Selbstquälerischer Totentanz

Peter Kastenmüller wagt sich in Basel erneut an einen sperrigen Stoff. In seiner Interpretation von Ingmar Bergmans Film «Das siebente Siegel» entfesselt er einen überfordernden Bildersturm. Das erschöpfte Premierenpublikum quittierte die Vorstellung mit verhaltenem Applaus. 

Spiel mit dem Tod: Ritter Antonius (Martin Butzke) muss beim Schachspiel gegen den Tod (Dirk Glodde) gewinnen, sonst schlägt seine letzte Stunde. (Bild: Judith Schlosser)

Peter Kastenmüller setzt bei seiner theatralischen Adaption von Ingmar Bergmans legendärem Film «Das siebente Siegel» auf den augenfälligen Effekt. Die Premiere hinterliess ein von der Bilderflut erschöpftes, ratloses Publikum. 

Dem Tapferen und Tugendhaften winkt der verdiente Lohn. Schön wärs. Zurück von einem entbehrungsreichen Kreuzzug erwartet Antonius Block (Martin Butzke) in seiner schwedischen Heimat nicht Frieden, sondern der Tod (Dirk Glodde). Und mit dem lässt sich bekanntlich nicht spassen – in diesem Fall aber zocken: Gewinnt der Ritter das Schachspiel mit Freund Hein, dann darf er weiterleben. Andernfalls sind seine Tage gezählt.

Kann das gut gehen? Es geht – zumindest eine Zeitlang. Die Schachpartie um Leben und Tod zieht sich als Leitmotiv über die gesamte Länge des Stücks. Solange die Partie nicht entschieden ist, so die Spielregel, wird Block Aufschub gewährt. Gewinnt er, soll er verschont werden.

Kräftezehrende Reise ins Reich der Finsternis

Antonius Block – einfühlsam gespielt von Martin Butzke – nutzt den Zeitgewinn, um Verpasstes zu tun: Er sucht nach Gott und dem Sinn des Lebens. Denn auch eine Antwort auf diese letzte Frage würde ihn von der sicheren Verderbnis erlösen. Mit seinem philosophisch durchtriebenen Knappen Jöns (Horst Kotterba) zieht er durch das von der Pest gebeutelte Land. Das gemeine Volk im noch unversehrten Landesteil erkennt den Ernst der Situation noch nicht – und Block tut, was er am besten kann: Er handelt. Er sammelt eine kleine Gruppe Überlebender um sich, mit der er der Pest entkommen will: das Schauspielerpaar Mia und Jof (Hanna Eichel, Benjamin Kempf), einen Schmied (Lorenz Nufer), dem die Frau durchgebrannt ist, und ein Mädchen (Chantal Le Moign), das sein Knappe gerettet hat. Nur Mia und Jof bleiben am Schluss am Leben. Block und die anderen dagegen entschwinden am Ende des Theaterabends per Hebebühne mit dem Tod ins Reich der Finsternis, wo sie einen letzten Totentanz aufführen.

In seiner Interpretation von Ingmar Bergmans Mittelalterfilm «Das siebente Siegel» aus dem Jahr 1957 schickt uns Regisseur Peter Kastenmüller auf eine kräftezehrende Reise in eine skurrile apokalyptische Welt. Um dem Abend die Schwere zu nehmen, greift er zu einem dramaturgischen Trick: Er transponiert die mittelalterliche Handlung und Bergmans bedeutungsschweren Fünfzigerjahre-Existenzialismus per Videoeinspielung immer wieder in die Gegenwart und schafft so Anknüpfungspunkte zu aktuellen Fragen: Soziologen, Kuratoren, Historiker und ein Basler Fährimann sinnieren über den Tod und unsere Vorstellungen vom Übergang ins Schattenreich – eine Idee, die dem strapazierten Publikum ein paar willkommene Verschnaufpausen verschafft.

Die Suche nach den letzten Fragen – ein hoffnungsloses Unterfangen

Antonius Blocks Suche, das wird im Verlauf des Abends immer klarer, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. In einer Vielzahl grotesk überzeichneter Tableaus wird der Ritter stetig auf sich selbst zurückgeworfen – ohne eine Antwort auf seine existenziellen Fragen zu erhalten: Warum zeigt sich Gott in äusserster Not nicht? Worin besteht der Sinn des Lebens? Was kommt danach?

Ein schwerer Stoff. Doch es ist nicht das erste Mal, dass sich Kastenmüller an eine schwierige Adaption wagt. In seinen bisherigen Basler Inszenierungen hat der 41-Jährige bereits zwei grosse Romane (Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» und John Steinbecks «Jenseits von Eden») sowie Armin Petras’ «Herakles»-Trilogie verarbeitet. Eingeprägt hat sich vor allem «Berlin Alexanderplatz», mit welchem dem Theater Basel vor drei Jahren ein grandioser Höhepunkt gelang. Das Premierenpublikum durfte gestern also gespannt darauf sein, wie Kastenmüller Ingmar Bergmans endzeitliche Bildwelt meistert.

Wie in seinen bisherigen Inszenierungen setzt er auf den vordergründigen augen- und ohrfälligen Effekt. Bergmans düstere, schwarzweiss gehaltene Vorlage wird schonungslos seziert, neu montiert und wild collagiert. Kaum eine Szene kommt ohne eingespielten Soundteppich aus. Wie in «Berlin Alexanderplatz» hat Michael Graessner auch hier das Bühnenbild kreiert. Grelles Scheinwerferlicht taucht die horizontal und vertikal raumergreifende Bühne in schroffe Hell-Dunkel-Kontraste. Über der Untergangsszenerie hängt eine mächtige (Toten-)Glocke, die sich im Lauf des Abends immer wieder auf den tapferen Ritter herabsenkt und zur letzten Stunde schlägt.

Weniger Effekte wären mehr

Das sind grauslich-schöne Bilder. Doch alles in allem wäre hier weniger sehr viel mehr gewesen. Immer wieder schrammt die Inszenierung haarscharf an der Überreizung vorbei. Vor allem, wenn sich die einzelnen Szenen – wie so oft bei Kastenmüller – nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen und die Inszenierung in zu viele Fragmente zu zerfallen droht.

Doch die Regie überrascht auch mit leisen, schönen Einfällen. Zum Beispiel mit dem raffiniert eingewobenen «Basler Totentanz», jenem berühmtem Gemälde, das im Spätmittelalter auf die Innenseite der Friedhofsmauer bei der Predigerkirche gemalt wurde. Klug übersetzt Kastenmüller das historische Motiv in die Jetztzeit und montiert eine dritte Zeitebene zwischen die düstere Bildwelt des Mittelalters und Bergmans schwermütige Interpretation des Memento-Mori-Stoffes. An dieser Stelle erfährt das Publikum etwa, warum die einstige Bushaltestelle «Totentanz» vor rund 30 Jahren in «Universitätsspital» umgetauft wurde: Die Basler Stadtbehörden wollten Reisenden, die im nahen Spital kranke Angehörige besuchten, pietätslose Momente ersparen – eine witzige Überblendung, die das Publikum mit einem dankbaren Lachen quittiert.

Nach zwei Stunden geht ein anstrengender Theaterabend zu Ende. Ein kurzer Blick in die Publikumsreihen zeigt: erschöpfte Gesichter. Was bleibt? Im Zuschauerraum haben wir neben dem traditionellen Premierenpublikum auch ein paar junge Köpfe gesehen: Die abgeklärten Vertreterinnen und Vertreter der Facebook-Generation dürften dieser selbstquälerischen existenzialistischen Suche nach dem Sinn des Lebens und Sterbens kaum etwas abgewonnen haben.

Der Schlussapplaus ist verhalten, nur ein paar vereinzelte Bravo-Rufe für die gute schauspielerische Leistung folgen – das Publikum war nach diesem Basler Totentanz wohl zu erschlagen.

«Das siebente Siegel» 
Nach dem Film von Ingmar Bergman; deutschsprachige Erstaufführung

Regie: Peter Kastenmüller; Bühne: Michael Graessner; Kostüme: Daniela Selig; Video: Yves Zintel; Dramaturgie: Martina Grohmann
Mit: Martin Butzke, Hanna Eichel, Dirk Glodde, Martin Hug, Benjamin Kempf, Chantal Le Moign, Horst Kotterba, Lorenz Nufer

Weitere Vorstellungen:
Mi 9.11., Do 10.11., Mi 16.11., Sa 19.11., Fr 25.11.2011, jeweils um 20.00 Uhr, im Schauspielhaus Basel.


Konversation

  1. Ich fand den Abend sehr unterhaltsam, vielleicht bot die Inszenierung keine fertigen Antworten, doch mit vielen Fragen und sehr schönen Bildern, Stoff zum Weiterdenken. Ich das Stück auch sehr lebendig, eine gute Mischung zwischen leicht übertrieben, spritzig und dennoch ernst sowie gut gespielt. Die Inszenierung ist pathetischer als der Film, aber dadurch gerade auch lebendiger, erfrischender und auch humorvoller.
    Der sinnringende Ritter, die vitale Gauklerfamilie, der zynische Knappe – ich konnte viel dem Stück abgewinnen, welches mich faszinierte und berührte – trotz Teil der „Facebook-Generation“ zu sein.

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  2. Ich finde es schwierig, dass Sie dem Publikum durch einen kurzen Blick in die Reihen allgemeine Erschöpfung attestieren. Im Gegensatz zu Kastenmüllers „Jenseits von Eden“-Inszenierung fand ich seine Inszenierung von „Das siebente Siegel“ überhaupt nicht überladen. Und klar greift Kastenmüller in die Effekte-Schublade, aber nicht auf stumpfe, sinnlose Art und Weise. Herzlicher Gruss von einer abgeklärten aber dennoch begeisterten Vertreterin der Facebook-Generation.

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