Was, wenn wir tauschen würden?

Lange wurden sie belächelt, die Idealisten, die mit alternativen Handelsmodellen der offiziellen Geldwährung etwas entgegensetzen wollen. Doch seit die Finanzwelt aus den Fugen geraten ist, steigt das Interesse an Zeittauschbörsen und Parallelwährungen.

Tauschen macht Freude. (Bild: Keystone)

In der Krise leben neue und alte Ideen zu alternativen Handelsformen wieder auf.

In meiner Jugendzeit hatte ich für das Streben der Erwachsenen nach Geld und Karriere nicht viel übrig. Ich war, wie viele andere junge Menschen damals, auf der Suche nach einem anderen Leben als das unserer Eltern. Ich reiste im Vorderen Orient umher, wo wir Hippies glaubten, den richtigen Weg zu finden. Ich sah vor allem Armut, brutale Armut. Aber das ist eine andere Geschichte. In Pakistan, weit hinten im Hindukusch-Gebirge, so erfuhr ich von anderen jungen Reisenden, gebe es tatsächlich ein Volk, das ohne Geld glücklich sei. Statt Ware für Geld, gebe es dort Ware gegen Ware. Zucker zum Beispiel gelte als sehr wertvoll, weil die Kalasha, wie das Volk genannt wird, keinen hätten.

Nach einem dreitägigen Fussmarsch – es gab keine Strasse – kam ich mit fünf Kilo Zucker im Rucksack in der Siedlung der Kalasha an. Ich wurde herzlich willkommen geheissen, endlich gab es für die Kalashas wieder einmal Tee mit Zucker. Und für mich eine Woche lang Kost und Logis. Ich erfuhr – via Zeichensprache –, dass die Kala­shas stolz auf ihre Kultur sind, dass sie sie bewahren möchten, dass sie von den Moslems jedoch immer wieder als Ungläubige angefeindet würden.

Zeit statt Geld

Das ist mehr als dreissig Jahre her. Inzwischen soll eine Strasse zu den drei Kalasha-Siedlungen führen, und manche Bauern seien vom reinen Tauschhandel zum Wirtschaften mit Geld übergegangen, heisst es. Ob es ihnen damit besser geht? Wahrscheinlich sind sie jetzt nur noch arm. Auch Hippies gibt es heute nicht mehr. Diejenigen, die auf ihrer Suche nach dem Glück nicht abgestürzt sind, schlugen irgendwann den von ihren Eltern vorgespurten Weg ein.

Aber es gibt immer noch Menschen, die an alternative Handelsmodelle glauben. Angesichts der Krise, in der dieses Geld momentan steckt, wäre es überheblich, sie alle als realitätsfremde ­Idealisten zu bezeichnen.In verschiedenen Kantonen der Schweiz haben sich beispielsweise Menschen zu Tauschkreisen zusammengeschlossen. Die Mitglieder tauschen untereinander verschiedene Dienstleistungen aus. Dafür gibt es Zeit statt Geld. Die Idee mit den Tauschkreisen, so bestechend sie ist, zeigt jedoch nicht überall den gleichen Erfolg. Einige verschwanden nach der ersten Euphorie sang- und klanglos, andere dümpeln mässig beachtet vor sich hin. Das zeigt sich auch auf den jeweiligen Websites: Während bei einigen die letzten Einträge schon etwas angejahrt sind, scheint das Luzerner Tauschnetz sehr lebendig. Es wird denn auch mit rund 250 Mitgliedern als das grösste der Schweiz bezeichnet. In diesem Jahr feiern die Luzerner ihr 10-jähriges Bestehen, und das habe dem Verein, sagt ein Vorstandsmitglied, wieder einen Schub gegeben. «Momentan können wir einige Neuzugänge verbuchen.»

Ausgeben statt horten

Das Schweizer Erfolgsmodell in Sachen Parallelwährung heisst WIR. 1934, während der Wirtschaftskrise als Alternative zur offiziellen Währung von der Wirtschafts-Genossenschaft gegründet. Das WIR-Geld ist an den Franken gebunden, ein WIR hat den Wert eines Schweizer Frankens. Hauptmerkmal des Systems mit dieser Parallelwährung ist, dass sie keinen Zins abwirft. So besteht kein Anreiz, Geld zu horten, wie das in unsicheren Zeiten jeweils gemacht wird. Es soll stattdessen ausgegeben werden und so bei den einheimischen Betrieben für Umsatz sorgen. Rund 60 000 kleine und mittlere Unternehmen sind heute dem WIR angeschlossen, rund 800 Millionen WIR-Franken in Umlauf. Gemäss Hervé Dubois, Mediensprecher der WIR-Bank, ist das Interesse am WIR-System seit Beginn der Krise stark gestiegen, die Anfragen kämen vor allem aus dem Ausland.

In Basel hat sich übrigens eine weitere Parallelwährung etabliert, sie heisst BNB, wurde 2005 von der Genossenschaft Netz Soziale Ökonomie gegründet und hat ebenso wie das WIR-Geld den gleichen Wert wie der Franken. Im Vergleich zur WIR-Währung spielt BNB in der unteren Liga, aber sie spielt mit: Knapp 20 000 BNB-Franken sind in Umlauf und gegen 100 Betriebe aus Stadt und Region Basel nehmen sie inzwischen als Zahlungsmittel an. Die Idee hinter der Währung BNB, sagt Claudia Studer von der Gründergenossenschaft, sei in erster Linie die Vernetzung sozialer, ökologischer und selbstverwalteter Betriebe. «Falls wir aber hier wirklich von einer heftigen Krise erfasst werden sollten, dann sind wir bereits organisiert, um ihr entgegenzutreten.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 04/11/11

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