Nicht lustig

Wie vermittelt man den Nachgeborenen das Grauen des 1. Weltkrieges? Zum Beispiel als Comic, wie der Franzose Jacques Tardi eindrücklich zeigt.

(Bild: Edition Moderne)

Wer das Grauen und die Sinnlosigkeit eines Weltkriegs erfahren möchte, wird auch in Comic-Shops fündig: Jacques Tardi kennt in seinen Bänden «Elender Krieg» und «Grabenkrieg» keine Gnade.

Der 1. Weltkrieg hinterlässt derzeit auch in den Comic-Shops Spuren. Das mag jene Menschen überraschen, die mit Comics ausschliesslich lustige Bücher assoziieren. Wer aber über den Tellerrand des gallischen Festmahls blickt, stösst nicht nur auf Superhelden und «Graphic Novels», sondern auch auf faktenbasierte wie jene des Franzosen Jacques Tardi.

Traumatisiert seit der Kindheit

Ein Bild von seiner Kunst kann man sich derzeit am internationalen Comic-Salon im bayrischen Erlangen machen. Dort wird die «Landschaft des Todes» präsentiert. Tardis Auseinandersetzung mit dem 1. Weltkrieg. Wie kommt einer, der 1946 geboren wurde, darauf, mit seinen Comics in den Krieg zu ziehen? Durch die eigene Familiengeschichte.

Jacques Tardis Vater wurde 1940 von den Nazis festgenommen und in ein Lager in Polen gesteckt. Ein Besiegter war er, der erst Jahrzehnte nach dem Krieg und auf Drängen seines Sohnes die Erlebnisse niederschrieb und diesen zu einem Comic inspirierte.

«Meine ersten Albträume spielten in den Schützengräben.»

Zuvor schon hatte sich Jacques Tardi künstlerisch mit dem 1. Weltkrieg auseinandergesetzt. Seine beiden Grossväter wurde damals eingezogen und an die Front geschickt. Einer der beiden fiel, der andere wurde Opfer eines Gasangriffs. Seine Grossmutter erzählte dem kleinen Jacques wahre Schauergeschichten. «Einmal, da war ich fünf oder sechs Jahre alt, schilderte sie mir, wie der Grossvater mit beiden Händen in den Bauch eines Toten gefallen war. Das war für mich traumatisierend», erinnert er sich im Interview mit dem TV-Sender «Arte».

«Meine ersten Albträume spielten in den Schützengräben», erzählt Tardi. Und diese Albträume haben ihn ein Leben lang verfolgt und nicht losgelassen, sodass er sie zeichnete und in Gedanken eintauchte in diese Gräben voller Schlamm, Moder, Gestank, Ratten, Flöhe und Waffen. Diese Gräben, in denen seine Vorfahren wie Millionen andere Soldaten ausharrten, zitterten, kämpften, in die sie von Generälen als Kanonenfutter hineingeschickt wurden. Mit dieser «Grande Guerre», so die Hoffnung am Anfang, mit diesem grossen Krieg sollten alle anderen Konflikte ein für allemal beendet werden.

Die Begeisterung der ersten Wochen hat Tardi in seinem Comic-Band «Putain de Guerre», in deutscher Fassung «Elender Krieg», farbenfroh koloriert. Doch wie der Krieg immer länger dauerte, zäher und hoffnungsloser wurde, schleichen sich in seine Bilder Farbtöne des Grauens: grau, braun, blutrot, schwarz.

Gnadenloser Comic

Die Figuren sind entstellt, die Gesichter rasch vergessen – Tardi verwehrt uns mit diesem Stilmittel die Möglichkeit, uns einen Helden anzueignen, eine Identifikationsfigur zu küren. «Es gibt nur einen gigantischen, anonymen Aufschrei im Todeskampf», schreibt er im Vorwort zu seinem Band «Grabenkrieg». Wo Hollywood die Greueltaten um eine heldenhafte Geschichte kreisen lassen würde, damit man sich irgendwo festhalten und bei aller Grausamkeit gut fühlen kann, kennt der französische Comic-Zeichner keine Gnade.

Wer eine solche Geschichte als Kleinkind erzählt bekommt, kann nichts Heldenhaftes im Krieg erkennen.

Er zeigt die bestialische Seite des Kriegs, den täglichen Überlebenskampf, die Sinnlosigkeit, aus französischer Perspektive, die sich auf der anderen Seite des Schützengrabens spiegelt. Im Unterschied zu «Elender Krieg» wirken die Episoden in «Grabenkrieg» noch zynischer. Sarkastischer. Härter, weil Tardi hier bei allen Bildern ganz auf Farbe verzichtet hat. Und weil er hier noch mehr Erlebnisse seiner Vorfahren konkret einbaute. Wie sein Grossvater die Schlachtfelder von Verdun neben einer verwesenden Leiche überlebte. Die Innereien eines Deutschen in den Händen hielt. Wer eine solche Geschichte als Kleinkind erzählt bekommt, kann nichts Heldenhaftes im Krieg erkennen. Und genau das führt uns Tardi auch vor Augen: Grausamkeit.

So grausam, wie dieser Krieg war, in welchen mehr als 30 Länder indirekt verwickelt waren und der Millionen Tote forderte. «Wenn alle französischen Kriegstoten am 14. Juli in Viererreihen vorbeimarschierten, dauerte es nicht weniger als sechs Tage und fünf Nächte, bis der Letzte uns sein bleiches Gesicht gezeigt hätte», rechnet Tardi am Ende vor respektive ab.

Gezeichnete Mahnmale

Während die Cartoons, die Karikaturen, vor 100 Jahren als Propagandamaterial dienten, wirken seine «bandes dessinées» wie gezeichnete Mahnmale. Helden? Gibt es keine. Nur Verlierer, auf allen Seiten. Und auf allen Kontinenten. So lässt er nicht unerwähnt, wie die Kolonialstaaten ihre Muskeln spielen liessen. Die Franzosen stecken Senegalesen in Uniformen. Kanonenfutter, so wie die indischen Sikhs auf britischer Seite. Ihnen allen ist gemein, dass sie nicht wissen, was sie hier sollen, wie lange das dauert, warum keiner einen Schlussstrich zieht. Deserteure und Fraternisierer werden hingerichtet, weil sie die Moral der anderen schwächen. Welche Moral? Das fragen wir uns mit jedem Bild.

Was die historischen Fakten angeht, so hat sich Tardi von einem sachkundigen Historiker, Jean-Pierre Verney, beraten lassen. «Für jedes Bild in diesem Band waren ein oder mehrere lange Telefonate nötig, ganz zu schweigen von der Vielzahl von Unterlagen und Gegenständen, die er mir zur Verfügung gestellt hat», gesteht Tardi, der Verney als Kenner der Materie in den höchsten Tönen lobt. Und der offenbar immer wieder innehalten musste bei der Arbeit, weil ihn die Fotos, die ihm der Dokumentar besorgte, sehr bewegten. «Aufnahmen von armen Kerlen, Deutschen oder Franzosen, mit leerem Blick, denn trotz aller Pose bleiben Qual und Angst darin immer sichtbar.»

Verwechselbare Ähnlichkeit

Diese Gesichter zeigt Tardi mitunter in verwechselbarer Ähnlichkeit, als möchte er gar nicht erst, dass wir den «Boche», den Deutschen, vom Soldaten Ducon unterscheiden können. Die Todesangst als erste Verunstaltung eines Soldaten, ehe eine Granate im Graben landet, er sein Gesicht verliert – und sein Leben. Ausblutet. Und erbleicht. So wie wir selber bleich werden. Denn manche Seiten dieser Comics sind schwer anzuschauen. Und, besonders schlimm – auf jeder Seite weiss man: Es kommt nicht besser.

Mit Joe Sacco erinnert ein zweiter gestandene Autor von Comicbänden an das Grauen des 1. Weltkriegs, allerdings geht er weniger brutal vor. Der maltesisch-amerikanische Zeichner hat ein sieben Meter langes Panoramabild der «Schlacht an der Somme» geschaffen. Stunde um Stunde hat er den ersten Tag nachgezeichnet, akribisch in den Details, so akribisch, wie die Generäle sich auf den 1. Juli 1916 vorbereitet hatten, wie Chronist Adam Hochschild in seinem begleitenden Vorwort bestätigt.

Saccos Panorama ist weniger eine Geschichte als ein Stück Comic-Kunst. Nicht erstaunlich denn auch, dass sich mit David Hockney ein gestandener Künstler als Fan geoutet hat: «It is fantastic, he’s showing you far more than a film or photographs could. It’s just drawing – it’s a superb example of what art can do.»

Tatsächlich sind Comics wie diese eine eindrückliche Ergänzung zu all den Sachbüchern, die die Ereignisse vor und während des Ersten Weltkriegs begreifbar machen wollen.

Mulhouse stellt den Krieg im Comic aus

Einen noch grösseren Einblick zum Thema erhält man im Herbst im Musée des Beaux-Arts von Mulhouse. «La Guerre en B.D.» heisst die Ausstellung, die vom 20. September bis 16. November 2014 die Darstellung des 1. Weltkriegs in Comic-Form beleuchten wird – anhand von 13 verschiedenen Künstlern und deren unterschiedlichen Stilmitteln. Wir sind gespannt! www.musees-mulhouse.fr/musee-des-beaux-arts/

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Jacques Tardi: «Grabenkrieg». Edition Moderne, 2013.

Jacques Tardi: «Elender Krieg – 1914-1919». Edition Moderne, 2013.

Joe Sacco: «Der erste Weltkrieg – Die Schlacht an der Somme». Edition Moderne, 2013.

Ausstellung: «Landschaft des Todes» – Jacques Tardi und der Erste Weltkrieg, bis 22. Juni.
Kongresszentrum Heinrich-Lades-Halle, D-Erlangen.

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