Wann gehe ich denn nun zum Arzt?

Das Schweizer Gesundheitssystem wird grundlegend umgebaut. Die Apotheker erhalten mehr Kompetenzen. Neu sollen sie impfen und verschreibungspflichtige Medikamente auch ohne ärztliches Rezept abgeben. Und sie sollen Patienten beraten, ob der Gang zum Arzt überhaupt notwendig ist.

(Bild: Nils Fisch)

Das Schweizer Gesundheitssystem wird grundlegend umgebaut. Die Apotheker erhalten mehr Kompetenzen. Neu sollen sie impfen und verschreibungspflichtige Medikamente auch ohne ärztliches Rezept abgeben. Und sie sollen Patienten beraten, ob der Gang zum Arzt überhaupt notwendig ist.

Diese Änderungen sind Teil der Strategie «Gesundheit 2020», mit der der Bundesrat die Probleme in der Grundversorgung – zu wenige Hausärzte und zu hohe Kosten – lösen will. Doch die Sache hat noch einige Haken:

Wenn künftig Apotheker mit einer Zusatzausbildung – anstelle eines Arztes mit einem Medizinstudium – Diagnosen stellen, wird die Grundversorgung vielleicht etwas günstiger, aber qualitativ schlechter.

Zudem fordern Apotheker seit Jahren, Ärzte sollten keine Medikamente verkaufen, damit derjenige, der eine Krankheit bei einem Patienten feststellt, nicht auch vom Verkauf der Medikamente profitiert. Doch wenn der Apotheker die Diagnose stellt und gleich die passende Pille bereithält, vergrössert sich dieses Problem.

Mit der Aufwertung des Apothekerberufes sollen auch die langen Wartezeiten beim Arzt passé sein. In die Apotheke gehe man einfach ohne Termin.

Das funktioniert ganz sicher nicht.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich den Apotheker im Quartier bitte, meinen Ausschlag in der Intimzone anzuschauen. Ich möchte das diskret zeigen. Das ist nicht anders als beim Arzt und muss noch besser koordiniert werden, da sonst die kranken Patienten im Laden herumstehen.

Es stellen sich aber noch viele weitere Fragen. Zum Beispiel:

  • Wann gehe ich denn nun zum Arzt und wann zum Apotheker?
  • Wenn der Apotheker mich nicht zum Arzt schickt, ich aber trotzdem gehe, hat das einen Einfluss auf die Leistungen der Krankenkasse?

Es ist sicher sinnvoll, dass Apotheker mehr Verantwortung übernehmen dürfen und nicht bloss als Heilmittel-Verkäufer angesehen werden. Aber die aktuelle Lösung ist noch längst nicht ausgereift.

Konversation

  1. ist ja gut, wenn die apothekerin mit dem arzt …
    was im avisierten modell unter die räder kommt: das psy-organische (un)wohlbefinden orientiert sich weder an öffnungszeiten noch wirkstoffen allein.

    das zipperlein will auch besprochen sein.

    die eigentliche beratungsfunktion* tritt zunehmend in den hintergrund.
    und das halte ich für grundsätzlich falsch.
    (weil das bedürfnis danach wächst)

    mensch perzipiert sich nicht ausschliesslich als maschinli, das man rasch flicken kann.

    der quervergleich von @cesna ist zwar absurd überzeichnet (bewusst), aber er hat was.
    wenn mein auto was gröberes hat, wird es an den tropf gehängt – den zentralcomputer. und der kontrolliert dann porentief rein, wo’s zwickt.

    die medizinische versorgung wird künftig vermehrt auch über interventionen/depots im nanobereich funktionieren, vermutlich digitalisiert und direkt abrufbar/verlinkt.
    xund.app wird mit iÜhrli zusammenspannen – und die regeln das dann unter sich: wenn’s blinkt & vibriert – ab in die versorgungsstation.

    damit ist die patientin schlecht beraten – nämmli grad überhaupt nicht.
    i like my personal hausarzt
    glo&buli

    *beratung kann auch kosten sparen: sowohl was medikamente wie operationen betrifft
    («aber nein, Ihr ohrläppli schrumpfelt nicht mehr als andere, das braucht kein botox»)

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    1. Sehr guter Punkt! Die beratung. Wo bekommt der Patient/mensch heutzutage niederschwellig, ohne Voranmeldung eine akademisch fundierte Beratung und das zumeist zum Nulltarif? In der Apotheke!

      Die Apotheken können sich noch die Zeit nehmen für umfassende Beratungen und da gibt es für alle Bedürfnisse etwas. Es gibt Apotheken, die ganz stark in anthroposophischer Beratung sind, ohne das Schulmedizinische zu verdrängen etc.

      Beratungen, welche Schul- und Komplementärmedizin nicht feindlich gegeneinanderstellen, bekommt man vor allem in Apotheken. Und das zumeist gratis. Jeder, der eine telefonische Auskunft bei einem Arzt einholte, weiss, dass dann später dann mal eine Rechnung reinflattert.

      Eine gute, akademisch fundierte, empathische Beratung zu Gesundheitsfragen, Therapien und Behandlungen sind das A und O und kommen länger wie mehr zu kurz. Und genau da springen die Apotheken ein! Mit akademisch gut fundiertem und weitergebildetem Wissen, auf Augenhöhe mit den Ärzten.

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  2. „Wenn künftig Apotheker mit einer Zusatzausbildung – anstelle eines Arztes mit einem Medizinstudium – Diagnosen stellen, wird die Grundversorgung vielleicht etwas günstiger, aber qualitativ schlechter.“

    Entschuldigung, aber das ist eine Unterstellung! Geben Sie Quellen und Beweise an, die diese Behauptung untermauern! Es ist lediglich ihre subjektive Einstellung.

    Wissen sie überhaupt wie diese Kurse aussehen? Wissen Sie überhaupt, wie das Studium aufgebaut ist, wo genau das IM STUDIUM gelernt wird und nicht in einer „einfachen Zusatzausbildung“ wie sie fälschlicherweise hier suggerieren!

    Nein, dieser Kommentar zeugt von tiefer journalistischer Qualität, da schlicht schlecht recherchiert.

    Die Zusatzausbildung für heutige Apotheker betrifft die Impfung und Blutentnahme und diese Ausbildung findet durch Ärzte statt. Zweifeln sie also die Ausbildnerqualität unserer sehr gut ausgebildeten Ärzte an?

    Apothekerinnen lernen seit Jahren im Studium schon Krankheitsbilder zu erkennen und zu behandeln.

    Nein, dieser Kommentar ist qualitativ ungenügend und zeugt von Null Ahnung über die universitäre Ausbildung und den Wissensstand der Apothekerschaft. Informieren sie sich besser, bevor sie der Apothekerschaft solche Dinge unterstellen!

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    1. Und was spricht dagegen, wenn eine Frau mit starken Mestruationsbeschwerden neu vom Apotheker ein Ponstan erhalten darf und nicht für jedes Mal zum Arzt rennen muss?

      Was spricht dagegen, wenn eine Blasenentzündung klar vorliegt, der Patientin sofort in der Apotheke zu helfen, statt sie gleich zum Arzt zu schicken, wenn man weiss, dass 97% der Blasenentzündungen bei Frauen durch E.Coli verursacht und einfachstens behandelbar sind?

      Es ist klar definiert, was der&/die ApothekerIn darf und was nicht und ab wann es den Arzt zwingend braucht. Dafür sind sie an der uni IM STUDIUM ausgebildet.

      Ich mache Ihnen eine Empfehlung: Nehmen sie noch einmal Kontakt auf mit Christoph Meier oder Kurt Hersberger und besuchen sie Vorlesungen des Assistenzjahres oder steigen sie schon im 3. Studienjahr ein bei der Vorlesung Pharamkologie&Toxikologie und überzeugen sie sich selbst davon, wie gut und umfassend das Studium und die Ausbildung ist!

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    2. @ Georg:
      Oben lese ich Ihre Kritik, hier unten einen Text von ihnen, der mir zu euphorisch klingt.

      In akademischen Kreisen ist es (leider noch nicht überall) üblich, dass man seine Verbindlichkeiten, Geldeinkünfte aus Vorträgen und Meriten deklariert vor einem Vortrag. Dann weiss der Zuhörer eher, weshalb ein Vortrag so offensichtlich eine entsprechende Tendenz oder „Farbe“ hat.

      Wenn Clementine nicht von der Waschmittelindustrie gesponsert würde, könnte sie freier auch Schmierseife als Waschmittel anpreisen. Das wäre aber für die Waschmittelindustrie weniger einträchtig.

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    3. Ich hab woanders schon geschrieben, dass ich Apotheker bin. Ich finde, ich muss es nicht jedes Mal von Neuem erwähnen. Für Sie mache ich aber eine Ausnahme.

      Ich arbeite in einer unabhängigen Apotheke.
      Ich habe keine Probleme damit, mir mal eine Stunde für einen Patienten zeit zu nehmen, auch wenn er am Schluss sich vielleicht „nur“ einen Tee kauft, dies weil ich Freude am Beruf und der Beruf Berufung für mich ist.
      Ich beziehe normalen Lohn im Angestelltenverhältnis und bin zu keinen Medikamenten- und Therapievorschläge verpflichtet, sondern frei und unabhängig.

      Ich glaube an die Zusammenarbeit (Haus-)ärzte – Apotheken als TEAM.

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