Mythos, Marke, Medienhype: Das Heidi kehrt auf die Leinwand zurück

Mit dem neuen Heidi-Film darf das süsse Mädchen, das vor 135 Jahren der Fantasie der Autorin Johanna Spyri entsprang, endlich wieder einmal durch die unberührte Bergwelt springen.

Heidi und Peter auf der Heidi-Alm in Kärnten (Österreich)

(Bild: Heidi-Alm)

Mit dem neuen Heidi-Film darf das süsse Mädchen, das vor 135 Jahren der Fantasie der Autorin Johanna Spyri entsprang, endlich wieder einmal durch die unberührte Bergwelt springen.

Jauchzend springt das Mädchen durchs mittelhohe Gras, die Arme weit ausgebreitet, beseelt durch die unberührte Natur und mit einem Gesicht, das mit der Sonne um die Wette strahlt.

«Heidi stand mitten in der Herrlichkeit und vor Freude und Wonne liefen ihr die hellen Tränen die Wange herunter, und es musste die Hände falten und in den Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken.»
Heidi nach ihrer Rückkehr aus Frankfurt

Das Heidi ist zurück. Aber eigentlich war es nie weg. Heidi war und ist Käse, Ferienregion und Autobahnraststätte. Es war dieses Jahr einmal mehr als Trickfilmfigur im Fernsehen zu sehen – zur Empörung vieler Nostalgiker im neuen 3D-Computeranimations-Look. Und nun kehrt das Heidi auf die Kinoleinwand zurück.

Beliebte Filmfigur

Über den neuen Film, der am 10. Dezember in den Kinos anläuft, wurde im Vorfeld viel geschrieben. Sehr viel. Ganz bis sehr gut gelungen sei er, lautet der Tenor der allermeisten Rezensenten. Vielleicht nicht ganz so gut wie die ebenfalls aktuelle Verfilmung von Alois Carigiets Schellenursli-Geschichte, aber berührend in Szene gesetzt von Regisseur Alain Gsponer («Akte Grüninger»).



Anuk Steffen ist das neue Heidi im neuen Film.

Anuk Steffen ist das neue Heidi im neuen Film. (Bild: © The Walt Disney Company, Switzerland)

Wer oder was nun ist dieses Heidi, was macht seine ungebrochen fesselnde Wirkung aus? Ist es «das immer fröhliche Bergkind, Prozac auf geringelten Strümpfen sozusagen», wie die Schriftstellerin Milena Moser einst in der «Sonntagszeitung» spöttisch bemerkte? Oder ist Heidi «die Verkörperung eines überindividuellen, ja übermenschlichen Prinzips – des lieben Gottes auf Erden», wie der Publizist Ernst Halter im Buch «Heidi. Karrieren einer Figur» 2001 zum 100. Todesjahr der Heidi-Schöpferin Johanna Spyri (1829–1901) schrieb?

Ein Mythos

Heidi ist unbestritten eine legendäre Figur. Eine mit Schweizer Wurzeln, die aber weltweit verankert ist. Johanna Spyris zweiteilige Geschichte («Heidis Lehr- und Wanderjahre» und «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat») wurde in 50 Sprachen übersetzt und rund 50 Millionen Mal verkauft. Hollywood, unzählige Bühnen- und auch mehrere Musical-Adaptionen sowie die japanische Trickfilmindustrie kürten Heidi global zum nationalen Mythos der Schweiz.

«Heidi stand mitten in der Herrlichkeit ...» Heidi wurde als Trickfilmfigur computertechnisch aufgemotzt.

«Heidi stand mitten in der Herrlichkeit …» Heidi wurde als Trickfilmfigur computertechnisch aufgemotzt.

Für Walter Leimgruber, Professor am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel, ist Heidi eine Integrationsfigur, die immer dann an Beliebtheit gewinnt, wenn heftige Modernisierungsschübe anstehen: «Als die Geschichte entstand, lag die ländlich-traditionelle Vormoderne im Konflikt mit der modernen, bürgerlichen Kultur und der Industrialisierung. Heute verunsichert die internationale Lage die Menschen», sagt er. Da komme eine Figur, die wie nur wenige andere die Elemente des Integrierens, des Kittens, Heilens und nicht zuletzt auch die Sehnsucht nach der heilen Welt in sich trage, natürlich gerade recht.

Nicht des Schweizers liebstes Kind

«Doch so stark Heidi auf beinahe der ganzen Welt zu berühren vermochte, als Identifikationsfigur mochten die Schweizer das Mädchen nie verinnerlichen», sagt Leimgruber. Die Eidgenossen sehen sich selber lieber als wehrhafte Bande: «Die Schweiz definiert sich vornehmlich in der Abgrenzung gegen aussen, gegenüber dem Anderen und Fremden, Charaktereigenschaften, die der andere nationale Mythos, Wilhelm Tell, besser verkörpert», sagt Leimgruber. «Das Heidi indes verkörpert das Gegenteil davon, geht offen auf die Menschen zu, ist neugierig und integrierend.»

«Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fussweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fusse der Höhen, die von dieser Seite gross und ernst auf das Tal herniederschauen. Wo der Fussweg anfängt, beginnt bald Heideland mit dem kurzen Gras und den kräftigen Bergkräutern dem Kommenden entgegenzuduften, denn der Fussweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.»
Heidi ganz zu Beginn

Wo ist Heidiland?

Dies mag auch den Umstand erklären, warum es lange dauerte, bis die Tourismus- und die Nahrungsmittelindustrie den Mythos Heidi zu vermarkten begannen. Der Erste, der auf diese Idee kam, war der umtriebige Kurdirektor von St. Moritz, Hanspeter Danuser. Angeregt durch die 1977 bei St. Moritz gedrehte 26-teilige Heidi-Fernsehserie erfand er den Slogan «St. Moritz im Heidiland».

Das Heidi erschien aber auf die Dauer zu wenig mondän für die Jetset-Metropole im Oberengadin, die sich heute mit dem Slogan «Top of the World» stimmiger beschrieben sieht. «Heidiland» war also frei zur weiteren Nutzung. Zumindest fast frei, denn Danuser war so pfiffig, sich diesen Markennamen patentieren zu lassen. Heute kann er also kräftig Lizenzgebühren kassieren, denn die Marke ist beliebt: Das Gastrounternehmen Mövenpick betreibt da, wo sich die Autobahnen A3 aus Zürich und die A13 vom Bodensee vereinen, eine Autobahnraststätte mit Namen «Heidiland». Wer sich mit dem öffentlichen Verkehrsmittel auf die Reise in den Südosten der Schweiz macht, steigt vielleicht in den «Heidiland-Express» der Rhätischen Bahn.

Heidi hier, Heidi dort

Wer nun aber im «Heidiland» seine Ferien verbringen möchte, muss vom Norden herkommend die Autobahn vor der Raststätte gleichen Namens verlassen. Das klingt verwirrend und ist es auch, denn die 1997 gegründete «Ferienregion Heidiland» lag bis 2011 nicht etwa im Kanton Graubünden, sondern gleich daneben, im nördlich angrenzenden Kanton St. Gallen. 

Heidi aber war – und ist es im neuen Film erneut – klar ein Bündner Mädchen. Das hinderte die Promotoren der Ferienregion nicht daran, das «Heidiland» als «die ursprüngliche Heimat der Heidi-Geschichte» zu bezeichnen und entsprechend zu vermarkten: Unter anderem mit einem «Heidiweg», der vom Kurort Bad Ragaz auf die «Heidialp» führt, die auf Landkarten «Alp Schwarzbüel» heisst. Dort oben wartete ein Alpöhi auf die Gäste …

 … ebenso wie einige Kilometer weiter südlich, auf dem Ochsenberg oberhalb des Städtchens Maienfeld. Im Angesicht der Heidisierung der Umgebung gründete der Verkehrsverein Maienfeld ebenfalls 1997 die Heididorf AG. Im Zentrum der Heidiwelt jenseits von «Heidilands» Grenzen steht das 1998 im «Heididörfli» eröffnete Heidihaus, das konsequent unter dem Namen «Heidi’s House – The Original» vermarktet wird.

Unterdessen wurde die geografische Verwirrung insofern gelöst, dass das «Heididorf», das ennet der Grenze auf Bündner Boden liegt, vermarktungstechnisch ins «Heidiland» eingemeindet wurde.

Heidi, deine Welt ist der Erfolg



Migros bietet Heidi zum Essen und Trinken.

Migros bietet Heidi zum Essen und Trinken. (Bild: Migros)

Die Marke «Heidi» zieht also. Das hat auch der Grossverteiler Migros erkannt, der vor rund elf Jahren mit der Produktelinie «Heidi» laut «Migros-Magazin» die Berge ins Tal geholt hat. Diese Rechnung ging auf. Weniger Erfolg war der Idee beschert, ein «Heidiland»-Mineralwasser unter die Leute zu bringen. Trotz russischem Investor legte die Heidiland Mineralwasser AG ihre Abfüllanlage in Mels 2009 still. Aber das ist eine grosse Ausnahme, die die Regel bestätigt.

 «Ja, und siehst du, Heidi, mir geht’s auch heut über Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott und Menschen im Frieden stehen, das macht einem so wohl! Der liebe Gott hat’s gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alp schickte.»
Der Alpöhi freut sich über Heidis Rückkehr aus Frankfurt

Heidi kann offensichtlich alles: Erfreuen, heilen, verkaufen und vor allem integrieren sowie zusammenbringen. Heidi schaffte es sogar, die ursprünglich heillos verkrachten Heidiländler und Heididörfler dazu zu bringen, ihr Kriegsbeil zu begraben. Seit 2011 vermarkten sich die «Heidiland AG» und die «Heididorf AG» als grenzüberschreitende Ferienregion. Heidi machte es möglich.

Nur etwas konnte Heidi nicht. Es konnte nicht ungeschehen machen, dass der Ort Maienfeld beim «Heididorf» heute nicht mehr den Eindruck vermitteln kann, den Johanna Spyri 1880 beschrieb. So wich das Filmteam in den Weiler Latsch ob Bergün aus, wo die heile nostalgische Bergwelt noch eine ist. Und es auch nach dem legendären Heidi-Film mit Heinrich Gretler und Elsbeth Sigmund aus dem Jahr 1952, der ebenfalls in Latsch gedreht wurde, blieb. So wie es sich das Heidi wohl gewünscht hätte.

Konversation

  1. Herrlich, diese Schweizer Mickymaus-Figuren!
    Sie sind eine gute Alternative zu diesen Elend-verherrlichenden Helvetismen!

    In diesen feuchten kalten Häusern im mittleren Bild kann man sich bestenfalls noch die Tuerkulose holen.

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