Raúlito hat Karten fürs Internet

Kuba richtet WLAN-Hotspots ein und schon blüht der Schwarzhandel mit Zugangskarten. Strassenhändler Raúlito erklärt, wie das Geschäft läuft.

(Bild: Andreas Knobloch)

Kuba richtet WLAN-Hotspots ein und schon blüht der Schwarzhandel mit Zugangskarten. Strassenhändler Raúlito erklärt, wie das Geschäft läuft.

Dutzende Menschen drücken sich an diesem Vormittag in Havannas Stadtteil Vedado in den schmalen Schatten, den das Hotel Habana Libre wirft. Sie tippen auf ihren Laptops, starren auf Tablets oder sitzen auf den Treppenstufen mit ihren Handys, während ab und zu Strassenkreuzer aus vorrevolutionärer Ära vorbeirumpeln. Ein paar Meter weiter stehen die Leute an der Coppelia für Eis an.

Raúlito* sitzt auf der anderen Strassenseite auf einem kurzen Mauerstück vor dem Kino Yara und verfolgt scheinbar unbeteiligt das Treiben. «Tarjetas, tarjetas» (Karten, Karten) raunt er den Vorbeieilenden zu, als böte er Drogen feil. Es sind keine verbotenen Substanzen, die er verkauft, illegal ist sein Treiben trotzdem.

Anfang Juli hatte die kubanische Regierung über die Insel verteilt 35 öffentliche WLAN-Spots eingerichtet und die Tarife für die Internetbenutzung von ehemals 4,50 CUC (der «peso convertibile», der an den Dollar gebunden ist und in etwa einem Franken entspricht) um mehr als die Hälfte gesenkt. Seitdem sieht man an bestimmten Stellen der Stadt Kubaner wie hypnotisiert in ihre elektronischen Geräte vertieft. Gleichzeitig ist rund um die öffentlichen Internetpunkte ein eigenes Business entstanden.

Internet daheim bleibt eine Utopie

Raúlito ist einer von jenen, denen das öffentliche Internet eine neue Einnahmequelle verschafft hat. Er verkauft Internet-Zeitkarten unter der Hand weiter. Für Europäer mag es anachronistisch anmuten, aber der Internetzugang zu Hause ist für die meisten Kubaner eine Utopie. Auch am Arbeitsplatz kommen nur wenige ins Netz. Bis zum Sommer gab es WLAN-Netze nur in Touristenhotels zu zum Teil horrenden Preisen.

So blieb vielen nur, sich vor den Computersälen des staatlichen Telekom-Anbieters Etecsa (Empresa de Telecomunicaciones de Cuba S.A.) anzustellen. Der Zugang zu den nun eingerichteten neuen Wifi-Spots erfolgt über den persönlichen Email-Account beim staatlichen Telefonanbieter – dafür lädt man ein Zeitkonto zum Tarif von 2 CUC pro Stunde auf oder über anonymisierte Zeitkarten, die 2,50 CUC die Stunde kosten.

Die Warteschlangen vor den Verkaufsstellen sind oft lange. Wer keine Geduld hat oder keine Zeit, während den knapp bemessenen Öffnungszeiten anzustehen, geht zu Händlern wie Raúlito.

Mit dem Weiterverkauf ebenjener Karten für 3 CUC verdient Raúlito seit einigen Wochen sein Geld. Er ist einer von vielleicht 30, 40 Leuten wie er sagt, die die gesamte La Rampa kontrollieren, jenen etwa 300 Meter langen Abschnitt der 23. Strasse zwischen Calle L und Malecón, auf dem das Internetsignal empfangbar ist.

«Ich habe nie viele Karten bei mir», sagt Raúlito. «Wir verstecken sie im Gebüsch, unter Steinen oder verbuddeln sie in der Erde – wegen der Polizei.»

Es sind vor allem junge Männer, die den Handel abwickeln, aber auch Frauen, Rentner. «Ich habe nie viele Karten bei mir», sagt Raúlito, auch das erinnert an Drogenhändler. «Entweder bewahrt sie jemand auf, der nicht direkt am Verkauf beteiligt ist, oder wir verstecken sie im Gebüsch, unter Steinen oder verbuddeln sie in der Erde – wegen der Polizei.»

Wer von der Polizei erwischt wird, muss Strafe zahlen. Raúlito zieht ein kleines Stück Papier aus dem Portemonnaie. «Gestern erst haben sie mich drangekriegt.» 1500 Kubanische Pesos oder rund 60 CUC Bussgeld – ein halber Wochenverdienst. Es ist bereits die zweite Geldbusse innerhalb kurzer Zeit. «In gewisser Weise arbeite ich also für den Staat», sagt Raúlito mit einem Grinsen. «Um die hier zu bezahlen muss ich nun mehr verkaufen.»

Abends rentiert es richtig

Das Geschäft an diesem Vormittag läuft allerdings eher lau, denn die offiziellen Verkaufsstellen haben geöffnet. An normalen Tagen verkauft Raúlito 30 bis 40 Karten, verdient also 15 bis 20 CUC. In Kuba, wo die Leute in der Regel keine Miete zahlen, da sie ihre Wohnungen besitzen, Bildungs- und Gesundheitssystem kostenlos und Teile der Grundnahrungsmittel, des Transports und der Kultur vom Staat subventioniert sind, ist das viel Geld. In einem staatlichen Job müsste er dafür knapp einen Monat arbeiten.

Raúlito arbeitet jeden Tag der Woche, allerdings nur tagsüber. Noch mehr Geld verdient man abends, wenn die Etecsa-Verkaufsstellen geschlossen haben und die Leute von der Arbeit kommen oder am Wochenende. «Dann ist hier richtig voll. An einem Sonntag kann man auch schon mal bis zu 200 Karten verkaufen.»

Gerade jenen, die keinen WLAN-Spot in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft haben, bleibt oft nur das Wochenende, um dann über Facebook oder die Videochat-App Imo mit ihren Angehörigen und Freunden im Ausland zu chatten. Dann brummt das Geschäft der fliegenden Kartenhändler.

Das Paket der Woche auf einem USB-Stick

Zweieinhalb Monate nach Einrichtung der öffentlichen Wifi-Spots gibt es rund eine Million Kunden mit Nauta-Adresse auf ihrem Telefon, jenem Email-Dienst der den Zugang zum Internet ermöglicht, wie Wilfredo González Vidal, Vize-Kommunikationsminister in der Fernsehsendung «Mesa Redonda» (Runder Tisch) mitteilte. Zudem seien 3,8 Millionen temporäre Internetkarten verkauft worden. Wie viele davon unter der Hand – dazu machte González keine Angaben.

Es werden eine Menge sein. Allerdings sind die Zahlen nur schwer zu erheben, denn nach aussen läuft das Geschäft legal. «Wir kaufen die Karten direkt bei Etecsa für 2,50 und verkaufen sie für 3 CUC weiter», erklärt Raúlito. «Oder wir bekommen die Karten ‹geliefert›. Von Leuten, die direkten Kontakt zu Etecsa haben.» Nicht selten seien es die Leiter von Etecsa-Verkaufsstellen selbst, die die Karten im grossen Stil abzweigen. «Der reguläre Verkauf wird gestoppt und sie sagen den Leuten: Es gibt Probleme mit den Karten, wir können heute keine mehr verkaufen. Oft tun sie das, um unter der Hand mehr verkaufen zu können. In den Büchern wird das Ganze dann als normaler Verkauf geführt.»

Bevor er in das Geschäft mit den Internetkarten eingestiegen ist, hat Raúlito Militärdienst geleistet. Einen «richtigen» Job hatte er nie. «Aber ich habe einen Computer zu Hause, auf dem überspiele ich das Paket der Woche auf USB-Sticks oder Festplatten.» Das Paket der Woche (paquete de la semana) ist eine Auswahl an Filmen, Seifenopern, Fotos, Zeitschriften, Ratgebern bis hin zu Wikipedia-Artikeln und wird über USB-Sticks und andere Datenträger auf der Strasse weiterverkauft.

Wer sich keine Internetkarte leisten kann, kauft sich den Netzzugang minutenweise.

Mangels Internet haben die Kubaner eigene Wege des Informationsaustausches geschaffen – eine Art Offline-Internet. Resultat des sprichwörtlichen Improvisationstalentes der Kubaner.

Rund um die öffentlichen WLAN-Spots sind so eine ganze Reihe von Geschäftszweigen entstanden – nicht nur der Handel mit Internetkarten blüht. Es gibt Leute, die über die App Connectify lokale Hotspots einrichten und den Zugang minutenweise verkaufen. Gerade für diejenigen, die sich den Kauf der Internetkarten nicht leisten können, ermöglicht dies den Internetzugang zu reduziertem Tarif. «Andere installieren gegen einen kleinen Obulus Applikationen, die unbegrenztes Surfen erlauben oder verkaufen geknackte Zugangscodes, beispielsweise zum Netz des Hotels Habana Libre.» Die Arbeitsteilung funktioniert, sagt Raúlito, niemand mische sich in das Geschäft des anderen ein.

Die Regierung hat derweil angekündigt, den Internetzugang in Kuba weiter auszubauen. Bis Ende des Jahres sollen weitere WLAN-Spots eingerichtet werden, heisst es. Dafür würden «geeignete Stellen» mit den Behörden der jeweiligen Provinz abgestimmt. – Orte, «an denen sich die Nutzer setzen können und nicht den Wettereinflüssen ausgesetzt sind», wird Etecsa-Geschäftsführerin Mayra Arevich Marin in der Tageszeitung «Granma» zitiert. Kuba hat sich zudem verpflichtet, die im November 2014 beschlossene «Connect 2020 Agenda» der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) umzusetzen. Diese sieht vor, dass bis zum Ende dieses Jahrzehnts die Hälfte der Privathaushalte mit dem Internet verbunden sind.




Schau, was ich hier habe. Internet-Inhalte sind exklusiv und attraktiv, denn Kuba hat die Zugriffsrate in Lateinamerika. (Bild: Yoel Mayor)

Auf der Insel gibt es da noch einiges zu tun. Noch ist Kuba quasi Internet-Entwicklungsland. Das Land hat die niedrigste Internet-Zugriffsrate in Lateinamerika. Laut ITU waren 2013 gerade einmal 3,4 Prozent der Haushalte mit dem Internet verbunden – vor allem Wissenschaftler, Kulturschaffende, Journalisten sowie ausländische Geschäftsleute. Für die kubanische Regierung lag die Priorität bisher im Ausbau der Verbindungen in Forschungs-, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Nun sollen private Haushalte folgen.

«Es gibt den tatsächlichen Willen und die Bereitschaft der (kommunistischen) Partei und der kubanischen Regierung die Informatisierung der Gesellschaft voranzutreiben und Internet für alle bereitzustellen», sagte Kubas Vizepräsident Miguel Diaz-Canel im Februar auf einem Forum zu Informatik und Cybersicherheit in Havanna.

Mehr öffentliche WLAN-Spots könnten auch mehr Geschäft für Raúlito und seine Kollegen bedeuten. Reich werde man damit aber nicht, sagt er. «Jeder muss halt sehen, wie er über die Runden kommt: Die Leute bei Etecsa mit ihrem staatlichen Gehalt und wir selbst auch.»

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* Seinen wirklichen Namen und sein Alter will Raúlito nicht verraten.

Konversation

  1. Und worum geht es jetzt eigentlich mit diesem Artikel? ein weiteres Cuba-Bashing? Ich halte mir all die arbeitslosen Jugendlichen in Spanien, Italien, Griechenland im real existierenden Kapitalismus vor Augen oder die erschütternde Flüchtlingswelle und frage, was sind denn die existenziellen Probleme? Doch nicht der Internetzugang…

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