Am Fensterplatz durch die Fussballwelt

Die Engländerin Ria Percival wandert nach Neuseeland aus, weil die Eltern ein neues Abenteuer suchen. Sie wird eingebürgert und Nationalspielerin, reist als Fussballprofi um den Globus und stillt ihre Abenteuerlust. Mittlerweile spielt die 27-Jährige beim FC Basel.

Ria Percival, FC Basel, Frauen

(Bild: Nils Fisch)

Die Engländerin Ria Percival wandert nach Neuseeland aus, weil die Eltern ein neues Abenteuer suchen. Sie wird eingebürgert und Nationalspielerin, reist als Fussballprofi um den Globus und stillt ihre Abenteuerlust. Mittlerweile spielt die 27-Jährige beim FC Basel – und am Sonntag (15 Uhr) im St.-Jakob-Park gegen den FC Zürich.

Ria Percival ist im Schneegestöber auf einem amerikanischen Highway unterwegs. Der Fahrer neben ihr lenkt mit der einen Hand das Auto, mit der anderen hält er die Tür zu, die er auftreten musste, weil sie über Nacht zugefroren war. Die Fahrt dauert und dauert, im tiefsten Winter.pe

Percival ist seit vielen Stunden unterwegs und erschöpft von den Eindrücken, die sie auf ihrer Reise von Neuseeland in die USA mitnahm: stundenlange Verspätungen, oder dieser Blick durch die Scheibe am Flughafen, hinaus in die schwarze Nacht und den Schneefall, mit dem Gedanken, dass sie von hier vielleicht niemals mehr wegkommen würde. In diesen Momenten realisiert die 19-Jährige: Ich werde Fussballprofi.

Der Mann mit der kaputten Tür fährt Percival zu ihrer Gastfamilie, wo sie in der Anfangszeit bei ihrem neuen Verein wohnen soll. Dort angekommen, will die junge Fussballerin nur noch ihre Mutter anrufen. «Ich bin fast zusammengebrochen, es war einfach alles zu viel», erzählt sie Jahre später.

«Mach doch mal bei denen mit», sagt die Mutter und die Dinge nehmen ihren Lauf

Heute steht die 27-Jährige kurz davor, Rekordnationalspielerin Neuseelands zu werden, zehn Einsätze fehlen ihr noch zu Abby Ercegs 130 Partien. Nach Stationen in England, Neuseeland, Nordamerika und Deutschland spielt sie bei den Frauen des FC Basel. Die Erfahrungen in den USA, aus dieser Zeit, als sie erstmals weg war von den Eltern, haben ihr durch die Karriere geholfen.

Aufgewachsen ist Percival in England, in der Grafschaft Essex, als Tochter eines selbstständigen Malers, dessen Vater schon Maler war. Die Mutter arbeitete in einem Sportzentrum. Dort lernte die kleine Ria verschiedenste Sportarten kennen. Und als sie irgendwann in der Nähe eines Trainingscamps von Colchester United gegen einen Ball trat, sagte die Mutter: «Mach doch mal bei denen mit.» Die Coaches entdeckten das Potenzial der damals Elfjährigen – und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Drei Jahre spielte Percival in Colchester, einer Stadt an der Nordsee mit 100’000 Einwohnern, rund 90 Autominuten nordöstlich von London. Bis die vierköpfige Familie zwei Wochen Urlaub in Neuseeland machte. Weil ihnen das Land gefiel, die Eltern ohnehin genug hatten von England und ein neues Abenteuer suchten, wanderte die Familie aus.

Aggressive Schüchternheit mit sprechendem Haarschnitt

Die Abenteuerlust gaben die Eltern an die Tochter weiter. Genauso wie das Talent für den Sport. Die Mutter spielte Hockey, der Bruder auch, der Vater Fussball. Er sei einer gewesen, der dem «Schiedsrichter ab und an mal ein liebes Wort mitgab», erzählt Percival schmunzelnd. Von ihm hat sie die Aggressivität auf dem Platz geerbt. «Die Gegnerinnen hassen mich wegen meiner physischen Spielweise», sagt die 120-fache Nationalspielerin.

EDMONTON, AB - JUNE 06: Ria Percival #2 of New Zealand crosses the ball during the FIFA Women's World Cup Canada 2015 Group A match between New Zealand and Netherlands at Commonwealth Stadium on June 6, 2015 in Edmonton, Alberta, Canada. (Photo by Maddie Meyer - FIFA/FIFA via Getty Images)
Noch zehn Einsätze in der neuseeländischen Nationalmannschaft und Ria Percival ist Rekordnationalspielerin des Landes, das sie als Teenager eingebürgert hat. (Bild: Getty/Maddie Meyer)

Neben dem Platz habe sie auch eine schüchterne Seite, erzählt Percival, etwa wenn sie neu in ein Team komme. Aggressiv und schüchtern, auch ihre Frisur ist ein Abbild dieser beiden Seiten: Auf der rechten Seite ist ihr Haar einen Zentimeter kurz, auf der linken schulterlang.

Von links betrachtet wirkt Percival fast mädchenhaft. So, wie sie damals gewirkt haben muss, als sie nach der Ankunft in Neuseeland zwei wichtige Erfahrungen machte: Zuerst spielte sie als 14-Jährige zusammen mit den Jungs, für die sie zu gut war. Und wenig später wechselte sie in die Frauenliga, wo die Gegnerinnen plötzlich 20 Jahre älter waren. «Das war erschreckend, hat mich aber als Spielerin geformt», sagt sie. Inzwischen gehört sie beim FC Basel selbst zu den Älteren. 

Totale Identifikation mit dem Fussball – bishin zur Email-Adresse

Percival spielte fünf Jahre als Amateurin in Neuseeland. Sogar ihre Fussballschuhe musste sie selbst bezahlen. Die Kiwis erkannten ihr Potenzial, wollten sie unbedingt für die U20-Weltmeisterschaft gewinnen und bürgerten Percival ein. Als Einzige der Familie. Dann kam der Anruf von den Löwinnen des FC Indiana aus dem US-amerikanischen Indianapolis und die damals 19-Jährige stand vor der Entscheidung: studieren oder Fussballerin werden.

Ria Percival, FC Basel, Frauen
«Es gibt unglaublich gute Frauenteams. Wir sind, wer wir sind. Wir tun, was wir tun. Und wir machen es gut.» (Bild: Nils Fisch)

«Ich habe wegen des Sports ohnehin einiges in der Schule verpasst, der Fussball bedeutete mir einfach so viel», sagt Percival. In frühen Teenagerjahren nutzte sie gar den Begriff «Soccerbabe» für eine E-Mail-Adresse. «Ich wollte unbedingt Profi werden. Also sagte ich mir: Zur Uni gehen kannst du später immer noch.» Mittlerweile macht sie im Fernstudium einen Bachelor of Sport and Exercise. Damals aber setzte sie alles auf die Karte Fussball.

«Viele sagen, Frauen sollten nicht Fussball spielen», erzählt Percival. Immer wieder reagieren die Menschen mit solchen Kommentaren auf ihre Geschichte. Aber was interessiert es sie, wie andere denken: «Es gibt unglaublich gute Frauenteams. Wir sind, wer wir sind. Wir tun, was wir tun. Und wir machen es gut.» 

Percival will dem Leben etwas zurückgeben – in der Arbeit mit Kindern und Menschen mit Behinderung

Inzwischen lebt Percival davon, was sie seit jeher tut. Und als Fussballerin kann sie ihre Abenteuerlust ausleben. Der frühe Wegzug aus dem Elternhaus mit 19 Jahren in die USA, dann der Wechsel in die Stadt Ottawa, die ihr so gut gefiel, diese Zeit in Kanada, die sie zu den besten ihres Lebens zählt. Das alles hat Percival geprägt. Sie reiste mit dem neuseeländischen Nationalteam zu drei Weltmeisterschaften und drei Olympischen Spielen. Sie lernte Länder kennen und ist beeindruckt von allem, was sie zu sehen bekam, von ihrem Fensterplatz im Teambus aus, den sie wegen ihrer Neugier immer hat.

«This is the real deal», dachte Ria Percival beim ersten Training in Deutschland. Die Bundesliga war das einzig Wahre, das, was sie immer wollte.

Percival erzählt von den Kindern in Peking, die ihr Geschäft durch einen Schlitz in der Hose auf der Strasse erledigen; vom Schmutz in den Städten des Reichs der Mitte; von den Slums in Rio de Janeiro; oder den vielen Obdachlosen in gewissen Quartieren kanadischer Städte.Die 27-Jährige weiss, wie privilegiert sie in ihrem Leben ist.

Nach der Fussballkarriere will sie dem Leben etwas zurückgeben, als Coach für Kinder oder für Menschen mit Behinderung. «Mit kleinem Aufwand kann man ihnen etwas geben, was ihnen sehr viel bedeutet», sagt sie.

Unglücklich im Traumjob

Für Percival ging nach der Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland ein Traum in Erfüllung: Die 161 Zentimeter grosse Abwehrspielerin unterzeichnete ihren ersten Vertrag als Vollprofi in der Bundesliga. «Die Bundesliga faszinierte mich, da wollte ich immer hin.» Sie verteidigte fortan beim 1. FFC Frankfurt, dem siebenfachen Meister und damit erfolgreichsten Club im deutschen Frauenfussball.

Das Team war gespickt mit Nationalspielerinnen aus Deutschland, Japan oder Amerika, aus den grossen Nationen des Frauenfussballs also, und Percival dachte: «This is the real deal.» Das einzig Wahre, das, was sie immer wollte. Glücklich wurde sie in Frankfurt aber nicht. «Wir waren kein Team, jede ging nach dem Training ihren eigenen Weg. Mit den Deutschen kam ich kaum in Kontakt, ich verbrachte vor allem Zeit mit den anderen Ausländerinnen.»

Ria Percival, FC Basel, Frauen

Ria Percivals Vertrag läuft bis im Sommer 2017. Die Neuseeländerin sagt: «Basel gefällt mir, ich würde gerne bleiben.» (Bild: Nils Fisch)

Mit Frankfurt spielte sie im Final der Champions League 2012 vor 50’000 Zuschauern im Münchner Olympiastadion. Nach 21 Einsätzen war Schluss. Pervical teilte ihrem Agenten mit, dass sie in Frankfurt nicht glücklich werde. Der Mann hörte sich um, fand eine Lösung im Osten Deutschlands und Percival zog weiter nach Jena. Dort, in einem Team mit weniger Qualität als in Frankfurt, blieb sie vier Jahre und wechselte im Sommer 2016 nach Basel, weil sie eine nächste Herausforderung suchte.

Sechs Monate Pause nach Verletzung im ersten Spiel

Im ersten Spiel für den FCB, die dreifache Ozeanienmeisterin war eine Woche zuvor von den Olympischen Spielen in Rio nach Basel gekommen, verletzt sie sich. Sie musste sechs Monate aussetzen und fortan an ihrem Comeback arbeiten, auf dem Basler Trainingsgelände. Dieses bezeichnet sie als bestes ihrer Karriere, es sei professioneller als die Anlagen in Deutschland. Percival kann sich auch deswegen vorstellen, ihren bis Sommer 2017 gültigen Vertrag zu verlängern.

In Birsfelden teilt sie sich eine Wohnung mit Basels Torhüterin Stenia Michel, mit der sie schon in Jena zusammenspielte. «Ich würde gerne bleiben, Basel gefällt mir», sagt die Verteidigerin.Vor eingefrorenen Türen und einhändigem Autofahren braucht Percival hier keine Angst zu haben: Zum Training fährt sie mit dem Velo. Und wenn sie in die Stadt will, setzt sie sich ins Tram. Wir vermuten auf einen Platz am Fenster.

18.02.2017; Basel; Fussball NLA Frauen - FC Basel - FC Luzern; Ria Percival (Basel) (Andy Mueller/freshfocus)
Nach überstandener Verletzung spielt sie wieder: Ria Percival im Dress des FC Basel, dem Verein aus dem sechsten Land ihrer Fussballkarriere. (Bild: Andy Mueller/freshfocus)

Konversation

  1. Ich finde es Klasse, dass Ria ihren Traum verwirklicht hat und einige Erfolge mit dem Fußball spielen erzielt hat. Wir müssen das Bild von Frauen im Fußball verändern! Gerade Frauen haben es sehr schwer, von er Gesellschaft anerkannt und akzeptiert zu werden, wenn es um das Thema Fußball geht. Wenn das Wort Fußball schon fällt, denken alle direkt an Männer. Das ist schon zum Teil total diskriminierend und beschämend!

    Eigenartig ist immer noch der ewige Vergleich mit dem Männerfußball. In keiner anderen Sportart wird gegen Frauen so diskriminiert und gehetzt, wie im Fußball. Im Tennis, Skifahren, Handball usw. ist das doch auch heut zu Tage kein Thema mehr. Frauen werden anscheinend in dieser Gesellschaft nur noch als Hausmädchen und schwächere Geschlecht abgestempelt. Das bleibt wohl nicht nur in der damaligen Zeit, sondern sogar noch heute, trotz der Integration tief verankert in den Gedächtnissen der Menschheit.

    Deswegen ist es ein sehr gelungener und toller Beitrag, dass auch Mal etwas über den Frauenfußball berichten wird!

    Multitaskingfähig sind meines Erachtens dann auch nur die Frauen… (https://www.stern.de/noch-fragen/es-heisst-ja-immer-dass-frauen-im-gegensatz-zu-maennern-multitaskingfaehig-sind-warum-ist-das-denn-so-und-welche-studien-belegen-das-1000161221.html interessanter Beitrag zu dem Thema!) Während sie ihr Hobby zu Beruf macht, besucht sie nebenher noch ein Fernstudium! Das verdient in erster Linie Respekt… Und ein hoch auf die Möglichkeit des Fernstudiums!

    Ich besuche momentan auch ein fernstudium in informatik (auf der Seite https://www.zfh.de/ kann man den gewünschten Studiengang eingeben und wird direkt zu einem Fernstudium weitergeleitet. An dieser Stelle auch mal ein hoch auf die Digitalisierung!)

    und bin so dankbar über diese Möglichkeit. Während man nebenbei arbeitet oder wie Ria Percival seinen Traum als Fußballerin lebt und dennoch Interesse hat, sich weiter zu bilden, kann man jederzeit den Weg des Fernstudiums in Erwägung ziehen.

    Zum Glück hat das Studieren KEINE VORURTEILE bzw. DISKRIMINIERUNG gegenüber den Frauen! Und wie oben so schön erwähnt: „Wir sind, wer wir sind. Wir tun, was wir tun. Und wir machen es gut!“

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  2. Ferndiagnose via Fotos im Artikel: Da gibt es wohl nicht wenige Herren in der Super League, welche nicht annähernd so gut austrainiert sind wie Ria Percival.

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