Sie wollen in die Regierung – wir geben ihnen die Stilnote

Sie wissen nicht, wen Sie wählen wollen? Und Sie finden Wahlplakate als Entscheidungsgrundlage etwas gar flach? Macht nichts. Telebasel hat die vier neuen Baselbieter Regierungskandidaten auf Spontaneität getestet. Wir haben das Resultat bewertet.

Überraschung! Telebasel testete die Baselbieter Regierungskandidaten auf Spontanität und Schlagfertigkeit. Wir verteilen die Noten. (Bild: Screenshot Telebasel)

Sie wissen nicht, wen Sie wählen wollen? Und Sie finden Wahlplakate als Entscheidungsgrundlage etwas gar flach? Macht nichts. Telebasel hat die vier neuen Baselbieter Regierungskandidaten auf Spontaneität getestet. Wir haben das Resultat bewertet.

Wer regieren will, muss auch spontan sein. Und wer dafür die Stimmen der Wähler braucht, der sollte auch den nötigen Charme an den Tag legen. Was eignet sich besser, das zu testen als der pure Moment des Affekts? Die Sendung «7vor7» von Telebasel hat deshalb die vier neuen Baselbieter Regierungskandidaten ohne Voranmeldung überrascht. Das Resultat… Ach, schauen Sie selbst.

 

Regula Nebiker, SP, Liestal

Reaktionsvermögen: Na, die Frau ist doch mal angenehm überrascht. Kein Wunder, wenn einem ein charmanter junger Herr schon am Morgen ein Mikrofon ins Gesicht streckt. Immerhin beweist Regula Nebiker, dass sie keine Berührungsängste hat: Wie es sich gehört, lädt sie das Fernsehteam an den Küchentisch.

Humor: Spricht für die SP-Frau, die angesichts der medialen Bedrängnis keinerlei Berührungsängste zeigt. Eine Kandidatin tut, was eine Kandidatin tun muss – und die Liestaler Stadträtin Nebiker tut es charmant. Möglicherweise ein grosser Vorteil im Umgang mit einer zum Beispiel debattierfreudigen Baselbieter Lehrerschaft. 

Inhalt: Routiniert gibt sie keine Antwort auf die Frage, welches Baselbieter Spital geschlossen gehört. Und linientreu findet sie, dass beim Staatspersonal nicht gespart werden soll. Die Frage zum Lehrplan beantwortet sie mit einer gekonnt magistralen Erläuterung von Sachverhalten.

Gesamteindruck: Im Spontaninterview steht Regula Nebiker SP-Bildungsdirektor Urs Wüthrich in wenigem nach, mit Ausnahme der Schwere des Berner Dialekteinschlags und der Weitschweifigkeit regierungsrätlicher Argumentationskapriolen. Die Einladung an den Küchentisch beweist Offenheit und vor allem einen rustikalen Einrichtungsgeschmack. Grosser Pluspunkt: Kaffee-Vollautomat statt Nespresso-Kapseln.

Schlussnote: 8 von 10 Punkten. Herzlich und gewinnend, wie Nebiker im eigenen Heim auftritt, ist sie schon mal Siegerin der Herzen. Wenig erspriesslich sind ihre gekonnt die heiklen Stellen umschiffenden Antworten, die allerdings Spielraum für Spekulationen offen lassen. Als Liestaler Stadträtin und damit Mitglied einer Exekutive zeigt sie aber, dass sie sehr wohl weiss, was auf sie zukommen könnte.

 

Monica Gschwind, FDP, Hölstein

Reaktionsvermögen: Die bürgerliche Top-Kandidatin scheint auf den ersten Blick «not amused», fängt sich aber rasch. Klar: Beim Mittagessen hört der Spass auf. Und bei der Privatsphäre ohnehin: Nichts mit Küchentisch und schon gar nichts mit Abwaschen, trotz des eindeutigen Angebots des Moderators. Egal: Vor Thuja-Hecke und Holzgartenzaun lässt sichs sowieso besser interviewen.

Humor: Auch ein Verlegenheitslachen ist ein Lachen, also sei der Humor an dieser Stelle gutgeschrieben. Ob die Telebasel-Stiftungsrätin Gschwind aber tatsächlich einen Plausch an der Stippvisite hatte, war beim besten Willen nicht auszumachen. 

Inhalt: Gewandt gibt die gemeindeorientierte Gschwind das bürgerliche Programm wieder: Bei allen Direktionen müsse zwecks Steigerung der Effizienz gespart werden. Ein Spital zu schliessen, könne sich der Kanton nicht erlauben. Und das Aufgegleiste des Lehrplans 21 soll nun nicht gestoppt werden, immerhin sei aber ein Ausstieg aus dem HarmoS-Konkordat zu erwägen, wenn keine Korrekturen erfolgen würden.

Gesamteindruck: Mit kühler Distanz lässt sich Gschwind nichts anmerken, und da wird auch der sonst so pfiffige Moderator ganz brav. Keine Frage, die Frau hat ihr Medientraining erfolgreich hinter sich. Allerdings gibt es Abzüge bei der Herzlichkeit. Durch den astreinen und politisch wenig konkreten Vortrag des Wahlprogramms macht sie diese aber wieder wett.

Schlussnote: 7 von 10 Punkten. Einen Ausbund an Lebensfreude markiert Gschwind in ihrem Auftritt nicht. Die kühle Bestimmtheit – die alt CVP-Regierungsrätin Elsbeth Schneider schon gekonnt demonstrierte – könnte der Hölsteiner Gemeindepräsidenten aber zugute kommen. So bietet sie als Politikerin, nicht aber als Person Angriffsfläche. Schliesslich weiss sie als oberstes Exekutivmitglied einer Landgemeinde auch, wie man eine Gemeindeversammlung bändigt.

 

Daniel Münger, SP, Münchenstein

 

Reaktionsvermögen: Ach, Stammtisch! Ein Heimspiel für den erprobten Gewerkschafter Münger, wenn auch in Gelterkinden und nicht in Münchenstein. Wie ein Fisch im eigenen Teich bewegt sich der Kandidat durch die Situation, ja, da wurde einer beim Bier und also auf dem richtigen Fuss erwischt. 

Humor: Kernig, gefasst und schlagfertig. Der Münger gibt sich als Mann des Volkes, der auch mal über sich lachen kann. Wer würde da schon ein Freibier ablehnen?

Inhalt: Münger demonstriert differenzierten Durchblick. Auch wenn er sich nicht auf eine Spitalschliessung festlegen will, hält er fest: Lieber ein sehr gutes Ambulatorium als ein halbpatziges Spital. Auf die Schliessung des Spitals Laufen will er sich aber nicht festlegen lassen. Beim Lehrplan 21 dribbelt er sich zwischen den Fettnäpfchen durch, sein Fazit: «Dr Lehrplan 21, dasch e gueti Sach.» Als einziger darf er über Investitionen reden und siehe: In die Wirtschaft könnte investiert werden, auch in die Bildung, aber auch in Verkehrswege. Und siehe: Plötzlich ist er den Forderungen der Wirtschaftskammer ziemlich nah.

Schlussnote: 9 von 10 Punkten. Münger gibt jetzt schon den routinierten Exekutivpolitiker mit Durchsetzungsvermögen, volksnah und ganz und gar nicht wirtschaftsfeindlich. Vielleicht kommt dem SP-Mann seine Nähe zur Baselbieter Wirtschaftskammer im Wahlkampf ja tatsächlich zugute. 

 

Matthias Imhof, BDP, Laufen

Reaktionsvermögen: Na bitte, hier gibt es den echten Überraschungseffekt: Mann während eines Telefonats überrumpelt. Imhof ist beim Hausbesuch erst mal vollends baff, fängt sich aber rasch und herzlich. Der Rest bereitet ihm nach dem Anfangsschock und erstem Unwohlsein sichtliches Vergnügen.

Humor: Ja, der Unternehmer hat Humor und er lässt ihn unter der knallharten Hülle fürs Fernsehen auch aufblitzen. Das gehörige Mass an Selbstironie spart er sich aber bis ganz zum Schluss auf.

Inhalt: Ein Mann der klaren Antworten! Ja, er würde das Bruderholzspital schliessen, und er hat seine Gründe. Sparen könne und solle der Kanton überall, konkret im Bau: Keine Luxus-Strassen, keine Luxus-Schulhäuser, warum nicht Systembauten? Und damit die Baselbieter Schulen die Qualität wahren können, brauche es gute und motivierte Lehrer. Würden die nicht hinter dem Lehrplan 21 stehen, könne man diesen getrost fallen lassen. 

Gesamtnote: 6 von 10 Punkten. Der hemdsärmlig-sympathische Auftritt erinnert in erfreulicher Weise an alt SVP-Regierungsrat Erich Straumann. Ob ihm die klaren, wenn auch sehr pauschalen Antworten zugute kommen, ist angesichts der Wahlchancen fraglich, als pragmatischer Parlamentarier wäre Matthias Imhof hingegen eine erfrischende Erscheinung.

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Die Sendung «7vor7» von Telebasel zeigt am Sonntag ein Best-of der Beiträge. 

Konversation

  1. Es verwundert nicht, dass das Wort „Lügenpresse“ existiert. Auch in der Schweiz haben sich die Medien weitestgehend von der Objektivität entfernt und mischen Kraft ihres Status selber aktiv im Politbetrieb mit.

    Thomas Kreienbühl wird von der bz konsequent ignoriert. Das ist gewissermassen skandalös, jedoch überhaupt nicht verwunderlich. Die Ämtlischachereien sind teil der Baselbieter Politmentalität, da sitzen Wirtschaftskammer, das Hausblatt bz und die FDP alle am gleichen Tisch und bestimmen wer da wo Einsitz nehmen darf. In erster Linie gilt im Baselbieter Machtzirkel: Ich und mein Portemonaie zuerst.

    Ein Politrebell und Quereinsteiger, der sich nicht an die Spielregeln der bürgerlichen halten will, muss da totgeschwiegen werden. Auf Kosten der publizistischen Glaubwürdigkeit – einmal mehr.

    Exemplarisch auch das Beispiel Telebasel, dessen Strukturen ähnlich mafiös sind. Der ganze Beitrag ist nichts wert ohne Tom Kreienbühl, ist so reine einseitige Propaganda für die, die das Spiel brav mitspielen.

    Es ist irgendwie absurd, wie viel Geld im Baselbiet in den Wahlkampf gebuttert wird, wer da alles verdient und profitiert.

    Da darf ein Tom Kreienbühl nicht sein. Was im Baselbiet stattfindet, hat mit Demokratie nur noch am Rande zu tun.

    Viel wichtiger ist es, dass der Goldesel des Gewerbes, Sabine Pegoraro, wieder an die Töpfe kommt. Leistungsausweis dünn, Checkheft dick.

    Das Baselbiet bräuchte einen Tom Kreienbühl. Nur leider sagt das niemand den Wählern.

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    1. «Selektives Verschweigen» ist in diesem Land zum Geschäftsmodell der Medien geworden.

      Es wäre deshalb diesem Medium hier gut angestanden, wenn es im Sinne des medialen Ausgleichs einen eigenen «Hausbesuch» bei Kreienbühl unternommen hätte.

      Aber die Kräfte waren halt auch hier gebunden. Waren wahrscheinlich alle in Deutschland.

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  2. …da fehlt doch ein Regierungsrat-Kandidat – Tom Kreienbühl, der Linienpilot aus Thürnen – wo bleibt denn euer Demokratieverständnis?

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    1. Leider haben die Kollegen von Telebasel dem parteilosen Thürner Kandidaten Thomas Kreienbühl keinen Besuch abgestattet. Hinsichtlich der Einheit der Materie konnten wir also nur die Auftritte jener Kandidaten besprechen, die von Adrian Plachesi besucht wurden.

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