Der Absturz eines Meisters

Lech Posen hat derzeit andere Sorgen als das Fortkommen in der Europa League: Basel erlebt am Donnerstag (19.00 Uhr) zum zweiten Mal in kurzer Frist einen polnischen Meister, der in der Liga einen Sturzflug erlebt und zuunterst im Tabellenkeller aufgeschlagen ist.

epa04957450 Darko Jevtic of Lech Poznan smiles during a press conference in Basel, Switzerland, 30 September 2015. Lech Poznan is scheduled to play against FC Basel 1893 in an UEFA Europa League group I match on 01 October 2015. EPA/GEORGIOS KEFALAS

(Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Lech Posen hat derzeit andere Sorgen als das Fortkommen in der Europa League: Basel erlebt am Donnerstag (19.00 Uhr) zum zweiten Mal in kurzer Frist einen polnischen Meister, der in der Liga einen Sturzflug erlebt und zuunterst im Tabellenkeller aufgeschlagen ist.

Dafür, dass Darko Jevtic erst seit etwas mehr als einem Jahr in Polen lebt, absolviert er seinen Auftritt auf dem Medienpodium im St.-Jakob-Park sprachlich souverän. Ein, zwei Mal sucht er im Dialog mit den polnischen Journalisten nach dem richtigen Wort, muss sich korrigieren lassen, aber ansonsten kann man nur den Hut ziehen, wie er in einer neuen Sprache parliert. Zumal Jevtic einräumt, dass er gerade mal zwei Sprachlektionen hatte, nachdem er vom FC Basel zu Lech Posen gewechselt war.

In Basel aufgewachsen und fussballerisch beim FCB gross geworden, profitiert Jevtic bei der Kommunikation von seinen serbischen Wurzeln: «Es gibt viele Wörter, die im Polnischen ähnlich sind, deshalb ist es mir leichter gefallen, die Sprache zu lernen, als anderen Spielern, die aus dem Ausland kommen.»

Mitten in einem Lernprozess steckt auch die Mannschaft von Jevtic. Lech erlebte einen fast beispiellosen Absturz vom Gewinn der Meisterschaft im Frühjahr bis zum harten Aufschlag im Tabellenkeller der Ekstraklasa. Ein einziges von zehn Meisterschaftspielen hat Posen gewonnen, das war am 26. Juli daheim gegen Gdansk (2:1). Seither sind noch zwei magere Unentschieden dazugekommen, darunter das 1:1 am vergangenen Wochenende im Kellerduell mit dem Vorletzten Gornik Zabrze.



Poland's soccer team KKS Lech Poznan during a training session in the St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, on Wednesday, September 30, 2015. Poland's KKS Lech Poznan is scheduled to play against Switzerland's FC Basel 1893 in an UEFA Europa League group I group stage matchday 2 soccer match on Thursday, October 1, 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Darko Jevtic (Zweiter von rechts) am Mittwoch beim Aufgalopp von Lech Posen im St.-Jakob-Park. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

In Polen rätseln sie über die Ursachen dieses Niedergangs. Fehlende Fitness sagen die einen, mangelnder Rhythmus bei den Spielern, die neu hinzu- gekommen sind, sagen die anderen, und viele Hoffnungen wurden enttäuscht. Wie jene in den deutschen Stürmer Denis Thomalla. Wahrscheinlich wurde schlicht zu viel von einem 23-Jährigen erwartet, der von RB Leipzig an den SV Ried in Österreich ausgeliehen war. In der Champions-League-Qualifikation gegen den FCB hatte er noch das Führungstor beim Hinspiel erzielt, auf drei Treffer kommt Thomalla und musste zuletzt von der Tribüne aus zusehen, wie die Mannschaft um eine Wende ringt.

Wenn die Verunsicherung wächst

Das Erklärungsmuster für die Ergebniskrise in der Meisterschaft ist bei Darko Jevtic das gleiche wie etwa bei der Gegner-Analyse von FCB-Trainer Urs Fischer: jede Menge Chancen, zu wenig Tore und sehr viel Pech. Und mit jeder weiteren vergebenen Chance, mit jedem weiteren Spiel ohne Sieg, wächst die Verunsicherung beim polnischen Meister. «Es fehlt uns am meisten im Abschluss – das ist unser grösstes Problem. Das ist keine einfache Saison für uns, auch, weil wir anfangs mit der Doppelbelastung nicht zurechtgekommen sind», sagt Jevtic.

Für Lech Posen ist das europäische Zusatzgeschäft noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden wie zum Beispiel in Basel. Dabei ist die Bilanz seit dem Ausscheiden gegen Basel mit drei Spielen ohne Gegentor gar nicht schlecht: Mit 3:0 (und einem Thomalla-Tor) sowie 1:0 gegen Videoton erreichte man die Gruppenphase, wo es zum Auftakt ein torloses Unentschieden gegen OS Belenenses gab. Aber nach dem parallel verlaufenen Sturzflug in der heimischen Liga ist es inzwischen so weit gekommen, dass die Europa League an Bedeutung verloren hat.



epa04957564 Maciej Skorza (C), head coach of Lech Poznan, talks to players during a training session at St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, 30 September 2015. Lech Poznan is scheduled to play against FC Basel 1893 in an UEFA Europa League group I match on 01 October 2015. EPA/GEORGIOS KEFALAS

Ein Trainer, der mit seiner Mannschaft aus dem Abwärtsstrudel raus will: Maciej Skorza von FCB-Gegner Lech Posen. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Von der Vereinsleitung wurde die Devise ausgegeben, sich auf die Meisterschaft zu konzentrieren, den Europacup Europacup sein zu lassen und Schlüsselspieler dort besser zu schonen. Trainer Maciej Skorza, der 2008 und 2009 mit Wisla Krakau schon zweimal Meister geworden war, muss konstatieren: «Die Dinge haben sich nicht so gut entwickelt für uns. Wir konnten die Liga und den Europacup nicht in Einklang bringen, und jetzt müssen und wollen wir die Situation in der Liga retten. Trotzdem erwarte ich, dass wir nach dem Spiel in Basel mit einer besseren Laune heimkehren.»

Aufbauarbeit im Europacup

Skorzas Rechnung vom Donnerstagabend im St.-Jakob-Park bis zum Punktspiel am Sonntag bei Cracovia Krakau lautet: «Wenn wir in Basel eine gute Leistung zeigen, dann hilft uns das auch in der Meisterschaft weiter.» Gut möglich, dass der Trainer dabei auf Darko Jevtic setzen wird. Der 22-Jährige hat eine schmerzhafte Verletzung auskuriert, einen Bänderriss an der Fusswurzel, ist noch auf der Suche nach der besten Fitness und Form, und unter den gegebenen Umständen bietet sich ein Härtetest just an jener Stelle an, wo seine Profikarriere begann: in Basel.

Am 1. Juni 2013 stand Darko Jevtic im St.-Jakob-Park erstmals in einer Startelf des FCB (1:0 im Saisonabschlussspiel gegen St. Gallen); debütiert hatte Jevtic zehn Monate zuvor bei einem 2:2 bei den Grasshoppers, wo ihn Heiko Vogel in der 84. Minute einwechselte. Davor und danach kann Jevtic aus einer umfangreichen Krankenakte erzählen, von einer unseligen Serie von komplizierten Schulterverletzungen und Operationen, die das vielversprechende Mittelfeldtalent immer wieder zurückwarfen.

Das Beispiel FCB bietet Trost

Der FCB gab ihn schliesslich leihweise erst an Wacker Innsbruck ab, dann an Lech Posen, ehe die Polen Jevtic übernahmen. In der Meistersaison kam er in 37 Spielen zum Einsatz (29 Ligapartien) und auf sieben Tore und drei Assists. Jetzt, in einer ungemütlichen Situation, kehrt Jevtic ein zweites Mal mit Lech Posen nach Basel zurück. Am 5. August, beim äusserst knappen 1:0 des FCB in der Champions-League-Ausscheidung, sichergestellt von Birkir Bjarnason spät in der Nachspielzeit, war Jevtic bereits des Trainers erste Wahl, ehe er nach 73 Minuten Denis Thomalla Platz machte.

«Ich hoffe, dass es sich zum Guten wendet», sagt Jevtic, und hat für die polnischen Fans ein wenig Trost parat mit einer Erinnerung an seine Basler Zeit: «Auch der FCB spielt nicht jede Saison so dominant wie im Augenblick. Basel hatte auch schon einen grossen Rückstand in der Meisterschaft und kennt die Probleme.» Nur: In der sind es inzwischen 19 Zähler, die Lech Posen auf das Überraschungsteam Piast Gliwice aus Oberschlesien aufweist.

» Sorgenfrei ist auch der FC Basel nicht – die Vorschau zum Spiel

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