SVP will eine Abstimmung über Lehrplan 21 erzwingen

Unsere Jugend lernt bald gar nichts mehr: Diesen Eindruck vermittelt die Aufregung um den Lehrplan 21. Allen voran die SVP will zurück zur alten Schule.

Es ist fast wie beim Sport: Beim Thema «Schule» hat jeder das Gefühl, mitreden zu können und zu richten, was gut ist, was nicht. Entsprechend gross ist dann die Aufregung – wie jetzt, bei der Erarbeitung eines neuen Lehrplans. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Unsere Jugend lernt bald gar nichts mehr: Diesen Eindruck vermittelt die Aufregung um den Lehrplan 21. Allen voran die SVP will zurück zur alten Schule.

Christoph Eymann hat schon viel erlebt. Er war Gewerbe­direktor und Nationalrat, hat es als Handballer in die Aufstiegsrunde zur Nationalliga B gebracht und ist bis 2016 Basler Regierungsrat und Präsident der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Auch in seiner letzten Amts­periode erlebt er aber immer noch die eine oder andere Überraschung, nicht nur im positiven Sinne. «Eine solche Aufregung wie jetzt beim Lehrplan 21, so etwas gab es in einer Vernehmlassung noch nie», sagt er.

Die Aufregung hat ihren Grund. Beim Thema Schule hat jeder das Gefühl, mitreden zu können, so wie sonst vielleicht nur noch beim Fussball, ganz gleich, wie lange es her ist, seit er zum letzten Mal selber auf dem Fussballplatz stand oder auf der Schulbank sass (und wie geschickt er oder sie sich dabei anstellte).

Beim Schutten ist das Ziel klar

Diese Emotionen machen die Sache interessant, für die Verantwortlichen aber auch schwierig – in der Bildung sogar noch etwas mehr als im Fussball, weil Schule eben mehr ist als ein simples Spiel (wobei Sportreporter diese Aussage wohl als Irrsinn bezeichnen würden, die totale Unterschätzung der Fussballkunst). Jedenfalls ist beim «Schutten» wenigstens das Ziel klar: vorne möglichst mehr Tore zu schiessen, als hinten zu kriegen.

Was aber soll die Schule? Wissen vermitteln? Oder ist das gar nicht mehr nötig, weil dieses Wissen heute ohnehin immer und überall abrufbar ist? Müssen die Schüler also vor allem lernen, Zusammenhänge zu erkennen und sich diese möglichst selbstständig zu erschliessen? Oder ist Pauken und Büffeln weiterhin das A und O einer ­erfolgreichen Ausbildung?

Im Lehrplan 21 müssten nicht nur diese grundlegenden Fragen geklärt, sondern es müsste möglichst genau vorgegeben werden, was die Kinder auf welcher Schulstufe, in welchen Klassen und Fächern lernen sollen. Und das, bitte sehr, in aller Kürze. Kurz: Der Lehrplan muss ein Wunderwerk werden.

Nur keine Panik, liebe Eltern, Ihr Kind lernt auch in Zukunft etwas, sagt die Basler Lehrerin und Lehrer-Vertreterin Gaby Hintermann – ihre neun Entgegnungen auf Vorwürfe und ­Hypothesen zur Schul­reform.

Am Entstehen ist nun aber genau das Gegeteil. Ein Werk von Technokraten, umständlich und unklar. Diese Überzeugung brachten in der kürzlich abgelaufenen Vernehmlassung einige Organisationen zum Ausdruck, die ­einen eher diplomatisch, die anderen so wie die SVP. «Dieser Entwurf ist Unsinn und gefährlich noch dazu», sagt Ulrich Schlüer, der Schulstratege seiner Partei. Fast noch mehr als der Inhalt stört ihn aber das Verfahren.

Nach der Vernehmlassung wird der Lehrplan nun von der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (D-EDK) überarbeitet. Danach wird er in den einzelnen Kantonen von der ­jeweiligen Regierung mittels Verordnung umgesetzt. «Das darf in einer Demokratie nicht sein», sagt Schlüer. «Ein solch umstrittenes Projekt kann doch nicht einfach an den Parlamenten und dem Volk vorbei durchgedrückt werden.»

Mit dieser Aussage steht das weitere Vorgehen seiner Partei so gut wie fest: Sie will eine Abstimmung über den Lehrplan erzwingen. Mehr will Schlüer nicht verraten. Noch nicht. Seine Partei plant eine Presseorientierung für den 31. Januar.

SVP  punktet wohl auch in der Mitte und bei den Linken

Offen stehen der SVP zwei Wege: Einerseits könnte sie den Lehrplan mittels Vorstössen in den kantonalen Parlamenten zum Thema machen. ­Andererseits könnte sie eine nationale Initiative lancieren. Ihr Ziel ist aber immer das gleiche: den eigenen Lehrplan durchzusetzen, den die SVP 2010 als Gegenmodell zum Lehrplan 21 vorgelegt hat. Es wäre ein Zurück zur guten, alten Schule, in der Disziplin und Leistung etwas zählten und auch der Herr Lehrer noch eine Respektsperson war. Eine Schule wider die Ideologie der 68er-Generation. So jedenfalls stellt es die SVP dar, und wahrscheinlich wird sie mit solchen Aussagen auch weit über die Parteigrenzen hinweg Stimmen holen.

Bei aller Wut auf die Linken und Altlinken bringt die SVP Kritikpunkte vor, bei denen sie auch auf der ganz anderen Seite des politischen Spek­trums unterstützt wird. Ein Lehrplan darf den Unterricht nicht zu sehr reglementieren; der Lehrer müsse seine Methoden frei wählen können, da er es ist, der die Schüler am besten kennt, sagt Schlüer zum Beispiel.

Ganz ähnlich argumentiert der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann, einer der prominentesten ­linken Reformkritiker im deutschen Sprachraum. «Gute Schulen entstehen durch gute Lehrer», sagt er. Darum seien diese ganzen Standardisie­rungs- und Zentralisierungsprojekte ebenso falsch wie die immer wichtiger werdenden schulischen Vergleichstests, die nur dazu führen, dass «die Lehrer anfangen, ihr Programm auf die Tests auszurichten».

Das Volk will eine Vereinheitlichung

Doch so nachvollziehbar solche Aussagen auch klingen: Es gibt ein sehr gutes Gegenargument. Einen Volksentscheid vom Mai 2006. Damals haben die Schweizerinnen und Schweizer mit einem überragenden Ja von 86 Prozent entschieden, dass das Schulsystem vereinheitlicht werden soll. Kein Schüler sollte sich nach einem Wechsel von einem Kanton in den anderen künftig so fühlen, als wäre er in einer neuen Welt gelandet.

Das war die Überlegung, die erst dem Projekt Harmos und nun dem Lehrplan 21 zugrunde liegt: Zuerst sollen die Strukturen in den Deutschschweizer Schulen vereinheitlicht werden (etwa auf sechs Jahre Primar- und drei Jahre Sekundarschule), danach die Unterrichtsinhalte.

Es droht ein Chaos

Beim Lehrplan 21 läuft das so ab: Zuerst meldeten alle Behörden, Parteien, Interessenverbände, Fachleute und sonstwie Interessierten ihre Wünsche an. Die Schule muss selbst näher an die Wirtschaft! Darum: mehr Berufsbildung, mehr Naturwissenschaften, mehr Informatik und mehr Sprachen!

Andere machten sich (eher weniger erfolgreich) für die musischen Fächer stark, die für die Entwicklung eines Kindes ganz besonders wichtig seien. Und wieder andere verlangten nach neuen Fächern und FachgebietenStaatskunde! Lebenskunde! Glück! Gender! Abfall! Umgang mit den neuen Medien! Und so weiter und so fort.

Wenn die D-EDK sämtliche Wünsche berücksichtigt hätte, wäre ihr Entwurf wahrscheinlich zehnmal so dick geworden. Die jetzt vorliegenden 560 Seiten sind trotzdem allen zu viel. Auch all die Behörden, Parteien, Verbände und sonstigen Interessierten fordern jetzt eine drastische Kürzung – ausser bei ihrem eigenen Anliegen, versteht sich.

Unmöglich, es allen recht zu machen. Und schwierig, das Paket unter diesen Umständen überhaupt noch durchzubringen – vor allem, wenn es zu Abstimmungen kommt. Der Basler Erziehungsdirektor und EDK-Vorsteher Christoph Eymann befürchtet jedenfalls mühsame Diskussionen und ewige Verzögerungen. «Die Inhalte des Unterrichts und der Lehrmittel darf nicht verpolitisiert werden», sagt er. Sonst ist das Chaos bald einmal perfekt, wie sich jetzt schon im Baselbiet zeigt, wo der grüne Landrat Jürg Wiedemann zusammen mit einigen Bürgerlichen die Einführung des Lehrplans mit einer parlamentarischen Initiative hinauszögern oder gleich ganz verhindern will. Was, wenn sie Erfolg haben? Basteln die Landschäftler dann ihren eigenen Lehrplan? Niemand weiss es.

Entwurf wird überarbeitet

Noch hofft Eymann aber auf eine flächendeckende Einführung des Lehrplans 21, trotz der Ergebnisse aus der Vernehmlassung. Oder besser gesagt: wegen der Vernehmlassung. «In der Öffentlichkeit melden sich jetzt hauptsächlich die Kritiker zu Wort», sagt er. Die allermeisten Stellungnahmen seien grundsätzlich zustimmend, auch wenn sie einzelne Kritikpunkte beinhalten würden: «Das ist eine gute Grundlage, um nun die nötigen Korrekturen vorzunehmen.»

Eine schwierige Arbeit, die möglichst bald abgeschlossen werden muss – sonst hat Basel-Stadt mit Beginn des Schuljahres 2015/2016 eine neue Schule (mit sechs anstatt vier Jahren Primar und drei Leistungszügen in der Sek), aber keinen passenden Lehrplan.

«Das kriegen wir hin», sagt Eymann. Der einstige Spitzenhandballer und frühere Leistungsträger des FC Nationalrat denkt eben immer noch wie ein Sportler. Den Fokus ganz aufs Ziel gerichtet, ohne sich beirren zu lassen von der Aufregung darum herum. Ob das reicht? Etwas mehr ist Schule eben schon als ein Spiel, egal was die Sportreporter darüber denken.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 24.01.14

Konversation

  1. Vergessen wir nicht. Die Schule ist (oder sollte wenigstens) für die Kinder da sein. Unterrichtet werden sie von den Lehrern die (hoffentlich) sorgfältig ausgebildet wurden.
    Daran beteiligt daran sind auch die Eltern, denen es ein Anliegen ist, dass sie in guten Händen sind und der Lehrplan die Kinder auch fördert.
    Ein grosses Interesse hat ebenfalls die Wirtschaft, die ein Interesse hat, dass die Kinder später als gut funktionnierende Erwachsene in die Wirtschaft integriert werden können, und helfen das Kapital der Firmen zu erhöhen. Das ist jetzt krass gesagt, geht aber in diese Richtung.
    Deshalb ist es sehr wichtig, dass letzterem grossse Aufmerksamkeit geschenkt wird. Wenn Kinder nur mit dem Fokus ausgebildet werden, dass sie später gut funktionnieren, ist das nicht gut. Der ganze Mensch (Kind) muss gefördert werden, nicht nur die Intellektualität.

    Gehen wir in der Geschichte etwas zurück.
    Damals hat Pestalozzi etwas sehr Bemerkenswertes in die Welt gesetzt. Das Kind muss ausgewogen in Herz, Hand und Kopf gefördert werden.
    Nun habe ich gehört, dass Unterrichtsfächer, die nicht dem Intellekt dienen abgespeckt werden. Das ist völlig falsch. Wird den Herzkräften der Kinder nicht Raum gegeben, beraubt man sie der inneren Kräfte, die dazu da sind auch in stürmischen Zeiten nicht unterzugehen. Und da, denke ich, wäre Nachholbedarf.
    Auch Montessori hat Entscheidendes eingeführt. Es geht darum, das, was in den Kindern schlummert bei Ihnen zu wecken und zu fördern.
    Gerade in der heutigen Zeit, finde ich dieses wichtig. Man kann sich schon fragen, warum Depressionen und Burnout und Co. dermassen zunehmen. Je weniger ein Mensch die Mitte in sich gefunden hat, je mehr ist er den Stürmen im Leben ausgeliefert.
    In den ersten sieben Jahren ungefähr, sind vor allem Hand und Herz zu fördern. Ist da eine gute Grundlage geschaffen, wird dann der Intellekt seinen richtigen Platz finden und die Kinder beginnen naturgemäss daran Interesse zu finden.
    Das ist vor allem heute so wichtig, weil immer weniger Kinder in einem Umfeld aufwachsen, wo sie sich frei bewegen und die Welt entdecken können. Sie wollen alles berühren, ergreifen und so in der Welt ihre Orientierung finden. Meine Erfahrung war, eine grosse Schachtel mit verwertbarem Abfall dient dazu viel mehr als all die fertigen Spielsachen.
    Eine grosse Gefahr ist das zu frühe einsetzen des Computers. Die Kinder drücken irgendwo – dann passiert etwas auf dem Bildschirm. Es ist folglich keine direkte Verbindung zwischen Kind und dem Gegenstand, der ja gar nicht greifbar ist. Berühren sie einen Gegenstand direkt, so können sie direkt erfahren, was sie bewirken und es ist keine Maschine dazwischen.

    Was da in dem neuen Lehrplan steht, habe ich keine Ahnung. Aber ich würde es gut finden, ob mit diesem Plan das ganze Kind, der ganze Jugendliche erfasst wird und vorwiegend oder nur sein Intellekt.

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  2. Das Konkurrenzdenken sollte auch genauer unter die Lupe genommen werden.
    Noten sollten einzig dazu da sein, dass sich Schüler, Eltern und Lehrer orientieren können, wo denn der Schüler genau steht.
    Die Schüler sollten aufgrund der Leistungen nicht verglichen werden, um sie so wennmöglich noch zu mehr Leistungen anzukurbeln. Das schadet dem Gesamtorganismus jedes Kindes. Ein Kind sollte aus Freude arbeiten und nicht aus Antrieb, besser zu sein als andere. Die Freude ist der beste Garant, dass das Kind über sich herauswachsen kann. (Dasselbe gilt natürlich auch für Erwachsene.)
    Auch die Pisastudien sind mit Vorsicht zu geniessen. Der Wettbewerb, darin zu den besten zu gehören, sollte nicht der Antrieb sein. Da gehen die Bedürfnisse der Kinder gerne verloren.
    Auch bei den Firmen bei Ausschreibungen geht es ja immer um den Wettbewerb. Da geht es darum dass eine Firma die andere aussticht, weil sie günstiger ist oder einfach billiger, dafür weniger Quaität. Bei diesem Denken riskiert man gross am Ziel vorbei zu denken, nämlich, dass mein eigentlich ein bestmögliches Produkt für die Mitmenschen herstellen soll.

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  3. Vielen Dank für die wohltuend sachgerechten Positionen von Gaby Hintermann. Gut, dass Sie ihr Platz eingeräumt haben. Das Thema ist aber so aufgemacht, dass die Positionen der SVP und die Vorurteile gegen den Lehrplan 21 das Fettgedruckte sind, das der Leser/die Leserin auf jeden Fall mitnimmt. Es braucht dann schon ein qualifiziertes Interesse, um auch die sachlichen Ausführungen, das Kleingedruckte, zu lesen. Wenn ich eine Zeitung möchte, die sich an der Haltung der SVP orientiert, lese ich lieber gleich das Original.

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