Der Basler, der das berühmteste Tor des Weltfussballs anerkannte

Der Kleinbasler Telefonist Gottfried Dienst leitet als Schiedsrichter viele internationale Spiele. Höhepunkt ist der WM-Final 1966, in dem Dienst das legendäre Wembley-Tor pfeift. Trikot und Pfeife sind im Sportmuseum Schweiz zu bestaunen.

Gottfried Dienst, Siegfried Held, Tofiq Bahramov, Wembley 1966.

Der Kleinbasler Telefonist Gottfried Dienst leitet als Schiedsrichter viele internationale Spiele. Höhepunkt ist der WM-Final 1966, in dem Dienst das legendäre Wembley-Tor pfeift. Trikot und Pfeife sind im Sportmuseum Schweiz zu bestaunen.

Ein Basler ist Teil des WM-Finals 1966 zwischen Deutschland und England. Schiedsrichter Gottfried «Godi» Dienst trifft dabei einen berühmten weil umstrittenen Entscheid. «Sein» Wembley-Tor macht England zum Weltmeister und Deutschland zum Vizeweltmeister. Es wird zum Mythos, zeigt Sprachbarrieren auf und leitet eine Diskussion um Entscheidungsfindung und -grundlagen Fussballoffizieller ein.

Fussballgeschichten aus der Region

Zum 75. Geburtstag des Fussballverbandes Nordwestschweiz kommt es zu einer ­Kooperation mit der Tages­Woche. Das Ziel: Online entsteht eine interaktive Geschichte des Fussballs in der Region, auf der die wichtigsten Ereignisse des regionalen Fussballs, Anekdoten und Erinnerungen auf einer Zeitleiste dargestellt werden. ­

Dienst ist eigentlich gar nicht als Schiedsrichter für den Final in Wembley vorgesehen. Der deutsche Rudolf Kreitlein, der als Miterfinder der Gelben und Roten Karte gilt, soll das Endspiel leiten. Weil Deutschland aber einer der Finalisten ist, kommt Godi Dienst zum Einsatz. Der Chef der Kleinbasler Telefonzentrale ist Endspiel-erfahren. Fünf Jahre zuvor hat er das Finale des Europapokals der Landesmeister zwischen Benfica Lissabon und Barcelona gepfiffen und wurde so Zeuge des ersten nicht-spanischen Triumphs in diesem Wettbewerb.

Das Endspiel am 30. Juli 1966 in England wird aber nicht nur für Dienst noch bedeutender. 1:1 zur Pause. Neben den zwei Toren von Haller und Hurst bleiben ein bewusstloser Deutscher Torwart und die temperamentvollen Gesten des Schweizer PTT-Angestellten Dienst in Erinnerung. Auch nach dem Abpfiff der regulären Spielzeit und dem Ausgleich der Deutschen zum 2:2 in letzter Minute scheint die Autorität des Unparteiischen noch intakt.

Orangenschnitz, Wadenmassage, Wembley-Tor

Nach einer kurzen Pause, einem Orangenschnitz und einer Wadenmassage am eigenen Bein bittet Gottfried Dienst zur Verlängerung. Die 101. Minute geht in die Fussballgeschichte ein. England in Ballbesitz. Das Leder gelangt nach rechts aussen zu Alan Ball. Flanke in den Strafraum. Geoff Hurst schnappt sich das Spielgerät, dreht sich und haut es auf das deutsche Tor. Der Ball gleitet über die Arme von Goalie Tilkowski an die Latte, prallt auf den Boden und zurück in den Fünf-Meter-Raum. Englands Nummer 21 reisst die Arme hoch. Der Deutsche Wolfgang Weber köpft den Ball über das Tor ins Aus. Tor! Tor?

(Bild: STR)

Schiedsrichter Dienst steht beim Abschluss von Geoff Hurst hinter dem Spieler und sieht den Ball nicht. Er befindet sich als entscheidungsunfähig – nicht aber seinen Kollegen Tofiq Bachramov an der Linie. Dieser steht auf Hursts Höhe und gemäss Dienst nur gut sieben Meter von der Grundlinie entfernt. Dienst bittet seinen Kollegen um Hilfe. Der Linienrichter aus Baku spricht aber weder Englisch noch Deutsch. So muss Dienst, wie er später in einem Interview preisgibt, seinem Instinkt vertrauen: «Das ganze Verhalten von Bachramov, jeder Zoll an ihm sagte mir, dass Bachramov ‹Tor› meinte.»

Das berühmt-berüchtigte Wembley-Tor ist gefallen. England feiert seinen bis dato einzigen Weltmeistertitel. Deutschland trägt die Entscheidung mit sportlicher Fassung. Das Tor gilt als ungelöstes Rätsel der Fussballgeschichte, und Godi Dienst geniesst auch fortan das Ansehen eines guten und mittlerweile weltbekannten Schiedsrichters. Erst 1996 beweist eine Studie der Universität Oxford, dass der Ball zu keinem Zeitpunkt hinter der Linie gewesen sein kann.

Kein Tor? Tor? Gottfried Dienst (l.) versucht anhand der Körpersprache seines Assistenten die Antwort auf seine Frage zu bekommen.

Kein Tor? Tor? Gottfried Dienst (l.) versucht anhand der Körpersprache seines Assistenten die Antwort auf seine Frage zu bekommen.

Privat verbringt Dienst sein Leben weiterhin im Kleinbasel, wo er nach seiner Karriere noch zweimal umzieht: Von der Mattenstrasse an die Drahtzugstrasse und zum Ende des Lebens nochmals ganz nah zum Fussball zurück – an den Riehenring 16 beim Landhof.

Das Ende der «Wembley-Tore»

Sogenannte «Wembley-Tore» hat es danach noch viele gegeben im Weltfussball. Doch zumindest an Weltmeisterschaften sollte damit seit 2014 Schluss sein. An der WM in Brasilien wurden erstmals Torkameras eingesetzt.

Nordwestschweizer Schiedsrichter geniessen auch nach Dienst immer wieder internationales Vertrauen: Aus dem FCB-Stürmer Serge Muhmenthaler wird verletzungsbedingt ein Fifa-Schiedsrichter. Andi und Vroni Schluchter leiten als Ehepaar internationale Spiele. Der Muttenzer Claudio Circhetta bringt es bis zum Schweizer Schiedsrichter-Chef. Und vielleicht schafft es auch einmal eine WM-Pfeife von Adrien Jaccottet in die Sammlung des Sportmuseums Schweiz.

Gottfried Dienst stirbt 1998 drei Monate vor seinem 79. Geburtstag. Sein Name wird fortleben, so lange die Geschichte des Wembley-Tores weiter erzählt wird. Auch wenn ihm in der Heimat nicht die selbe Ehre zuteil wurde wie seinem Final-Linienrichter Bachramov: Nach ihm ist in Baku das aserbaidschanische Nationalstadion benannt.



Das Nationalstadion von Aserbaidschan in Baku trägt den Namen von Tofiq Bahramov.

Das Nationalstadion von Aserbaidschan in Baku trägt den Namen von Tofiq Bahramov.

Konversation

  1. Knapp zwanzig Jahre nach dem Endsieg über die «Endsieger » entscheidet ein Russe über Tor oder nicht Tor. Der neutrale «Telefonist» aus der Schweiz muss ihm glauben, denn eigene Entscheidungen liegen den Angehörigen dieser Nation nicht.

    Bahramov hat später erzählt, dass er «Kreide spritzen» gesehen hat und deswegen wusste, dass es ein Tor war.

    Der Schweizer, der gute Dienst, wusste nichts vom Kreide spritzen und hat abgewogen, wem er mehr schadet: Aber er war ja in England.

    Sei’s drum: Es war ein verdientes Tor.

    Abgesehen davon: Ein «Telefonist» ist im heutigen gesellschaftlichen Kontext ein Angehöriger des geduldeten und «ausgehaltenen» Prekariats, bezieht Krankenkassenverbilligung und kommt in Zwangsgenuss von «fördernden» Massnahmen.

    Eines wird er aber sicher nie: Referee.

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