Verpasste Chance

Im Umgang mit der Protest-Favela hätte die Art Basel Grösse zeigen können. Jetzt steht sie in der Kritik.

Was ist geschehen? Die Messeleitung gab dem japanischen Künstler Tadashi Kawamata den Auftrag, das Café auf dem Messeplatz zu gestalten. Dieser baute zusammen mit dem Basler Architekten Christophe Scheidegger eine Brettersiedlung aus 15 Hütten auf und (Bild: Stefan Bohrer)

Im Umgang mit der Protest-Favela hätte die Art Basel Grösse zeigen können. Jetzt steht sie in der Kritik.

Im Norden von Paris herrscht eine «Collective Folie». Im Parc de la Villette kreischen Kinder auf einem Rummelplatz. Dahinter kreisen Sägen auf einer Baustelle. Unter sengender Sonne arbeiten junge Männer und Frauen an «Collective Folie», dem neu­sten Werk des japanischen Künstlers Tadashi Kawamata. Ein 20 Meter hoher Holzturm, der wie eine riesige Mikado-Konstruktion aussieht.

Gleichzeitig wird in Basel seine vorletzte Arbeit abgebaut. Das «Favela Café» sorgte an der Art Basel für kontroverse Reaktionen. Kawamatas Hüttensiedlung war Auslöser einer künstlerischen Gegen­reaktion – auch eine Art «Collective Folie», die sich am 14. Juni in eine Freiluftparty verwandelte und schliesslich von der Polizei ruppig aufgelöst wurde.
Tadashi Kawamata hat die Eskalation in seiner französischen Wahlheimat mitbekommen. Er schaute sich den Youtube-Film der TagesWoche an, wie ­viele in seinem Team. «Sah heftig aus», sagt ein junger Handwerker en passant. «Aber, hey, es wurde etwas ausgelöst!»

Architekt zwischen den Fronten

Einer, der sich wünschte, es wäre nicht so weit gekommen, ist der Basler Architekt Christophe Scheid­egger. Er hat schon mehrmals mit dem japanischen Künstler zusammengearbeitet. Dafür gesorgt, dass beim Aufbau der Messeplatz-Favela Restmaterial an die Wagenburg-Bewohner abgegeben wurde, eingefädelt, dass das Café später im Basler Hafen zwischengenutzt werden kann.

Scheidegger hat es gut gemeint. Und stand auf dem Messeplatz doch plötzlich zwischen den Fronten: hier die Installation, an der er wochenlang mitgearbeitet hatte. Da die Aktivisten, die eine Gegen-Favela aufbauten. Und hinter sich die Art Basel, der die Protest­aktion ein Dorn im Auge war. Schweisstreibende Tage für den Architekten, der beim Wiedersehen mit Kawamatas Team in Paris herzlich umarmt wird – und allen erzählen muss, was genau abging in Basel. Doch ihm ist nicht danach zumute. Kawamata bittet uns in sein neuestes Bauwerk, um im Schatten über seine Arbeit und die Reaktionen darauf zu sprechen. Es scheint, als hätten ihn diese nicht wirklich überrascht.

Es scheint, als hätten die Reaktionen Kawamata nicht überrascht.

Schon seine ersten Favela-Konstruktionen vor mehr als 20 Jahren lösten Kontroversen aus, ja, sogar Zerstörung. «Was die Widersprüche und Provoka­tionen angeht, mache ich wie die meisten Künstler einfach meine Arbeit. Leute hassen sie, andere ­mögen sie. Das war schon immer so», erzählt Kawamata im Interview. Was ihn aber überrascht hat: Die Bilder des Polizei-Einsatzes auf dem Basler Messeplatz. «In Japan setzt man in solchen Fällen eine andere Sektion der Polizei ein, die einen sanfteren Weg der Kommunikation sucht», sagt der Künstler.

Dürr verteidigt Einsatz hartnäckig

Zurück in Basel, im Spiegelhof. Ein wenig trostlos wirkt das Büro von Baschi Dürr. Auch vier Monate nach Amtsantritt des Basler Justiz- und Sicherheits­direktors sieht das Zimmer mit grauem Teppich­boden unbelebt aus. Die einzigen Gegenstände, die die Strenge seines Büros durchbrechen, sind ein Spielzeughelikopter und Dekoblumen aus Holz.

Künftig soll ein grösseres Bild oder eine Installa­tion zum Thema «Sicherheit – zwischen Gemeinschaft, Gesellschaft und Staat» den Raum schmücken. Einen entsprechenden Kunstwettbewerb hat der 36-jährige Freisinnige vor Kurzem ausgeschrieben. Damit will er die Diskussion über die Sicherheit um eine Dimension erweitern. Gelungen ist ihm das nicht mit seinem Wettbewerb, sondern mit der Räumung des Messeplatzes vor einer Woche.

Dürr verteidigt den Einsatz hartnäckig, macht dabei aber einen angespannten Eindruck. Mechanisch spult er immer wieder die Worte «Verhältnismässigkeit», «Abwägen» und «Ermessen» ab. Dürr war am besagten Abend selber nicht vor Ort, sondern mit der Sanität unterwegs. Er sei jedoch stets auf dem Laufenden gehalten worden, sagt er. «Ich stehe völlig hinter dem Entscheid des Einsatzleiters.» Was ist passiert?

Polizei mit Reizstoff und Gummischrot

Am Freitagnachmittag sieht der Messeplatz plötzlich ganz anders aus als in den Tagen zuvor. Neben den hübschen Holzhütten des Favela Cafés stehen auf einmal einige handgezimmerte Bretterverschläge, ein Grill qualmt, es stinkt nach Rauch. Die Kunst-Favela hat sich verselbstständigt – wie das oft mit ­seinen Werken geschehe, sagt Kawamata.

Eine Gruppe von rund 20 Leuten wollte die «Dekadenz» des Favela Cafés nicht unkommentiert hin­nehmen. Bald schon ist von aussen nicht mehr aus­zumachen, welche Hütte schon immer da stand und welche erst später dazugekommen ist. Die Durch­mischung ist perfekt, die Stimmung ausgelassen, fröhlich.

Die Messeleitung lässt die Protest-Favela zuerst gewähren. Mehrere Ultimaten verstreichen ungenutzt, die Protestkünstler denken nicht daran, ihren eroberten Freiraum bald wieder zu verlassen. Dieser wird inzwischen von den Schallplatten eines DJs beschallt; aus der Protestveranstaltung wird eine Party. Es läuft laute Reggaemusik, die tanzende Runde wird immer grösser.

Eine Gruppe von rund 20 Leuten wollte die «Dekadenz» des Favela Cafés nicht unkommentiert hin­nehmen.

Kurz nach 22 Uhr ist das Fest schlagartig vorbei, nachdem Minuten zuvor die Polizei mit Reizstoff und Gummischrot eingeschritten ist. Videoaufnahmen des Polizei-Einsatzes zeigen die Eskalation. Zu sehen sind fliegende Stühle, Knallpetarden sowie ein heftiger Mitteleinsatz durch die Ordnungshüter. In mindestens einem Fall sogar zu heftig, wie Polizeidirektor Baschi Dürr später sagen wird.

Messe sieht ihr Image beschädigt

Die Reaktionen auf den Polizei-Einsatz und die Strafanzeige der Art Basel lassen nicht lange auf sich warten. Gegenüber der «Tagesschau» von SRF bezeichnen zwei Galeristen das Vorgehen der Polizei als «unnötig» und «rabiat». Kommentatoren kritisieren das Verhalten der Kunstmesse. So meint etwa das deutsche Kunstmagazin «Art»: «Die Kunstwelt schreibt sich gerne Toleranz auf ihre Fahnen. Da sollte es auch möglich sein, dass ihre Akteure sie für ein paar Stunden selbst praktizieren.»

Die Messe reichte den Strafantrag wegen Hausfriedensbruch kurz nach 20 Uhr ein – mit der Bitte um Räumung nach 22 Uhr. Gemäss zwei Strafrechtsprofessoren kann der Straftatbestand Hausfriedensbruch jedoch auf einem öffentlichen Platz auch dann nicht geltend gemacht werden, wenn man von der Allmendverwaltung ein vorübergehendes Nutzungsrecht zugesprochen bekommen hat.

Angesichts der Kritik, die in der ganzen Stadt und darüber hinaus am Vorgehen der Messe geübt wird, sieht Art-Direktor Marc Spiegler den Ruf der Messe beschädigt. Gegenüber der TagesWoche wollte Spiegler nur in schriftlicher Form Stellung nehmen. «Es ist klar, dass dies keine gute Situation für uns ist», schreibt er. Er habe jedoch in den letzten Tagen mit vielen Leuten über die Geschehnisse gesprochen und sei meist auf Verständnis gestossen. «Wessen Meinung zur Auseinandersetzung auf dem Messeplatz auf einem editierten Video von ungefähr drei Minuten beruht, der sieht die Situation vielleicht anders», räumt Spiegler ein. Er hoffe jedoch, dass mehr Leute einsehen werden, dass die Messe Basel nicht gegen einen kreativen Protest, sondern eine unkontrollierte illegale Party vorgegangen sei.

«Es ist klar, dass dies keine gute Situation für uns ist», sagt Art-Chef Marc Spiegler.

Als Gründe für den Entscheid der Messe Basel, Anzeige gegen die Protest-Favela einzureichen, gibt Spiegler die mangelnde Kompromissbereitschaft der Aktivisten an, obwohl man ihnen entgegengekommen sei und sie mehrere Stunden habe gewähren lassen. Zudem sei der Eindruck entstanden, dass die Party ausser Kontrolle geraten könnte, da die Menge immer grösser wurde und die Musik immer lauter. «Wenn jemand während der Veranstaltung verletzt worden wäre, wäre die Art als Nutzerin des Messeplatzes dafür haftbar gewesen», schreibt Spiegler weiter.

Kein Thema in der Regierung

Kann man von einer Kunstmesse nicht einen gelasseneren Umgang mit kreativem Protest erwarten? «Ich denke, wir sind sehr offen mit der Gruppe umgegangen und boten der Aktion über mehrere Stunden hinweg eine Plattform», erwidert Spiegler. Nach 19 Uhr habe es sich jedoch nicht mehr um einen künstlerischen Protest, sondern um eine illegale ­Party gehandelt. Diese habe man nicht länger dulden wollen, da vonseiten der Teilnehmer keine Gesprächsbereitschaft mehr bestanden habe. Und der Direktor der Art geht noch weiter: «Im Grunde hat die Gruppe mit ihrem eigenen Verhalten der Veranstaltung ein Ende bereitet.»

Der japanische Künstler Tadashi Kawamata eckt mit seiner Kunst im öffentlichen Raum immer wieder an. Man darf davon ausgehen, dass die Platzierung seiner Favela auf dem Messeplatz ein bewusster kuratorischer Entscheid gewesen ist. Ebenso kann man davon ausgehen, dass die Messeleitung genügend Weitsicht besitzt, mit Reaktionen auf ihre eigene künstlerische Provokation zu rechnen.

Marc Spiegler sieht das anders: «Tadashi Kawamata hat in der Vergangenheit ähnliche Projekte realisiert, und es ist mir nicht bekannt, dass es zu vergleichbaren Reaktionen gekommen ist.» Überdies habe sich die Messeleitung lediglich für den Künstler entschieden. Die Wahl des konkreten Kunstwerkes habe man Kawamata überlassen. Ein Gespräch mit dem Künstler hätte gereicht, um diese Wissenslücke zu schliessen. Im Interview sagt Kawatama: «1992, an der Documenta in Kassel, waren nach drei Monaten einige Hütten völlig zerstört.»

Die Messeleitung sollte genügend Weitsicht besitzen, mit Reaktionen auf ihre eigene künstlerische Provokation zu rechnen.

Grösster Einzelaktionär der Messe Schweiz ist mit 33,5 Prozent der Kanton Basel-Stadt. Die beiden Regierungsräte Eva Herzog und Christoph Brutschin sitzen im Verwaltungsrat des Unternehmens. Ihre Aufgabe dort ist es, die Basler Bevölkerung und damit die Stadt zu vertreten. Um eine Stellungnahme zum Verhalten der Messe gebeten, lässt Eva Herzog lediglich ausrichten, dass sie dafür nicht zur Verfügung stehe. «Die Kommunikation obliegt der Messe Schweiz und dem Justiz- und ­Sicherheitsdepartement.» Sogar im Gesamtregierungsrat war der Polizei-Einsatz, der die ganze Stadt bewegt hat, kein Thema, wie Regierungssprecher Marco Greiner bestätigt.

Angekündigte Demo gegen Dürr

Ein paar Tage nach der Räumung des Messeplatzes treffen wir zwei der Protestkünstler am Rhein. Es ist heiss, dennoch haben sich ihre Gemüter inzwischen abgekühlt. Auf ihren Wunsch hin nennen wir sie Lea und Vincent. «Nach dem Einschreiten der Polizei waren wir sehr aufgerieben», sagt Lea. «Mit dieser Brutalität haben wir nicht gerechnet», ergänzt Vincent.

Was war die Absicht hinter der Gegen-Favela? Man habe es nicht einfach hinnehmen wollen, dass die Kawamata-Favela lediglich als Café für die Besucher der Kunstmesse dienen sollte, erklärt Vincent. Deshalb habe man die Kunstinstallation um ihre ­politische Bedeutung ergänzt, führt Lea aus: «Kunst darf nur noch so lange subversiv sein, wie sie sich innerhalb der Marktlogik bewegt.» Mit der spontanen Inanspruchnahme des Messeplatzes habe man diese Logik gebrochen. «Was die Folgen sind, haben wir gesehen.» Die missliebige künstlerische Intervention sei «weggebombt» worden.

Hat also die Polizei das Werk von Lea, Vincent und ihren Kumpanen erst vervollständigt? «Genau dieser Gedanke ist mir auch gekommen, nachdem ich mir den Pfefferspray aus dem Gesicht gewaschen habe», sagt Vincent. Auch wenn es zynisch klinge, die gewaltsame Räumung sei erst das «brutale Schluss­bouqet» der ganzen Aktion gewesen.

Vor nicht mal einem Jahr buhlte Dürr noch mit dem Slogan «Mehr Mut zu zur Freiheit» um Stimmen. 

Mit der auf diesen Freitag angekündigten Protestkundgebung «für mehr Freiräume und gegen Polizeigewalt und Baschi Dürr» im Wettsteinquartier haben Lea und Vincent gemäss eigenen Aussagen nichts zu tun. Diese sei eine unabhängige Reaktion von Leuten, welche sich über das harte Einschreiten der Basler Polizei gegen eine friedliche Party empörten.

Auf die Frage, ob die Polizei bei der angekündigten und unbewilligten Demo wieder so hart einschreiten werde, argumentiert Dürr, der selbst im Wettsteinquartier wohnt, ein weiteres Mal mit der «Verhältnismässigkeit». Es ist derselbe Dürr, der vor noch nicht einmal ­einem Jahr im Wahlkampf mit dem Slogan «Mehr Mut zur Freiheit» um Stimmen buhlte. Derselbe Dürr, der am vergangenen Freitagabend mit der ­Sanität unterwegs war und – gemäss Infor­ma­tionen der TagesWoche – am Telefon seine Polizeitruppe auf dem Messeplatz mehrmals nervös fragte, ob es denn keine andere Möglichkeit gebe, ob man nicht einfach nur den Strom abstellen könne.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 21.06.13

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