Aufreger in Riehen: Iraner Ghaem Maghami lässt Partie gegen Israelin Yuliya Shvayger sausen

Das Basler Schachfestival hat seinen ersten Skandal. Aber eigentlich sind alle Beteiligten untröstlich darüber.

Wartete vergeblich auf ihren Gegner aus dem Iran: die Israelin Yuliya Shvayger.

(Bild: Hartmut Metz)

Das Basler Schachfestival hat seinen ersten Skandal. Aber eigentlich sind alle Beteiligten untröstlich darüber.

Die Israelin Yuliya Shvayger wartete eine halbe Stunde vergeblich auf ihren Gegner – dieser erschien nicht im Riehener «Landgasthof». Zuweilen passiert es, dass ein Schachspieler die Runde am Morgen verschläft. In diesem Fall handelte es sich jedoch um einen politischen Boykott.

Der iranische Grossmeister Ehsam Ghaem Maghami verzichtete auf das Duell mit der Israelin, obwohl ihn die kampflose Niederlage gegen Shvayger um alle Chancen auf den Turniersieg und die 2500 Franken Preisgeld brachte.

«Ich hätte mich gerne mit so einem starken Spieler wie Ghaem Maghami, der über 2600 Elo-Rating aufweist, gemessen», bedauert die 21-Jährige, nachdem die halbe Stunde Wartezeit abgelaufen war. Sie zeigte jedoch gewisses Verständnis für den ersten Boykott gegen sie. «Ich verstehe es. Ich finde es aber schade, weil die Politik im Sport nichts zu suchen hat und uns nicht beeinflussen dürfte.»

Verständnis für den Iraner

Ghaem Maghami hatte den Veranstaltern schon nach der ersten Runde mitgeteilt, dass er gegen die Israelin nicht antreten dürfe. Der Iraner war schon einmal vor ein paar Jahren auf Korsika von einem Turnier ausgeschlossen worden, als der Spitzenspieler gegen einen Israeli nicht antrat. Maghami dürfte allerdings kein Vorwurf gemacht werden, glauben die Organisatoren.

Ihm und seiner Familie drohen dem Vernehmen nach ansonsten Repressalien in Teheran. Dass er ansonsten aus persönlicher Überzeugung auf die Chance verzichtet hätte, mit einem Sieg gegen die weit schwächere Internationale Meisterin auf Platz zwei vorzustossen, bezweifelt das Team um Organisator Bruno Zanetti. Der international spielende Grossmeister und seine Frau, die ebenfalls Nationalspielerin ist, geben sich sonst weltoffen.

Angst vor Repressalien in Teheran: Ghaem Maghami trat nicht zur Partie gegen die Israelin Yuliya Shvayger an. 

Angst vor Repressalien in Teheran: Ghaem Maghami trat nicht zur Partie gegen die Israelin Yuliya Shvayger an.  (Bild: Hartmut Metz)

Yuliya Shvayger liegt nun nach fünf Runden gleichauf mit ihrem frischgebackenen Ehemann Arkadij Naiditsch. Der Vorjahressieger kassierte bereits eine Niederlage und spielt nun gegen den führenden Adrien Demuth. Der französische Grossmeister weist als einziger der 56 Akteure 4,5 Punkte auf. Hätte Shvayger wie ihr Gatte Naiditsch auch die Föderation gewechselt, wäre das Problem nicht entstanden. Der bisherige deutsche Spitzenspieler heuerte 2015 bei Aserbaidschan an und zog im Juli von Baden-Baden nach Baku um.

Verlosung wurde anfangs wiederholt

Naiditsch hatte bereits in Runde zwei gemerkt, dass die Auslosung nicht ganz dem internationalen Reglement entsprach. Dort hatte das Paarungsprogramm auch bereits das iranisch-israelische Duell ausgespuckt. «Wir losten aber noch einmal neu, weil wir Ghaem keinen Stein in den Weg legen wollten», gesteht Zanetti. Die Naiditschs hätten Verständnis gezeigt angesichts der politischen Konstellation.

In der Runde 5 konnten die Organisatoren aber keine Milde mehr walten lassen – schliesslich hätte kurz vor Toreschluss eine neue Auslosung die Preisränge deutlich mehr beeinflussen können. «Da konnten wir nicht mehr anders. Ich erklärte es Ghaem. Er verstand es», berichtet Zanetti. Der Birsecker bedauert allerdings den politischen Unsinn, den wieder einmal nur eine Randsportart trifft. «Ich würde gerne sehen, was die Iraner machen würden, wenn es im Fussball zu einem WM-Endspiel zwischen dem Iran und Israel käme…»



Corpus Delicti: das Partieformular des Spiels, das nicht stattfinden durfte. 

Corpus Delicti: das Partieformular des Spiels, das nicht stattfinden durfte.  (Bild: Hartmut Metz)

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