Reparieren statt wegschmeissen: Eine Schneiderin plaudert aus dem «Guufechüssi»

Andrea Maurer führt seit sechs Jahren das Atelier «Guufechüssi». Als selbstständige Schneiderin hat sie sich nicht nur den Traum eines kreativen Berufs erfüllt, sondern auch die Entschleunigung des Lebens entdeckt.

Keine lästige Hausarbeit, sondern Leidenschaft: Hier näht Andrea Maurer an einer Kappe.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Andrea Maurer führt seit sechs Jahren das Atelier «Guufechüssi». Als selbstständige Schneiderin hat sie sich nicht nur den Traum eines kreativen Berufs erfüllt, sondern auch die Entschleunigung des Lebens entdeckt.

Andrea Maurer mag es nicht, Vorhänge zu kürzen. «Das sind so grosse Dimensionen!», meint sie lachend und zeigt auf die Vorhangstange hinter ihr. Lieber repariere sie Kleidungsstücke: «Ich rette auch Lieblingsteile, die fast auseinanderfallen», erzählt sie begeistert – wie neu würden die Kleider danach aussehen. Was für viele lästige Hausarbeit ist, entfacht in Maurer Leidenschaft: «Ich finde Änderungsarbeiten wirklich spannend», sagt die 35-Jährige. 

Nach ihrer Ausbildung zur Schneiderin arbeitete Maurer bei Ledergerber Mode in Baden, wo sie hauptsächlich Änderungen erledigte: «Ich habe dort viel über verschiedene Verarbeitungsmöglichkeiten gelernt», erinnert sie sich. Doch ihr fehlte das Kreative und so beschloss sie 2009, an der Schweizerischen Textilfachschule in Zürich eine Weiterbildung zur Fashiondesignerin zu machen.

Traditionshandwerk
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Sie dachte da bereits über ein eigenes Atelier nach, aber wirklich geplant hatte sie es nicht. Im Jahr 2011, noch während der Weiterbildung, erhielt Maurer das Angebot, das Atelier «Guufechüssi» am Spalenring zu übernehmen. Die Besitzerin Jeannette Rindt-Steiner stand kurz vor der Pensionierung und suchte eine Nachfolgerin. Da konnte Mauerer nicht ablehnen.

2013 zügelte sie das «Guufechüssi» an die Ahornstrasse ins Gotthelf-Quartier. In ihrem Atelier kann Maurer ihre eigenen Ideen umsetzen – zum Beispiel die Anfertigung von «Lieblingskleidung in neuem Gewand». Wie das gemeint ist? «Ich kann ein Lieblingskleid in einem neuen Stoff anfertigen oder immer vermisste Details wie zum Beispiel Taschen hinzufügen.» 

Maurer hat ausserdem ihr eigenes Label kreiert – doch dafür bleibt kaum Zeit: «Ich sitze acht Stunden am Tag an der Nähmaschine, da habe ich keine Lust, abends auch noch zu nähen.» Deshalb arbeite sie oft in den Ferien am eigenen Label. Die Kreationen verkauft sie im «Guufechüssi», an Mode-Events oder Modeflohmärkten.



Ein Guufechüssi im «Guufechüssi» – der Name für das Atelier hat Andrea Maurer von ihrer Vorgängerin übernommen.

Ein Guufechüssi im «Guufechüssi» – den Namen für das Atelier hat Andrea Maurer von ihrer Vorgängerin übernommen. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Individuell und nachhaltig

Die alltäglichen Dienstleistungen des «Guufechüssi» führt sie in der Philosophie ihrer Vorgängerin weiter: «Es soll für jedes Portemonnaie etwas drinliegen.» Und so ist es auch: «Eine Hose zu kürzen kostet 26 Franken. Ich müsste viel teurer sein, um Gewinn zu machen. Würde ich aber mehr verlangen, hätte ich Angst, dass sich dies nur noch wenige leisten.» Trotzdem ein stolzer Preis, wenn man bedenkt, dass es in Billiggeschäften dafür eine neue Hose gibt. Doch im Atelier «Guufechüssi» geht es nicht primär um den Preis. «Die Kunden hängen an ihren Kleidern und viele ticken individuell und nachhaltig.»

Das klingt nach einer Hipster-Kundschaft. Doch davon will Maurer nichts wissen – für sie ist das ökologische Bewusstsein eine persönliche Überzeugung: «Die Textilindustrie produziert weltweit die zweitgrösste Abfallmenge aller Branchen, das finde ich tragisch.» Mit ihrer Tätigkeit als Schneiderin möchte sie zu einem nachhaltigen Lebensstil beitragen. Lieber reparieren als wegschmeissen, lautet die Devise. Diese Haltung überträgt sich auf ihr Privatleben: «Ich lebe sehr sparsam und achte so gut wie möglich auf Qualität.»

«Ich habe Bedenken um die Menschheit»

Dass ihr Beruf vom Aussterben bedroht ist, findet die Schneiderin beunruhigend: «Ich habe Bedenken, wenn ich an die Menschheit denke, denn da draussen geht alles so schnell», sagt sie seufzend. «Da draussen» – das ist die Welt ausserhalb ihres Ateliers. Massenveranstaltungen gefallen ihr nicht, ihre Welt hat sich im Atelier entschleunigt. Ist sie eine Eigenbrötlerin? «Ich arbeite sehr gerne für mich und ich habe tatsächlich einen sehr kleinen Radius, in dem ich mich bewege. Aber ich sitze nicht immer nur in meinem Nähkästchen!», ruft sie aus und lacht.

Um der Schnelllebigkeit ein Stück entgegenzutreten, will sie ein altes Kunsthandwerk fördern: das Kunststopfen. Das «Guufechüssi» ist eine der letzten Annahmestellen für dieses traditionelle Handwerk. Es handelt sich dabei um eine Form des Reparierens, bei der die benötigten Fäden aus den Nahtzugaben rausgefischt und mit den noch vorhandenen verwoben werden – je feiner der Stoff, desto delikater.



Andrea Maurer in selbst genähter Jacke: «Ich gehe sorgfältig mit meinen Kleidern um.»

Andrea Maurer in einer selbst genähten Jacke: «Ich gehe sorgfältig mit meinen Kleidern um.» (Bild: Alexander Preobrajenski)

Bevor Maurer das Atelier übernahm, arbeitete eine Kunststopferin mit Rindt-Steiner zusammen. Als beide gleichzeitig in Pension gingen, entschloss sich Rindt-Steiner das alte Kunsthandwerk selbst anzubieten – und sie tut das bist heute über das «Guufechüssi».

Und Maurer selbst? «Hätte das Kunststopfen zur Ausbildung gehört, hätte ich es gerne gelernt. Aber jetzt setze ich den Fokus lieber auf andere Dinge, wie eben mein eigenes Label.» In Zukunft wäre sie zudem gerne unabhängiger, auch damit sie keine Vorhänge mehr nähen muss.

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