Online gegen die Erdogan-Maschine

Weil Journalisten in der Türkei nicht frei arbeiten können, sind viele geflohen – manche von ihnen auch ins Internet. Dort haben sich inzwischen mehrere regierungskritische Nachrichtenseiten etabliert. Mit «Ahval» ist jetzt eine neue dazugekommen.

Journalisten haben in der Türkei einen schweren Stand: Über 200 sollen mittlerweile inhaftiert sein. (Bild: Imago)

Die Ansage ist typisch für den türkischen Journalisten Yavuz Baydar. Kämpferisch und prinzipientreu bis zur Sturheit, kündigt der 60-Jährige sein neues Nachrichtenportal «Ahval» an. Eine «kleine Gruppe abgehärteter, mutiger und engagierter Kollegen» habe sich zusammengefunden und mit ihm zusammen etwas aufgebaut, was er eine «Drehscheibe für tiefgehende Berichte, Nachrichtenanalysen und vielfältige Meinungen über die Türkei» nennt.

Das Land sei in der Faust von Recep Tayyip Erdogan. Aber: «Wir werden nicht weich», verspricht Chefredaktor Baydar. «Nur Wahrheit und Ehrlichkeit entscheiden in diesen Zeiten der Verrücktheit.»

Yavuz Baydar ist nach dem Putschversuch in der Türkei nach Frankreich geflohen und hat dort die Online-Zeitung «Ahval» gegründet.

Der namensstiftende Begriff «Ahval» stammt noch aus dem Osmanischen und ist eher weit gefasst. Man kann ihn übersetzen mit «Situation», «Umstand» oder «Position».

Der «Ahval» der Türkei ist ausserordentlich: 146’000 Staatsbedienstete wurden seit dem vereitelten Putsch vom Juli 2016 per Dekret entlassen, mehr als 61’000 Menschen in Haft genommen. Mindestens 153 Journalisten sind derzeit im Gefängnis, mehr als 180 Zeitungen, Radio- und Fernsehsender wurden geschlossen. Ein Gerücht genügt bereits für eine Festnahme.

Erdogan Paroli bieten

Baydars «Ahval» publiziert auf Türkisch, Englisch und Arabisch, ähnlich wie die 2012 gegründete regionale Nachrichtenplattform «Al-Monitor», und soll der Propagandamaschine des autoritär regierenden Staats- und Parteichefs Erdogan Paroli bieten. Ein halbes Dutzend solcher Nachrichtenportale hat sich seit dem Putsch und der Verhängung des Ausnahmezustands etabliert. Manche im Ausland wie «Ahval» oder «Arti Gercek» und «Arti TV», andere in der Türkei wie «Gazete Duvar», die linksliberale «Zeitungsmauer» des Militärdienstverweigerers Vedat Zencir.

Ihr Publikum finden sie im aufgeklärten, kritisch denkenden Teil der türkischen Gesellschaft, aber auch in der internationalen Öffentlichkeit. Die Finanzierung ist oft schwierig, die politische Ausrichtung bisweilen verdeckt. Neue englischsprachige Nachrichtenseiten wie zum Beispiel «Turkish Minute» oder «Turkey Purge» lassen die Handschrift der Gülenisten erkennen, die schon vor oder nach dem Putsch ins Ausland emigrierten.

Verbindungen zum türkischen Prediger Fethullah Gülen, den die Führung in Ankara für den Staatsstreich vom 15. Juli 2016 verantwortlich macht, schliesst «Ahval»-Chefredaktor Baydar für sich aus. In der Ankündigung der neuen Online-Zeitung schreibt er: «Ich verspreche keine Zugehörigkeit zu irgendeiner Aktivisten- oder Interessengruppe. Keine. Jene, die mich kennen, wissen, dass ich kein solches Projekt leiten oder in irgendeiner Weise daran teilhaben würde.»

Ehemalige «Cumhuriyet»-Journalisten

«Ahval-News» wird von einem bisher nicht genannten Verleger in London finanziert. Zu Baydars Mitarbeitern zählt Ilhan Tanir, ein langjähriger USA-Korrespondent türkischer Zeitungen. Zeitungen, die ihn nach und nach fallen liessen, weil sich die Regierung in Ankara über seine Berichte ärgerte. Tanir startete Anfang 2017 auch die Online-Nachrichtenseite «Washington Hatti», die sich auf die amerikanisch-türkischen Beziehungen konzentriert. Er ist zudem einer der Angeklagten im Prozess gegen 17 Mitarbeiter der Tageszeitung «Cumhuriyet».

Der Online-Auftritt von «Ahval»: Die Nachrichtenseite will in der Türkei eine vielfältige Meinungsäusserung ermöglichen.

Baydar hat sich nach dem Putsch nach Frankreich abgesetzt. Andere gingen nach Berlin. Wie Can Dündar, der ehemalige, bereits zu einer Haftstrafe verurteilte «Cumhuriyet»-Chefredaktor, der in Berlin das Exilmagazin   «Özgürüz» startete. Oder Hayko Bagdat, ein Buchautor und Kolumnist der zwangseingestellten Tageszeitung «Taraf». In den Niederlanden hat Celal Başlangiç, ein anderer exilierter Veteran des türkischen Journalismus, seine «Arti»-Medien registriert.

Schon vor dem Putsch und der Verhängung des Ausnahmezustands war der Druck auf regierungskritische Medien in der Türkei so stark geworden, dass Journalisten ins Internet auswichen. «Diken» (der «Dorn») sticht schon seit 2014 die Mächtigen im Land. Auf «T24» kann die türkische Öffentlichkeit noch politisch liberale Kolumnisten wie Hasan Çemal oder Baskin Oran lesen, die aus dem offiziellen Medienbetrieb verbannt worden sind. TV-Sender für Diskussionsrunden sind aufgetaucht wie «Webiz» auf Twitter und Facebook oder das 2015 von dem Kolumnisten Ruşen Çakir gegründete «Medyascope».

Der Demokratie und den inhaftierten Kollegen verpflichtet

Das Stockholm Center for Freedom (SCF), eine Gruppe exilierter türkischer Journalisten in Schweden, protokolliert seit einem Jahr Repressionen gegen die Meinungsfreiheit in der Türkei, wie Kolleginnen und Kollegen festgenommen werden und wie Zeitungsverlage und Sender schliessen. 14 Untersuchungsberichte hat das SCF bisher veröffentlicht.

Seine laufend aktualisierte Liste der inhaftierten Journalisten ist mit derzeit 231 Einträgen sehr viel länger als diejenigen in den Türkei-Statistiken internationaler Medienbeobachter. Die Informationsquellen mögen besser sein – die Mitarbeiter der SCF-Nachrichtenseite nehmen auch Berichte über die Festnahme von Lokaljournalisten in der Türkei auf.

Abdullah Bozkurt, der ehemalige Leiter im Ankara-Büro der Tageszeitung «Today’s Zaman», war dort ein vielgelesener Kommentator und ist jetzt einer der Initiatoren der Monitoring-Website. Eine Gülen-Unternehmung sei das Stockholm Center for Freedom nicht, sagt Bozkurt. Es gehe um die Demokratie in der Türkei und um die Kollegen, die im Gefängnis sind. «Man kann es das Schuldgefühl von Überlebenden nennen, aber wir waren glücklich, dass wir herausgekommen sind. Viele schafften es nicht.»

Konversation

  1. Die Türkei wäre ein paradiesisches Land: Vieles wächst dort, was hier gar nicht wächst, genug Sonne, Wärme, in den Bergen Skimöglichkeiten, aber irgendwie scheint es dennoch nicht zu gehen.
    Wenig Schulbildung, aktuell eher „Koran-Ausbildung“, viel Religion, nun zunehmend auch Staatswillkür, leider durchaus von einer Mehrheit des Volkes gewünscht oder geduldet, Verlust geistiger Freiheiten mit Verbot von Medien, Massenverhaftungen ergeben für dieses Land eine ziemlich traurige Perspektive.
    Andersdenkenden kann man nur raten, ihre geistige Energie woanders einzusetzen als in der geistigen Wüste.
    Es dürfte noch länger gehen, bis die Leute einsehen, dass in Moscheen es nichts zu Essen und keinen Wohlstand gibt, dass es nicht gut ist, Kinder nur so eine altes Buch zu lehren und wohl bald für die Leute auch ihr Auto zu teuer werden dürfte.
    Hinzu kommt, dass so Kriegsspiele in Syrien oder im eigenen Land verflucht teuer sind, benötigt doch ein Panzer oder Flugzeug schon viel mehr Sprit als ein Auto.
    Manchmal ist Vernunft erst über den Geldbeutel zu haben. Erst wenn Herr Erdogan den letzten Taler ausgegeben hat aus der Staatskasse, dann wird das grosse Nachdenken einsetzen.
    Wohlstand ist auch ein Produkt dessen, dass es den Bürgern gut geht, dass sie gebildet sind und genug rentable Arbeit da ist. Erst das generiert Steuern.

    Der Weg zu so einer Einsicht kann lange und schmerzhaft sein.

    Dann auch wird man merken, dass es eine Riesendummheit war, die gebildeteren Leute mundtot zu machen oder gar einzusperren, oder in die Flucht zu treiben.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten

Nächster Artikel