Schon immer erwachsen und doch ewig jung

Von Papierschöpfer bis Pyrotechniker: Simon Andy Voegelin (29) gehört zur Generation, die schon als Kind überall mitmischte und sich nie festlegt.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Von Papierschöpfer bis Pyrotechniker: Simon Andy Voegelin (29) gehört zur Generation, die schon als Kind überall mitmischte und sich nie festlegt.

Für jemanden, der seine erste Firma mit neun Jahren gegründet hat, kommt Simon Andy Voegelin denkbar unscheinbar daher: Sehr höflich stellt er sich vor, ein Spätzwanziger mit sorgfältig-legerer Frisur und schwarzer Kunststoffbrille, fast ein bisschen schüchtern. Im Strassencafé vor dem Unternehmen Mitte bestellt er eine Schale mit Sojamilch. Als er dann zu erzählen beginnt, nimmt er mit jedem Satz Fahrt auf. Irgendwie scheint es ihn selber zu amüsieren, wie er tagein, tagaus und jede Minute auf Achse ist. Gar nicht eitel, sondern im Sinne von ist halt so. «Bei mir muss immer was los sein», lautet das Motto.

Die Zahl der Jobs und Projekte, die der 29-jährige Basler bereits auf die Beine gestellt oder an denen er zumindest mitgearbeitet hat, würde für drei junge Lebensläufe reichen. Soweit es sich zusammenfassen lässt, hat Voegelin etwa in folgenden Bereichen die Finger im Spiel: Er machte selber mal Kunst, betreibt eine Spedition für Kunstwerke und ist Pyrotechniker, also Fachmann für organisiertes Explodieren-Lassen. Ausserdem ist er zertifizierter Eventmanager, bringt dies auch Leuten bei, die noch jünger sind als er, und engagiert sich für die Umwelt. Er macht Szenenbilder für Kurzfilme und arbeitet als Kunsttechniker für Ausstellungen.

Ob er auch mal nicht weiterweiss? «Durchaus – für zehn Minuten.»

Kommt es auch mal vor, dass er nach dem Aufstehen nicht weiss, was er tun soll? «Durchaus – für zehn Minuten jedenfalls.» Voegelin strahlt. Länger geht es nie, bis ihn aus seinen Mails, die er jeden Morgen als Erstes liest, ein neues Projekt anspringt.

So geschäftig war Voegelin schon immer. Seine erste «Firma», wie er sie selber nennt, gründete er mit neun Jahren. Er besorgte sich Utensilien zum Schöpfen von Papier, stellte Schulkameraden ein und zahlte ihnen 50 Rappen pro fertigen Bogen. Für einen Franken verkaufte er sie weiter.

Den Kaufmann hat Voegelin im Blut und das nicht als Eintagsfliege. Vier Jahre blieb der Bueb am Papiergeschäft dran. Mit 13 wurde ihm trotzdem langweilig und er wechselte die Branche. Passend zum Teenie-Alter kaufte er vom Gewinn der Papierproduktion Discokugeln und -beleuchtung, nannte sich «Diamond Lights» und machte einen Verleih auf.

Alle Jahre etwas Neues

Seinen Arbeits- oder auch seinen Lebensstil hat er seither beibehalten. Wenn ihn etwas interessiert, macht er entweder bei anderen mit, die schon dran sind, oder er gründet das Unternehmen einfach selbst. Dann zieht er es professionell auf und macht nach wenigen Jahren etwas anderes. Und natürlich mehreres zugleich. «Ich bin nicht der Typ, der etwas 30 Jahre lang durchzieht», sagt Voegelin.

Aktuell interessiert er sich für klassische Musik und das Problem, dass die Konzerte zunehmend zur Seniorenveranstaltung werden. «In 20 Jahren wird die alte Aufführungspraxis ausgestorben sein», glaubt er. «Deswegen braucht es ein Publikum U60. Ich will die alten Leute nicht ausschliessen – aber auch nicht ansprechen.» Das alles sagt Voegelin sehr freundlich, ohne Spott, sondern mit Lust, etwas zu bewegen.

Neu ist das natürlich nicht (siehe TagesWoche 15/2013). Daher hat sich Voegelin dem Schweizer Label «ClassYcal» angeschlossen, das klassische Konzerte leger im Klub veranstaltet und mit elektronischer Musik mischt.

Klassik für die Massen

Voegelin will das Format noch weiterentwickeln. Er denkt an ein «multimediales Klassikspektakel», mit dem sich «Massen» für Klassik gewinnen lassen: Er erwägt Videoinstallationen und inszenierte Räume, dazu Kameras, deren Blickwinkel man über eine App verfolgen kann. «Die Gefahr der Überflutung» sehe er selbst (behauptet er zumindest). Doch über Klassik soll man reden können wie über Ikea: «Gehst du noch ins Konzert oder erlebst du schon?»

Und die Pyrotechnik? Als Teenie schlittelte Voegelin gegen einen Pfosten und trug mit einer Schädelverletzung eine Lernschwäche davon. Er schmiss die Schule und kam stattdessen in Neuenburg mit dem Filmgeschäft in Berührung. Als er schliesslich Eventmanager wurde, vermisste er daneben ein Handwerk. Und da er schon als Pfadi schrecklich gern gezündelt hat, ging er vor zwei Jahren an die deutsche Schule für Filmpyrotechnik (in der Schweiz gibt es nichts Entsprechendes).

Vor Aufnahme prüfte der deutsche Geheimdienst den Kandidaten auf Unbedenklichkeit – immerhin lernt man Bomben bauen. Inzwischen sind in diversen Kurzfilmen und Musikvideos brennende Tonnen und Müllhaufen zu betrachten, die Voegelin in Brand gesetzt hat. Eine Bohrinsel hochzujagen wäre natürlich auch ganz schön, aber dafür sei der Schweizer Markt zu klein.

Dieses Jahr gibt es für den rastlos Zufriedenen sogar Urlaub, drei Wochen am Stück. Das hat Voegelin seit der Schulzeit nicht mehr gemacht. Ein Workaholic, Herr Voegelin? «Gar nicht. Mir ist die Work-Life-Balance sehr wichtig. Ich mache Yoga.» Manchmal schläft er auch. Fünf Stunden sind genug.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 26.04.13

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