Warum die Schweiz nicht aufs Auto verzichten kann

Als Verkehrsmittel ist das Auto höchst unproduktiv, wie sehr zeigen sechs Fakten. Nichtsdestotrotz ist Kritik brotlos, warum lässt sich auch belegen.

Die Schweiz ohne Auto? Nicht vorstellbar – auch wenn es aus Produktivitätssicht keinen Grund für den PW gibt.

(Bild: Nils Fisch)

Als Verkehrsmittel ist das Auto höchst unproduktiv, wie sehr zeigen sechs Fakten. Nichtsdestotrotz ist Kritik brotlos, warum lässt sich auch belegen.

Tesla statt Mercedes? Benzin-, Diesel- oder Elektromobil? Die Frage, wie Autos effizienter und umweltfreundlicher angetrieben werden können, bewegt Fachleute und Medien. 

Diesel oder benzinbetriebene Motoren haben einen tiefen Wirkungsgrad und produzieren viel CO2, argumentieren Befürworter der Elektromobilität. Die Produktion von Elektrizität und von Elektroautos erzeugt ebenfalls CO2 und belastet die Umwelt, entgegnen die Sachwalter des Verbrennungsmotors, weil bei der Umwandlung von Kohle-, Atom- oder Solarkraft in Strom viel Primärenergie ungenutzt verpufft.

Wesentlicher als die Frage, welchen Antrieb wir wählen sollen, ist indes die Frage nach dem «Was» – was treiben wir mit der Automobilität eigentlich an? Verkehrsforschung und Statistiken liefern uns dazu eine Fülle von Daten. Nachfolgend einige Resultate zur Produktivität sowie zum Verbrauch von Ressourcen, Raum, Zeit und Geld:

  • Das Durchschnitts-Auto in der Schweiz wiegt 1,5 Tonnen. Es befördert im Durchschnitt 1,6 Personen, inklusive Gepäck also rund 150 Kilo. Die automobile Verpackung ist somit zehnmal schwerer als der zu transportierende Inhalt.
  • Das Auto kann anderthalb- bis zweimal so schnell fahren, wie das Gesetz (in der Schweiz 120 km/h) maximal erlaubt. Es verfügt im Schnitt über 110 Kilowatt Leistung. Bei einem normalen Fahrzyklus liegt der Grossteil der Leistung brach. Ob mit Öl, Gas, Strom oder Wasserstoff: Um 90 Prozent Verpackung mit einem überdimensionierten Motor und tiefem primärenergetischen Wirkungsgrad zu transportieren, ist jeder Energieeinsatz ineffizient.
  • In 23 von 24 Stunden steht das Auto still in einer Garage oder auf einem Parkplatz. Man stelle sich einen Transportunternehmer vor, der einen 40-Tönner mit überdimensioniertem Motor beschafft, ihn aber bloss mit vier Tonnen Fracht belädt und nur eine Stunde pro Tag betreibt. Er ginge pleite und käme ins Irrenhaus. Dieses irre Konzept aber bildet das Rückgrat des nationalen und globalen Personenverkehrs; in der Schweiz entfallen heute 70 Prozent der zurückgelegten Personenkilometer (Pkm) aufs Auto.

Rechnen wir zusammen: 10 Prozent Fracht, befördert mit weniger als 20 Prozent energetischem Wirkungsgrad, bei einer Betriebszeit von 4 Prozent. Die Produktivität des Autos bewegt sich damit unter der Schwelle von einem Promille.

Mit dem Elektrovelo von Chur nach Landquart so schnell wie mit dem Auto

Weit effizienter sind andere Verkehrsmittel: Ein Elektrovelo wiegt mit 24 Kilo nur einen Drittel so viel wie die von ihm transportierte Person. Darum benötigt dessen Lenkerin auf der Fahrt von Chur nach Landquart oder von Bern nach Bolligen nur etwa ein Zwanzigstel so viel Strom wie ein angeblich umweltfreundlicher Tesla-Fahrer.

Bei der Eisenbahn ist das Gewichtsverhältnis zwischen Verpackung und transportierten Personen zwar ähnlich ungünstig wie beim Auto, doch ein Zug liegt weniger lang brach und benötigt pro Person und Kilometer ebenfalls viel weniger Energie als ein Auto der Mittelklasse.

Das Auto ist nicht nur unproduktiver als andere Verkehrsmittel. Es verschlingt auch besonders viel Naturkapital. Was folgende Daten belegen:

  • Der Autoverkehr (ohne Gütertransport) verbrennt ein Fünftel der in der Schweiz verbrauchten Endenergie und sein Anteil am CO2-Ausstoss beträgt ein Viertel. Damit fördert er die Ausbeutung von nicht nachwachsenden Ressourcen und den Klimawandel. Sein Anteil an der lokalen Luftverschmutzung mit Stickoxiden, Kohlenwasserstoffen oder Ozon ist rein rechnerisch zwar stark gesunken, seit die Schweiz mit strengen Abgasnormen die Einführung von Abgas-Katalysatoren durchsetzte. Dieser Rückgang, so ist aufgrund der Abgas-Manipulationen zu vermuten, dürfte in der Praxis allerdings kleiner sein als auf dem Papier.
  • Der Verkehr insgesamt beansprucht im Inland 950 Quadratkilometer Fläche. 840 Quadratkilometer davon entfallen auf den Strassenverkehr (exklusive alle Parkplätze in Gebäuden). Pro Motorfahrzeug ergibt das eine Fläche von 140 Quadratmetern. Ein Auto, obwohl es meist still steht, beansprucht damit drei Mal mehr Land – als eine Person in Form von Wohnfläche.

Effizient und umweltverträglich ist das Auto also nicht. Aber dafür viel schneller als die effizienteren Fahrräder? Kurzfristig ja: Die meisten Modelle können weit über die erlaubte Geschwindigkeit hinaus beschleunigen. Doch Tempolimiten, stockende Kolonnen und Staus bremsen die flotte Fahrt:

  • Die durchschnittliche Geschwindigkeit eines Autos beträgt heute knapp 40 km/h. Rechnet man noch den Zeitaufwand dazu, den ein Mensch mit mittlerem Einkommen benötigt, um die Kosten des Autos (im Mittel rund 10’000 Franken pro Jahr) zu bezahlen, so sinkt das mittlere Tempo auf nur noch 20 km pro Stunde. Da kann ein rüstiger Velofahrer noch mithalten.

Wäre das Auto ein Produktionsmittel, hätte es eine auf ökonomische Produktivität getrimmte Gesellschaft gar nie eingesetzt.

Die Kosten für die 4,4 Millionen Franken in der Schweiz im Verkehr stehenden Autos summieren sich auf rund 50 Milliarden Franken pro Jahr, lässt sich aus Daten des TCS hochrechnen. Das entspricht einem Anteil von 15 Prozent an den privaten Konsumausgaben und von acht Prozent am nominalen Bruttoinlandprodukt (BIP). Die Automobilität ist damit eine gewichtige Stütze des volkswirtschaftlichen Umsatzes und des wachstumsorientierten Wirtschaftssystems.

Wäre das Auto ein Produktionsmittel, hätte es eine auf ökonomische Produktivität getrimmte Gesellschaft gar nie eingesetzt – oder aus Effizienzgründen weitgehend ersetzt durch Bahn, Sammeltransport, Elektrovelo, Fahrrad und Telekommunikation. Doch der private Personenverkehr und sein Hauptträger fallen in den Konsumbereich. Hier regiert nicht die Produktivität, sondern das Gesetz der Menge: Je mehr Produkte eine Gesellschaft kauft, und je teurer die einzelnen Produkte sind, desto stärker wächst der Konsum und damit die Wirtschaft.

Oder umgekehrt: Würden die Menschen so effizient konsumieren, wie sie produzieren, bräche die Wirtschaft zusammen. Denn die reale Wirtschaft hängt am Wachstum wie die Mehrheit der Bevölkerung am Status- und Suchtmittel Auto.

Konversation

  1. Bevor solche Artikel verfasst werden, sollte der Schreiberling mal nach D.
    Dort gibt es heute noch Leute die Autostopp machen
    also bitte sauber Rescherschieren
    ach und übrigens ohne Auto geht nichts mehr, darum habe ich einen Esel
    und wenn der nicht will habe ich eben Pech.

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  2. Naja ich halte mich nicht an Utopien fest, sondern sehe die Realitäten und da funktioniert in den Ransgebieten ohne Auto schlichtweg nichts.

    Und da ist urbanistisches Moralfingertum und Besserwisserei fehl am Platz.

    Kommen sie in die Berge und leben sie mal 2-3 Jahre dort. Z.B. Im Val Müstair oder Bergell. Und sie werden verstehen.

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  3. Ein paar psychologische Faktoren:
    – Der Mensch tut lieber was, als auf den Bus zu warten.
    – Velos werden wesentlich leichter beschädigt als Autos.
    – Im Auto ist man auch in der Schlange privat alleine oder in gewünschter Umgebung.
    – Mein Auto fährt nach meinem Terminplan und nicht erst in eine halben Stunde nach Warten.
    – Frauen fühlen sich darin sicherer, Männer auch.
    – Spontanes ist möglich: Ikea, Jogging, Kollegen besuchen.
    – Der Stau ist auch eine ideale Ausrede.
    – Auch nachts um drei kommt man noch nach Hause oder irgendwo hin.
    – Das Vergessene liegt noch im Auto.
    – Man kann damit bei der Freundin / beim Nachbarn Eindruck machen, – ausser sie / er steht auf Velo.

    Es spielen auch nichttechnische Dinge eine Rolle.

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  4. Herr Guggenbühl,

    Ihre Argumentation enthält leider einen kleinen aber entscheidenden Fehler. Die Wirschaft würde auch ohne PWs wachsen, denn die Bevölkerung hätte dadurch mehr Mittel zur Verfügung andere Konsumgüter zu kaufen.

    Ansonsten sind all die Zahlen und Begleitumstände zum „Virus Auto“ * schon seit mindesten 20 Jahren bekannt. Auch Lösungen gäbe es, nur scheitern sie meist an der nötigen politischen Umsetzung. Es ist eben einfacher im bestehenden Fahrwasser weiterzuwursteln, vorallem wenn die Autoindustrie mit genügend Schmiermitteln dafür sorgt, dass die Politik in ihrem Sinne entscheidet.

    * Wer sich vertieft mit der ganzen Thematik beschäftigen will, empfehle ich Hermann Knoflachers Buch mit obigem Titel.

    @ georg,

    Ohne PWs wären mehr als genug Geldmittel vorhanden, um nicht nur alle ländlichen Strecken mindestens im 15-Minutentakt fahren zu lassen, sondern auch sämtliche grösseren Orte ans Schienennetz anzuzschliessen.

    Denn was Herr Guggenbühl ebenfalls unverständlicherweise nicht miteinberechnet sind all die externen Gesundheitskosten. Sprich all die Kosten für die Toten, Verletzten, chronisch Kranken etc., welche unsere (Volks)wirtschaft für den Luxus des Virus Automobil tragen muss.

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  5. Rechnungsbeispiele für Strecken in Agglomerationen sind ja gut und recht, aber wie siehts mit ländlichen Strecken aus? Müstair-Samedan. Oder Sissach-Rheinfelden?

    Es gibt auch Regionen ausserhalb der Agglomerationen mit tollem 15-Minuten-Takt und flachen Strecken. Auch dort müssen die Leute pendeln.

    Nur wie soll das ohne Auto funktionieren wenn man a) mit dem öV doppelt so lange hat wie mit dem Auto und b) je nach Saison nur einen Zweistunden- oder Stundentakt hat?

    Wir müssen aufhören, aus unserer urbaner Sicht die ganze Schweiz verkehrstechnisch erziehen zu wollen. Wir müssen jede Region für sich selber anschauen. Und da macht das Auto in urbanen Regionen für den innerurbanen Verkehr tatsächlich wenig Sinn, während es in ländlichen Gegenden ohne Auto schlichtweg nicht geht.

    Oder macht es auf einmal Sinn die Postautostrecke Mals-Müstair-Zernez auf 15-Minuten zu takten? Das glaube ich wohl eher weniger.

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