So soll der grösste Flughafen der Welt aussehen

2018 soll in Istanbul der grösste Flughafen der Welt eröffnet werden. Mega-Projekte wie diese sind Aushängeschilder von Präsident Erdogan. Umwelt und Bevölkerung zahlen dafür einen hohen Preis, Kritik ist unerwünscht.

(Bild: igairport.com)

2018 soll in Istanbul der grösste Flughafen der Welt eröffnet werden. Mega-Projekte wie diese sind Aushängeschilder von Präsident Erdogan. Umwelt und Bevölkerung zahlen dafür einen hohen Preis, Kritik ist unerwünscht.

Es ist ein Projekt der Superlative: In Istanbul entsteht derzeit der grösste Flughafen der Welt mit einer Fläche so gross wie 2000 Fussballstadien. 350 Ziele weltweit soll er bedienen und jährlich 150 Millionen Passagiere befördern – mehr als doppelt so viele wie Frankfurt (immerhin nur der drittgrösste Flughafen in Europa) mit «nur» 61 Millionen im vergangenen Jahr.

«Es ist das wichtigste Projekt der türkischen Republik», sagt Yusuf Akcaoglu, Firmenchef des Konsortiums IGA, das vor drei Jahren den Zuschlag für den Bau des dritten Istanbuler Flughafens erhielt. «Er wird unser Land zum Luftfahrtzentrum der Welt befördern, zum wichtigsten Drehkreuz zwischen Ost und West.»



Turkish President Tayyip Erdogan is pictured during his visit to the construction site of the city's third airport in Istanbul, Turkey May 9, 2016.

Besuch auf der Mega-Baustelle: Tayyip Erdogan hat sich eine Besichtigung nicht nehmen lassen. (Bild: Yasin Bulbul/Presidential Palace/Handout via REUTERS)

Die beteiligten Firmen stammen aus dem engsten Umfeld der türkischen AKP-Regierung. Präsident Recep Tayyip Erdogan selbst hatte den Anstoss zu dem Bau gegeben. Kürzlich inspizierte er mit vier Ministern die gigantische Baustelle. Einen Tag später durfte auch ein internationales Kamerateam auf das Gelände und wurde von der Baufirma herumgeführt.

Das Areal liegt an der Schwarzmeerküste im Norden von Istanbul. Tausende Baulaster begradigen die eigentlich hügelige Landschaft. Die Pfeiler der Terminalhalle ragen bereits in den Himmel, dazwischen Baukräne so weit das Auge reicht. Über 13’000 Arbeiter schuften hier im Schichtdienst, 24 Stunden am Tag. Der Zeitdruck ist riesig, denn schon in zwei Jahren soll der Flughafen – zumindest teilweise – eröffnet werden. So hat es Erdogan angeordnet.



Turkish President Tayyip Erdogan meets with workers during his visit to the construction site of the city's third airport in Istanbul, Turkey May 9, 2016.

13’000 Menschen arbeiten 24 Stunden am Tag an der Vision von Erdogan. (Bild: Yasin Bulbul/Presidential Palace/Handout via REUTERS)

Dabei war der Widerstand gegen das Projekt zu Beginn gross. Experten warnten, dass das Mega-Projekt die letzten Wälder und Trinkwasserreservoirs Istanbuls zerstören und das ohnehin fragile Ökosystem der 14-Millionen-Metropole immens gefährden würde. Zudem sei der Ort wegen starker Winde und Zugvögelrouten vollkommen ungeeignet für einen Flughafen.

«Selbst die Stadtverwaltung bestimmte noch 2009, dass diese Region nicht bebaut werden darf, weil sie die Lunge der Stadt ist», erklärt Aktivist Efe Baysal, «doch diese Pläne wurden zu den Akten gelegt. Die jetzige Umweltverträglichkeitsstudie ist ein Witz.»




Mega-Projekt, Mega-Baustelle. (Bild: Wikipedia/Enisfesci/CC-Lizenz)

Die Medien bilden Kritik nicht mehr ab

Baysal gehört zu einer bunt gemischten Gruppe von Naturschützern, Anwohnern und Wissenschaftlern, die sich den Schutz der Wälder zur Aufgabe gemacht hat. Sie sehen sich als Kinder der Gezi-Proteste. Das Flughafenvorhaben war damals ein Mitauslöser für die landesweiten Demonstrationen von 2013.

Nicht allen gefallen die Pläne der Regierung. (Bild: Wikipedia/Römert and one more author/CC-Lizenz)

Doch ihre Kritik wird in den überwiegend regierungsnahen Medien kaum noch abgebildet und von Firmenchef Akcaoglu rigoros fortgewischt. «Das sind Falschinformationen. Hier waren vorher keine Wälder, sondern Krater früherer Kohleminen. Diese Region werten wir jetzt auf, beleben sie, schaffen Hunderttausende Arbeitsplätze. Die Anwohner haben quasi im Lotto gewonnen – ihre Grundstücke werden jetzt sehr wertvoll.»

Viele Bewohner der umliegenden Dörfer sehen das anders. Ein Kellner in einem Café, der seinen Namen nicht nennen will, sprudelt nur so hervor:

«Unsere Felder wurden zwangsenteignet, wir haben einen lächerlichen Preis dafür erhalten. Die Landwirtschaft ist am Ende. Wegen des wahnsinnigen Staubs und Motorenlärms kommen wir nicht mehr zur Ruhe.»

In der Umgebung des Flughafens werden achtspurige Autobahnen gebaut, eine neue, dritte Bosporus-Brücke soll im Sommer eingeweiht werden. Auf Wunsch Erdogans soll unweit gar ein zweiter, künstlicher Bosporus nebst Metropole entstehen. «Schon bald werden wir hier mitten in der Grossstadt sein», sagt der Kellner mit bitterer Stimme.

Auch die Schweiz profitiert: Schindler beliefert den neuen Flughafen.

Bewohner des nahegelegenen Dorfes Yeniköy sind gegen die Enteignungen vor Gericht gezogen. Vom höchsten Punkt der Ortschaft aus blickt man auf die riesige Baustelle, die sich zwischen grünen Hügeln und Schwarzmeerküste ausgebreitet hat. Vor diesem Panorama will ein Landwirt dem internationalen Kamerateam spontan ein Interview geben. Doch noch bevor das Mikrofon angeschaltet ist, kommt ein Anruf von der Flughafenfirma. Ein aufgelöster Mediensprecher fragt, was das Team dort zu suchen habe, warum man dies hinter dem Rücken der Firma tue.

Den Einwand des Teams, dass es hier nur seine journalistische Pflicht erfüllt und beide Seiten anhört, will er nicht akzeptieren. Kurze Zeit später rücken zwei Polizisten der Gendarmerie an, nehmen alle Personalien auf. Das sei eine sensible Gegend, deshalb seien Fernsehaufnahmen unerwünscht, sagen sie.

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Der neue Flughafen gehört zu einer Reihe von Mega-Projekten, die in der Türkei noch vor dem 100. Jahrestag der Staatsgründung im Jahr 2023 gebaut werden sollen. Gegenwärtig wird ein Kanal parallel zum Bosporus geplant, der den regen Schiffsverkehr in der Meerenge erleichtern soll. Daneben wird eine dritte Brücke über den Bosporus gebaut. Die TagesWoche hat die Projekte hier aufgelistet.

Konversation

  1. Eine schiffige Stadtumfahrung dürfte Sinn machen. Ein brennender Tanker mitten in istanbul wäre nämlich eine ausgewachsene Katastrophe!

    Naja, Politik will sich verewigen. Deshalb baut man lieber Monsters statt Schulen und Moscheen statt Kindergärten.
    In zwanzig Jahren werden die Bürger dann merken, dass ihre Kinder leider dumm geblieben sind, es der Wirtschaft sehr schlecht gilt, weil jeder ein altes Buch, aber nichts sonst lesen kann.
    Arme Zukunft dieses Landes!
    Wer kann, der möge weggehen, woanders bekommen die Kinder Bidung und eine Zukunft.

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  2. Bravo- weiter so- immer weiter ! und zur Eröffnung dieses Monsterunsinns der dank Diktatorenbrutalismus und „Effektivität“ welche der von z.b. China kaum nachsteht, beinahe Pünktlich vonstatten geht, kommt unsre Deutsche Murkslerin, kniet öffentlichkeiswirksam vor dem Sultan und bittet Ihn, solche Dinge vielleicht auch bei Ihr in Berlin in die Hand zu nehmen, damit dort endlich -Irgendwann einmal- auch ein Flughäfelchen eröffnet werden könne… ;-)) Tja- wie schön könnte doch diese Welt sein, ohne die lästige Demokratie, dafür unter der Knute von all den Erdowahns, Putins, Trumps… Schönes Wochenende noch !

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