Rapper Smockey hat mit seiner Bürger-Bewegung die Regierung von Burkina Faso gestürzt

«Und dann haben sie mit Raketenwerfern mein Studio zerstört.» Der Rapper und Bürgerrechtler Smockey 

aus Burkina Faso hat mit seiner Bewegung Balai Citoyen vor einem Jahr den Diktator Blaise Compaoré gestürzt. Er erzählt von den überstandenen Turbulenzen in seiner Heimat.

Smockey, Künstler und Gründer der Bewegung Balai Citoyen, in den Ruinen des niedergebrannten Parlaments in Ougagadouou.

«Und dann haben sie mit Raketenwerfern mein Studio zerstört.» Der Rapper und Bürgerrechtler Smockey 

aus Burkina Faso hat mit seiner Bewegung Balai Citoyen vor einem Jahr den Diktator Blaise Compaoré gestürzt. Er erzählt von den überstandenen Turbulenzen in seiner Heimat.



Seine Tournee durch Europa wird er als pure Erholung empfinden. Endlich Durchschnaufen nach dem Chaos, das in seiner Heimatstadt Ouagadougou in den letzten Wochen herrschte. «Diese Typen waren sehr entschlossen», erzählt Serge Martin Bambara alias Smockey im Büro seiner Münchner Plattenfirma. «Ich habe viele SMS bekommen, in denen stand: ‹Wenn wir dich kriegen, bringen wir dich um›.»

Die «Typen», das waren die Kämpfer der alten Garde des gestürzten Präsidenten Blaise Compaoré, die sich im September mit einem Putsch aufbäumten. Dass sie es auf den Musiker abgesehen hatten, kam nicht von ungefähr. Der 43-Jährige mit der herausfordernden Miene, Sohn einer Französin und eines Burkinabe, ist nicht nur ein Protagonist des afrikanischen Hip-Hop.

«Im grossen Stil sauber machen»

Er führt auch die Bürgerrechtsbewegung Balai Citoyen an, die vor einem Jahr den Autokraten Compaoré aus dem Amt gefegt hat. 

Im wahrsten Wortsinn: «‹Balai› bedeutet Besen, und der steht als Symbol für unsere Bewegung, die aufräumen will mit Korruption, Ungerechtigkeit, Missmanagement. Ein einzelnes Blatt fegt nicht gut, aber wenn du viele Blätter zusammenbündelst wie beim traditionellen afrikanischen Balai, dann kannst du im grossen Stil sauber machen.»

Das ist im heruntergewirtschafteten Burkina Faso auch bitternötig. Seit 1987 waren Compaoré und seine Clique an der Macht. Einst war der Diktator ein Weggefährte von Thomas Sankara gewesen, der in seiner kurzen Amtszeit von vier Jahren mit vielen Reformen zur Leuchtgestalt unter den afrikanischen Führern wurde – bis sein Freund ihn aus dem Weg räumte.

Das Burkina Faso, das Compaoré auf Sankaras Leiche aufbaut, war von Erpressungen und Wirtschaftskriminalität geprägt. Einen Einblick in den damaligen Alltag gibt Smockey mit seinem Song «Le Président, Ma Moto Et Moi»: «Ich nehme Compaoré auf meinem Motorrad mit und fahre ihn durch sein Ouagadougou, zeige ihm, dass sich niemand Benzin leisten kann, dass die Krankenhäuser nicht einmal Sauerstoff haben, um die Verletzten zu retten.»
 

Mit eisernem Besen: Die Bürger Ouagadougous gehen auf die Strasse.

Mit eisernem Besen: Die Bürger Ouagadougous gehen auf die Strasse.

Als 1998 der unliebsame Journalist Norbert Zongo umgebracht wird, formiert sich allmählich der Widerstand gegen das System. Jedoch erst 2013 entsteht unter der Führung von Smockey und seinem Reggae-Kollegen Sams’K Le Jah der Balai Citoyen. Er mobilisiert durch akribische Überzeugungsarbeit in der Stadt und auf dem Land erst Dutzende, bald Tausende, die sich auf dem Platz der Revolution versammeln, diskutieren, kämpferische Lieder singen, Konzerte veranstalten, ihre Besen schwingen. Ihre Hymne wird Smockeys «On Passe À L’Attaque».

Ende Oktober 2014 möchte Compaoré erneut die Verfassung ändern, um auf alle Zeit im Amt zu bleiben. Da eskaliert der Volkszorn und die Armee schlägt sich auf die Seite der Demonstranten. Die Revolution gelingt, eine Interimsregierung nimmt die Arbeit auf.



Ouagadougou brennt.

Doch wie geht es jetzt weiter im Land? «Jeder der 17 Millionen Burkinabe kann Präsident werden», ist der Rapper im Hinblick auf die Wahlen am 23. November überzeugt. «Gerade die Jungen müssen wir für die Politik sensibilisieren, zwei Drittel unserer Bevölkerung sind unter 27 Jahre alt.» Dabei kommt es natürlich darauf an, dass die im Land bleiben. Er macht es vor, obwohl er ein Uni-Diplom aus Paris in der Tasche hat.

«Euch in Europa und in Amerika sage ich: Beendet die Heuchelei! Wenn ihr Afrika helfen wollt, dann helft. Aber hört auf mit euren politischen Spielchen. Denn unsere Länder bluten aus, weil ihr Waffen an Diktatoren exportiert, weil ihr unsere Ressourcen ausbeutet. Je ärmer wir werden, desto mehr werden wir euch stören. Ihr könnt das gerade an den Flüchtlingszahlen ablesen!»

«Deine Worte müssen deine Identität widerspiegeln»

Für den Übergang von Burkina Faso in ein neues Zeitalter liefert Smockey mit seinem Album «Prevolution» den Soundtrack, und es klingt zudem wie ein spannendes Tagebuch der letzten Jahre. Trotz der brennenden Barrikaden auf dem Cover ist es meilenweit entfernt von einer typischen Hip-Hop-Produktion. Es offenbart sich als regelrecht poetisch und versonnen, umarmt viele Stile von Rap über Reggae und Funk bis hin zu ruhigen Stücken ohne Rhythmussektion und mit traditionellen Gesängen und Balafon.

«Burkina Faso ist sehr offen, was die Musik angeht, es gibt keine Grenzen. Doch im Flow meiner Texte berichte ich von den lokalen Ereignissen. Denn die Worte müssen deine Identität widerspiegeln.» Smockey bietet Futter fürs Hirn, erzählt von den Tagen der Revolution wie von den afrikanischen Veteranen, die ihr Blut im Zweiten Weltkrieg für die europäische Freiheit gaben.

«Tanzt Du, weil du glücklich bist? Oder weil du etwas verändern willst?»

Er analysiert in einer fast schmerzlichen Ballade seine Situation als Mischlingskind und preist die Errungenschaften seines Kindheitshelden Thomas Sankara. Trotz allem ist das Album tanzbar. «Es kommt immer darauf an, warum du tanzt», sagt er zum Schluss des Interviews mit einem Lachen. «Tanzt du nur, weil du glücklich bist, oder weil in dir so viel Dynamik steckt, dass du etwas verändern willst? Das sind zwei sehr verschiedene Tänze!»

Momentan hat Burkina Faso Anlass für beide Varianten. Man wünscht Smockey und seinem Land, dass das auch nach den Wahlen, die  voraussichtlich Ende November stattfinden sollen, so bleiben wird.
_
Smockeys neues 

Album «Prevolution» wird erst am 13. November physisch veröffentlicht, ist aber jetzt schon digital erhältlich bei outhere.de

Nächster Artikel