«Wenn man besoffen ist, schlägt man schnell zu»

Schlägereien gehörten für Dominik einst zum Alltag. Im Arxhof hat er mehr Selbstkontrolle gelernt. Zuschlagen würde er heute trotzdem wieder.

Dominik schlägt noch immer gerne zu, allerdings nur beim Thaiboxen. (Bild: Basilie Bornand)

Schlägereien gehörten für Dominik einst zum Alltag. Im Arxhof hat er mehr Selbstkontrolle gelernt. Zuschlagen würde er heute trotzdem wieder.

Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht mit seinen Fäusten auf jemanden losging. Dominik, so nennen wir ihn, liebte es, dreinzuschlagen. Er brauchte es. Ein falscher Blick genügte, und man bekam seine Wut schmerzlich zu spüren – sei es in einer Kneipe, in den Kleinbasler Gassen oder vor dem Fussballstadion.

Das Zuschlagen gehörte für Dominik mehrere Jahre zur Normalität – bis er schliesslich im Arxhof landete, dem Massnahmenzentrum für junge Erwachsene in Niederdorf. In einem Therapieraum erzählt er uns nun vor seiner kriminellen Vergangenheit. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, dunkle Jeans und weisse Adidas-Turnschuhe, die Haare sind kurz geschoren. Er hat ein sympathisches Lächeln, wirkt aber durch seinen misstrauischen Blick und seine abwehrende Haltung trotzdem gefährlich genug, dass man ihm die etwa 600 Schlägereien zutrauen kann.

«Als Krieger geboren»

«Es brauchte nicht viel. Wenn man besoffen ist, schlägt man schnell mal zu», sagt Dominik. Dass er Leute verprügelte, sei nichts Spezielles für ihn gewesen, keine grosse Sache. «Es gehörte für mich dazu.» Diesen Satz wiederholt der heute 30-jährige Schweizer und Vater eines achtjährigen Sohnes während des Gesprächs mehrmals. Er habe sich die Opfer nicht spezifisch ausgesucht, die Schlägereien hätten sich «irgendwie aus der Situation heraus» ergeben.

Am Anfang spürte er noch Nervo­sität, wenn er irgendwo im Kleinbasel Leute verprügelte. «Mit der Zeit nahm die Hemmschwelle ab. Ich dachte nicht darüber nach, ob es falsch sei oder nicht, sondern handelte einfach – manchmal auch des Rufes wegen, den ich unter meinen Kumpels zu vertei­digen hatte», erzählt Dominik. Und der Alkohol habe ihn dabei aufgeputscht, das Kokain eher beruhigt. Wieso er gewalttätig wurde, kann Dominik nicht sagen. «Gewisse Menschen werden halt als Krieger geboren. Das Gefähr­liche ist eher meine Welt.» Mehrere Male musste er wegen Schlägereien ins Gefängnis, kam aber nach zwei, drei Tagen wieder frei.

Dominik landete auch nicht wegen eines speziellen Gewaltdelikts im Arxhof, sondern weil er zu oft und zu brutal zugeschlagen hatte. Etwa, weil er am Klosterbergfest mit einer Bierflasche auf das Gesicht eines Mannes einschlug. Oder weil er eine Eisenstange gegen einen Polizisten warf und diesen damit am Kopf traf. In beiden Fällen wurden die Opfer schwer verletzt. Das Basler Strafgericht verurteilte ihn dafür zu zweieinhalb Jahren Gefängnis. «Ich wollte aber in den Arxhof. Denn ich wusste, dass sich nach dem Gefängnis nichts bei mir ändern würde.»

Dominik hat sich inzwischen im Arxhof einer Gewalt- und Suchttherapie unterzogen und dort eine Lehre als Schreiner absolviert. «Es war ein harter Weg. Die Isolation hier machte mir Mühe.» Er bereut es, gewisse Taten verübt zu haben – etwa, den Mann am Klosterbergfest derart verletzt zu haben, dass dieser eine tiefe Narbe im Gesicht hat und nicht mehr gut sieht. Aber: «Andere Taten bereue ich nicht. Auch wenn sie nicht gut waren, gehören sie zu meinem Leben und ich muss sie akzeptieren», sagt er.

Streit sucht er heute nicht mehr, und er geht auch nicht mehr so schnell auf Provokationen ein. «Wenn einer dumm schaut, kann ich das mittlerweile ignorieren. Mein Stolz lässt das heute zu.» Dominik schlägt immer noch gerne zu, allerdings nur beim Thaiboxen. Garantieren, dass er nie mehr Prügel austeilt, kann er jedoch nicht. «Das kommt auf die Situation an.» Vor ein paar Wochen wäre es beinahe so weit gekommen, als zwei junge Männer ihn auf der Johanniterbrücke ausrauben wollten. Er konnte die Situation aber «regeln», wie er sagt. «Was willsch?», habe er ihnen böse zugerufen, worauf sie ihn in Ruhe liessen.

Täter handeln immer brutaler

Von viel mehr Polizeipräsenz, wie es die SVP-Sicherheitsinitiative fordert, hält der 30-Jährige nicht viel. Er glaubt nicht, dass dies zu weniger Gewalttaten führen würde, denn «die Polizisten können nicht überall sein» und «wenn es knallen muss, dann knallt es». Dominik kann aber nachvollziehen, dass sich einige Leute in Basel unsicher fühlen. «Ich glaube schon, dass mehr Gewalttätige herumlaufen, auch wenn ich mich persönlich sicher fühle. Die Delikte haben wohl schon zugenommen.» Er selber sehe in seinem Quartier St. Johann viele Männer, die «den Stress regelrecht suchen» würden. Und brutaler seien die Taten geworden, viel härter. So hätte er früher nicht noch mit den Füssen reingekickt, wenn jemand bereits am Boden lag.

Dennoch: Vieles sei auch in den Köpfen der Leute. Die Menschen würden sich solche Vorfälle mehr beachten, man reagiere sensibler darauf als früher. «Viele haben bereits Angst, wenn sie sich zwei Ausländer entgegenkommen sehen. Dabei hat man keine Ahnung, was für Menschen das sind. Vielleicht ist einer davon in fünf Jahren ja dein Hausarzt.» Webcode: @apmkk

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 13/01/12

Konversation

  1. Ja der Alkohol! Es geht ja nicht um das eine, sondern die vielen Gläser zuviel. Ein altes Problem! Wer mal den Schweizer Dichter Jeremias Gotthelf gelesen hat, muss einsehen, dass schon vor 200 Jahren die jungen Männer am Samstagabend nach einem Besäufnis aufeinander eingedroschen haben. Das hat erwiesenermassen mit dem Testosteronspiegel zu tun, der in diesem Alter am höchsten ist. Was andererseits aber auch eine Sportlerkarriere ermöglichen kann. – Wenigstens kamen damals nicht auch noch Koks und Co dazu! Diese Mixturen sind dann wohl das Verhängnisvolle, wo es total ausufert.
    Ich als Normalbürgerin kann beruhigt feststellen, dass die meisten Gewaltakte zu Zeiten stattfinden, wo ich brav im Bett liege. Was wiederum auch gefährlich enden kann, da gerade dort die meisten Leuten sterben…

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