Das Rezept von Belgien: Champagner-Strafen und Training à la carte

Als Spieler nannten sie ihn «Willi, das Kampfschwein». Als Trainer formte Marc Wilmots die belgische Nationalmannschaft zu einem Geheimfavoriten.

«Willi, das Kampfschwein» ist nun Herr Wilmots, der Trainer – aber an seinem Kampfgeist hat Marc Wilmots nichts eingebüsst. (Bild: DOMINIC EBENBICHLER)

Trainer Marc Wilmots hat Belgien nach tristen Jahren die Freude am Fussball zurückgebracht – und bringt gar Flamen und Wallonen zusammen.

Sein altes Kampfgewicht bringt er nicht mehr auf die Waage. Marc Wilmots hat ein wenig zugelegt, aber er muss ja auch nicht mehr das Mittelfeld beackern wie zu seiner aktiven Zeit. Ansonsten hat sich am Erscheinungsbild des belgischen Nationaltrainers, den die Fussball-Fans in Deutschland als Anführer der «Eurofighter» von Schalke 04 noch in bester Erinnerung haben, nicht viel geändert.

1. Spieltag in Gruppe H:

Belgien gegen Algerien, Belo Horizonte, 18 Uhr.

Russland gegen Südkorea, Cuiabá, 24 Uhr.

Den Kampfgeist lebt der 45-Jährige auch heute noch auf dem Trainingsplatz im brasilianischen WM-Quartier in Mogi das Cruzes intensiv vor. Geht es unter seinen hochveranlagten Jungstars, die von Experten gar zum Geheimfavoriten auf den Titel auserkoren wurden, mal wieder richtig zur Sache, huscht ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht. «Gut, manchmal ist es zu heftig, aber das zeigt doch nur, dass die Jungs was erreichen, was gewinnen wollen», sagt Wilmots vor dem ersten WM-Auftritt.

Neue Hoffnung nach grausamen Jahren

Es ist diese Mentalität, die Wilmots als Fussballer schon ausgezeichnet und ihm zu Schalker Zeiten den liebevollen Rufnamen «Willi, das Kampfschwein» eingebracht hat. Mit seinem unermüdlichen Einsatz hatte er entscheidenden Anteil am legendären Triumph der Königsblauen im UEFA-Pokal 1997 gegen den haushohen Favoriten Inter Mailand.

Noch heute wird er auf Schalke verehrt, so wie längst auch in seiner belgischen Heimat, nachdem er den früheren Vize-Europameister nach einer langen Durststrecke wieder zu einem grossen Turnier geführt hat.

Mit dem Achtelfinal-K.o. 2002 hatte sich Belgien in die fussballerische Tristesse verabschiedet. Es folgten grausame Jahre, in denen mitunter nur noch 300’000 Fans im ganzen Land das sportliche Elend im TV verfolgten, geschweige denn ins Stadion gingen.

Durch die Qualifikation gepflügt

Auf den Tag genau zwölf Jahre nach dem Aus bei der WM in Japan und Südkorea geben die «Rode Duivels» am Dienstag gegen Algerien ihr Comeback auf der grossen Bühne – und das nicht mal als Aussenseiter. Danach folgen die Spiele gegen Russland und Südkorea in der Gruppe H, wo die Achtelfinal-Gegner der deutschen Gruppe G ermittelt werden.



Belgium's national soccer team player Marouane Fellaini puts on a vest as he attends a training session at the Mineirao stadium in Belo Horizonte June 16, 2014. Belgium will face Algeria in their first 2014 World Cup Group H soccer match on June 17. REUTE

Nicht zu übersehen auf dem Feld: Marouane Fellaini von Manchester United. Natürlich nicht nur wegen seiner Frisur, sondern auch wegen seinem Spiel. (Bild: SERGIO PEREZ)

Dass Wilmots ein derartiges Reservoir an hochkarätigen Stars wie Eden Hazard (FC Chelsea), Marouane Fellaini (Manchester United) oder Axel Witsel (Zenit St. Petersburg) zur Verfügung steht, ist nicht seine Errungenschaft, wohl aber, dass die erlesene Gruppe an Spielern so perfekt harmoniert. Mit acht Siegen und nur zwei Unentschieden waren die Belgier durch die Qualifikation zur WM gepflügt wie einst Wilmots durch die gegnerischen Reihen.

Belgium's national soccer team players Eden Hazard (Front) and Thomas Vermaelen fight for the ball during a training session in Mogi das Cruzes, near Sao Paulo June 14, 2014. Belgium will play its first match of the 2014 World Cup against Algeria on June

Der zweifache Familienvater brachte Professionalität ins Umfeld der Nationalmannschaft. Akribisch suchte er nach Verbesserungen, organisatorisch wie sportlich. Er studierte die Arbeit von Trainern wie Pep Guardiola, Jürgen Klopp oder Joachim Löw.

Gegenüber seinen Spielern ist er gleichermassen streng wie herzlich. Mal gibt es eine schweisstreibende Einheit, mal ein «Training à la carte». Bloss keine Routine soll aufkommen. Werte wie Disziplin, Pünktlichkeit und Aufrichtigkeit sind ihm wichtig, nicht nur im A-Team, auch in den Nachwuchsmannschaften. Wer zu spät kommt, zahlt Strafen. Nicht etwa Geld in die Mannschaftskasse, sondern Champagner für die Mitspieler.



(L-R) Belgium's Daniel van Buyten, Axel Witsel, Vincent Kompany and Laurent Ciman run during a training session in Belo Horizonte June 16, 2014. Belgium will face Algeria in their first 2014 World Cup Group H soccer match on June 17. REUTERS/Dominic Ebenb

Mal schweisstreibend, mal «à la carte»: Das Training unter Wilmots soll nie langweilig sein. (Bild: DOMINIC EBENBICHLER)

Ein neuer Vertag als Vertrauensvorschuss

Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Flämisch-wallonische Konflikte gibt es unter seiner Führung nicht, der frankophone Wilmots behandelt alle gleich und hält mitunter in der Halbzeit auch Reden in zwei Sprachen. So gab es jüngst ein dickes Lob von der flämischen Zeitung Het Laatste Nieuws. «Chapeau Coach», schrieb das Blatt über Wilmots, der zwischen 2003 und 2005 auch schon für die für die liberale Partei Mouvement Réformateur im belgischen Senat sass.

In Belgien hat er seine Landsleute restlos überzeugt, der Vertrauensvorschuss ist gross. Noch vor der WM wurde sein Vertrag bis 2018 ausgedehnt, natürlich mit einem ordentlichen Aufschlag. Ein Jahressalär von 600’000 Euro ist ihm nun garantiert. Das ist mehr als jeder andere belgische Chefcoach vor ihm, aber bei weitem nicht im Bereich von Grossverdienern wie Russlands Fabio Capello (acht Millionen jährlich – Euro wohlgemerkt, nicht Rubel).

Darum geht es Wilmots aber auch nicht, für ihn ist der Job eine Herzensangelegenheit. «Dieses Team ist auf vier bis sechs Jahre angelegt», sagt er. Vielleicht klappt es aber auch schon in den nächsten vier Wochen mit dem grossen Erfolg.

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Alles zur Gruppe H in der Übersicht. Mehr zur WM 2014 in unserem Dossier.

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