Vom «Reisenden Krieger» und dem sterbenden Kino

Seit 45 Jahren führt Christian Schocher das Dorfkino in Pontresina. 10’000 Filme hat er gesehen. Und selber einige gedreht. Unvergesslich ist sein «Reisender Krieger», ein eigenartiger Roadmovie aus dem Jahr 1981, ein Schweizer Kultfilm. Schocher schickte darin einen heimatlosen Kosmetikvertreter auf eine Irrfahrt durch unser zersiedeltes Land.

Ein «Reisender Krieger» auf der Irrfahrt durch die Schweiz. (Bild: Filmstill)

Seit 45 Jahren führt Christian Schocher das Dorfkino in Pontresina. 10’000 Filme hat er gesehen. Und selber einige gedreht. Unvergesslich ist sein «Reisender Krieger», ein eigenartiger Roadmovie aus dem Jahr 1981, ein Schweizer Kultfilm. Schocher schickte darin einen heimatlosen Kosmetikvertreter auf eine Irrfahrt durch unser zersiedeltes Land.

Eine Reise nach Pontresina steht bei einem ahnungslosen Unterländer für eine Fahrt ins Unbekannte. Vor ­allem, wenn man sich gedankenverloren auf den Autopiloten verlässt – und auf einmal durch den Zürcher Stadtverkehr irrlichtert, weil das Navigationsgerät noch zerstreuter ist als unser­einer. Eine kleine Odyssee: Wie passend ist das doch zur Einstimmung auf unseren Besuch bei Christian Schocher. Denn der Bündner Filmemacher und Kinobetreiber hat vor über 30 Jahren ein Schweizer Roadmovie auf die Leinwand gebracht, das an Homers Epos angelehnt war und zudem epische Länge hatte: Mehr als drei Stunden dauerte der Film, war damit fast so lang wie die Autofahrt von Basel in das kleine Dorf im Oberengadin.

Wildromantisch, windgeschützt, malerisch – mit solchen Adjektiven wird Pontresina den Touristen verkauft. Christian Schocher sitzt an diesem sonnigen Nachmittag dennoch lieber in einer kleinen holzgetäferten Beiz, die von aussen so unscheinbar ist, dass sich keine Touristen hineinverirren. Das scheint ihm mehr als recht zu sein, diese Ruhe am Holztisch, vor sich ein Nachmittagsbier. Dass wir leicht verspätet eintreffen: kein Problem. Er hat Zeit. Denn im Dorfkino Rex, 1958 von seinem Vater gegründet, bleibt es still an diesem Freitag, obschon die Gästebetten im Ferienort belegt sind. Schocher winkt ab: «Die Zeiten sind vorbei, als ich jeden Abend einen Film zeigte.» Die Nachfrage nimmt stetig ab.

Heute öffnet er die Tür zu seinem «Cinema» nur noch zweimal wöchentlich. Das Ende einer Ära naht, denn wie alle Kinobetreiber müsste er umrüsten, digitalisieren. Aber die 50 000 bis 100 000 Franken, die ihn das kosten würde, mag der 66-Jährige nicht mehr investieren. Zu klein ist die Nachfrage, bei Touristen wie Einheimischen. Und die drei Kinder sind ausgeflogen, raus aus dem Engadin, runter in die grosse Stadt. Weshalb das Kino Rex hier oben bald Geschichte sein wird. Wehmut ist ihm keine anzusehen. Nach 45 Jahren hat er die Arbeit im Kino gesehen, genügend Filme auch, «10 000 dürften es gewesen sein», sagt er.

Wie der Vater, so der Sohn

Schon als kleiner Junge schlich sich Christian Schocher in die Vorstellungen rein, bewunderte die Pracht von Fellini-Filmen wie «La Dolce Vita», tief im Sessel als heimlicher Voyeur, der Vater hinten im Kabäuschen als Operateur. Dieser war ihm das erste Vorbild: Bartholome Schocher, ein ­gelernter Fotograf, hatte sich schon 1928 (!) eine eigene Kamera gekauft und Filme über Berge, Pflanzen und Tiere gedreht, Filme mit Namen wie «Terra Grischuna» oder «Terra Helvetica». Diese führte er in den Gemeindesälen unseres Landes vor und kommentierte sie vor staunendem Publikum. Stets auf Achse, war er dem Sohn daher lange fremd. Nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner Zeit im Armeefilmdienst zog es den Abenteurer weiter weg, nach Afrika und Asien – «er musste 16 Mal mit dem Flugzeug umsteigen, um am Ende in Tokio anzukommen», erinnert sich der Sohn. Eine Odyssee.

Christian Schocher trat in Vaters Fussstapfen, zunächst als Fotograf, dann als Kinobetreiber, später auch als Filmschaffender. Doch Erfolg war ihm zunächst nicht vergönnt: Als er 1978 an den Solothurner Filmtagen seinen Spielfilm «Das Blut an den Lippen der Liebenden» präsentierte, wurde er von jenem Teil des Premierenpublikums ausgepfiffen, der überhaupt noch bis zum Schluss sitzengeblieben war. «Vergiss es mit dem Filmemachen», sagte sich Schocher, als er sich mit der Filmrolle unterm Arm aufmachte, zurück ins Engadin.

Bis, ja, bis Monate später sein Telefon klingelte und ihm ein Redaktor des ZDF mitteilte, dass ihm zumindest die Vorführung in Solothurn sehr gefallen habe. Der Mann offerierte Schocher 100 000 D-Mark und eine Carte blanche für einen weiteren Film. Zähneknirschend zog ein Jahr später das hiesige Fernsehen nach und Schocher entschied sich, eine Schweizer Version der «Odyssee» zu drehen. «Denn jedes Mal, wenn ich aus Graubünden runterkam und durch die Schweiz fuhr, vorbei an all diesen trostlosen Siedlungen, fand ich, dass ich das festhalten wollte.»

Als Vorbild für den «Krieger» diente Schocher Joyce’ «Ulysses»

Als Vorbild diente ihm Homers Epos aus der griechischen Mythologie, vor allem aber James Joyce’ «Ulysses», für ihn ein absolutes Kultbuch. «Was Joyce kann, kann ich auch, sagte ich mir», erinnert er sich und lacht.

Schocher zog den Kameramann Clemens Klopfenstein hinzu, besetzte die Hauptrolle mit einem Nichtschauspieler, der ihm in Luzern mal an einem Stammtisch aufgefallen war, nannte diesen Krieger, liess ihn aus seiner Überbauung «Wohninsel» rausfahren und in einem Citroën durch die graue Schweiz kurven. Ein dauerbewellter Vertreter von Kosmetika und Parfüm, der tagsüber Coiffuresalons besuchte und abends seine Leere in Motels und Kneipen runterspülte. Ein «Reisender Krieger», der seine Heimat nicht zu finden scheint zwischen Basel und Zürich, dem Flachland und den Bergen. Schochers halb dokumentarisches, halb fiktionales Roadmovie ist ein Zeitdokument ­«prima della rivoluzione», wie ihm damals ein Fernsehredaktor – – in Anspielung auf einen Bertolucci-Klassiker – sagte. Denn kurz nach der Fertigstellung 1981 «brannte» Zürich.

Eine neue Heimat gefunden

Bis heute ist «Reisender Krieger», der damals an internationale Festivals eingeladen und von Kollegen wie Fredi Murer hoch gelobt worden war, ein herausragendes Experiment. Wer den Film gesehen hat – etwa vor drei Jahren, als Schocher eine kürzere Version in die Kinos brachte –, kriegt ihn nicht mehr aus dem Kopf. Kultstatus genoss er auch, weil der Hauptdarsteller Willy Ziegler, der «einfach sich selbst spielte» (Schocher), jahrelang als verschollen galt. «Unterdessen weiss ich, dass er gestorben ist», sagt Schocher und nimmt noch einen Schluck. Diesmal einen Weisswein.

Er selber hat weitere Filme gedreht, aber seine Wege sind kürzer geworden. «Ich habe mich verliebt in die Surselva», sagt er. Im Bündner Oberland porträtierte er zuletzt Bauern und Hausfrauen, drehte Filme auf Rätoromanisch. «In dieser Gegend fühle ich mich heute stärker zu Hause als hier», sagt Schocher. Er, der vor 30 Jahren eindrücklich die Tristesse der Schweizer Zersiedelung vor Augen führte, hat für sich eine neue Heimat gefunden.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 04.01.13

Konversation

  1. Ja, der Film hat mich gepackt. Weiss noch gut, als ich die erste Einstellung im Zürcher Kino bewunderte, fast 10 Minuten Autobahn Zürich-Bern, Leute sind rausgegangen… Hab dann später Max Ramp kennengelernt (den Autostopper im weissen Bernie’s-Anzug auf dem Parkdeck in Andermatt). Willy Zieglers „Blue Eyes vo de Blue Dream“ ist mir geblieben, auch die letzten, dämonischen Szenen im leeren Zürcher ShopVille, und die Bewunderung für den Regisseur, den „Chocher mit em S“…

    Ein grossartiger Film!

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