«Tatort Schule» – Den Mund zu vollgenommen

Linke Lehrinhalte an den Prangen stellen – das will die Junge SVP mit ihrem Projekt «freie Schule». Doch die Aktion stellt nicht die Pädagogen bloss, sondern das Weltbild und die politischen Ziele ihrer Initianten.

Alte Schule: Die Junge SVP hätte gerne Unterricht wie anno dazumal. (Bild: Keystone)

Linke Lehrinhalte an den Pranger stellen – das will die Junge SVP mit ihrem Projekt «freie Schule». Doch die Aktion stellt nicht die Pädagogen bloss, sondern die Methoden und Ziele ihrer Initianten.

Geschichte und Geschichtsunterricht sind wichtig. In diesem Punkt könnten wir mit der Jungen Schweizerischen Volkspartei (JSVP) sogar übereinstimmen. Beim wesentlichen Rest dürften die Meinungen dann aber stark auseinandergehen.

Ende August hat die JSVP nach allen Regeln der PR-Kunst die Aktion «freie Schule» gestartet. Sie fordert schweizweit Schülerinnen und Schüler auf, Lehrer und Lehrerinnen zu melden, die ein linkes Geschichtsbild verbreiten und so die Jugend politisch einseitig indoktrinieren würden.

Diese Aktion ist nicht nur völlig überflüssig, sondern auch mit der Kultur unseres Landes unvereinbar, das muss hier nicht vertieft werden und ist bereits mit der nötigen Entschiedenheit festgestellt worden.

Schüler können sich, sofern es Indoktrinationsversuche überhaupt gibt, selber wehren, es gibt die Rektorate und Inspektorate, und es gibt die Eltern, die eher berufen wären und allfällige Richtigstellungen auch inhaltlich besser vornehmen könnten als die Nachwuchsabteilung der SVP.

Kritik als Brandbeschleuniger?

Einstweilen muss man sich darüber jedoch keine Sorgen machen: Die auf den schnellen Erfolg bedachten Politagitatoren werden ihren Eifer nicht darauf verwenden, den unter dem Titel «Tatort Schule» angezeigten Fällen nachzugehen. Dagegen kann man sich schon jetzt eine Vorstellung davon machen, was der Tarif wäre, sollten solche Kräfte einmal an die Macht gelangen. Das Projekt «freie Schule» strebt letztlich eine unfreie Schule an.

Die Aktion ist insofern höchst erfolgreich gewesen, als sozusagen alle Medien darüber berichtet haben. Dass sie dies grossmehrheitlich in ablehnender Weise getan haben, tut der Sache überhaupt keinen Abbruch, ist doch der agitatorischen Rechtsnationalen mediale Aufmerksamkeit die Hauptsache.

Die wenigen aufgeschalteten Texte sind anonym und wirken, als wären sie redaktionell bearbeitet worden.


Wie bei allen Aktionen dieser Art stellt sich die Frage, ob man dagegen antreten und diese damit nur noch fördern soll. Soll man mit Hinweis auf www.freie-schulen.ch die Propaganda indirekt noch unterstützen – soll man das nicht besser einfach unbeachtet ins Leere laufen lassen? Man soll sich diese Sache ruhig anschauen und wird dabei vor allem drei wichtige Eindrücke beziehen:



1. Feststellen, dass diese Website hochprofessionell aufgemacht ist, natürlich mit Schweizerfahne und Matterhorn, sogar mit einem herbeigeholten Salman-Rushdie-Zitat, mit allen nötigen Rubriken von «Vorfall melden» bis «Spenden» und dass hier viel Geld drinsteckt. Welcher anderen Jungpartei steht eine solche Maschinerie zur Verfügung?

2. Feststellen, dass die Inhalte ausgesprochen dürftig sind. Es wird kein geistiges Potenzial sichtbar, das in der Lage wäre, gegen das Phantom der «linken» Geschichtsvermittlung anzutreten. Diese Leute haben ihren Mund zu voll genommen und verschlucken sich jetzt an ihrer eigenen Ambition.

3. Feststellen, dass solche Aktionen zwar rechtsnationale Grundpositionen bewirtschaften, im Grunde aber reiner Selbstzweck sind. Viel wichtiger als die Schweiz, viel wichtiger als die Schule und die «wahre Geschichte» ist die Stärkung der eigenen Politformation, sind Einflussvermehrung und Macht als Selbstzweck.

Das ist bei der Mutterpartei des JSVP nicht anders. Von ihr dürften ja auch die Mittel für solche «professionellen» Auftritte stammen.

Nicht überraschend behaupten die Initianten vollmundig, dass die Rückmeldungen bereits am ersten Tag überwältigend gewesen seien. Die wenigen aufgeschalteten Texte (keiner aus den beiden Basel) sind natürlich anonym und wirken, als wären sie redaktionell bearbeitet worden.

Erwartungsgemäss dominieren Klagen über negative Bemerkungen zur SVP. Es war wohl auch nicht die Absicht, dass auch Klagen eintreffen über Lehrer, welche die SVP verharmlosen oder diese gar für ihren angeblichen Mut loben.

Holz leimen bei «Öko-Faschisten»

Es erstaunt auch nicht, dass der Online-Pranger der JSVP nicht dazu auffordert, rassistische Bemerkungen, die es auch in der Schulstube durchaus geben kann und für das Zusammenleben in der Schweiz relevanter sind als Geschichtsbilder-Debatten, weiterzuleiten. Das ist offensichtlich nicht die Sorge dieser Gruppe.

Das Schulprojekt der JSVP führt auch nicht zu einer wirklich kritischen Begutachtung von «einseitiger oder grob verzerrter Darstellung politischer, historischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge». Auf welchem Niveau die Auseinandersetzung läuft, zeigt das folgende Beispiel:

«Im Handwerksunterricht in der zweiten Klasse (Unterstufe Unterseen) mussten wir immer Dinge aus Holz anfertigen. Obwohl ich viel lieber Metall bearbeitet hätte, zwangen mich diese linken Öko-Faschisten andauernd irgendwelche Holzteile aufeinander zu leimen. Könnten sie dieser schleichenden Indoktrination bitte ein Ende setzen?»

Diese Meldung zu einem offenbar weltbewegenden Problem ist in mehrfacher Hinsicht ein treffendes Beispiel, weil es die Mentalität spiegelt, die angesprochen und gefördert wird: Aus rabiaten Ego-Positionen leitet man mit Terminator-Mentalität («ein Ende setzen») das Recht auf Empörung ab, die scheinbar Höherem gilt.

Zugleich werden imaginierte Gegenpositionen übernommen und mit Schimpfwörtern versehen. Es wird schnell klar: Diese Aktion ist für ihre Urheber in intellektueller Hinsicht mehrere Nummern zu gross.

Die Geschichte steht im Vordergrund. Von der Schweizergeschichte heisst es, dass sie in den Lehrplänen in den letzten Jahren immer mehr an den Rand gedrängt worden sei. Dann geht es speziell um den Zweiten Weltkrieg, zu dem «interessante Fakten und Hintergründe» angekündet werden als Korrektur zum «umstrittenen» Bergier-Bericht.

Es gibt aber noch andere Kampffelder: Umwelt, Sexualunterricht, Gender. Man kann da ruhig darüber nachdenken, worin der gemeinsame Nenner besteht. Zu diesen Feldern wird alternatives Wissen in Aussicht gestellt. Das sollte gemäss JSVP seit dem 7. September vorhanden sein – fehlt bei Redaktionsschluss bezeichnenderweise aber noch immer.

Diese Aktion soll den Boden bereiten für die plebiszitär vorbereitete Machtübernahme der liberalen Gesellschaft durch eine unliberale Bewegung.

Diese Aktion ist nur eine von vielen, mit denen der Boden vorbereitet werden soll für die plebiszitär vorbereitete Machtübernahme der liberalen freien Gesellschaft durch eine unliberale Bewegung, die primär von der eigentlich unschweizerischen Hetze gegen andere lebt.

Dazu eine weitere Kostprobe dieses Ungeistes: Peter Keller, Nidwaldner SVP-Nationalrat, Mitarbeiter eines Zürcher Wochenblatts (nicht die WoZ), Historiker mit einem Zürcher Lizentiat, speziell an «Marignano» und der Landeshymne interessiert, wehrt sich mit einer Motion gegen die ab Januar 2015 vorgesehene Möglichkeit, Diplomaten mit doppelter Staatsbürgerschaft einzusetzen, weil diese in Identitätskonflikte geraten könnten, die sie dann zum Nachteil des Landes ausleben würden, von dem sie entsendet werden. 

Der Keil zwischen «uns» und den «anderen»

Man kann sich fragen, ob unser Land keine anderen Probleme hat. Es dürfte aber dem Interpellanten gar nicht um ein echtes Problem, sondern vor allem darum gehen, in einer weiteren Variante ein fundamentalistisches und zugleich ausgrenzendes Nationalverständnis zu pflegen.

Beim Anvertrauen von Aufgaben kommt es in erster Linie auf die Persönlichkeit und den Charakter der beauftragten Menschen an. Ich würde, jedenfalls beim gegenwärtigen Informationsstand, den Volksvertreter Keller unabhängig von seiner Staatsbürgerschaft weder als Diplomaten noch als Geschichtslehrer gerne im Einsatz sehen.

Und zum Schluss eine andere, von einem weiteren SVP-Historiker abgesonderte Markierung: Christoph Mörgeli meinte auf Twitter erklären zu müssen, dass die jährliche Zuwanderung von Ausländern zahlenmässig grösser sei als der Bestand der Schweizer Armee. Geht es hier darum, eine Einheimischen-Armee gegen eine Zuwanderer-Armee aufzubieten? Auch hier geht es vor allem darum, permanent verbal einen Keil zwischen «uns» und den angeblich «anderen» zu treiben.

In einem nächsten Schritt wird wohl mit gespielter Sorge darauf hingewiesen, dass es in dieser Schweizer Armee viele Soldaten mit «Migrationshintergrund» hat. Denn die Reinheit der Nation ist in Gefahr und nur die SVP kann es retten.

Konversation

  1. Die Methode ist mehrfach fies und hinterhältig. Einerseits, weil die Junge SVP unter einem fadenscheinigen Vorwand zur Denunziation und Diffamierung aufruft. Weil sie eine Berufsgruppe unter Generalverdacht stellt. Weil sie die Schule als Agitationsfeld missbraucht und damit den Schulbetrieb für ihre Zwecke politisiert.

    Die Methode ist hinterhältig, weil die jeweilige Kritik nicht überprüfbar ist und völlig subjektiv anprangert. Sie ist arglistig, weil alle involvierten Protagonisten anonym agieren und ihre so genannte Kritik als Fakt präsentiert wird. Die Methode ist ausserhalb des Rechts, weil die „Opfer“ nicht agieren und sich verteidigen können. Die Methode ist verführerisch, weil sie die Leserin, den Leser verführt die gelisteten „Taten“ als linke Gesinnungstaten wahrzunehmen, oder zu verwerfen.
    Die Methode muss rechtlich bekämpft werden, weil sie die Schülerinnen und Schüler instrumentalisiert und zur Denunziation anstiftet. Die Methode verführt zu Rufmorden und ist damit ausserhalb unseres Rechts.
    Es muss ein Konsens geben: Die Parteipolitik ist von der Schule und dem Schulbetrieb fernzuhalten.
    Die Methode und die Taktik ist übel, weil sie verunsichert und Menschen gegeneinander aufhetzt.

    Ein zutiefst unwürdiges und übles Projekt. Man muss sich davon distanzieren. Die Politik muss sich davon distanzieren!

    Der Beitrag von Georg Kreis ist wichtig und äusserst informativ. Eine saubere Analyse.

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    1. Stimme Ihnen voll und ganz zu.

      Möchte folgende zwei Punkte ergänzen:

      1. Es muss primär darum gehen, ob Herr Kreis im Grundsatz recht hat und weniger darum, ob er ein schlechtes Beispiel gewählt hat. Letzteres mag der Fall sein, aber es wiegt Grössenordnungen weniger schwer als das zentrale angesprochene Problem.

      2. Sind die SVP in letzter Konsequenz nicht die grösste Gefahr für die Werte (und die Schweiz notabene), die sie vorgeben mit ihrer Politik zu „verteidigen“?

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  2. Aufruf zur Denunziation? Hatten wir dies nicht schon einmal? Wann werden die ersten Schulbücher verbrannt und Lehrer öffentlich abgeführt? LehrerInnen wehrt euch! Legt eure Arbeit nieder und demonstiert gegen diese faschistoiden Tendenzen und gegen das verbreiten diesen braunen Gedankenguts!

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  3. Ach kommen Sie Herr Westdijk, Georg Kreis ist in seinen Ansichten genauso stur wie die meisten Mitglieder der SVP.
    Hätte er die Mittel eines Christoph Blochers, dann würde er mit ähnlichen Methoden versuchen, die Schweiz in seinem Sinne zu verändern. Woran Georg Kreis sich also so stark an der SVP stört, sind nicht die Inhalte, sondern die Möglichkeiten welche diese Partei hat.

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  4. Tja, die kreationisten den usa, die silvuplä der schweiz
    Damit’s nicht zum irrglauben führe:
    Neinnein, willy tell hat den apfel nicht erschossen,
    weil er die vegetarier hasste oder die grünen oder putin oder obama oder merkel.
    Obertroll weissagt: er wollte das rütli erorbern und bratwürste züchten.

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  5. Diese Webseite, bzw. ihre Urheber haben ein paar nicht deklarierte Ziele:
    1. Bohrhammer-Effekt: 500 kleine Schläge pro Minute trümmern mit der Zeit auch den härtesten Beton zu Staub. Die Art der Schläge ist egal, solange sie gleich gerichtet sind. Auch kleine Schläge wirken.
    2. Sensen-Effekt: Jede Aktion hat gleichzeitig das Ziel, Stück für Stück einen Raum zu schaffen für diese Gedanken-Art, für das interne Weltbild, dessen Gesamtheit durchaus geheim gehalten wird. Aus der Geschichte lässt sich anhand der Zutaten aber abschätzen, wie der Kuchen später aussehen und schmecken soll.
    Das vordergründig deklarierte Ziel ist sicher nicht das, was angestrebt wird.
    3. Umdefinieren: Die Aktionen haben auch das Ziel, Begriffe politisch zu besetzen, damit sie nicht mehr von anderen verwendet werden können, zB. patriotisch, Heimat, etc.. Man verbindet diese Begriffe dann mit der SVP, was eine differenzierte Betrachtung unterbindet. Die Verunglimpfung der anderen mit den Anti-Begriffen gehört auch dazu. Die Verführung besteht damit in der Erzeugung eines leicht begreifbaren Schwarz-Weiss-Bildes, das keine Grautöne oder gar Farben mehr zulässt.
    Es wird sich zeigen, wie differenziert die hiesige Gesellschaft ist und ihren öffentlichen Raum nicht occupieren lässt. Ich bin etwas pessimistisch.

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  6. Traurig, wenn man auf diese Art und Weise von dieser geschmacklosen Internetseite ablenken will, und daher die Kommentare-Hervorhebe-Praxis der TaWo anprangert.

    JSVP-Anhänger?!?

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  7. Sie, Herr Stucki, sollten keine Angst vor Herrn Hürlimann haben.

    Sie sollten Angst vor all den Selbstgerechten haben, die zu allen Zeiten daraus schlossen, weil es ihnen gut ging, dass sie das verdient hätten.

    Bis zu dem Tag, als einer kam und sie fragte: Womit?

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  8. Herr Hürlimann, Sie machen mir Angst.
    Ich hoffe einfach das das Denkmal bald stürzt wie jedes Denkmal irgendwann nicht mehr interessant ist, es ist immer nur eine Frage der Zeit.

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