Sogar eine Miss France kämpft fürs Elsässisch

Die Elsässer Jugend spricht kaum mehr den eigenen Dialekt. In der aktuellen Wirtschaftskrise ist das auf dem Arbeitsmarkt im Dreiland zwischen Strassburg, Freiburg und Basel zunehmend ein Handicap. Die Rückbesinnung aufs Elsässische dürfte aber zu spät kommen.

Tourte als Schönheitskönigin im Dienste der Sprache ihrer Grosseltern durch elsässische Schulstuben: Delphine Wespiser, Miss France 2012. (Bild: MARTIN BUREAU)

Die Elsässer Jugend spricht kaum mehr den eigenen Dialekt. In der aktuellen Wirtschaftskrise ist das auf dem Arbeitsmarkt im Dreiland zwischen Strassburg, Freiburg und Basel zunehmend ein Handicap. Die Rückbesinnung aufs Elsässische dürfte aber zu spät kommen.

Jean-Louis Perrin ist Schreiner in der 300-Seelen-Gemeinde Saint-Bernard im Sundgau. Im Dorf, das erst seit der Fusion von Brinnighofen und Enschingen 1972 seinen französischen Namen trägt, führt er zusammen mit seiner Frau Monique einen kleinen Familienbetrieb, den er von seinen Eltern übernommen hat.

Wie seine Frau ist er in einem elsässisch sprechenden Elternhaus aufgewachsen und beherrscht den regionalen Dialekt trotz einer französischen Schullaufbahn bis heute bestens. Auch mit seinen Kunden vor Ort – meist eher ältere Leute – redet er vorwiegend elsässisch. Den schriftlichen Teil seiner Arbeit, von der Buch­haltung über die Korrespondenz bis zu den Steuern, erledigt er hingegen in Französisch. Anders geht es nicht, denn Elsässisch ist keine Schrift­sprache.

Die drei Söhne Julien, Mathieu und Vincent, zwischen 20 und 30 Jahre alt, sind mit dem Elsässischen gross geworden. Eltern und Grosseltern redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Und das war eben elsäs­sisch. Die älteren zwei Brüder sprechen es auch heute noch leidlich, allerdings bloss noch ausnahmsweise. Vincent, der Jüngste, versteht den Dialekt zwar noch, redet ihn aber gar nicht mehr.

Verantwortlich dafür sind in erster Linie seine Eltern, die bei Gesprächen mit ihren Kindern irgendwann vom Elsässischen ins Französische wechselten, um ihnen den Weg durch die Schuljahre der Education nationale in eine französische Berufslaufbahn möglichst zu erleichtern. So geriet der Dialekt bei den drei Jungen zunehmend ins Abseits. Selbst bei der Arbeit als Elektriker in Basel, der er seit über zehn Jahren nachgeht, redet Julien vorwiegend französisch, denn fast alle seiner Arbeitskollegen sind ebenfalls Elsässer. Noch eine Generation später ist das Elsässisch für Juliens sechsjährigen Sohn Victor inzwischen zur Fremd­sprache geworden, die er bloss noch ab und zu bei seinen Grosseltern hört.

Die verpönte Sprache Hitlers

Die Entwicklung der Perrins ist typisch für die grosse Mehrheit der Elsässer Familien. Mitverantwortlich für den zunehmenden Verlust der Zweisprachigkeit sind aber auch die Schulen, welche von Biarritz bis Bourgfelden jahrzehntelang eine rein französische Kultur verbreiteten und das Elsässische als Sprache der Bauern in Misskredit brachten. Und nach dem im Elsass besonders schmerzvollen Zweiten Weltkrieg war Elsässisch als deutsche Regionalsprache in Frankreich fortan die Sprache Hitlers, nicht Goethes.

Unter Charles de Gaulle wurde das Elsass jahrzehntelang auch sprachlich bewusst zurückerobert. Dabei fand die sprachliche Assimilation auch durchaus subtil statt: Den Elsässerinnen und Elsässern wurde eingeredet, dass es einfach «chic» sei, wie auf den Pariser Champs Elysées zu sprechen. Elsässisch galt als altmodisch, hinterwäldlerisch. Paris war die Welt, das Elsass, besonders der agrarisch geprägte Sundgau, dagegen das französische Pendant zum schweizerischen Haslital.

Elsässisch galt als altmodisch, hinterwäldlerisch.

Zwar besann man sich im Elsass in den Jahren des 68er-Umbruchs auf die eigenen, regionalen Wurzeln zurück und erkannte die Gefahr, mit der eigenen Sprache auch die kulturelle, regionale Identität zu verlieren. Es bildeten sich Vereinigungen, die den Kampf um die Rettung des Elsässischen aufnahmen. Elsässer Künstler, vom Liedermacher und Kabarettisten Roger Siffer über den Schriftsteller André Weckmann bis zum Zeichner Tomi Ungerer, bekannten sich offensiv zu ihrer Herkunft.

Schliesslich wurde Deutsch als Fremdsprache 1972 an den Schulen wieder eingeführt. Doch es dauerte noch bis in die 90er-Jahre, ehe das Elsässische auch in den Schulstuben der Education nationale offiziell wieder Einzug hielt. Allerdings müssen die Anhänger des Elsässischen bis heute hartnäckig um die Einrichtung jeder einzelnen zweisprachigen Schulklasse kämpfen. Inzwischen besuchen rund 20 Prozent der Elsässer Kinder im Primarschulalter zweisprachigen Unterricht. Doch die Dauerberieselung der französischen Unterhaltungsindustrie, vor allem via Fernsehen, hat längst ihren Teil dazu beigetragen, dass das Elsässische aus dem Alltag der heutigen Jugend verschwunden ist.

Im Supermarkt gibts «Wurscht»

In einer vom Office pour la Langue et la Culture d’Alsace in Auftrag gegebenen Umfrage zum Dialekt gaben im letzten Jahr lediglich noch 43 Prozent der Befragten an, sie würden gut Elsässisch sprechen. Zehn Jahre zuvor waren es noch 61 Prozent gewesen und 1962 sprachen gar noch 82 Prozent gut Elsässisch. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil derer, die Elsässisch weder sprechen noch verstehen, stetig an. Dabei wird der Dialekt von den Befragten durchaus positiv bewertet. Und es gibt auch eine lebendige regionale Kultur.

Vor allem in den Dörfern sind die Dialekttheater mit ihren Laienschauspielern äusserst beliebt. Und auch zahlreiche Unternehmen fördern heute offiziell die Zweisprachigkeit. So sind etwa die Verkaufsrayons im Leclerc-Supermarkt in Altkirch Deutsch und auch Elsässisch angeschrieben. Die Charcuterie heisst «d’Wurscht», die Biscuits sucrés findet man bei den «Bredle». Auch die Stras­senschilder in vielen Dörfern zwischen Mülhausen, Altkirch und Basel sind oft zweisprachig angeschrieben. Doch bei der mit Fernsehen und Facebook sozialisierten Jugend nützt das wenig. Und auch die durchaus lebendige, aber doch eher intellektuelle Renaissance des Elsässischen in Kunst und Literatur schafft es kaum, bis in den Alltag der heutigen Smartphone-Generation durchzudringen.

Die Charcuterie heisst «d’Wurscht», die Biscuits sucrés findet man bei den «Bredle».

Was das Elsass mit der Zweisprachigkeit verliert, wird erst in der jüngsten Vergangenheit auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst: In der aktuellen Wirtschaftskrise erschweren es die verlorenen Deutschkenntnisse den Elsässer Arbeitssuchenden zunehmend, einen Job in den vergleichsweise prosperierenden Nach­barregionen zu finden. Das Französische, das im zweisprachigen Dreiland lange als Trumpf der elsässischen Arbeitnehmer galt, ist heute als Exklusivsprache ihr Handicap.

Die Folgen sind unübersehbar. Die Zahl der Grenzgänger ging in den letzten zehn Jahren deutlich zurück, obwohl sich der Arbeitsmarkt im Elsass – das um die Jahrtausendwende noch praktisch Vollbeschäftigung kannte – im Gegensatz zur Region Basel und der badischen Nachbarschaft massiv verschlechtert hat. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Arbeitslosen verdoppelt und liegt inzwischen bei über neun Prozent, bei den Jugendlichen noch höher. Die Elsässer laufen im vordergründig doch so offenen Dreiland am Oberrhein zunehmend Gefahr, abgehängt zu werden.

Der Nationalstolz als Hindernis

Wer Elsässisch spricht, hat die besseren Karten. «Wir beobachten sehr wohl, dass unsere Nachbarn dringend nach Fachkräften suchen», sagt Patrick Hell von der Industrie- und Handelskammer Mülhausen. Doch sowohl auf schweizerischer wie auch auf deutscher Seite werden inzwischen auch für einfache Jobs Deutschkenntnisse verlangt. Wer in Basel zum Beispiel bei Coop oder Migros arbeiten will, muss mit der Kundschaft reden können.

In den nächsten Jahren wird eine grosse Zahl von Grenzgängern, die so gut Deutsch ­beherrschten, dass sie problemlos ennet der Grenze Arbeit fanden, altershalber aus dem Berufsleben ausscheiden. Doch mangels Sprachkenntnissen wird die nächste Generation arbeitswilliger, junger Elsässer diese Jobs nicht übernehmen können. Da engagieren Schweizer und badische Firmen heute lieber mindestens so tüchtige, deutschsprachige Zuwanderer etwa aus Ostdeutschland.

Im Elsass läuten inzwischen die Alarmglocken

Im Elsass läuten deshalb inzwischen die Alarmglocken. Die Präsidenten der obersten regionalen Gremien forderten den neuen Bildungsminister in Paris im letzten Sommer auf, den zweisprachigen Unterricht an den Schulen dringend zu fördern und den Einsatz deutschsprachiger Lehrer im französischen Schuldienst zu erleichtern. Aufgrund der leeren Staatskasse hat sich in dem von Besitzstandsdenken und anachronistischem Nationalstolz geprägten nationalen Bildungswesen seither allerdings wenig verändert.

Um nach über 60 Jahren den Kurs der vom fernen Paris diktierten, frankophonen Bildungspolitik wirklich zu ändern, scheint die Kraft zu fehlen, auch wenn im Office pour la Langue et la Culture d’Alsace, dem «Elsassische Sprochamt», wie es auf der Internetseite heisst, mittlerweile gleich acht von der Region und den beiden Elsässer Départements bezahlte Leute vollamtlich für ein Comeback der gefährdeten Sprache arbeiten. 

Deutschkurse? Zu anstrengend

Die Promotoren des Elsässischen können nur hoffen, dass wenigstens der Einsatz der populären Miss France 2012 aus Magstatt-le-Bas im Oberelsasss für den Erhalt des regionalen Dialekts Früchte trägt. Die charmant elsässisch sprechende Delphine Wespiser hat Wort gehalten und tourt – wie in einem Interview mit der TagesWoche bereits angekündigt – seit ihrer Wahl zur Schönheitskönigin im Dienste der Sprache ihrer Grosseltern durch elsässische Schulstuben.

Mehr unmittelbare Wirkung dürften indes wahrscheinlich die Deutschkurse erzielen, die manche Elsässer Arbeitsämter für Arbeitsuchende anbieten. Die Anstrengung, eine Quasifremdsprache zu lernen, um Arbeit ennet der Grenze zu finden, ist allerdings vielen immer noch zu gross. Auch der Schreinersohn Mathieu Perrin aus Saint-Bernard mag trotz seiner unsicheren, momentanen Arbeitsstelle weder Deutsch lernen noch seine elsässischen Sprachreserven reaktivieren. Lieber träumt er von einem Job als Holzfäller im – frankophonen – Kanada.


Mehr zum Thema:

Das alte Elsass hat sich verabschiedet, schrieb Alain Claude Sulzer in der TagesWoche vom 4. Mai 2012. Die Beizen sterben, die Sprache verschwindet und damit auch die Verbindung zur Schweiz. Dass der Titel von Delphine Wespiser in ihrem Heimatort Magstatt-le-Bas wie ein WM-Titel gefeiert wurde, überrascht daher wenig. Die Fernsehstationen stürmten das Dorf und Wespiser erfüllte bereits einen Teil ihrer selbsterklärten Mission: Frankreich weiss, es gibt das Sundgau. Inzwischen gibt es kaum ein Interview, in dem sie nicht ein paar Worte auf Elsässisch sagen muss, wie die folgenden Videos (2. Video ab 4. Minute) zeigen.

Die amtierende Miss France kämpft aber nicht alleine: Seit Jahren setzt sich auch Yves Bisch für das Elsässisch ein. Sein Plädoyer – sowie jene von Beat Trachsler (Schweizerdeutsch) und Markus Manfred Jung (Badisch) – hat Livio Marc Stöckli auf Video festgehalten – im Dialekt natürlich: «Wie der Schnabel wächst» (zu sehen auch im nachfolgenden Video).

Yves Bisch aus Sierentz im Elsass mit seinem Plädoyer zur Mundart:


Quellen

http://www.alsaceculture.com

www.insee.fr

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 26.07.13

Konversation

  1. @emichael: Wie kommen Sie darauf, dass in Deutschland der Dialekt tot sei? Ich war die letzten Tage zwischen Mannheim, München und Konstanz unterwegs. Im Zug habe ich ständig Dialekte gehört, darunter sehr stark ausgeprägte. Ob bayrisch, bayrisch-schwäbisch, Allgäu-schwäbisch, Bodensee-schwäbisch, den Hegau-Dialekt, badisch in verschiedenen Ausprägungen, mannheimerisch, etc. etc. etc.
    Und dies von jungen Menschen…
    Der Dialektgebrauch in der Schweiz nimmt ja auch immer mehr zu. Vielleicht liegt es an der Globalisierung und deren negativen Folgen, dass sich Menschen zunehmend abgrenzen und die Verbundenheit zu ihrer Region stärker spüren und leben. Eine Art Asterix-Effekt…
    Und ich finde es schön…

    Zum Elsass: Die Franzosen waren ja noch nie bekannt dafür andere Sprachen als französisch zu praktizieren. Vielleicht sollte man gerade einmal im Elsass den Anfang machen und diesen überkommenen destruktiven Stolz einmal über Bord werfen…

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  2. ist das Elsässisch tot und lässt sich nicht mehr retten. So wie auch in weiten Teilen Deutschland der Dialekt gestorben ist, wird mit der Ausübung der Standard Sprache (Schriftdeutsch) im Kinderkarten und in den Grundschulen das Schweizerdeutsch immer mehr unter Druck kommen. Ab dem Moment, bei dem die Migranten kein Dialekt mehr sprechen können, werden auch die Schweizer ins Standarddeutsche wechseln – oder gezwungen zu wechseln… (ich selber beobachte dies bei mir vor allem im Geschäftlichen Bereich). Es beelendet mich sehr dies zu sehen… gerade das Elsass ist ein Paradebeispiel, wie innert kurzer Zeit eine ganze (Sprach) Kultur zum Verschwinden gebracht werden konnte… 🙁

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  3. Endlich verstehen es auch ein par junge Elsässer, dass ihre regionale Sprache auch Vorteile bringen kann.
    Bin selbst bilingue aufgewachsen, dies in Zürich un;d Basel, das elsässisch fand ich immer amüsant schön.
    Wirtschaftlich wäre das Elsässisch aber sehr wichtig, da das nahe Ausland nun mal deutsch spricht.

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