Schluss mit dem ständigen Stau

Nun wird sie also eröffnet, die Umfahrung Liestal. In der Politik war das überteure Grossprojekt stark umstritten, das weiss man. Doch was halten die Menschen davon, die dort wohnen? Ein Besuch an der Rheinstrasse.

(Bild: Stefan Bohrer)

Nun wird sie also eröffnet, die Umfahrung Liestal. In der Politik war das überteure Grossprojekt stark umstritten, das weiss man. Doch was halten die Menschen davon, die dort wohnen? Ein Besuch an der Rheinstrasse.

Auf der einen Seite der ­viele Verkehr. 44’000 Fahrzeuge, Tag für Tag. Auf der anderen Seite eine Idylle mit Feld, Wald und Wiese.

Und mittendrin der Hülften-Hof am Eingang zum Tal, leicht erhöht über der Rheinstrasse und der monumentalen neuen Auffahrt zur H2. «Wir leben hier auf einer Insel – recht ruhig», sagt die Bäuerin und blinzelt in die frühe Morgensonne. Unten brummt der Verkehr, auf der H2-Baustelle dröhnt eine Maschine. «Davon bekomme ich nichts mehr mit.»

Rund um ihre kleine Insel tobten immer wieder grosse Auseinandersetzungen. 1833 holten die Landschäftler die Städter bei der Hülftenschanze von ihrem hohen Ross. Nach der ­sagenumwobenen Schlacht war die Kantonstrennung unausweichlich.

Hundert Jahre später zog die Schweizer Armee im gleichen Gebiet ihre Sperren hoch, um einen Einfall der Deutschen ins Mittelland zu verhindern. Und nach dem Krieg fing schon bald der Streit um die Umfahrung an.

Im Widerstand gegen die Armee

Das alles beschäftigt die Hülften-Bäuerin an diesem schönen Morgen eher weniger. Wenn sie etwas stört, dann höchstens die Armee, die neben dem Hof einen Bunker hat, als Schopf getarnt. Nachdem die alte Zufahrt für die H2 geopfert werden musste, will sich die Armee für irgendwelche Anlässe nun einen neuen Zugang verschaffen – über den Hof. Doch die Bauernfamilie leistet Widerstand. «Weil uns ja jetzt schon nur wenig Platz bleibt», wie die Bäuerin sagt. Die Rheinstrasse ist längst vom Gewerbe annektiert.

Logistikunternehmen gibt es da, Einkaufsläden, Tankstellen, Garagen, Garagen und nochmals Garagen – und bald kommt auch noch eine Läckerli-Fabrik dazu. Daneben findet die Natur höchstens noch auf den Plakaten statt. Migros, «Aus der Region für die Region», auf dem Bild sehr viel Fleisch, daneben ein glücklicher Migros-Mitarbeiter und ein glücklicher Bauer.

Die Macht im Baselbiet

Noch dominanter als das Gewerbe ist höchstens der Verkehr, am Morgen und späteren Nachmittag vor allem, wenn er regelmässig staut. Seit den 1960er-Jahren fordern Automobil- und Wirtschaftsverbände deshalb den Bau ­einer Entlastungsstrasse. Solange dieser Engpass besteht, könne sich der obere Kantonsteil rund um Liestal nicht richtig entwickeln, behauptete der frühere Wirtschaftskammer-­Direktor Hans Rudolf Gysin einmal. Darum müsse mit Hochdruck an der Strasse gearbeitet werden. Der H2.

Mit dem mächtigen Gysin war schon fast automatisch auch ein Grossteil der Baselbieter Wirtschaft und der Baselbieter Bürgerlichen für den Bau. Linke und Grüne warnten dagegen vor den immensen Kosten. So etwas könne sich der Landkanton unmöglich leisten. Das sah lange auch die Regierung so. Darum kämpfte sie bis Mitte der 1990er-Jahre für eine günstigere Alternative – einen Ausbau der Rheinstrasse auf vier Spuren. Doch gegen die Wirtschafts- und Automobilverbände und deren PR-Walze hatte auch sie nichts auszurichten; alle vier wichtigen Abstimmungen gingen verloren.

Die Politiker ärgern sich, die Anwohner freuen sich

Nun ist sie fast fertig, die H 2, nach über 40 Jahren Planung und einem fast ebenso langen politischen Hin und Her mit teilweise wüsten Wortwechseln. An diesem Wochenende wird die Tunnelpassage mit einer Riesensause ein­geweiht, am 11. Dezember die ganze Strecke in Betrieb genommen.

Was erwarten die Menschen, die an der Rheinstrasse leben und dort arbeiten? Was denken sie über die neue Strasse, die in der Politik so unterschiedlich bewertet wird, von den einen als längst überfällige Notwendigkeit, von den anderen als Symbol für den Baselbieter Grössenwahn und die Baselbieter Misswirtschaft?

Wir haben uns auf den Weg gemacht – zuerst zur Bäuerin. «Wird schon recht sein, der Bau», sagt sie. Auch wenn der Verkehr kaum weniger werde im Tal und sich nun möglicherweise woanders staue.

Willkommen im Ghetto

Noch positiver klingt es bei Ernst Gebhard: «Darauf habe ich 42 Jahre lang gewartet.» Gebhard leitet den Quartierverein Liestal Nord. Er war mal in der SP, danach hat er seine ­eigene Partei gegründet, die aus Bewohnern seines Quartiers, der Fraumatt, bestand.

«Googeln Sie mal Ghetto Liestal. Dann finden Sie uns.»

Jahr um Jahr registrierte er, wie der Verkehr auf der Rheinstrasse zunahm und der Lärm über die früher noch abfallende Wiese, wo jetzt der Tunnel drunter und drauf ist, in die Fraumatt einströmte. Das Quartier ist auf den ersten Blick auch so ein Unort entlang der Rheinstrasse.

Vielleicht 2000, 3000 Menschen wohnen in der Block-Siedlung am Ergolzufer, hochgezogen in den 1970er-Jahren, um die vor allem italienischen Gastarbeiter unterzubringen. Wer wissen will, welcher Ruf dem Quartier anhafte, solle nach «Ghetto Liestal» googeln, empfiehlt der pen­sionierte Schulhausabwart Gebhard, und zieht den entsprechenden Zeitungsartikel aus der abgewetzten Dokumententasche.

Kein Geld

«Ghetto?», Luigina Fedier verwirft die Hände. «Ich würde nie woanders leben wollen.» Seit einem halben Menschenleben bewohnt sie dieselbe Wohnung in einem der Weiermatt-Blocks, das sind die drei Ungetüme aus düsterem Beton, bei denen sich ­jeder fragt, der oben durchfährt, welche armen Seelen dort leben. Was will sie klagen?, fragt die 85-jährige Witwe. «Die Nachbarn sind prima, alle so freundlich, nur das Gedächtnis lässt halt nach.» Gebhard entlässt sie mit intensivem Hinterherwinken auf ihren täglichen Spaziergang, rauf auf den Tunnelwall und wieder runter. Viele der Bewohner leben seit 30, 40 Jahren in der Weiermatt, so schlecht kann es dort nicht sein. Noch nicht mal Graffiti gibt es an den Wänden mit wenigen Ausnahmen. Gebhards Erklärung: «Spraydosen kosten Geld, die kann sich bei uns keiner leisten.»

«Warum es hier keine Sprayereien gibt? Weil sie sich niemand leisten kann»

Besprayen liesse sich die Tunnelwand sowieso nicht, sie ist von einem gewaltigen Erdwall ummantelt, der die Fraumatt vom Rest der Welt trennt, fast so, als wollte man sie absichtlich verstecken. Als Weg nach draussen und als Flaniermeile kommt nächstes Jahr ein Fuss- und Fahrradweg auf den Tunneldeckel mit grosszügig Grün, mit Fledermauskästen und Greifvögelstangen. So soll ein «ökologischer Korridor» von Nord nach Süd entstehen.

Heikle Fragen? Nicht mein Thema!

Das wird aber noch eine Weile dauern, sagt Martin Schaffer, Mitglied der Projektleitung. «Das Wetter im Frühling war nicht gut.»

Schaffer steht im südlichen Eingangsportal des Schönthal-Tunnels, der Aorta der viereinhalb Kilometer langen Umfahrung. Der Raumplaner stiess 2006 frisch ab der Uni zum Kanton und war gleich Teil des Riesenprojekts.

Kurz vor der Fertigstellung empfinde er eine tiefe Zufriedenheit, «es macht Spass zu sehen, dass alles aufgegangen ist». Die beiden 2,2 Kilometer langen Röhren sind fast bereit, die Autos von der Rheinstrasse zu saugen, sie sicher durchzuführen und der offenen Autobahn zu übergeben. Aufpralldämpfer müssen noch installiert, die elektronische Steuerung hoch­gefahren und die Begrenzungslinien gezogen werden.

In den letzten Monaten hat Schaffer zahllose Gruppen durch das Bauwerk geführt, von Politikern bis zum Turnverein, hat ihnen die Betriebszentralen gezeigt und versichert, dass die Notfallbuchten nicht vergessen gegangen sind (es gibt einen durchgehenden Pannenstreifen). Und wenn sie ihn auf die Kontroversen ansprachen, über Sinn und Wahnsinn der Umfahrung sprechen wollten, sagte er, darüber müsse er sich keine Gedanken machen, das gehöre nicht zu seinem Aufgabenprofil.

Wie ein UFO-Landeplatz

Tatsache ist: Der Tunnel hätte auch kürzer und damit günstiger gebaut werden können. Doch das wollte man nicht. Sparen, nicht bei diesem Prestigeprojekt, auch wenn der Kanton in allen anderen Bereichen immer mehr sparen muss.

Dafür hat man neben dem langen Tunnel nun die monumentale Auffahrt im Gebiet der Autobahn bei Pratteln und Augst. Es ist ein Kreisel, der ein bisschen so aussieht, wie man sich einen UFO-Landeplatz vorstellt: etwas zu gross für unsere Begriffe und fast schon von einem anderen Stern.

Für 248 Millionen Franken ist das gesamte Projekt ursprünglich versprochen worden, auch von der Regierung, nachdem sie ihre Vorbehalte aufgegeben hatte. Je nach Wortwahl bezeichneten die Gegner diese Prognose von Anfang an als fatalen Irrtum oder als grandiosen Schwindel – und sie bekamen recht.

2008 wurde bekannt, dass das Projekt tatsächlich rund doppelt so viel wie behauptet kosten werde, was der Regierung und der Baudirektion schon seit Längerem klar sein musste (heute werden die tatsächlichen Kosten auf 470 Millionen Franken veranschlagt). Dem Volk wurden die drastischen Mehrkosten bei der letzten, entscheidenden Abstimmung von 2006 aber verheimlicht. Allzu viel Offenheit hätte dem Projekt nur schaden können. Das durfte nicht sein, schon gar nicht so kurz vor dem Ziel.

Schlecht fürs Puff

Die politischen Kämpfe im Hintergrund hat Andres Lemmerer, der ­Geschäftsführer des «History»-Clubs, nicht wahrgenommen. Er ist erst mal froh, dass die Bauarbeiten zu Ende gehen, der Staub wegbleibt und bald die Staus aufhören. Stockt und stoppt der Verkehr, ist das schlecht fürs Geschäft. Der Österreicher sitzt in seinem Büro und zündet sich die nächste Lucky Strike an. Auf dem Überwachungsmonitor wechseln die Kamerabilder. Teure Autos auf dem Parkplatz, ein Whirlpool, der ungestört seine Blasen wirft, zwei nackte Frauen auf Barhockern im Inneren. Hinter Lemmerer hängt ein Babyfoto.

«Wenn die Kunden eine halbe Stunde im Stau stehen, bleibt ihnen keine Zeit mehr für einen Besuch im Club»

Vor drei Jahren hat eine Sexclub-Kette das ehemalige Fitnesscenter am Rand der Fraumatt übernommen und in ein Puff mit historischem Kitsch umgewandelt. Es schaut ein bisschen aus wie im Europa-Park.

Lemmerer hat gute Argumente für die Umfahrung: «Wenn unsere Gäste eine halbe Stunde im Stau stehen, reicht ihnen die Mittagspause nicht für einen Besuch.» Er wirkt abgespannt, die Röte steigt ihm in die Wangen, als er auf der sonnigen ­Aussenterrasse steht, auf der einige Prostituierte Pause machen, Espresso trinken, Vogue-Zigaretten rauchen. Spätsommer im Puff, während oben, auf der Rheinstrasse der Verkehr wieder anschwillt.

Die Angst der Gewerbler

Sobald die H2 in Betrieb ist, soll mit dem Stau Schluss sein. Die Verkehrsplaner gehen davon aus, dass die einzelnen Abschnitte noch von 7000 bis rund 20 000 Fahrzeugen befahren werden – heute sind es zwei bis sechs Mal so viele.

Darum machen sich einzelne Gewerbler auch schon Sorgen, dass mit dem abnehmenden Verkehr auch die Kundschaft kleiner wird.

Darum haben sie eine «IG Rheinstrasse vernünftig!» gegründet, die dafür sorgen soll, dass der geplante Rückbau der Strasse ja nicht zu weit geht. Dass sich Velofahrer und Fussgänger in dem Gebiet nicht plötzlich wohler fühlen als die Autofahrer.

Und im Hintergrund mischen auch schon wieder ein paar altbekannte Kräfte mit: die Automobilverbände zum Beispiel oder die Wirtschaftskammer.

Die Verhandlungen mit den Verbänden sei schwierig, heisst es in der Baudirektion. Umso einfacher sei es dafür mit den Anwohnern.

Diese Aussage könnte auch auf die Gewerbler aus dem Gebiet zutreffen, wenn sie so denken wie Roman ­Gerster vom Autohaus Nef. «Uns kann es nur recht sein, wenn nur noch die Menschen hierher kommen, die hier auch wirklich etwas suchen», sagt er. «Und mit dem ewigen Stau am Morgen und am Abend endlich Schluss ist.»

Ein Konzert im Tunnel. Das Eröffnungsfest für den Tunnel Schönthal findet an diesem Wochenende statt. Erster ­Höhepunkt ist das Konzert von 77 Bombay Street und Stefanie Heinzmann von heute Freitag – im ­Tunnel versteht sich. Tickets gibt es allerdings keine mehr; das Konzert ist ausverkauft, wie die Baudirektion Mitte Woche mitteilte. Freien Zugang gibt es dafür am Sonntag ab 10 Uhr. Die Veranstalter versprechen für diesen Tag ein interessantes Festprogramm mit Führungen, Filmen, Velorennen, Laufwettbewerben und weiteren Attraktionen. Weitere Infos finden Sie hier.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 25.10.13

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