Schweizerdeutsch für Flüchtlinge: Eine App will ihnen dabei helfen

Ob Flüchtling oder einfach neu im Land: Deutsch lernen ist schon nicht einfach, und Schweizerdeutsch mit all seinen Dialekten noch viel schwieriger. Deshalb entwickelt ein junger Verein ein autodidaktisches Lehrmittel, das als Buch und als App herauskommen soll.

Der Verein voCHabular: Hannah Marti, Svenja Obrist, Lisa Marti, Anna Schmid, Samri Selassie (hinten v.l.n.r.); Agnes Jezler, Severin Bigler, Ahmed Suleiman, Madlaina Pestalozzi (vorne v.l.n.r.).

(Bild: Severin Bigler)

Ob Flüchtling oder einfach neu im Land: Deutsch lernen ist schon nicht einfach, und Schweizerdeutsch mit all seinen Dialekten noch viel schwieriger. Deshalb entwickelt ein junger Verein ein autodidaktisches Lehrmittel, das als Buch und als App herauskommen soll.

«VoCHabular» wirkt ungewohnt. Man stolpert fast über den Namen, wie wenn man beim Lernen einer Fremdsprache ein noch unbekanntes Wort entdeckt. VoCHabular ist der Name eines Selbstlernbuches, das neu ankommenden Personen in der Schweiz das Lernen der hochdeutschen und schweizerdeutschen Sprache erleichtern soll.

Durch die Differenz zwischen Hochdeutsch und den zahlreichen Dialekten des Schweizerdeutsch sehen sich Sprachlernende in der Deutschschweiz einer Doppelschwierigkeit ausgesetzt. «Das in einem Deutschkurs Gelernte wird häufig nicht auf der Strasse gehört. Schnelle Antworten, etwa am Bahnschalter, sind schwierig zu verstehen», sagt Agnes Jezler, Studentin an der Uni Basel.

Von Kapitel zu Kapitel

Ein Problem, das nicht nur in der Schweiz eine zusätzliche Hürde beim Zurechtfinden in einem neuen Alltag ist. Die Idee zu voCHabular entstand zum Beispiel während einer Reise nach Marokko. Agnes Jezler besuchte eine Freundin, die an einem Lernwerk für marokkanische Dialekte mitarbeitete. Die sprachliche Situation präsentiert sich dort ähnlich wie in der Schweiz: Oft unterscheiden sich die Dialekte grundsätzlich von der arabischen Hochsprache, weshalb sich das Erlernen der Sprache in Marokko gerade für Geflüchtete aus dem nichtarabischen Raum sehr schwierig gestaltet.

Viel diskutierten die beiden Freundinnen in diesem Zusammenhang auch über die Sprachlage in der Schweiz. Um diesem Sprachproblem auch hier etwas entgegensetzen zu können, wurde im vergangenen Dezember der Verein voCHabular gegründet.

Während dem Intensivwochenende des Redaktionsteams zum Schreiben vom ersten Kapitels: Die einzelnen Gruppen (Layout, Grammatik & Dialog, Übungen) tragen ihr erarbeitetes zusammen. Samri Selassie, Svenja Obrist, Betty (Betelhem) Kassa, Agnes Jezler, Lisa Marti (v.l.n.r.).

In Gruppen wird das Lernbuch erarbeitet. (Bild: Severin Bigler)

Mittlerweile ist das erste Kapitel des Lehrmittels fertiggestellt. Durch verschiedene Farben getrennt, werden darin die unterschiedlichen Themen zuerst auf Standarddeutsch und dann auf Schweizerdeutsch behandelt. Im Anschluss kann das Gelernte in Übungen getestet werden.

Neben einer Buchversion soll voCHabular auch als App erscheinen und dadurch gratis verfügbar sein. «Für Personen, die sich noch im Asylverfahren befinden und deswegen kein Anrecht auf Deutschunterricht haben, ist das Lehrmittel so eine Möglichkeit, sich mit diesen Sprachen auseinanderzusetzen», sagt Agnes Jezler. Zudem stehe der Verein in regem Kontakt mit lokalen Gruppen, die sich mit Deutschkursen beschäftigen.

Grammatik und Information

Doch voCHabular konzentriert sich nicht nur auf die Grammatik der Deutschschweiz. Immer wieder trifft man im Lehrmittel auf kleine Infoboxen, die Neuankommende beim Zurechtfinden im Schweizer Alltag unterstützen sollen. Thematisiert werden in diesen zum Beispiel die Infrastruktur, Ämter, kulturelle Gegebenheiten oder das Schul- und Ärztesystem der Schweiz. So wird etwa bei einer Sprachübung, die von einem Arztbesuch handelt, die Rechtsgrundlage eines Patienten genauer erläutert.

Eine Seite aus «voCHabular».

Eine Seite aus «voCHabular».

Die Themen nehmen viel Diskussionszeit in Anspruch. «Gerade bei diesen Infoboxen achten wir sehr darauf, dass die Erklärungen darin nicht paternalistisch daherkommen», sagt Agnes Jezler. Im Einführungskapitel wird laut Jezler auch darauf hingewiesen, dass man sich nie von solchen Alltagstipps angegriffen fühlen soll – «auch wenn uns klar ist, dass solche Informationen für viele Leute selbstverständlich sind.»

Für Expats wie Asylsuchende geeignet

Die erste Probeversion eines Kapitels ist soeben auf Englisch erschienen. «Am Ende soll voCHabular in allen grossvertretenen Sprachen von Neuankommenden in der Schweiz verfügbar sein», so Jezler. In einer ersten Runde werde voCHabular nun ins Englische, Arabische, Tigrinische und Amharische übersetzt. Weiter angedacht seien dann ein kurdischer Dialekt sowie Türkisch, Persisch, Tibetisch und Französisch.

Eine Menge Arbeit für die bunt zusammengewürfelte Gruppe. «Viele Mitglieder unseres Vereins haben in der Schweiz Deutsch als Fremdsprache gelernt», erzählt Jezler. Zudem gehören zum Verein viele Studenten, vermehrt aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, und im didaktischen Bereich tätige Personen.

Die Gruppe harmoniert laut Jezler gut, und nicht einmal bei der Dialektauswahl fürs Schweizerdeutsch habe es Interessenskonflikte gegeben: «Ziemlich schnell einigten wir uns auf Zürichdeutsch als repräsentierenden Dialekt für das Schweizerdeutsch.» Ausgewählt wurde der Dialekt, da Zürichdeutsch vergleichsweise wenig Sonderbegriffe enthalte und durchgängig gut verstanden werde. Angedacht ist aber, zu einem späteren Zeitpunkt andere Versionen zu veröffentlichen und darin weitere Dialekte zu berücksichtigen.
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Weitere Informationen auf der Facebook-Seite des Vereins.

Konversation

  1. Könnte man das nicht auch für „Flüchtlinge“ aus der Romandie oder aus dem Tessin anpassen und einsetzen, die in der Schule „‚Ochdeutsch“ lernen und dann in Züri, Bärn, St. Galle und Baasel kein Wort verstehen?

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  2. Hörverständnis?

    Dafür gibt es das Regionaljournal in fast allen dialektalen Grossregionen.

    Bevor hier jemand schreit: Ein Bébé hört zuerst einmal zwei Jahre lang zu, bevor es mit ein paar Hundert Wörtern und mit kurzen Hauptsätzen mitreden kann. Jeder Neusprachler kann sich mit Radio im Hintergrund an die Melodie und Zergliederung gewöhnen.

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  3. Eine ganz tolle Idee – Kompliment an die jungen Leute!
    Schweizerdeutsch lernen ist nicht nur für Flüchtlinge schwierig. Ich kenne einige Zugewanderte, die der Arbeit wegen hierher gekommen sind und die sich über so ein Lehrbuch auch freuen werden. Und erst recht, wenn das ganze auch als App daherkommt.

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  4. Den Schwerpunkt der Sprachlehre würde ich eher auch Hochdeutsch setzen: Damit kommt man zwischen Flensburg und Bozen relativ gut durch.
    Bei Züridütsch kann es in dem 100km entfernten Bern schon problematisch werden, da man sich dort damit schon als „Frömde Fötzel“ zu erkennen gibt.

    Die hiesigen Einheimischen missbrauchen den Dialekt nämlich auch dazu, sich vom Nachbartäleler oder Nachbarkantönler abzugrenzen.

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    1. So schlimm ist das nicht, auch ich als Zürcherin kann hier als Quartiermiss amten:-) Zudem ist anzunehmen, dass mögliche fremdländische Akzente die Zürischnurre sowieso überlagern würden, so dass statt eines negativen Anti-Züri-Reflexes eher ein positivier „wow-cool-der/die-spricht-Schweizerdeutsch“-Effekt entsehen wird.

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