Video: Gewaltsame Polizeiräumung am Messeplatz

Wir blicken auf das Jahr zurück. Während der Art Basel sorgte die Basler Polizei mit ihrem gewaltsamen Einschreiten gegen die «Gegenfavela» für Empörung. Das Video der TagesWoche zur Polizeiaktion ging um die Welt.

Mit Tränengas und Gummischrot ist die Polizei gegen die illegal errichtete Favela auf dem Messeplatz vorgegangen. Sie bereitete damit der friedlichen Feier ein abruptes und gewaltsames Ende.

Punkt 22 Uhr hat es auf dem Messeplatz geknallt. Die Polizei marschierte in voller Montur und mit Tränengasgewehren im Anschlag auf die feiernde Menge zu. Zielstrebig steuerten die Polizisten das DJ-Pult an, die Musik hörte schlagartig auf. Dann flogen die ersten Gegenstände gegen die Polizei, zurück kam Gummischrot. Wer nicht spurte, wurde grosszügig mit Pfefferspray eingenebelt; was an Mobiliar im Weg stand, gründlich zerdeppert.

Der Spuk dauerte nur wenige Minuten, dann zogen die Polizisten wieder ab und verschwanden in einer der Messehallen. Begleitet von wütendem Geschrei und fliegenden Bierflaschen. Die Favela, erst gerade am Freitagnachmittag errichtet, lag in Trümmern.

Schwierigkeiten beim Ansehen des Youtube-Videos? Alternativ können Sie das Video bei Vimeo oder Liveleak anschauen.

Sicherheitsdirektor Dürr: Alles richtig gemacht

Am Samstagnachmittag nahm Sicherheitsdirektor Baschi Dürr gegenüber der TagesWoche Stellung zu den Ereignissen des Vorabends. «Ich beurteile den Einsatz insgeamt als verhältnismässig», sagt Dürr. Seine Kritik richtet sich an die Partyveranstalter. Er selber sei den ganzen Abend über die Ereignisse auf dem Laufenden gehalten worden und finde alle Entscheide richtig.

Eine friedliche Party gewaltsam gestürmt

Zwei Stunden zuvor war auch das dritte von der Art gesetzte Ultimatum verstrichen. Da hiess es noch, dass eine Strafanzeige riskiere, wer sich nach 20 Uhr noch auf dem Platz befinde. Es folgten zwei Stunden Ungewissheit, zwei der Favela-Initianten sprachen immer wieder mit dem Einsatzleiter und Vertretern der Art.

Dann kam die Weisung, die Musik müsse abgestellt werden. Es wurde keine Folge geleistet und die Gespräche zwischen Veranstaltern und Behörden brachen ab. Die Favela war zu diesem Zeitpunkt eine friedliche Party: Es lief Reggaemusik, am Boden sassen kleine Grüppchen, ein paar Hunde spielten. Sogar der Esel war noch da.

Messe Schweiz hat Strafanzeige eingereicht

Kurz vor 22 Uhr meldete sich der Einsatzleiter über das Megafon, um ein allerletztes Ultimatum von 15 Minuten zu setzen. Wer sich dann noch auf dem Areal befinde, mache sich des Hausfriedensbruchs schuldig. Gleichzeitig stellten sich ungefähr zwei Dutzend Beamte in einer Reihe auf.

Gemäss Polizeisprecher Martin Schütz habe die Messe Schweiz (MCH) kurz zuvor einen Strafbefehl unterzeichnet. Da diese das Areal für die Dauer der Art gemietet habe, sei der Entscheid bei der MCH gelegen. «Da verschiedene Aufforderungen zum Abbruch der Veranstaltung ungehört blieben, haben sich die Einsatzkräfte entschieden, die Lärmquelle sicherzustellen», sagt Schütz.

Dabei seien die Beamten auf heftigen Widerstand gestossen und hätten entsprechend mit Gummischrot und Reizstoff reagiert. Der Einsatz sei «vollständig im Sinne der Verhältnismässigkeit» gewesen. Die Menge habe sich inzwischen aufgelöst, nur ein paar Wenige seien noch vor Ort und würden das mitgebrachte Material verbrennen. «Wir beobachten weiter, was geschieht», sagt Schütz.

Als Antwort auf Fragen zu und Kritik an unserer Berichterstattung beschreiben Matthias Oppliger, der den Artikel verfasst hat, und Hansjörg Walter, der gefilmt hat, die Hintergründe zum Bericht: Wie das «Favela»-Video entstanden ist.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Artikelgeschichte

15.6.2013, 12:00 Uhr: Videolink zu Vimeo eingefügt.

15.6.2013, 18:01 Uhr: Link zur Stellungnahme von Baschi Dürr ergänzt

16.6.2013, 15:48 Uhr: Link zur Stellungnahme von Matthias Oppliger und Hansjörg Walter ergänzt

Konversation

  1. Einerseits sollte das Gewaltpotential, welches möglicherweise zusätzlich durch den Alkoholkonsum beeinflusst wurde, auch bei einem vermuteten und eher nach Harmonie strebenden alternativen Hintergrund nicht unterschätzt oder verschwiegen werden. Andererseits muss der Messe Schweiz vorgeworfen werden, zu einer sinnlosen Eskalation beigetragen zu haben. Wie aus einer Bildbeschreibung des Artikels etwas versteckt zu entnehmen ist, wurde die Aktion zuvor von der Messe Schweiz geduldet. Den eingesehenen zugehörigen Artikeln ist jedoch nicht zu entnehmen, ob die Duldungsentscheidung mit Auflagen belegt war und ob diese verhältnismässig waren. Dass die Aktion mitsamt allfälliger Musik bis in den sommerlichen Abend und womöglich darüber hinaus bis in die spätere Nacht andauern würde, legt die Duldung zwar vergleichsweise grosszügig aus. Aufgrund des Protestcharakters sollte sie aber nicht wirklich überraschen. Dennoch hätten die Messe Schweiz und die verantwortlichen der Aktion eine einvernehmlichere Lösung finden müssen, die wohlwollend ausgestaltet gewesen wäre und im Gegenzug verbindlich eingehalten worden wäre. Dass die Polizei sich wiederum in einem Widerspruch befindet, indem diese einem Staatskonstrukt mit vermeintlichem Gewaltmonopol unterstellt ist, welcher aus rechtswidrigen Besitznahmen beziehungsweise Eroberungen und willkürlichen Eigenermächtigungen entstanden ist, das ist ein Thema für sich.

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  2. Ganz Richtig.

    Sollten in der heutigen Zeit Zwischenmenschlichkeit und Moralisches Verhalten gegenüber anderen den Profit in irgend einer Form beeintächtigen, so schert sich einfach keiner mehr um irgendetwas Moralisches.

    Lustig ist auch, dass unser Freund Buschweiler in einem Kommentar zu dem Thema sagt, es sei egoistisch wenn man Häuser besetzt und den öffentlichen Raum nutzt.
    Nur komisch, dass er damit voraussetzt, dass alle so ticken MÜSSEN wie er. Wäre es nicht eher als egoistisch anzusehen, dass man solche Sachen nicht duldet, nur weil man selbst nicht genügend rational denken kann und deshalb nichts damit anzufangen weiss…

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  3. Etwas haben Sie in Ihrem Kommentar vergessen!
    Die Musik der offiziellen Favela unterstützt die materielle Wertschöpfung.
    Hingegen hat die andere Favela auschliesslich zwischenmenschliche Wertschöpfung generiert. Somit hat deren Musik die materielle Wertschöpfung torpediert.

    Da die ART auschliesslich der materiellen Wertschöpfung und dem Materialismus dient, kann in deren Sinn die Musik, die einfach nur der Freude der Menschen dient in deren Augen nur kontraproduktiv sein.

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  4. Funfact:
    Als ich Tags darauf (ca. 22:15) mit dem Fahrrad über den Messeplatz fuhr, war die „offizielle“ Favela-Bar in Betrieb. Wie sich das für eine gemütlich-dekandente Bar im 3. Welt-Ambiente gehört natürlich auch mit Musik.
    Hä?
    Wurde doch am Tag zuvor noch der Lärm als eines der Hauptprobleme genannt.

    Aber natürlich ist dies ja auch gar nicht weiter erwähnenswert, wo doch die nette Messe inklusive ihrer Favela eine Bewilligung hat, um die (nicht-existenten-lärmempfindlichen) Nachbarn zu beschallen.

    Mir scheint, als ob in dieser Stadt ein Wiederspruch den anderen Jagt. Und die Regierung und Polizei tragen mit genau solchem übertriebenem Machtgehabe grosse Verantwortung daran.

    Ein anderes Beispiel:

    In einem Polizeicommuniqué über ein geräumtes Geburtstagsfest im Wald, von vergangem Sommer, las ich ernsthaft folgenden Satz: „Lärmklagen gingen mangels Nachbarschaft keine ein“.
    Soweit sind wir nämlich. Wer niemanden Stört und sich extra zurückzieht wird beschuldigt, etwas getan zu haben, was andere Leute hätte stören können.

    Gut, oder?

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  5. ich habe mir dies video nunmehr seit tagen des öfteren zu gemüte geführt.
    wie kann ein hr. dürr hier nur von verhältnissmässigkeit sprechen???
    z.B. bei sekunde 45 als dies mädchen ein teil der anlage zu retten vermag, dieser polizist ihr aus nächster nähe pfefferspray in die augen schiesst obwohl sie in der rückwärtsbewegung war. keinerlei aussicht auf aggressive gegenwehr ging davon aus.
    der plattenspieler der am boden zertrümmert wurde, ist dass das verständniss für konfiszieren?
    ich frage mich wie man vor dieser obrigkeit respekt haben soll wenn diese schon das geringste nicht verstanden haben.
    ich weiss ja, die polizei ist nur das ausführende organ, viel schlimmer noch wenn ich an ihre auftraggeber denke.

    pfui art, pfui hr. dürr und im endeffekt pfui basel.

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  6. …sieht man sehr deutlich, wie ein Polizist einem Mann zweimal die Faust ins Gesicht schlägt.
    Mehr will ich dazu gar nicht sagen, zu wütend macht mich das ganze. Und die Polizei wundert sich, warum die Gewaltbereitschaft immer höher wird. Wenn mir jemand so ins Gesicht schlagen würde, wäre es mir herzlich egal, ob diese Person uniformiert ist.
    Eine Schande für Basel. Einmal mehr zeigt die Stadtpolizei ihr Faschoisdes Gesicht!!

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  7. Wenn es doch, wie es offiziell heisst, nur darum ging die (zu) laute Musik abzustellen, welche Art-störend war und zur Art-Anzeige führte, dann wäre doch simpel einen Stecker irgendwo zu ziehen die weit einfachere und effizientere Intervention gewesen. Oder ging es doch um mehr?

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  8. Mein Bild in Sachen Polizei hat sich im 2000 schlagartig geändert. Damals eine kleine Demonstration, im Frühjahr an der Mustermesse Basel. Junge Leute am Boden sitzend. Ringsum Polizisten schwer bewaffnet. Hinter einem sitzenden Demonstrant stand ein schon etwas älterer Polizist, der genüsslich dem vor ihm Sitzendem regelmässig Tritte in den Rücken/Unterleib versetzte, von hinten wohlgemerkt. Er unterbrach seine absolut primitive, eines Polizisten unwürdige Provokation, als er sah dass ich ihn beobachtete. Ausnahmslos duldeten die um ihn posierten Polizisten die Misshandlung des einen Polizisten. Wenn sich der junge Demonstrant gewehrt hätte, wäre wohl das ganze Arsenal an grober Polizeigewalt über die Demonstrierenden hereingebrochen. Sicher hätten die Verantwortlichen wohl gesagt, von den Demonstranten sei Gewalttätigkeit ausgegangen und die Polizei hätte sich schützen müssen. Für mich ist da schlagartig Bewusst geworden geworden, dass es in jeder Sparte, Chaoten, Randalierer, Unruhestifter etc. gibt. Die einen haben dann nur das Glück, beim Staat zu arbeiten, also im Schutz des Staates ihre Aggression ausleben zu dürfen.

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  9. Was für eine Geiselbefreiungsaktion: Hoffentlich geht es der Stereoanlage gut und sie ist wohl auf und in Sicherheit! Es wäre wirklich richtig und wichtig, wenn sich die Polizei über die Verhältnismässigkeit dieser Aktion Gedanken macht. Musik abstellen ja, aber bitte doch nicht so. Das wird ja immer kranker. Die Steigerung wäre der Einsatz mit einem Panzer gewesen. Eine Entschuldigung wäre das Mindeste.
    P. Schacher

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  10. @Karl Buschweiler: Danke.

    @Dorothee Becker: Die Polizei wurde gerufen, um Ordnung in die Sache zu bringen. Dass die Polizei Gewalt anwenden musste, ist traurige Realität und ein Abbild des Gesellschaftswandels. Früher hätte man diese Party vielleicht schon mit 2-3 Polizisten auflösen können. Heute geht das nicht mehr, weil Grenzen nicht respektiert und immer extra überschritten werden.
    Paradox ist auch die Aussage „wir konnten die Abmahnung der Polizei nicht hören, die Musik war zu laut“. Das beweist einmal mehr, dass die Polizei nicht respektiert wird. Wenn man genug IQ hat und einen Polizisten mit Megafon bei solch einer Veranstaltung sieht, darf man davon ausgehen, dass er einem etwas mitteilen will.
    Und ja, sie haben Recht, zurückziehende Polizisten anzugreifen, ist feige und gehört bestraft. Leider hat man keine dieser Personen verhaften können.
    Die Deeskalationsstrategie geht so: 1. Dialog (hat im vorfeld mehrfach stattgefunden), 2. Deeskalation (hat stattgefunden, mehrfach wurde ein Ultimatum gestellt und nicht eingehalten, mit Megaphon wurden die Leute aufgefordert, die Örtlichkeit zu verlassen), 3. Durchgreifen (hat stattgefunden, als die Polizei die Anlage beschlagnahmte). Dass es beim Durchgreifen zur Gewalt kam, hat nichts mit dem Wort durchgreifen zu tun, sondern weil die Polizei angegriffen wurde.
    Alle Stufen der Strategie wurden korrekt durchlaufen, ich denke nicht, dass eine Nachschulung nötig ist.

    @BoerniM: Genau das machte die Polizei, wie im Video zu sehen ist. Die Musikanlage wird ausgesteckt und mitgenommen (dass dabei nicht zimperlich vorgegangen wird, ist verständlich, da es schnell gehen muss und die Polizei angegriffen wird). Dass die Musikanlage mitgenommen wird, ist ebenso verständlich, da sonst nach 3 Minuten der Stecker wieder drin wäre und die Musik wieder laufen würde.

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