Thomas Kessler ist bekannt für seine pointierten Meinungen, aber was waren seine markigsten Worte? Ein Best-of

Thomas Kessler ist nicht auf den Mund gefallen, häufig wurde ihm dieser aber verboten. Hier eine kleine Auswahl mit den pointiertesten Wortmeldungen des Stadtentwicklers.

Hält jedem Blick und jeder Frage stand: Thomas Kessler.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Thomas Kessler war immer ein Liebling der Medien. Einerseits, weil der Stadtentwickler sich oft und gerne auch zu Themen geäussert hat, die nicht direkt in seine Zuständigkeit fielen, andererseits, weil er dies sehr pointiert und meist fundiert tat. Rücksicht hat er dabei selten genommen. Sein unfreiwilliger Abgang aus dem Präsidialdepartement ist der Beweis, dass Kessler dabei vielen auf den Schlips getreten ist. Aber was hat er gesagt? 

Die ganze Schweiz redet 2014 über Migration, getrieben von der SVP-Zuwanderungsinitiative. Und was sagt Thomas Kessler? Es werde «eine komplett verdrehte Debatte» geführt, die die Realität verkenne. Aus einem Interview mit der TagesWoche:

«Die Einwanderung ist nicht viel höher als vor der Personenfreizügigkeit; ohne Arbeitsplatz kommt kaum jemand. Die Motive für die Migration sind klar. Auch jene, die aus Griechenland oder Spanien kommen, sind Akademiker, weil sie wissen, mit ihren Qualifikationen bekommen sie hier eine Stelle. Das sind keine Hilfskräfte oder Analphabeten. Die bleiben lieber in ihrem Dorf. Dass jetzt die Verlumpten kommen, ist ein Märchen.»

«Die Gründe dafür, dass so viele Leute gleichzeitig morgens in den Zug steigen, sind kultureller und sozialer Art: Man will zusammenkommen und sich zeigen. Viele Arbeitnehmer leben auch alleine. Die freuen sich auf die erste Kaffeepause, der 7.30-Uhr-Stress ist dann das erste Thema in der Kaffeepause.»

Thomas Kessler ist auch zu seinem wirklichen Thema befragt worden – der Stadtentwicklung. 2015 auch von der TagesWoche zur Frage: Wie weiter mit dem St. Johann? 

«Generell gibt es in Basel einen Überhang – viele Arbeitsplätze, wenig Wohnraum. Diesen Zielkonflikt können wir nur mit mehr Verdichtung aufheben.»

«Viele denken, es sei total hip, in der Stadt gleich neben einer Fabrik zu wohnen – und dann finden sie es nach drei Monaten doch nicht mehr so toll, wenn die Lastwagen kommen.»

«In jeder zweiten Wohnung wohnt ein Mensch für sich allein, die Raumansprüche sind auf einem Allzeithoch. Mit der höheren Lebensqualität steigt aber nicht die Toleranz, sondern die Anspruchshaltung.»

«Heute werden die Leute hingegen nicht mehr von existenziellen Problemen, sondern von ihren eigenen Ansprüchen herausgefordert. Wenn es heute bereits Einsprachen gegen Nutzungen durch ein ‹quartierfremdes Publikum› gibt und beliebte Gartenbeizen schon um 20 Uhr schliessen müssen, wirds doch absurd.»

«Es ist rührend, wenn vermeintlich Progressive die Konservativen überholen mit ihrer Verherrlichung des Status quo.»

National hat sich Thomas Kessler den Ruf eines Migrationsexperten erarbeitet. Der «Tages-Anzeiger» hat ihn 2012 in dieser Rolle befragt. Die Ankündigung dieses Interviews spricht für sich: «Thomas Kessler sagt, von der Schweizer Asylpolitik profitierten heute die Falschen. Er fordert einen Umbau unter linker Führung.»

«Aus gesundem Menschenverstand ist eine Verrechtlichung geworden und eine immer ausgeklügeltere Administration; wir delegieren unsere Asylprobleme an die Justiz und Verwaltung. Es herrscht ein Wunderglaube an juristische Lösungen für komplexe menschliche Probleme.»

«Wir sollten die Beziehungen zu diesen Ländern intensivieren. Die naive Schweizer Papierlogik bringt nichts. Abkommen nützen nur, wenn sie durch enge Beziehungen gestützt werden. Das gilt sogar im Schengen-Raum.»

«Die heutige Situation pervertiert den Flüchtlingsbegriff. Wir haben Arbeits- und Abenteuermigration auf Kosten der wirklich Verfolgten. Das müsste doch die SP auf den Plan rufen: Sie müsste die erste Partei sein, die aus Solidarität mit den wirklich Betroffenen ausruft.»

2016 durfte Kessler im «Tages-Anzeiger» nachdoppeln zu den Fragen: Wann sollten Migranten eingegliedert werden? Und warum ist die Schweiz besser aufgestellt als viele andere Länder?

«Migranten müssen das Wesen ihres Aufnahmelandes verstehen. Das Wesen der Schweiz ist die Regelkonformität. Diese Kultur müssen wir Migranten durchgehend vorleben.»

«Gerade junge Männer brauchen unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus eine klare Tagesstruktur. Die Schweiz definiert sich calvinistisch über die Arbeit: Wer arbeitet oder anderweitig beschäftigt ist, nimmt an der Gesellschaft teil. Die Schweizer Bevölkerung ist grundsätzlich hilfsbereit, gleichzeitig ist sie empfindlich gegenüber Missbräuchen. Auch deshalb brauchen wir in der Integrationspolitik einen funktionierenden, starken Staat. Er ersetzt quasi den ­fehlenden Vater.»

«Die Schweiz ist seit 1870 ein Einwanderungsland, wir sprechen offen über Migration und stimmen ständig darüber ab. Unser Bezug zur Migration ist nicht romantisch, sondern pragmatisch – man könnte es auch eine provinzielle Skepsis nennen.»

Auch die Kollegen von «Watson» haben das Potenzial des Stadtentwicklers als Experten bald erkannt. Sie interviewten Kessler 2015 zur Bass-Debatte in Basel.

«Spiesser sind nicht nur Behörden und Anwohner, die den Lärm verbieten wollen, sondern auch diejenigen, die sich für progressiv halten, aber auch einen Gartenzwerg in sich haben.»

Die Anschlussfrage war auch ein Steilpass für ihn: «Sind wir denn nicht anständig?», fragte «Watson».

«Nein. Im mediterranisierten Nachtleben noch nicht ganz. Wir sind erst auf dem Weg vom grölenden alemannischen Waldmenschen zum kultivierten urbanen Lateiner.»

Überhaupt sprach Thomas Kessler gerne und viel über die Mediterranisierung der Stadt Basel. Auch in der «Basler Zeitung» – zum Beispiel 2010:

«Das Bewusstsein, dass sich das Freizeitverhalten in einer engen Stadt von dem an einem Waldfest unterscheiden soll, ist gewachsen. Wir geniessen alle die Mediterranisierung, nur gehören dazu nicht nur Konsum und Ego, sondern Urbanität im Wortsinn: kultivierte weltmännische Art in städtischer Atmosphäre. Auf zivilisierte Art kann man sich auch nachts amüsieren, ohne dabei Kinder aufzuwecken und Unrat zu hinterlassen.»

«Die Stimmen der tragenden gesellschaftlichen Kräfte, die Ideen liefern und schliesslich auch die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, fehlen heute weitgehend. Die Misanthropen und Bedenkenträger dominieren die öffentliche Wahrnehmung. Die Stadt Basel ist aber dank genialen Projekten und weitsichtigen Investitionen zu dem geworden, was sie heute ist.» 

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Warum Kessler gehen muss? Die Recherche der TagesWoche

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Aber war Thomas Kessler und wie hat er funktioniert? Ein Porträt: Der Abenteuerbeamte

Und der Paukenschlag, die Meldung: Stadtentwickler Thomas Kessler tritt zurück – Ackermann nicht involviert

Konversation

  1. Herr Westdijk, konkret gefragt, möchten Sie, dass ausschliesslich über PolitikerInnen berichtet wird? Vermutlich nicht. Aufmerksamkeit verdienen Menschen, die Ausserordentliches leisten, bzw. geleistet haben, egal auf welchem Gebiet. Widerfährt jemandem so etwas Ungeheuerliches wie im vorliegenden Fall Thomas Kessler, ist es Pflicht der Medien zu recherchieren und breitflächig darüber zu berichten.

    Seien wir doch froh und den Redaktionen dankbar, dass die Berichterstattung nicht bei der Erstmeldung „Stadtentwickler Thomas Kessler tritt zurück“ hängen blieb und wir gemauschelte, schwammige Formulierungen wie «Guy Morin, Vorsteher des Präsidialdepartements, ist zusammen mit seinem langjährigen Chefbeamten zum Schluss gekommen, dass der Wechsel an der Departementsspitze der richtige Zeitpunkt ist, das Präsidialdepartement gemeinsam zu verlassen.» hätten schlucken müssen.
    Ausserdem gilt die von Ihnen kritisierte Aufmerksamkeit einem grossartigen Stadtententwickler, um den uns manch eine Stadt beneidet, ohne den Basel wohl etwas anders, ärmer daherkäme.
    Oder schauen Sie mal, wie grossartig Kessler auch als Visionär rückblickend funktioniert
    Aus dem Archiv, Total spannend Telebasel Report – 07.09.2011
    u.a. mit Thomas Kessler
    Nicht gebautes Basel
    Über grosse Visionen und warum sie nie realisiert wurden
    https://www.telebasel.ch/de/tv-archiv/&id=160765023&search=Nicht%20gebautes%20Basel&datefrom=07.09.2011&dateto=&group=20

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    1. Besten Dank für diese Telebasel-Perle, Nadine Rohner.

      Ich hatte ja keine Ahnung: eine Piscine Molitor auf dem Barfi? Eine Volkshalle auf dem Rhein? Ein Schützenmattmuseum? Und ich dachte immer nur Santiago Calatrava und Zaha Hadid hätten extravagant-exotische Projekte eingereicht. Volk und Räte waren ja meist überfordert von den Visionen – ausser es hing die Hand, die füttert daran (MUBA, Roche Nr. 1)…

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  2. Besten Dank für diese vorzügliche Zitatensammlung. Sie wird mir als gute Erinnerung an einen liberalen Geist und als Quelle der Inspiration dienen. Als Kommentator erhält man überdies einen geeichten Kompass für den Umgang mit medialen Zensurdetektoren.

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  3. Ehrlich gesagt verstehe ich die Redaktion in Sachen Kessler gar nicht. Warum gebt Ihr ihm soviel Aufmerksamkeit? Ihr tut alsob er Politiker ist. Es ist aber Beamter, Kantonsangestellter, der ausführende Gewalt hat, vom Regierungsrat verantwortet. Ihr macht den Eindruck aus ihm eine Art Erdogan zu machen..

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    1. Der Vergleich mit Erdogan, ich nehme an Sie meinen Recep Erdogan, der gerade sehr viele Menschen mit haltlosen Anschuldigungen hinter Gittern verschwinden lässt, den IS unterstützt und Westeuropa damit droht mehrere Millionen Flüchtlinge zu uns „gehen zu lassen“, ist eine Unverschämtheit sondergleichen gegenüber Thomas Kessler.

      Wenn Morin ihm soviel Raum gibt, ist es doch nur logisch, dass er diesen füllt. Zum Glück hat er es getan. Kessler ist mit diesem Raum verantwortungsvoll umgegangen. Sind Sie nicht Psychologe, Herr Westdijk? Dann müssten Sie doch die wichtige Frage stellen: Weshalb nervt mich mein gegenüber? Denn das Gefühl genervt zu sein entsteht in einem selbst und hat nur mit einem selbst zu tun. In Kesslers Fall waren wohl viele von ihm genervt weil er selbst mit verbundenen Augen immer ins Schwarze getroffen hat. Er hat uns allen mehr als einmal den Spiegle vorgehalten. Und das wurde für einige sehr unangenehm.

      Ein Kantonsangestellter ist ein Staatsdiener und somit ein Diener des Volkes. Damit, dass er mehr als einmal Klartext gesprochen hat, diente er uns – dem Volk – mehr, als jeder Politiker. Nebst dem haben Staatsdiener klare Arbeitsaufträge, während es in der politischen Führung all zu oft beim Geschwätz bleibt, sicher auch viele gute Themen angegangen werden, letztlich aber wegen der Unfähigkeit der politischen Führung nicht umgesetzt werden. Das liegt in der Sache der Natur. Die einen reden lieber, die anderen machen lieber. Nur wenige können beides.

      Wer weiss, vielleicht hat Kessler auch nur viele Dinge gesagt, die sein Chef hinter verschlossenen Türen ebenfalls gesagt hat. Nur dass der sich nie so exponieren würde.

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    2. @schwob

      morin wird’s von der ärztlichen warte her gesehen haben: das beste heilmittel bleibt abhängig von seiner dosierung – und die wirkte im lauf der zeit vermutlich echt ätzend.

      so kommt’s, dass der departementale binnenmigrant letztlich weiterdelegiert wurde – eigentlich nur logisch, oder?

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