Per Anhalter ins Glück: Autostoppen hilft, Vorurteile abzubauen

Daniel Slodowicz ist viel auf Reisen. Und das ausschliesslich per Autostopp. Im Dezember gründete er den ersten Schweizer Autostopp-Verein, kommendes Wochenende organisiert er die Schweizermeisterschaft. Eine Geschichte über das Trampen als Mittel, um negative Vorurteile abzubauen und den zwischenmenschlichen Austausch zu fördern.

Von Augsburg will Daniel weiter nach Dasing, eine Gemeinde im schwäbischen Landkreis Aichach-Friedberg. (Bild: Daniel Slodowicz)

Daniel Slodowicz ist viel auf Reisen. Und das ausschliesslich per Autostopp. Im Dezember gründete er den ersten Schweizer Autostopp-Verein, kommendes Wochenende organisiert er die Schweizermeisterschaft. Eine Geschichte über das Trampen als Mittel, um negative Vorurteile abzubauen und den zwischenmenschlichen Austausch zu fördern.

Wie kommt man am günstigsten von Fribourg nach Augsburg? Na klar: Per Autostopp! Wenn Daniel Slodowicz, Ökologie-Student an der Uni Fribourg, zurück in seine Heimat reist, nimmt er weder Zug noch Bus und schon gar nicht das Flugzeug. Er steht ganz einfach an den Strassenrand und streckt den Daumen raus.

Angefangen hat alles in der kanadischen Provinz British Columbia: Auf einer Reise durch den Westen Kanadas landete Daniel in einem kleinen Dorf, mitten im kanadischen Hochland, zwischen Seen, Wäldern und Bergen. Das Reisegeld wurde allmählich knapp, der ÖV verkehrte nur unregelmässig, und ein Auto war keines da.

Im Lastwagen nach Vancouver

Nächstes Ziel war die Metropole Vancouver, gut 1000 Kilometer weiter westlich. Gemeinsam mit zwei Freunden stellte sich Daniel an den Highway, in der Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit. Und tatsächlich: Ein kleiner Lastwagen nahm die drei Reisegesellen auf einem dreitägigen Trip mit in die Grossstadt.

«Die Begegnung mit dem Lastwagenfahrer war für mich eine wunderschöne, bleibende Erfahrung. Durch reinen Zufall lernst du innert Kürze eine wildfremde Person kennen. Der Fahrer war sehr freundlich, hilfsbereit und freute sich über etwas Gesellschaft», erzählt Daniel Slodowicz.

Entdeckungsreise in den Kosovo

Seither ist Daniel auf längeren Reisen fast ausschliesslich per Anhalter unterwegs. Seine erste grosse Autostopp-Reise in Europa unternahm er im Sommer 2011, als er – als Alleinreisender – via Österreich, Italien, Kroatien und Serbien in den Kosovo fuhr. Zu diesem Trip verfasste Daniel einen Reisebericht, der im Tramper-Taschenbuch «Hit the Road» der deutschen Autostopp-Gesellschaft erschienen ist.

Vor der Abreise wurde Daniel von Freunden und Bekannten immer wieder darauf angesprochen, warum er ausgerechnet in den Kosovo wolle. «Die Leute fragten mich: Ist das nicht gefährlich dort? Bist du verrückt? Warum nicht lieber nach Italien oder Spanien?» Seine Erklärung: «Wenn man in der Schweiz Autostopp macht, wird man häufig von Kosovaren, die in der Schweiz leben, mitgenommen. Da man in der Presse eher Schlechtes als Gutes über den Kosovo hört, wollte ich herausfinden, wie es dort wirklich ist.»

Reisebudget: 40 Euro

Vor Ort kam er mit Leuten aus verschiedenen Bevölkerungsschichten ins Gespräch. Und stellte fest: Viele Ängste und Befürchtungen waren unbegründet. So wurde er als Tramper oft sehr gastfreundlich aufgenommen, bekam Essen, Trinken und Schlafgelegenheiten angeboten. «Die Reisekosten dieser neuntägigen, 4500 Kilometer langen Reise beliefen sich auf gerade mal 40 Euro.»

Nachhaltiges, günstiges Reisen, den Abbau von negativen Vorurteilen und die Förderung zwischenmenschlicher Kommunikation: Darin sieht Daniel Sinn und Zweck des Reisens per Autostopp.

«Ich will dem Klischee entgegenwirken, Autostoppen sei etwas Verrücktes oder Gefährliches.» 

Daniel Slodowicz, Organisator der Autostopp-Meisterschaft

Um die Passion für seine bevorzugte Reisemethode mit Gleichgesinnten zu teilen, gründete Daniel vergangenen Dezember den ersten offiziellen Autostopp-Verein der Schweiz. «Ich wollte dem Ganzen einen seriösen Charakter geben und dem Klischee entgegenwirken, Autostoppen sei etwas Verrücktes, Chaotisches oder Gefährliches.»

Kommendes Wochenende, am 25. und 26. April, organisiert der Verein nun die zweite Schweizermeisterschaft im Autostoppen. Ziel ist es, per Anhalter möglichst rasch von Fribourg an einen Campingplatz am Comer See zu gelangen. Jenes Zweier-Team, das als erstes in Italien ankommt, gewinnt zwei Einkaufsgutscheine für den Bioladen Prosana in Fribourg, im Wert von je 50 Franken.

Spenden für Viva con Agua

«Bei der Schweizermeisterschaft geht es nicht in erster Linie ums Gewinnen, sondern um das Sammeln positiver Erfahrungen beim Autostoppen. Die Teilnehmer sollen erfahren, dass Autostoppen ungefährlich ist und Spass macht», sagt Daniel Slodowicz. 

Gleichzeitig unterstützen die Teams ein humanitäres Projekt von Viva con Agua, einem Verein, der sich für den Zugang zu Trinkwasser in Entwicklungsländern stark macht. Jedes Team sucht sich im Voraus Sponsoren – etwa Verwandte und Bekannte – die mit einer Spende an Viva con Agua das jeweilige Team «sponsern».

Bisher haben sich zwölf 2er-Teams angemeldet. Wer auf den Geschmack gekommen ist und sich noch anmelden möchte, kann das auf der Vereinswebsite tun.

Wichtig: Gesunder Menschenverstand

Für Autostopp-Neulinge hat Daniel ein, zwei Tipps auf Lager: «An Raststätten ist die Chance, mitgenommen zu werden, am grössten. Da muss man auf die Leute zugehen und freundlich fragen, ob man mitfahren darf.» Beim Stöppeln an der Strasse sei entscheidend, wo man sich positioniere. «Die Autos müssen Platz haben, um anzuhalten und dich einsteigen zu lassen.»

Letztlich sei vor allem gesunder Menschenverstand gefragt. Und viel Geduld: «Wenn man Pech hat, muss man schon mal ein, zwei Stunden warten, bis man mitgenommen wird.» Hat man es einmal geschafft, darf man sich auf viele spannende Begegnungen mit Menschen aus aller Welt freuen.

Daumen raus und los nach Bangladesch!

So ist Daniel schon mit einem Drogendealer, einem Pegida-Anhänger, einem französischen Weinbauern oder einem Arbeiter der Gotthard-Tunnelbaustelle mitgefahren. So verschieden die Fahrer, so verschieden auch die Fortbewegungsmittel, die Daniel ans Ziel brachten: Lastwagen, Traktoren, Cabrios, Bentleys, ein Ford Mustang oder gar ein Feuerwehrauto.

Seit nunmehr sechs Jahren ist Daniel Slodowicz regelmässig per Anhalter unterwegs. Wirklich schlimme Erfahrungen hat er noch keine gemacht: «Klar gab es Momente, wo ich Angst hatte und der Fahrer einen bedrohlichen Eindruck auf mich machte. Wenn man während der Fahrt ins Gespräch kommt, verschwinden diese Ängste von allein und man entwickelt ein Gefühl der Nähe.»

Ans Aufhören denkt Daniel Slodowicz nicht: «Mein nächstes Ziel ist es, nach Bangladesch zu reisen.» Natürlich per Autostopp. Daumen raus und los.

Konversation

  1. Als ich jung war, wurde ja noch recht viel „gschtöpplet“. Ja, einerseits um Ferien bezahlbar zu machen.
    Andererseits waren bei uns auf dem Lande im Aargau, der OeV z.T. noch sehr rudimentär. Da wurde oft gestöppelt. Da gab es Schüler, wenn sie um 17 Uhr die Schule aus hatte, kamen sie mit dem Zug erst nach halb acht nach Hause. Mit einem guten Händchen beim stoppen, waren dann die schon vor 18 Uhr zuhause. Oft gab es dann auch aus solchen Zufallsbegegenungen regelmässige Mitfahrgelegenheiten.

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