Was für ein Bild malt Gérard Depardieu da von Frankreich?

Der französische Schauspiel-Titan kann seiner alten Heimat nicht mehr viel abgewinnen. Jetzt mischt er sich dennoch mit einem politischen Roadmovie in die Präsidentschaftswahlen ein.

Schlechte Vibes im Hotelzimmer: Der Maler Serge malt, sein Chauffeur Farouk echauffiert sich. «Dein Radio ist voller Scheisse», sagt Farouk, der eine Hasstirade gegen Ausländer mithört. «Die Wahlen kommen, jetzt machen sie die Leute verrückt, damit sie zu Rassisten werden.»

Als ob dazu das Radio nötig wäre, ätzt Serge zurück: «Dafür sorgen die Islamisten schon selbst.»

Oh, là, là – die französischen Präsidentschaftswahlen sind bald da, am 23. April geht es in die erste Runde. Zur Wahl stellen sich der Sozialist Benoît Hamon, der rechtsbürgerliche Republikaner François Fillon und die Neofaschistin Marine Le Pen. Auch dem ehemaligen Investmentbanker Emmanuel Macron werden Chancen eingeräumt.

Bleibt gerade noch Zeit für einen Kinobesuch, um sich vor Augen zu führen, wie es um die Grande Nation steht. Und wer könnte die Widersprüche der gespaltenen Republik besser auf die Leinwand bringen als das 68-jährige «heilige Monster des französischen Films»: Gérard Depardieu.

Der Proll aus der Provinz

In «Tour de France» spielt er den verbiesterten Maler Serge, der die wichtigsten Häfen Frankreichs pinseln will – deshalb der irreführende Filmtitel. Eigentlich sollte Serge von seinem zum Islam konvertierten Sohn Bilal auf dieser Pilgerreise begleitet werden. Stattdessen sitzt jetzt der arabischstämmige Farouk (Autotune-Rapper Sadek) am Steuer: Der Musiker hat Beef in Paris und nutzt den Fahrdienst für einen Tapetenwechsel.

Serge ist, wie Depardieu selbst, das Gegenteil von Paris. Der Maler stammt aus der Provinz und hat eine Fabrik angezündet, nachdem die ganze Belegschaft entlassen worden war. Ähnlich hätte es auch dem in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Depardieu ergehen können. Er war ein aufsässiger Schüler, ging mit zehn Jahren auf den Strich und verscherbelte Schmuck, den er aus Gräbern buddelte.


Immerhin hier sitzt er auf einem Velo: Gérard Depardieu und Patrick Dewaere in «Les Valseuses» (1974).

In einer US-Kaserne lernte Depardieu das Boxen, mit 13 brach der Prügelknabe eine Druckerlehre ab, drei Jahre später zog er nach Paris – und entdeckte das Theater. Von da an ging es aufwärts, doch in seinem Innersten blieb Depardieu der Proll aus der Provinz. In «Tour de France» leiht das Arbeiterkind seine zerschlagene Visage jetzt dem Globalisierungsverlierer Serge. Es ist kein schöner Anblick.

«Sie sind Frankreich?», fragt Farouk den Maler. «Frankreich will Sie nicht.» Für den Rapper sind sie beide gleich – Franzosen zweiter Klasse.

Nostalgie nach Grösse

Auf Serge mag das zutreffen, Depardieu dagegen wird wie ein Nationalheiligtum verehrt. Seit seinem Durchbruch als charmanter Tagedieb in «Les Valseuses» (1974) ist der Franzose mit der unverwechselbaren Physiognomie nicht mehr aus den französischen Kinos wegzudenken. Ob Arthouse- oder Blockbuster-Publikum: Depardieu mögen alle.

Serge und Farouk in «Tour de France» müssen dagegen erst einen gemeinsamen kulturellen Nenner finden. Die Cuisine ist es schon mal nicht: Farouk trinkt keinen Wein und hält Schimmelkäse für «Alien-Kacke». Und als Serge den Rapper fragt, ob er den Maler Vernet aus dem 18. (Jahrhundert) kenne, antwortet Farouk: «Aus dem 18. (Arrondissement)? Wer ist seine Crew?»


Lebendes Nationalheiligtum: Depardieu als Honoré de Balzac mit Fanny Ardant (1999).

Serges Faszination für Claude Joseph Vernet (1714–1789) hat mit einem Versprechen zu tun, das er seiner verstorbenen Frau gab: Wie einst der Landschaftsmaler will auch Serge die wichtigsten Häfen Frankreichs auf die Leinwand bannen. «Ich male nicht das Meer, sondern die Vergangenheit», erklärt er. Der Maler verrät damit nicht nur seine Sehnsucht nach glücklicheren Tagen, sondern auch die kollektive Nostalgie, die Erinnerung an die vergangene Grösse einer Kulturnation, die vor lauter Selbstzweifel seekrank geworden ist.

Zum Glück gibt es melancholische Chansons, die Serge und Farouk beide auswendig kennen und gemeinsam singen, das verbindet. Und als der Rapper auch noch Verse von Baudelaire aufsagt, steht für den Maler fest, dass er es doch mit einem richtigen Menschen, sprich einem Franzosen zu tun hat.

Eine Schwäche für starke Männer

Ça ira – geht doch, beteuert «Tour de France» unentwegt: Alles, was es braucht, ist ein bisschen Einfühlungsvermögen und Liebe. Farouk bandelt mit einer Französin an, Serge lässt sich in einem maghrebinischen Restaurant zu einem Tänzchen verführen – im richtigen Leben war Gérard Depardieu in den Siebzigern für zwei Jahre zum Islam konvertiert, wegen einer ägyptischen Sängerin.

Auch wenn Depardieu das Auftauen einer erstarrten Seele schön mimt – die sentimentale Geschichte einer Bekehrung bleibt klobig-didaktisch. Immerhin hat der Film des algerischstämmigen Regisseurs Rachid Djaïdani die Statistik auf seiner Seite: Trotz zahlreicher Anschläge (Charlie Hebdo, Bataclan, Nizza) ist die Toleranz der Franzosen in den vergangenen Jahren tendenziell gestiegen, sowohl gegenüber Juden, Schwulen und Immigranten als auch gegenüber Muslimen.

Dass Marine Le Pen sich trotz ihres fremdenfeindlichen Auftritts Chancen auf das Präsidentenamt ausrechnen kann, liegt vor allem am Misstrauen, das die in zahlreiche Korruptionsfälle verwickelten Regierungsparteien bei den französischen Wählern wecken.


Russland-Enthusiast: Depardieu in der Rolle von Väterchen Stalin (2016).

Gérard Depardieu hat angeblich noch nie gewählt, was ihn freilich nicht davon abhält, sich mit Politikern unterschiedlichster Couleur zu befreunden: Dem Sozialisten François Mitterrand fühlte er sich innig verbunden, auch der Konservative Nicolas Sarkozy hatte es Depardieu angetan. Dem scheidenden französischen Präsidenten François Hollande hingegen weint er keine Träne nach.

Als der «kleine Bolschewik» 2012 eine Reichensteuer von 75 Prozent erhob, zog Depardieu zunächst indigniert nach Belgien, bevor er 2013 die russische Staatsbürgerschaft annahm – ein medienwirksamer Coup, den Wladimir Putin entsprechend inszenierte. Sein Vater, ein Blechschmied aus Châteauroux, habe regelmässig Radio Moskau gehört, erklärte Depardieu. Mittlerweile fühlt sich der Exil-Franzose offenbar schon so russisch, dass er Stalin spielt.   

«Le Pen ist keine Bedrohung, sondern Schrott.»

Gérard Depardieu

Ob Putin («politisch weise») oder Trump («kein Idiot») – Depardieu hat, wie viele Franzosen und grosse Teile der Bevölkerung Europas, eine Schwäche für Populisten. Wie steht es nun aber mit dem – russisch co-finanzierten – Front National? «Le Pen ist keine Bedrohung für Frankreich», erklärte der Schauspieler auf Pressetournee, «sondern Schrott.» Eigentlich eine klare Nichtwahlempfehlung – wenn Depardieu seine eigene Politikverdrossenheit nicht so hemmungslos ausleben würde.

Er habe Augen wie das Meer, bekommt der Maler – verkörpert vom gallischsten aller Gallier – im Film zu hören. Man kann nur hoffen, dass seine Landsleute nicht ganz so blauäugig zur Wahl schreiten werden. 

Konversation

  1. Ja, kann ich akzeptieren. Man muss ihm nicht verzeihen. Ich finde gewisse exzentrische Ausschweifungen und vor allem die Anbiederung an Putin sehr fragwürdig! Seine schauspielerischen Fähigkeiten sind natürlich vor allem in früheren Filmen auffällig, aber bevor ich die Tour de France nicht gesehen habe, erlaube ich mir keine Kritik! Die Vorbesprechung hier in der Tageswoche finde ich aber inspirierend! Vor allem das aktuelle Thema des Filmes interessiert mich sehr! On verra!

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  2. Brillianter Schauspieler, dem man seine Fehler gern verzeit.
    Putin loben, Trump feiern, ist eine gute Gelengenheit, dies zu tun.
    Vielleicht ist es gerade dies, dass ihn so authentisch macht. Geld scheint wichtiger als die Patrie, und trotzdem liebt er Frankreich über alles. Damit ist er nicht alleine, denn viele sind zerissen, müssen in verschiedenen Welten leben. Schaut man die Geschichte an, war es schon immer so!

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    1. Sorry, Herr Schöpfer, aber das kann ich so nicht stehen lassen. Depardieu war mal ein guter Schauspieler der heute zu einer peinlichen Nummer verkommen ist. Aeusserlich sieht er verkommen und korrupt aus. Erinnert einen an Oscar Wildes „The Picture of Dorian Gray“.

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