Viel zu viele Gymnasiasten: Basler Lehrkräfte müssen die Schraube anziehen

45 Prozent der Sekundarschüler werden im Sommer ins Gymnasium übertreten und nur 6 Prozent haben bereits einen Lehrvertrag unterzeichnet: Beim ersten abgeschlossenen Durchgang der neuen Sekundarschule offenbart sich ein krasses Ungleichgewicht, das korrigiert werden muss.

Vielleicht hilft ja die grosse Kugel? Erziehungsdirektor Conradin Cramer sucht einen Weg, die frappant hohe Gymnasialquote zu senken.

Ideal wäre eine ausgeglichene Aufteilung: ein Drittel Gymnasiasten, ein Drittel sonstige Mittelschüler (Fachmaturität, Wirtschaft und Informatik) und ein Drittel Schulabgänger, die eine Lehre antreten. Davon ist man in Basel-Stadt aber weit entfernt, wie eine Bilanz des Erziehungsdepartements zum Abschluss des ersten HarmoS-Durchgangs zeigt.

Das Basler Schulsystem wurde mit dem HarmoS-Konkordat gehörig umgekrempelt. Neu folgt auf sechs Jahre Primarschule der Wechsel in die Sekundarstufe I mit drei Leistungszügen. Diese sind mit A für Allgemeine Anforderungen, mit E für Erweiterte Anforderungen und mit P für Hohe Anforderungen (oder Progymnasialer Zug) bezeichnet.

Im Sommer werden nun die ersten Schüler die obligatorische Schulzeit nach diesem neuen System abschliessen und in die Sekundarstufe II übertreten.

«Historisch hohe Gymnasialquote»

Im Mai zeichnet sich nun bereits ab, dass nicht weniger als 45 Prozent aus der Sekundarschule ins Gymnasium wechseln werden. Vor einem Jahr waren es noch 36,3 Prozent, 2016 gar «nur» 35,3 Prozent. Auch mit dieser Quote stand Basel-Stadt schon an der Spitze der Kantone.

Eine Quote von 35 oder 36 Prozent lässt sich mit dem ausgeprägten akademischen Umfeld in einem Stadtkanton noch erklären. Nicht aber die laut Erziehungsdirektor Conradin Cramer «historisch hohe Gymnasialquote» von 45 Prozent. Diese bereitet den Departementsverantwortlichen gar keine Freude, denn sie bilde nicht das tatsächliche Leistungsniveau ab. «Wir haben das Ziel bei den Übertrittsquoten in die Sekundarstufe II verfehlt», sagte Cramer an einer Medienkonferenz.

Mit anderen Worten: Die Gymnasialquote muss runter auf 35 bis höchstens 40 Prozent und der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die in die Berufsbildung übertreten, entsprechend rauf. Das ist keine einfache Aufgabe, wie Dieter Baur, Leiter Volksschulen im Departement sagte. Man habe eigentlich viel getan in Sachen berufliche Orientierung in der Schule, aber offensichtlich zu wenig.

Schärfere Selektion in der Primarschule

Laut Baur soll der Korrekturhebel bereits in der Primarschule beziehungsweise bei den Anforderungen zum Übertritt in die Sekundarstufe I angesetzt werden. Bislang war nur der Notendurchschnitt eines der beiden Zeugnisse im sechsten Primarschuljahr massgebend für die Einteilung. Das führte dazu, dass rund 42 Prozent der Primarschüler in den höchsten Zug der Sekundarschule wechselten. Neu müssen nun beide Zeugnisse die Zuteilung bestätigen.

Aber auch in der Sekundarstufe I sollen die Schrauben angezogen werden. Laut Baur sind vor allem im P-Zug die durchschnittlichen Klassennoten «markant zu hoch». Sie liegen über der Note 5,0. Der Klassendurchschnitt muss im E- und P-Zug auf einen Wert zwischen 4 und 5 gedrückt werden – Lehrer von besonders starken Klassen müssen die Ausnahmen künftig begründen.

«Die Lehrer müssen bei der Beurteilung ihrer Schüler über die Bücher», sagte Baur. Das heisse, dass vor allem die Lehrer der P-Züge das selektive Denken stärker verinnerlichen müssten. Warum dies noch nicht der Fall ist, erklären sich die Verantwortlichen mit der Tatsache, dass die allermeisten Lehrer des progymnasialen Zugs aus der früheren Weiterbildungsschule übergetreten sind. Dort sei der Fördergedanke ausgeprägter gewesen als die Selektion nach stärkeren und schwächeren Schülern.

Sehr viel mehr ins Detail, wie das Steuer herumzureissen sei, gingen die Verantwortlichen nicht. «Der Kanton alleine kann nur beschränkt Einfluss nehmen», sagte Regierungsrat Cramer. Das Umdenken, dass das Gymnasium nicht der alleinige Schluss aller Bildungsweisheiten sei, müsse auch in den Köpfen der Schüler und ihrer Eltern stattfinden.

Mit Gymi-Aussteigern in hoher Zahl ist zu rechnen

Wie die Gymnasien nun den aussergewöhnlich hohen Ansturm von neuen Schülern auffangen werden, konnten die Verantwortlichen noch nicht sagen. «Wir rechnen nicht mit einem Quantensprung an Intelligenz», sagte Ulrich Maier, Leiter Mittelschulen und Berufsbildung.

Man werde das Anforderungsprofil an den Gymnasien aber hoch halten, was eine relativ hohe Durchfallquote zur Folge haben könnte. «Wir werden Schülern, die an den Gymnasien nicht reüssieren, niederschwellige Umsteigemöglichkeiten in die Berufsbildung anbieten müssen», sagte Maier.

Konversation

  1. Dominique Spirgis Eingangs-Statement „Ideal wäre eine ausgeglichene Aufteilung: ein Drittel Gymnasiasten, ein Drittel sonstige Mittelschüler (Fachmaturität, Wirtschaft und Informatik) und ein Drittel Schulabgänger, die eine Lehre antreten.“ wirft die einfache Frage auf, wieso genau diese Aufteilung ideal wäre?

    Und mich würde interessieren, woran man bei „den Departementsverantwortlichen“ erkannt haben will, dass die Übertrittsquote von 45% aufs Gymnasium „nicht das tatsächliche Leistungsniveau abbilde“? Ist diese Sicht die Folge von Eindrücken, die die Lehrerinnen und Lehrer der Basler Gymnasien gewonnen haben? Oder hängt man der o.g. „Zielstellung“ an, die man als Gesetzmässigkeit auffasst?

    Danke Empfehlen (0 )
    1. Tut mir leid, aber der Unterschied zwischen BS und BL in diesem Balkendiagramm ist so eklatant, dass man sich wirklich fragen muss, ob da einheitlich bewertet worden ist. Mich zum Beispiel würde mal interessieren, wie man so ohne weiteres, gerade auch bei Maturanden, die zum Studium ins Ausland gegangen sind, sachlich richtig erfasst hat, ob und wann sie einen Hochschulabschluss erworben haben. Keinen Hochschulabschluss zu erfassen bedeutet ja nicht, dass keiner vorliegt. Das ganze Vorgehen dieser Erhebung würde mich einmal interessieren. Wie auch etwaige Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Oder den Studienfächern, Studienorten, Hochschularten, und vielem mehr. Und ausserdem ist die Erhebung für Studienanfänger von 2008 erfolgt. So ganz einfach ist es nicht, damit auf künftige Studenten zu extrapolieren, die jetzt mitten in Ihrer Schülerzeit stecken. Und was mich besonders interessiert: sind die, die vorgeblich zu wenig strenge Bewertung während/vor der Gymizeit erfahren haben, auch die, die dann ohne Abschluss studieren. Naja, und ohne Abschluss eines Studiums haben es übrigens viele schon weit gebracht, aber das nur nebenher.

      Danke Empfehlen (0 )
    2. Nur weil einem die Ergebnisse einer Studie nicht passen heisst dies nicht automatisch, dass die Erhebung mangelhaft war.
      https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/szenarien-bildungssystem/hochschule-studierende.html
      hier können Sie sich Ihre Fragen zudem auch selbst beantworten!
      Meine persönliche Erfahrung der letzten Jahrzehnte mit Maturanden aus BS im Vergleich mit der Restschweiz ist leider deckungsgleich mit jener des Bundesamts für Statistik.

      Danke Empfehlen (0 )
  2. Ich habe bei den Leuten, die über hohe Gymasialquoten und Über-Akademisierung lamentieren (Untergang des Abendlands/der Handwerker-und-Bauern-Schweiz), immer den Eindruck, dass die von einer feststehenden Masse an Intelligenz in der Bevölkerung ausgehen. Wenn jetzt mehr Leute Matura machen, dann kommen zwangsläufig auch nicht so Intelligente zu höheren Bildungsweihen und machen den Lamentierern deren exklusiven Bildungsabschluss streitig. Maßnahmen: selektieren, sieben, Druck aufsetzen, also Kinder und Jugendliche entmutigen. Bäh!
    Könnte es nicht auch sein, dass engagierte Lehrpersonen und guter Unterricht dazu führen, dass die Schule das Beste aus den SchülerInnen rausholt? Und das soll sie ja auch, genau das! Ist nur so ein Eindruck als Mutter einer Sekundarschülerin …

    Danke Empfehlen (2 )
  3. „Ideal wäre eine ausgeglichene Aufteilung: ein Drittel Gymnasiasten, ein Drittel sonstige Mittelschüler (Fachmaturität, Wirtschaft und Informatik) und ein Drittel Schulabgänger, die eine Lehre antreten.“

    „Das heisse, dass vor allem die Lehrer der P-Züge das selektive Denken stärker verinnerlichen müssten.“

    „…Schraube anziehen…“

    Was für eine Alternative will die TaWo eigentlich sein, wenn sie solche Phrasen drischt?

    Danke Empfehlen (1 )
  4. Als wenn nur eine Schraube da wäre! Dieses Lob des Notendurchschnitts meint doch, dass nur die Dümmeren eine Lehre machen! Es sollte um Eignung und Neigung gehen, manche Gymnasiasten wäre von einem Handwerk völlig überfordert…

    Danke Empfehlen (2 )
    1. Ja, da fehlen in den Schulen oft die handwerklichen Dinge. Bücher sind stets genug da, aber das andere, oft gar nicht vorhanden.
      So könnte man schon in der Schule verhindern, dass einem Studierten später der Schraubenzieher zur Lebensgefahr wird, weil er nichts damit anzufangen weiss.
      Auch so ein Schulgarten hat heute mittlerweile Seltenheitswert.

      Danke Empfehlen (1 )
  5. Was hier als „HarmoS“ bezeichnet wird, war eigentlich der Wechsel von einer moderaten Gesamtschule zu einer Schule mit Leistungszügen: Nach dem Modell „Konkurrenz belebt das Geschäft, und mit Verlusten muss gerechnet werden“. In einem solchen System wollen alle Schüler*innen und ihre Eltern möglichst hoch hinaus. Das war eigentlich voraussehbar bzw. die Absicht. Ob damit am Ende alle auch wirklich substanziell leistungswilliger und lebenslang lernfähiger sind, kann bezweifelt werden.

    Danke Empfehlen (1 )
  6. Die hohe Quote sollte man nicht überbewerten, ist nicht wirklich eine Überraschung: erster Übertritt ins Gymnasium aus komplett neu geschaffener Sekundarschule. Das dürfte sich eigentlich von alleine justieren.

    Aber natürlich ist es auch kein Wunder, dass die Quote hoch geht, wenn immer mehr Berufswege eine Matura voraussetzen, bei denen früher keine nötig war.
    Man kann nicht gleichzeitig die Bedeutung der Matura hochschrauben und gleichzeiti erwarten, dass nicht mehr den Druck verspüren, ebendiese zu machen.

    Danke Empfehlen (2 )
    1. Das ist der Druck aus dem EU Raum. Zehntausende Hochschulabgänger mit Bachelor oder Master suchen Jobs und nehmen bei uns alles an. Zu nahezu allen Bedingungen. Das übt Druck aus auf unsere Schulabgänger. Selbst nach der Lehre muss es oft weitergehen an die FH oder gar Berufsmatur und ein Studium. Hinzufügen gibt es auch noch – in BS finden die ausbildenden Firmen bereits seit Jahren fast keine fähigen Lehrlinge mehr. Zumindest bei den anspruchsvollen Berufen rekrutiert man aus der ganzen Schweiz und ältere Abi Abgänger aus D.

      Danke Empfehlen (0 )
  7. Liebe Kinder
    Seht zu, dass Ihr aus dem Öko-Doof-Paradies weg kommt, notfalls ans Gymnasium nach Lörrach.
    Die wollen hier nur Doofis haben, weil die im Betrieb und Ausbildung billiger sind.
    Ansonsten holt man sich dann die Manager aus Harvard, den USA, weil man deren Ausbildung nicht bezahlen muss.

    An die Schulen:
    Es ist eine Sauerei, das Lernpotential der Kinder zu diskriminieren, bis sie „amtlich doof gemacht“ worden sind. Wer schon lernen will, soll lernen, und zwar das, was er will und kann. Wenn das nicht den Vorstellungen der Schulbediensteten entspricht, sind die am falschen Platz.
    Eine Schweiz ohne eigene Rohstoffe sollte wenigstens Bildung als Rohstoff haben in genügender Menge.
    Hier haben „Bildungsterroristen“ mit fundamentalistischen Idenn keinen Platz.

    … ausser man möchte ein grünes Doof-Basel schaffen.

    Danke Empfehlen (2 )
    1. Unsinn!

      Glauben Sie ernsthaft, dass Kinder aktuell plötzlich so viel mehr Lernpotenzial haben?

      Viele Eltern drängen ihre Kinder heutzutage förmlich dazu ins Gymnasium zu gehen. Eine Lehre erscheint heute vielen Eltern nicht mehr gut (sicher) genug. Für immer mehr Berufe braucht man heute ein Studium in irgendeiner Form – am besten gleich noch den Master. Das verursacht natürlich Unsicherheit.

      Diese „Überakademisierung“ halte ich für ein grosses Problem, das viel zu wenig ins Auge gefasst wird. Wenn das Kind nicht genügend gute Leistungen hat, wird dem Lehrer dann teilweise noch mit dem Anwalt gedroht.

      Allerdings wäre es wesentlich besser, wenn einige Kinder von vorneherein nicht ins Gymnasium eingestuft würden, denn der Leistungsdruck und die grosse Enttäuschung, wenn sie dann feststellen, dass sie es doch nicht schaffen (und damit auch noch die Eltern enttäuschen) schadet einem Kind weitaus mehr.

      Jemand den es später dann doch reizt zu studieren und Passion und die Selbstdisziplin hat, kann die Matur immer noch auf zweitem Bildungsweg nachholen.

      Zudem gibt heute schon viel zu viele Studierende. Dann auch noch sehr viele von der Sorte, die gar nicht wirklich ein Ziel mit dem Studium anstreben, sondern nur studieren, um etwas gemacht zu haben. Mama und Papa zahlens ja.

      Danke Empfehlen (3 )
    2. Soll es verboten sein aus unserer Bequemlichkeit, auszprobieren, dass man für dieses oder jenes halt nicht geeignet ist?
      Mit was für einer Hochnäsigkeit nehmen wir uns eigentlich die Beschneidung der jugendlichen Freiheit heraus?
      Geld? Ist genug da, vieles kann nicht teuer genug sein, zB. Mamas SUV.
      Ich weigere mich, mich einer „DDR-Eidgenossen-Doof-Ideologie“ unter zu ordnen, – eigentlich nur aus lauter dumm-bäuerlicher Bequemlichkeit.

      Danke Empfehlen (1 )
    3. Ich sehe als Vater die Wahrscheinlichkeit, keine passende Lehrstelle zu finden, höher, als ein Studium nicht abzuschliessen. Heute sind die Ansprüche an Lehrlinge mindestens so hoch wie an Hochschulabsolventen. Wenn man schon so fleissig ist, dann kann man gerade so gut studieren gehen. Studieren ist eine Fleissarbeit, nicht mehr.

      Danke Empfehlen (0 )
  8. Lernende braucht es immer weniger, den Mitarbeiter für handerkliche Berufe werden importiert aus dem grenznahen Ausland ( Grenzgänger). Die Menge der Gymischüler steigt und damit später auch der Akademisierungsgrad. Aber auch da haben wir Zuwanderer und Expats, die Schweizer Hochschulabsolventen werden es immer schwerer haben, nur die Besten schaffen es sich zu ernähren. Andere müssen jobben, es gibt Länder mit weit extrem hohen Akademisierungsgrad, da verkaufen die fertig ausgebildeten Kaugummi auf der Strasse oder putzen Schuhe. Daneben gibt es ja auch sehr viel Studienrichtungen die per de schon sehr brotlos sind wir z.Bsp. Ethnologie. Der Rest wird vermutlich Medizin oder Psychologie machen wollen, davon wird es immer mehr brauchen, denn irgendwie muss die kranke Masse ja einigermassen gesund gehalten werden. Die Psychologen finden dann in der Sozial- und Asylindustrie ein weiteres Betätigungsfeld.

    Danke Empfehlen (2 )
    1. Sie müssen mir mal erklären inwiefern man eine Industrie definiert, damit ich verstehe, dass die Begriffe „Sozial- und Asylindustrie“ Sinn machen und an sich korrekt wären. Oder schreibt der Schreibende einfach von den Rechtspopulisten ab, ohne selbst nachzudenken?

      Danke Empfehlen (3 )
Alle Kommentare anzeigen (20)

Nächster Artikel