Warum wir alle wirklich jeden Velofahrer lieben müssen

Velofahrerinnen und Velofahrer sind nicht das Böse. Im Gegenteil: Sie tun viel Gutes. Für sich selbst, aber noch mehr für die Allgemeinheit. Glauben Sie nicht?

Auch Autofahrer sollten das Velo lieben. Raphael Fuhrer, Grossrat der Grünen und Co-Präsident des VCS beider Basel, erklärt wieso.

Velofahrerinnen und Velofahrer sind nicht das Böse. Im Gegenteil: Sie tun viel Gutes. Für sich selbst, aber noch mehr für die Allgemeinheit. Glauben Sie nicht?

1. Velofahrer entlasten unser Gesundheitssystem um Millionen

Bewegung ist unbestrittenermassen gesund. Spitzensport ist gar nicht nötig, um viel zu erreichen. Das belegen zahlreiche Studien – immer wieder auch mit solch schönen Zahlen: Wer Velo fährt, lebt im Schnitt zehn Jahre länger und minimiert das Risiko für Krebs um 45 Prozent und das für Herzkrankheiten um 46 Prozent. Für Velofahrerinnen und -fahrer bleibt da nur eine Frage: Ist der positive Effekt noch da, wenn Risiken wie Unfälle oder schlechte Luft im Strassenverkehr mit einbezogen werden? Die Antwort ist klar ja. Vom Nutzen für den Einzelnen profitieren aber letztlich alle: In der Schweiz wird das Gesundheitssystem durch Velofahrende jährlich um mindestens 450 Millionen Franken entlastet.

2. Sie verbreiten massig gute Laune

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass psychisch Erkrankte schon bald die am häufigsten auftretende Krankheitsgruppe bilden. Das wird teuer. Die Schweiz hatte hier bereits 2010 Ausgaben von 19 Milliarden Franken. Mehr als drei Prozent unseres Wohlstands werden so vernichtet. Und noch mehr, gäbe es nicht die Velofahrer und Fussgängerinnen. Die sind nämlich nachweislich besser gewappnet gegen Stress bei der Arbeit und weisen auch im Privaten ein höheres Wohlbefinden auf als Automobilisten.

3. Sie machen keinen Krach

In der Schweiz leiden rund 30 Prozent aller Städter unter zu viel Lärm. Auch in Basel sind es viele. Der Bund setzt den Kantonen zwar eine Frist bis 2018, um problematische Situationen zu entschärfen, und es gibt auch technische Fortschritte. Ruhiger wird es trotzdem nicht wirklich. Weil der motorisierte Verkehr auf der Strasse konstant zunimmt. Dieser Lärm schluckt viel Geld. Da wären die aufwändigen Gegenmassnahmen. Aber auch von der Allgemeinheit berappte Gesundheitsschäden, die sich laut jüngsten Daten von 2010 auf rund 1 Milliarde Franken belaufen, oder auch Wertverminderung von Immobilen. Das Velo wäre eine Hilfe, dieses Problem kostenlos zu lösen.

4. Sie lassen uns atmen

Bei Dieselautos weiss keiner mehr so recht, wie viele Schadstoffe sie verursachen. Beim Velo ist das einfach: keine! Die Luftqualität hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, trotzdem werden nach wie vor Grenzwerte in den beiden Basel überschritten. Luftverschmutzung sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen: Schweizweit 3000 frühzeitige Todesfälle, 20’000 Spitaltage und 4,5 Millionen Tage mit gesundheitlichen Einschränkungen summieren sich zu rund 4 Milliarden Franken jährlichen Gesundheitskosten. Dazu kommen Kosten durch bis zu 15 Prozent Ernteausfälle in der Landwirtschaft und durch Überdüngung der Landschaft. 

5. Sie sind wahre Parkplatzkönige

Platz ist ein kostbares Gut in der Schweiz, besonders in Basel-Stadt. Das Bild sagt eigentlich alles: 

Auf einem Autoparkplatz haben mindestens zehn Velos Platz.

Auf einem Autoparkplatz haben mindestens zehn Velos Platz. (Bild: cyclox.org)

Trotzdem noch ein paar Zahlen: In der Schweiz hat die Fläche an Parkplätzen unter freiem Himmel zwischen 1985 und 2009 um 55 Prozent zugenommen. Die Bevölkerung wuchs in der gleichen Zeit aber nur um 18 Prozent. Stand 2009 beträgt die Fläche an Autoparkplätzen 64 Quadratkilometer – fast die dreifache Fläche von ganz Basel.

6. Sie machen den Verkehr flüssiger

Hassen Sie Stau? Lieben Sie das Velo! Dieses braucht natürlich auch im Verkehr viel weniger Platz als ein Auto oder Töff. Dies auch, weil es langsamer ist. Und jetzt stellen Sie sich das mal vor: In der Schweiz sind 70 Prozent aller Fahrten im Auto kürzer als 10 Kilometer, fast die Hälfte (45 Prozent) sogar kürzer als 5 Kilometer. In einem Stadtkanton wie Basel dürfte es sogar noch mehr kurze Autofahrten geben als im Schweizer Durchschnitt. All diese Wege wären auf dem Velo in gut 15 bis 30 Minuten zurückgelegt. Der Verkehr würde fliessen wie nie.

CAR FREE DAY. Latvia from VFS FILMS on Vimeo.


7. Sie sind super fürs Klima

Den Klimawandel bremsen? Da kann der Kanton Basel-Stadt nichts Besseres tun, als das Velo und den öffentlichen Verkehr zu fördern. Das zumindest sagt eine Studie von 2015, an der auch die Uni Basel mitgewirkt hat. Gebäude haben ihre CO2-Bilanz gesenkt und ihren Beitrag zum Klimaschutz geleistet. Schweizer Auto-, Töff- und Töfflifahrer taten dies keineswegs: 16 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gehen aktuell auf ihr Konto. Das ist eine Million Tonnen mehr als 1990. Trotzdem kauft die Schweiz zusammen mit Estland die schwersten und PS-stärksten Autos in ganz Europa. Die Kosten trägt die Allgemeinheit: Volkswirtschafter Nicholas Stern prognostiziert, dass wir im Minimum 20 Prozent unseres Wohlstandes opfern müssen, wenn wir in Sachen Klimawandel so weiterfahren wie bisher. Im Verkehr tun wir genau das.

8. Sie tun viel weniger weh

Ein Velo ist 100-mal leichter als ein Auto und im Stadtverkehr gerade mal halb so schnell unterwegs. Gefahrenpotenzial: ein Bruchteil desjenigen eines Autos. Je mehr Menschen Velo fahren, desto sicherer wird es auf der Fahrbahn. Und je sicherer es auf der Strasse wird, umso mehr Menschen getrauen sich vom Auto aufs Velo: ein positiver Kreislauf. Unzählige Angehörige verlieren jedes Jahr geliebte Menschen durch Verkehrsunfälle. Jedes Opfer ist eins zu viel.

9. Sie bezahlen so grosszügig mit

Ein Velo ist so leicht, dass es die Strasse nicht schädigt. Den Unterhalt zahlt der Velofahrende trotzdem mit: rund 98 Prozent aller Schweizer Strassen werden über die allgemeinen Kantonskassen unterhalten. Nur bei Autobahnen wird ein Teil von den Automobilisten direkt via Vignette und Abgaben auf Treibstoff finanziert. Die jüngsten Zahlen für Basel-Stadt: Der Kanton gibt 142 Millionen Franken für den Strassenunterhalt aus, Riehen und Bettingen zusätzlich 10 Millionen. Gleichzeitig nimmt der Kanton via Motorfahrzeugsteuer, Abgaben usw. von den Automobilisten 62 Millionen Franken ein. Es bleibt eine Differenz von 80 Millionen. Immerhin: Ein Teil kommt da auch dem Velo zugute, etwa der Winterdienst.

10. Sie können Autofahrer glücklich machen

Ohne Velofahrerinnen und Velofahrer wären Krankenkassenprämien noch höher, die Steuern ebenso, die Häuser würden schneller an Wert verlieren, die Schweiz wäre noch enger, und das Klima müsste noch lauter um Hilfe schreien. Es würden noch mehr Menschen mies schlafen, fiese Abgase atmen und übel gelaunt sein. Darunter litten wir alle. Hinzu kämen zähere Staus, höhere Abgaben, mehr Baustellen, keine freien Parkplätze – oder kurz: ohne Velofahrerinnen und Velofahrer wäre auch noch das Autofahren wahnsinnig viel mühsamer. Vor über 100 Jahren sagte ein kluger Mann: «Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad.» Der kluge Mann hiess Adam Opel und gründete die Opel-Werke.

_
Raphael Fuhrer (31) ist Grossrat der Grünen und Co-Präsident des VCS beider Basel. Er studierte Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich und arbeitet dort heute an seinem Doktorat im Bereich Verkehrsplanung. Daneben ist er häufig in den Bergen anzutreffen, auf einer Velotour oder in einem Ensemble als Musiker sowie Sänger.

Konversation

  1. Dass wir auf dieser Ebene argumentieren müssen, warum Velofahren nicht schlecht wäre, macht mich schon nachdenklich. Gibt es jetzt ein Argument in diesem Artikel, das wir nicht schon wussten? So kann man auch lange Artikel über die Vorteile von Schuhen schreiben oder warum ein Spaziergang gesund ist. Wem dient dies? Nicht der Zeitung oder? Sie wird nämlich langweilig, stinklangweilig..

    Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
    1. @Roland A. Berner:
      Verkehrsübertretungen werden gemacht, wo Verkehr ist, darüber muss nicht diskutiert werden, von allen Parteien. Und keine Frage, Rechtsüberholen ist nicht nur verboten, sondern auch sehr gefährlich (warum es verboten ist).

      Aber etwas, was für die meisten Autofahrer selbstverständlich ist, scheint für sehr viele Velofahrer nicht zu gelten: Fahrspuren, Fusswege und vor allem (rote) Lichtsignale.

      Das beobachte ich nicht nur als Autofahrer, sondern auch selber als Velofahrer. Erkenntnis von einer Tour durch Basel letzten Freitag: Ich habe diverse Male andere Velofahrer überholt, die mich an der nächsten Ampel oder Abzweigung auf teilweise haarsträubende Art ebenfalls überholt haben – bis ich sie dann zwei Minuten später wieder hatte. Das Spielt kann endlos gehen. Da wird an einer Kreuzung zwischen den sich stauenden Autos gekreuzt das man sich über die wenigen Lackschäden eigentlich freuen müsste, ebenso, dass so wenig Zweiradfahrer und die Vierräder kommen, wenn es dann doch plötzlich weitergeht.

      Und ich spreche da nicht von roten Ampeln an einer verwaisten Kreuzung in der Nachts, sondern mitten im nachmittäglichen Berufsverkehr.

      Und ja, mittlerweilse sind auch die Umwelt ausblendende Kopfhörer und das schreiben von SMS (vermutlich eher Whatsapp und Facebook-Nachrichten) auf dem Velo eher Standard als Seltenheit. Kopfhörer sind nicht umsonst bei Autofahrern verboten, bei Velos scheint das niemand zu interessieren.

      Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
    2. So so, Sie haben also noch nie einen SMS-schreibenden oder telefonierenden Autofahrer gesehen? Das geschieht andauernd! Oder der Blinker: der ist ja auch nur für die andern da. Rechts überholen auf der Autobahn – auch nur für die Anderen verboten.

      Ihre Auffassung von „Problem“ ist eine sehr Einseitige.
      Bedenken Sie, dass Sie als Autofahrer Menschen zu Krüppeln fahren und Existenzen zerstören können ohne dass es sie im Geringsten juckt!

      Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (9)

Nächster Artikel