Pratteln öffnet Zivilschutzanlage für Flüchtlinge

Pratteln öffnet die Tore seiner Zivilschutzanlage, damit in Basel keine Flüchtlinge mehr auf der Strasse übernachten müssen.

Pratteln nimmt Asylbewerber in seiner Zivilschutzanlage Lachmatt auf. (Bild: Petra Grau)

Pratteln öffnet die Tore seiner Zivilschutzanlage, damit in Basel keine Flüchtlinge mehr auf der Strasse übernachten müssen.

Mehrere Dutzend Flüchtlinge überliess der Bund in den letzten Tagen ihrem Schicksal: Sie mussten auf der Strasse übernachten, weil es im Aufnahmezentrum in Basel keinen Platz mehr hatte, wie die SF-Sendung «10vor10» berichtete. das Zentrum ist seit Wochen überfordert, wie schon die TagesWoche in der Print-Ausgabe 50 berichtete. Almut Rembges, die in der Nähe einen Kulturraum betreibt, beobachtete, dass selbst Familien mit Kindern nicht ins Aufnahmezentrum gelassen wurden. «Eltern hätten mit ihren Kindern draussen übernachten müssen, wenn wir nicht interveniert hätten», sagt die Künstlerin, die sich auch für die Bewegung «Bleiberecht kollektiv» engagiert.

Wie viele Flüchtlinge wirklich auf der Strasse übernachten mussten, ist unklar. Das Bundesamt für Migration sprach noch am Montag von zehn bis zwanzig Fällen, musste aber schon einen Tag später eingestehen, dass das Amt nicht genau Buch führe, nachdem das Fernsehmagazin «10vor10» aufdeckte, dass in mindestens vierzig Fällen Flüchtlinge vom Bund ihrem Schicksal überlassen wurden.

Prattler Gemeinderat bot sofort Hand zu einer Lösung

Doch jetzt springt die Gemeinde Pratteln in die Bresche. Am Dienstagabend entschied der Gemeinderat einstimmig sofort zu handeln und die Zivilschutzanlage «Lachmatt» in Betrieb zu nehmen. «Wir müssen Flüchtlinge doch wie Menschen behandeln und ihnen warmes Essen und ein Dach über dem Kopf geben, ganz egal wo man politisch steht», sagt Gemeindepräsident Beat Stingelin. Schon einmal hatte die Gemeinde vor zwei Jahren die Anlage zur Verfügung gestellt und dabei gemäss dem Gemeindepräsident nur gute Erfahrungen gesammelt.

In der Zivilschutzanlage können bis zu hundert Flüchtlinge übernachten. Die Anlage wird maximal bis Ende März offen stehen. Gemäss Rolf Rossi von der Koordinationsstelle für Asylbewerber Baselland des kantonalen Sozialamtes, hatte der Bund bereits letzten Freitag einen Hilferuf nach Liestal geschickt. Der Baselbieter Regierungsrat habe diesem Gesuch an seiner Sitzung am Dienstag zugestimmt.

Zwei Tage vor heilig Abend kommen die ersten Flüchtlinge

26 Flüchtlinge sind heute Donnerstagnachmittag in der Zivilschutzanlage in Pratteln eingetroffen. Geplant ist, in der Anlage Einzelpersonen und nur vereinzelt Familien aufzunehmen. Damit erfüllt der Bund seine Pflicht wieder: Denn gemäss Bundesverfassung ist er verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Menschen in Not ein Dach über dem Kopf und warmes Essen bekommen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Michael Glauser, Pressesprecher des Bundesamtes für Migration (BfM), erklärt, das BfM habe in den letzten Monaten bei der Armee nach möglichen Reserve-Unterkünften gesucht. Die Liste habe anfänglich 6000 Plätze umfasst. Wenn die Infrastruktur geeignet war, musste aber auch der Standort-Kanton und die Standort-Gemeinde einverstanden sein. Dort, auf der politischen Ebene, sei das BfM häufig auf Widerstand gestossen. «Wir sind jetzt gottenfroh, dass der Prattler Gemeinderat so unkompliziert Hand für eine Lösung bietet und wir keine Leute mehr in den Schnee schicken müssen», sagt Glauser.

Adrian Hauser, Mediensprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, kritisiert den Bund: «Schon im Frühling war absehbar, dass die Kapazitäten nicht ausreichen werden. Der Bund ist schlicht seiner Verpflichtung nicht nachgekommen. Dafür gibt es keine Entschuldigung.» Dass die Zahl der Asylbewerber im Winter steigt, ist kein neues Phänomen, erklärt Moreno Casasola von Solidarité sans Frontières. «Es gibt aber zur Zeit keine Flüchtlingswelle. Der Notstand trat ein, weil der Bund es verpasst hatte, rechtzeitig für Reserven zu sorgen.»

Konversation

  1. Schön und lobenswert hat hier die Gemeinde Pratteln gehandelt. Schön und lobenswert wäre es alsdann auch, wenn sich die Asylanten auch bereit erklären würden, sich auch mit einer Zivilschutzanlage zu begnügen und nicht wie anderswo sich weigern einzuziehen. Sonst müsste man ja wirklich noch die Gedanken der Basler Regierung aufnehmen und über ein Hotelschiff auf dem Rhein nachdenken!

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  2. Die Gemeinde Pratteln hat ein warmes Herz für Menschen in Not bewiesen wo andere Gemeinden die Probleme dieser Welt mit kaltem Herz nicht wahrhaben wollen. Der Gemeindepräsident hat von seinem Aufenthalt im Herkunftsgebiet der Flüchtlinge nicht nur deren Sprache mitgenommen sondern auch ein Verständnis für die schwierige Lage einzelner Menschen und Familien in dieser Region. Er kann deshalb auch besser und glaubwürdiger mit den Frustrationen und zu grossen Hoffnungen dieser Menschen umgehen. Das gilt leider nicht für die vielen Touristen, die bloss ihre Ferien geniessen wollen und nun nicht mehr nach Tunesien und Ägypten reisen wollen, obwohl die Bürger dieser Länder einen eigenen Schritt hin zu normalen gesellschaftlichen Zuständen unernommen haben. Weihnachten wäre die passende Zeit, um über die Suche der Heiligen Drei Könige und aller Menschen nach dem wahren Leben nachzudenken!

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  3. Es ist viel über das zerrüttete Verhältnis zwischen Basel-Stadt und Baselland geschrieben und diskutiert worden. Und nicht immer ist das Baselbiet gut weggekommen – zu Recht. Aber dass sich nun eine Baselbieter Gemeinde uneigennützig zur Verfügung stellt, Flüchtlinge aus Basel-Stadt aufzunehmen, ist ein starkes Signal: es geht nur miteinander und nicht gegeneinander. Und wann wäre dieses Thema nicht aktueller als heute, in den Tagen vor Weihnachten.

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  4. Pratteln gehört nicht zum Mainstream. Es ist halt immer wieder interessant zu beobachten, dass sich vor allem selbsternannte Linke immer für Toleranz stark machen, aber die Asylunterkünfte nicht unbedingt neben ihren Wohnorten haben müssen und/oder wollen. Pratteln ist aber mit der Situation von vielen Ausländern konfrontiert und das löst ja meist zwei Reaktionen aus: einerseits verstärkte Toleranz („Ich bin eines Besseren belehrt worden“), andererseits grössere Intoleranz („Ich bin durch sie fremdenfeindlich geworden“). Hier und auch bei anderen Themen greift das links-rechts Schema nicht mehr.

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  5. An dieser Stelle möchte ich Pratteln ein Kränzchen winden – nein einen grossen Kranz! Ausgerechnet die Gemeinde, die nicht verschont wird mit schwierigen Situationen, stellt eine Möglichkeit zur Verfügung. Pratteln hat z.B. sehr viele Ausländer von unteren Schichten. Sie haben nicht gerade Zustände wie im Stücki, denke ich. Aber das was im Grüssen passiert ist auch nicht wenig und gibt am Wochenende immer wieder Rückstau. Das nur zwei Beispiele. Ich vertrug in mehreren Dörfern im Unterbaselbiet die Tageszeitungen. In allen Dörfern war das ruhig und gemütlich in der Nacht. In Pratteln dagegen war immer viel los in der Nacht ganz unterschiedlicher Art. Pratteln weiss beischeid und pakt zu, wenn Not am Mann oder der Frau ist. Ein grosses Dankeschön an Pratteln.

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  6. Die Konstellation und der Kontext sind komplex. In der Schweiz gab es seit geraumer Zeit keinen Krieg, jedenfalls keinen mit direkter Beteiligung, menschlichen Elend und Extremsituationen. Im restlichen Europa gab es Kriege, welche die Einstellung gegenüber wohl Migration mitgeprägt haben. Manchen Schweizern fehlt das Verständnis und das Bewusstsein von Krisensituationen. Das zeigt sich oft daran, dass man der Zweite Weltkrieg von manchen Schweizer Bürgern als sehr schlimme Zeit geschildert wird, obwohl es keinerlei kriegerische Akte, Vernichtungslager, Massenmorde, materielle Beschädigungen oder politische Verfolgungen auf dem Hoheitsgebiet der Schweiz gab. Ganz im Gegenteil, man hat sogar noch davon profitiert. Aber es gab wohl eine Verunsicherung, weniger Nahrungsmittel und eine erstarkte Form des Patriotismus. Nun befinden wir uns in einer finanziellen Krisensituation, die ein immanenter Bestandteil des real existierenden Kapitalismus ist. Und wegen dem fehlenden Zugang zum Thema Krieg begreifen wohl viele Leute in der Schweiz immer noch nicht, dass es Situationen geben kann, wo man einfach vom Heimatort flüchten muss und sich dabei nicht auf die Wetterlage in der Schweiz konzentriert. Dieses mangelnde Bewusstsein und die generelle Verunsicherung wegen der Wirtschaftslage manifestieren sich nun deutlicher denn je und werden von einer politischen Kraft gebetsmühlenartig indoktriniert.
    Das ist nicht des Schweizers und der Schweizerin Schuld. Umso erfreulicher ist es, dass trotz diesen Umständen weltoffene Handlungen nicht gänzlich marginalisiert sind. Zum Mainstream gehört eine aktive Form der Toleranz jedoch – obwohl Markus Somm dies anders sehen wird – auch nicht.

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