Tanzende Schafe und ausgestanzte Totenköpfe statt Reitsättel

Als Sattlerin repariert Mirjam Weber Ledertaschen und polstert Kirchenstühle. Gerne lässt sie auch ihre Kreativität walten. Besonders in ihrem Schaufenster – damit gewann sie letztes Jahr die «Vitrine d’or».

Das Schaf ist treuer Begleiter.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Als Sattlerin repariert Mirjam Weber Ledertaschen und polstert Kirchenstühle. Gerne lässt sie auch ihre Kreativität walten. Besonders in ihrem Schaufenster – damit gewann sie letztes Jahr die «Vitrine d’or».

Wer sich eine Sattlerei voller Pferdesättel vorstellt, liegt falsch. Und wer eine Sattlerin mit einer Pferdenärrin gleichsetzt, irrt sich gleich noch einmal. Mirjam Weber, die Besitzerin von «Die Sattlerei» an der Klybeckstrasse, erinnert mit ihren dunklen Locken und der roten Lederweste eher an eine chaotische Künstlerin. An ihrem Arbeitsort finden sich Sessel, Taschen und Rucksäcke – aber keine Sättel. 

Und wieso heisst es dann Sattlerei? «Natürlich kommt der Name ursprünglich vom Reit- und Fahrsport», erklärt die 53-Jährige. Aber die Herstellung von Sätteln ist sehr aufwendig. Viele verschiedene Ledersorten finden Verwendung, und die Anatomie des Pferdes muss dem Sattler oder der Sattlerin genau bekannt sein – das brauche Spezialisten, erklärt Weber. Sie polstert und bezieht stattdessen Motorradsitze und bearbeitet alle groben Stoffe wie Leder, Segeltücher und Blachen.



Mirjam Weber bearbeitet grobe Stoffe wie Leder, Segeltücher und Blachen. 

Mirjam Weber bearbeitet grobe Stoffe wie Leder, Segeltücher und Blachen.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Aber wer sind eigentlich die Kunden einer Sattlerin? «Sehr unterschiedlich», sagt Weber, sowohl jüngere als auch ältere Menschen würden zu ihr kommen. Bei den meisten sei ein Hang zur Wiederverwertung vorhanden – die Wegwerfgesellschaft ist keine Freundin des traditionellen Handwerks. «Gerade die Jungen sind oft Freaks, die Taschen oder Gürtel am Flohmarkt erwerben und bei mir aufpeppen wollen.»   

Vitrine d’or
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Neben kleineren Reparaturen für Privatkunden sind Grossaufträge sehr wichtig für die Sattlerin. So hat hat Weber Faltenbälge für die Motorlüftung in Zügen von Stadler Rail produziert und Sitze in Kirchen und Bars gepolstert.

«Einfach mal leben»

«Ich habe schon als Kind viel gebastelt – auch mit Leder», erzählt sie. Sie wusste schon damals, dass sie mal etwas im handwerklichen Bereich machen wollte. Doch die Lebenskünstlerin schlug nicht einen geradlinigen Weg zum Sattlerberuf ein.

Nach abgeschlossener Diplommittelschule hatte Weber erst einmal genug von der Ernsthaftigkeit des Daseins: «Ich wollte einfach mal leben. Deshalb habe ich gejobbt und bin viel gereist.» Es zog sie nach Italien, nach Indien und nach Südamerika. In der Heimat tingelte sie von Job zu Job; arbeitete bei einem Gipser, auf dem Bau, machte ein Praktikum in der Sozialarbeit und absolvierte den gestalterischen Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel.



Mirjam Weber: «Ich wollte einfach mal leben. Deshalb habe ich gejobbt und bin viel gereist.»

Mirjam Weber: «Ich wollte einfach mal leben. Deshalb habe ich gejobbt und bin viel gereist.» (Bild: Alexander Preobrajenski)

1996 begann sie Teilzeit bei einem Sattler zu arbeiten und 2001, mit 38 Jahren, entschloss sie sich, eine Lehre als Sattlerin zu machen. Obwohl sie zu dem Zeitpunkt schon Berufserfahrung hatte, konnte sie durch die Lehre ihr Grundwissen vertiefen: «Ich wollte das Handwerk perfektionieren und das nötige Selbstbewusstsein gewinnen, um mich selbstständig zu machen», erinnert sie sich.

Selbstständig mit Netzwerk

Ein Jahr nach Lehrabschluss, 2004, eröffnete sie ihre eigene Sattlerei im Klybeckquartier – ein Stück Bodenständigkeit paarte sich mit Webers ungezwungener Art. Seither arbeitet sie selbstständig und ohne Mitarbeiter. Weber zieht ihr eigenes Ding durch. Wenn sie Unterstützung braucht, verlässt sie sich auf die Kollegen im Quartier: «Diese Strasse ist wie ein eigenes Dorf. Wenn ich ein schweres Möbel raustragen muss, stelle ich mich einfach auf die Strasse und jemand kommt zu Hilfe», erzählt sie.

Ausserdem sei sie eine gute Netzwerkerin, ergänzt sie. Für grössere Aufträge, die alleine nicht zu bewältigen sind, tut sie sich mit ihrem ehemaligen Lehrmeister zusammen. Ihm bringt sie auch ihre eigenen Lederjacken, wenn diese mal eine Reparatur nötig haben. Einen Verband für Sattler gibt es zwar, aber mit dem fühlt sie sich nicht verbunden, das sei nicht ihre Welt.



Mirjam Weber mit ihrem selbstgemachten Leder-Käppchen aus ausgestanzten Totenköpfen.

Mirjam Weber mit ihrem selbstgemachten Leder-Käppchen aus ausgestanzten Totenköpfen. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Ein Stück Durchgeknalltheit

Webers heutiges Leben steht im Gegensatz zu ihrer Jugend als Luftibus. Doch die Sattlerin hat sich ein Stück Durchgeknalltheit bewahrt – sie sieht nicht nur aus wie eine chaotische Künstlerin, sie ist es auch: Neben den vielen Reparaturarbeiten lässt sie ihrer Kreativität freien Lauf. Das kann mal bei einer Tasche sein, die sie frei gestaltet, oder wenn sie einen künstlerischen Auftrag erhält. Für die alternativen Messestände auf dem Totentanz hat sie zum Beispiel eine Leder-Urne aus ausgestanzten Totenköpfen und passende Käppchen für die Verkäufer gefertigt.

Ein Teil ihrer Kreativität mündet in ihrem Schaufenster: Wenn die Tage gegen Ende des Jahres früher eindunkeln, lässt sie es aufleuchten. Letztes Jahr gewann sie für die verträumte Winterlandschaft mit dem Schaf als Eisprinzessin den «Vitrine d’or», den Schaufensterwettbewerb, den die TagesWoche zusammen mit dem Verein Buy Local Schweiz auch diesen Dezember wieder veranstaltet.

Das Schaf kam schon mehrere Winter zum Einsatz. Auch dieses Jahr wird es sich den Passanten der Klybeckstrasse zeigen, während sich im Hintergrund seine toten Artgenossen in Form von Lederresten und Pelzschnipseln anhäufen. Ein Anspielung? «Nein», lacht Weber. «Ich mache einfach gern ‹Seich›.»

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