Völkerwanderungen, Truppenaufmarsch und Geschützdonner – die ersten Kriegstage in Basel

Als auf der anderen Seite der Landesgrenze der grosse Krieg ausbricht, treffen in Basel italienische Heimkehrer auf deutsche Soldaten und Touristen aus halb Europa auf Heimreise aus den Bergen. In Basel macht sich Chaos breit.

Deutsche Reservisten marschieren durch die Freie Strasse in Richtung Grenze. (Bild: unbekannt)

Als auf der anderen Seite der Landesgrenze der grosse Krieg ausbricht, treffen in Basel italienische Heimkehrer auf deutsche Soldaten und Touristen aus halb Europa auf Heimreise aus den Bergen. In Basel macht sich Chaos breit.

Gross war die Aufregung in den Tagen nach dem Kriegsausbruch auch in der Schweiz, vor allem in Basel, der Stadt, die so exponiert war wie keine andere im Land. Fast wie auf einer grossen Bühne vollzog sich in den Strassen, auf den Plätzen und an den Grenzübergängen ein nie da gewesenes Spektakel.

Stellungspflichtige Deutsche marschierten singend und musizierend durch die Stadt und im Bahnhof stiegen Tausende von Ausländern in den Zug, der sie zurück ins Vaterland bringen sollte. Die einen nach vielen Jahren in der Schweiz, andere nach einem abrupt abgebrochenen Urlaub. Aus den Ferienorten in den Bergen reiste das europäische Bürgertum zu Tausenden ab und der Heimat entgegen. In Interlaken ging die Zahl der Touristen innert weniger Wochen von 50’000 auf 3’000 zurück, viele kehrten über Basel in ihre Heimat zurück. Der Ausbruch des Kriegs löste Massenbewegungen in alle Himmelsrichtungen aus.

Die ersten Kriegsflüchtlinge

In Basel trafen die Ausreisenden auf Heimkehrer aus Italien. Über 20’000 wurden allein aus Deutschland ausgewiesen und suchten unter anderem über Basel ihren Heimweg durch die Schweiz. Gegen 12’000 von ihnen überquerten die Grenzen in der Region und bevölkerten über Tage die Strassen der Stadt, bevor sie in ihre alte Heimat reisten, die nicht mehr wirklich ihre Heimat war. Ihr Hab und Gut mussten sie groösstenteils in Deutschland zurücklassen, ihrer neuen Heimat, die sie nun verloren hatten.

In Basel harrten sie in grossen Gruppen oft tagelang ihrer Weiterreise, die Stadt errichtete Suppenküchen und provisorische Unterkünfte für die Wartenden. Die Italiener boten ein trauriges Bild, wie die Tausenden von weiteren Flüchtlingen, die in den Jahren danach die Schweiz erreichten. In Basel stiessen die Italiener auf Deutsche Stellungspflichtige.

Viele der gegen Süden reisenden Italienern mussten mehrere Tage auf ihren Weitertransport warten, die Regierung richtete auf provisorische Unterkünfte und Suppenküchen ein. Hier auf der Margarethenwiese.

Viele der gegen Süden reisenden Italienern mussten mehrere Tage auf ihren Weitertransport warten, die Regierung richtete auf provisorische Unterkünfte und Suppenküchen ein. Hier auf der Margarethenwiese. (Bild: unbekannt)

In langen Kolonnen singend und musizierend zogen diese durch die Stadt in Richtung Grenze. Gegen 1’500 Deutsche, die in der Stadt wohnten, wurden einberufen. Am 3. August machte dann die Schweizer Armee mobil, mit insgesamt 220’000 Soldaten und 45’000 Pferden. Basel mit dem Badischen Bahnhof entwickelte sich rasch zu einem entscheidenden Ort der Landesverteidigung.

Als erste Schweizer Truppe nahm am 31. Juli das Basler Landsturmbataillon 51 ihre Posten zur Sicherung der Genzübergänge sowie der Brücken und Bahnanlagen ein. Schulhäuser wandelten sich zu Truppenunterkünften und der Platzkommandant Oberst Büel liess die Truppen durch die Stadt marschieren.

Deutsche Stellungspflichtige warten an der Grenze nach Lörrach auf ihren Einzug in den Krieg.

Deutsche Stellungspflichtige warten an der Grenze nach Lörrach auf ihren Einzug in den Krieg. (Bild: unbekannt)

Artilleriedonner hinter geschlossenen Grenzen

Bahnhöfe und Grenzübergänge wurden innert kürzester Zeit vom Basler Landsturm besetzt und der freie Personenverkehr wurde für Jahre eingestellt. In Aushängen wandte sich die Armee an die Bevölkerung mit der Weisung, sie solle sich «nicht beunruhigen lassen». Die Grenze sei «durch Truppen in genügender Menge gesichert». Innert weniger Tage entwickelte sich Basel und die Schweiz zum Ort, den der Basler Historiker Georg Kreis in seinem Buch so treffend als «Insel der unsicheren Geborgenheit» betitelt.

Basel und die Schweize entwickelten sich zur «Insel der unsicheren Geborgenheit».

Bereits am 6. August wird das damalige Mülhausen zum Schauplatz von zwei blutigen Schlachten. Und während sich in den Strassen Basels die Zeichen des kommenden Krieges mehrten, stiegen die Bürger abends auf die Hügel des Bruderholz und Allschwil und beobachteten mit gespanntem Interesse das Mündungsfeuer der Kanonen, die Kampfflieger und die Lichtkegel der Artilleriescheinwerfer.

Italienische Flüchtlinge warten am Hauptzollamt auf ihre Weiterreise.

Italienische Flüchtlinge warten am Hauptzollamt auf ihre Weiterreise. (Bild: unbekannt)

Spezielle Führung durch 1.Weltkriegs-Ausstellung für TagesWoche-Leserinnen und Leser. Unsere Serie über Basel und die Schweiz in der Zeit des 1. Weltkrieges basiert auf den vier Alben des Basler Hauptmanns Victor Haller. Seine Bücher werden in der Universitätsbibliothek aufbewahrt und sind dort nun Teil der sehenswerten Ausstellung «Der Erste Weltkrieg in der Region Basel». Unsere Leserinnen und Leser erhalten die exklusive Gelegenheit einer rund einstündigen Führung: Historiker David Tréfás wird am Donnerstag, 3. Juli, und am Donnerstag, 28. August, die interessantesten Ausstellungsstücke ab 17.30 Uhr präsentieren und erklären. Danach gibt es einen Apéro. Ihre Anmeldung können Sie an community@tageswoche.ch oder an TagesWoche, Gerbergasse 30, 4001 Basel schicken (bitte Personenanzahl angeben).

Konversation

  1. Wenn wir schon dabei sind, die abgebildeten Örtlichkeiten zu hinterfragen: Das erste Foto zeigt meines Erachtens nicht die Freie Strasse, sondern den Marktplatz unterhalb der Einmündung der Hutgasse: Im Eckhaus (rechts) befindet sich heute ein Schuhgeschäft, wo die „Volksmagazine“ waren, ist heute eine Bankfiliale, Joh. Thommen Sohn (od. Söhne?) und Merkur sind einer Berner Confiserie gewichen – und wenn man den rechten Bildrand öffnen könnte, käme als nächstes das Haus, wo (heute) die Confiserie Schiesser ist. Die marschierenden Männer kommen aus der Gerbergasse, und am linken Bildrand sieht man gerade noch das Haus, wo heute ein Optiker ist. Etwas weiter hinten sind noch knapp die Erker und Türmchen der Fassade der Safran-Zunft zu erkennen. Wenn man dieses Bild neben jenes von der Teuerungsdemonstration auf dem Basler Marktplatz im August 1917 hält (das auch als Hintergrund für den Titel der Serie dient) und die Fassadenfront am rechten Bildrand dort mit den hier abgebildeten Häusern hinter den Männern (ca. Bildmitte bis rechter Rand) vergleicht, sieht man die Ähnlichkeit am besten.

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  2. Der Artikel weist einige Ungenauigkeiten auf.

    Zum Beispiel befand sich das Deutsche Reich erst ab 1915 mit Italien im Kriegszustand. Weshalb sollten bereits zu Kriegsbeginn 1914 die Italiener von den Deutschen ausgewiesen worden sein? Die Italiener wurden höchstens von der eigenen Regierung zum Militärdienst einberufen.

    Wieso sollten Franzosen via Basel nach Frankreich heimreisen? Basel-Stadt hatte damals keine Grenze mit Frankreich, da das Elsass deutsch war. Die Route nach Frankreich führte via Delémont – Delle. Deshalb ist ja heute noch der Bahnhof von Delémont „falsch“ auf die Ost-West-Achse ausgerichtet, entgegen dem heutigen Nord-Süd-Verkehr Basel-Biel-Lausanne.

    Das zweite Bild zeigt zudem die Schützenmatte, nicht den Margarethenpark.

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    1. Danke für Ihre Hinweise. Die italienischen Arbeiter gehörten aber tatsächlich zu den ersten Opfern dieses Krieges, als sie aus dem Deutschen Reich und Lothringen ausgewiesen wurden. Tausende von ihnen machten sich danach über Basel auf den Weg zurück. Die Frage, ob die Angaben mit Park oder Matte stimmen, haben wir uns vor der Publikation auch gestellt und sind nach ersten Abklärungen zu diesem Schluss gekommen. Mit den Ausführungen zu den Franzosen haben Sie selbstverständlich recht; es handelte sich bei den Durchreisenden um Touristen aus verschiedenen Ländern, so, wie es im Text richtig heisst. Warum im Lead nur noch die Franzosen übrig blieben, ist mir schleierhaft; der Fehler ist jetzt jedenfalls korrigiert dank Ihnen.

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    2. Das mit der Schützenmatte ist mir auch aufgefallen: steht sogar „FC Old Boys“ auf der Tribüne. Das „Hauptzollamt“ ist vermutlich beim heutigen Neubau der SBB Cargo (vis-à-vis Markthalle, die es damals nich nicht gab).

      Italien war bis 1915 neutral. Die Ausweisung von Italienern fand auch aus der Schweiz statt – die meisten waren Saisonniers, die ein paar Monate später ohnehin (und mit den gleichen Szenen von Zwischenaufenthalt am Bahnhof) in Massen zurück gereist wären

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    3. Ich bin der Frage zur abgebildeten Wiese noch einmal nach gegangen. Es handelt sich tatsächlich um die Margarethenwiese, wo der FC Old Boys bis zu seinem Wechsel auf die Schützenmatte beheimatet war.

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