Zehntausende demonstrieren in Moskau gegen den Krieg

Am internationalen Friedenstag sind in Moskau und in anderen russischen Städten Zehntausende Menschen für Frieden in der Ukraine auf die Strasse gegangen. Es war die erste Massenaktion von Vertretern der Opposition und der Zivilgesellschaft seit einem halben Jahr. Die Stimmung im Vorfeld war angespannt.

27'000 Demonstranten schlossen sich dem Friedensmarsch in Moskau an – diese Zahl vermeldeten jedenfalls die Organisatoren. (Bild: Keystone)

Am internationalen Friedenstag sind in Moskau und in anderen russischen Städten Zehntausende Menschen für Frieden in der Ukraine auf die Strasse gegangen. Es war die erste Massenaktion von Vertretern der Opposition und der Zivilgesellschaft seit einem halben Jahr. Die Stimmung im Vorfeld war angespannt.

Etwas verloren wirkt Aleksandr, der mit einem breiten und schüchternen Lächeln ein Schild in die Höhe hält. Hinter ihm skandiert die Menge: «Hände weg von der Ukraine!» Der breite Boulevard ist in ein Flaggenmeer aus Gelb und Blau – den Nationalfarben der Ukraine – sowie den Fahnen der Opposition getaucht.

Wenn der 21-jährige Student von seinen Forderungen spricht, wird Aleksandrs Stimme fest und bestimmt: «Wir fordern ein sofortiges Ende des Krieges», sagt er und weist auf das Bild in seinen Händen: «Artjom Dawojan – in der Ukraine getötet» steht vor dem Hintergrund eines jungen Mannes mit Dreitagebart und russischer Uniform – wohl kaum älter als Aleksandr selbst. «Das ist ein Soldat der russischen Armee. Er wurde in den Tod in die Ukraine geschickt, ohne zu wissen, was vor sich geht.»

Beunruhigende Meldungen getöteter Soldaten

Am Sonntag sind in Moskau Zehntausende Menschen gegen den Krieg in der Ukraine auf die Strasse gegangen. «Russen gegen den Krieg mit der Ukraine!», «Weg mit Putin!», «No War against Freedom» tragen sie auf Transparenten durch das Moskauer Stadtzentrum.

Während der Kreml bis zuletzt immer wieder eine direkte Beteiligung der russischen Armee an den Kämpfen in der Ostukraine geleugnet hatte, hatte es zuletzt vermehrt Meldungen von russischen Soldaten gegeben, die in der Ukraine getötet wurden – ohne zuvor über ihren Einsatzort informiert worden zu sein.

Die Stimmung im Vorfeld dieses sogenannten «Friedensmarsches» war angespannt: Vor dem Denkmal des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin hatten sich einerseits die Demonstranten des Friedensmarsches sowie Anhänger der Volksrepubliken Donezk und Luhansk gesammelt.



Während des Friedensmarsches kam es zu gewaltätigen Zusammenstössen mit Teilnehmern einer Gegendemonstration.

Während des Friedensmarsches kam es zu gewaltätigen Zusammenstössen mit Teilnehmern einer Gegendemonstration. (Bild: Keystone)

«Schande den russischen Verrätern!», «Donezk ist eine russische Stadt», letztlich auch «Kiew ist eine russische Stadt!» brüllte eine Gruppe Jugendlicher mit den Flaggen Russlands und Neurusslands, während sie sich einen Weg durch die Menge bahnte. «Lassen Sie sich nicht provozieren!» entgegnete daraufhin eine Organisatorin des Marsches durch das Megafon, um die Menge zu beruhigen.

Die 37-jährige Lena lässt sich durch die Spannungen nicht aus der Ruhe bringen. Mit Wollpulli und grosser Brille sitzt sie etwas abseits auf einer Parkbank und schmökert in ihrem Grammatikbuch der deutschen Sprache. Sie ist Tourismus-Managerin und lernt gerade Deutsch. «Ich marschiere heute mit, weil ich gegen jede Form von Krieg bin. Jedes Land sollte die Möglichkeit haben, über sein Schicksal souverän und selbständig zu entscheiden.»

Neben ihr mischt sich Maja ins Gespräch. «Ich bin zuvor noch nie auf einer Veranstaltung der Opposition gewesen – aber ich kann nicht mehr mitansehen, was unsere Politik macht und wie die Menschen sterben», sagt die 44-jährige Lehrerin.

Zweiter Aufmarsch

Schon einmal in diesem Jahr hatte es in Moskau einen «Marsch des Friedens» gegeben – am 15. März, am Vorabend des Referendums zur Abspaltung der ukrainischen Halbinsel Krim. Damals gingen Schätzungen zufolge 50.000 Teilnehmer auf die Strasse. Die Veranstaltung sieht sich klar in der Tradition dieses Friedensmarsches.

«Die Situation hat sich seit damals aber dramatisch verschlechtert», sagt Sergej Dawidis. Seine Partei «5. Dezember» ist aus den Massenprotesten wegen Wahlfälschung vor knapp drei Jahren – eben am 5. Dezember 2011 – hervorgegangen. Neben der politischen Bewegung «Solidarnost» und der Partei des Oppositionellen Boris Nemzow «RPR-Parnas» ist die Partei eine der Hauptorganisatoren des Marsches.

Isolierung befürchtet

Aber im Gegensatz zur Veranstaltung im März gibt es diesmal keine Reden der Oppositionellen am Sacharow-Prospekt. Die russische Gesellschaft sei bereits an einem Punkt in der Ukraine-Krise, an dem niemand den anderen mehr überzeugen könne. «In einer Atmosphäre, in der jeder für sich selbst entschieden hat, welche Meinung er hat, machen Einzelreden keinen Sinn mehr», sagt Dawidis.

Das Ziel der Veranstaltung hatten die Organisatoren zuvor auf der Facebook-Seite zum Ausdruck gebracht. «Wir fordern ein Ende der verantwortungslosen und aggressiven Politik der russischen Regierung. Das ist eine direkte, unverdeckte kriegerische Invasion, für die es keine Rechtfertigung gibt. Durch die russische Politik wachsen die faschistischen Tendenzen in unserem Land, das führt zu einer Isolierung auf internationaler Ebene und zu schwerwiegenden ökonomischen Konsequenzen.»

Die Genehmigung durch die Moskauer Behörden erfolgte überraschend leicht – ohne Änderung der Route oder der Uhrzeit, so Mitorganisatorin Nadeschda Mitjuschkina von der politischen Bewegung «Solidarnost». In ihren Worten schwingt trotzdem Resignation mit: «Wir können wohl kaum etwas ändern, aber wir können nicht schweigen, das verbietet mir mein Gewissen. Ich möchte nicht, dass mein Land der Welt Krieg bringt – ich schäme mich für unseren Staat und unsere Regierung.»



Ein grosses Polizeiaufgebot begleitete die Demonstranten, die für ein Ende der russischen Intervention in der Ukraine auf die Strasse gingen.

Ein grosses Polizeiaufgebot begleitete die Demonstranten, die für ein Ende der russischen Intervention in der Ukraine auf die Strasse gingen. (Bild: Keystone)

«Wir sind mit unserer Meinung in Russland klar in der Minderheit», sagt auch Dawidis, «aber es geht darum, der Regierung, der russischen Öffentlichkeit, dem ukrainischen Volk und der Welt zu zeigen, dass es trotzdem einen beträchtlichen Teil der russischen Gesellschaft gibt, die die Politik des Kreml nicht teilt und kategorisch gegen jede Einmischung Russlands in der Ukraine ist.»

Die Veranstaltung war von den Moskauer Behörden zuvor für 50’000 Leute genehmigt worden. Um 18.30 Uhr Moskauer Ortszeit waren knapp 27’000 Teilnehmer gezählt worden, so ein Organisator. Zuvor hatten sich in den sozialen Medien jedoch nur rund 10’000 angemeldet.

Die Vermutung, dass die Leute Angst vor Schmähung in den sozialen Medien hätten, weist Dawidis zurück: «Auch bei den Protesten 2011 und 2012 hat sich in den sozialen Medien nur ein Bruchteil der Leute angemeldet, als dann wirklich gekommen sind.» Zuvor hatte es in russischen Medien Gerüchte gegeben, der Marsch sei abgesagt. Das sei nur eine Finte der staatsnahen Medien gewesen, damit weniger Leute zum Marsch gingen, mutmassten die Veranstalter gegenüber dem liberalen Fernsehsender «Doschd».

Auch in Basel protestierten Menschen gegen Putins Aggression in der Ukraine. Rund 80 Personen zogen vom Kunstmuseum über den Theaterplatz bis zum Rathaus:




(Bild: Alexander Preobrajenski)




(Bild: Alexander Preobrajenski)




(Bild: Alexander Preobrajenski)




(Bild: Alexander Preobrajenski)

Konversation

  1. Im nächsten Artikel wird Russland dann wieder zur Diktatur und Putin zum Diktator gemacht.
    Die Ursache des Konflikts ist ganz klar im „Westen“ zu suchen, der die Ukraine in seinen Machtbereich ziehen wollte.
    Die Interessen der Ukrainer/innen scherten ihn dabei keinen Deut (ukrainische Produkte sind im Westen nicht absetzbar, wohl aber in Russland).
    Am peinlichsten an der ganzen Sache ist, dass die europäischen „Superhirne“ den USA auf den Leim gegangen sind, die als Einzige vom Konflikt profitieren.

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    1. paradox an sich, dass das ausgerechnet ein ehemaliger nato-general (D) vehement eingebracht hat … und merkel hätte für einmal riskieren müssen zu erklären, WARUM sie den freundschaftlichen kontakt zu putin pflegte …

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