Fall, wie das ganze Album, das mit seiner fantastisch ausgereiften Stilmischung betört. Und einen «sophisticated Vocalpop» enthält, wie man ihn auch von der New Yorker Band TV On The Radio kennt.

Für diese wirklich eindrückliche, starke Leistung wurde James Gruntz 2014 nicht nur mit Airplay und feinen Kritiken belohnt, sondern auch mit dem Basler Pop-Preis. Endlich, nachdem man ihn schon vorher vier Mal nominiert hatte. Was hat er jetzt mit dem Preisgeld vor, mit diesen 15’000 Franken? «In Deutschland auf Touren kommen», sagt der 27-Jährige.

Gute Aussichten

Er möchte «Belvedere» in Deutschland herausbringen. Und er weiss: Will man in diesen grossen Markt vorstossen und Gehör finden, kostet das nicht nur Einsatz, sondern auch Eintrittsgeld: Es gilt, ein Label zu finden und eine Promotionsagentur, die dafür sorgt, dass James Gruntz wahrgenommen wird. 

Verdient hätte er ihn, den grossen Durchbruch. Und die Aussichten dafür sind so gut wie noch nie – Belvedere … Vielleicht ist an diesem Titel ja noch mehr dran, als wir bislang geahnt haben.
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Live: Kuppel, Basel. 10. Januar, 20.30 Uhr.

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