Der einsame Schweizer

In London vertreten 102 Sportlerinnen und Sportler die Schweiz. Vor 100 Jahren reiste nur Julius Wagner nach Stockholm.

Der einzige Schweizer, der vor 100 Jahren an die Olympischen Spiele reiste: Julius Wagner. Das Bild stammt von den Schweizer Meisterschaften 1913 in Genf.

In London werden 102 Sportlerinnen und Sportler die Schweiz vertreten. Vor 100 Jahren reiste nur Julius Wagner nach Stockholm.

Es waren Olympische Spiele der Superlative – einfach anders, als wir uns das heute gewohnt sind: In Stockholm 1912 kommt zum ersten Mal eine elektrische Zeitnahme zur Anwendung. Und erstmals beteiligen sich Athleten aus allen fünf Kontinenten an den Spielen.

Aus der Schweiz reist ein einziger Sportler in den Norden: Julius Wagner. Der 30-jährige Leichtathlet aus Reutlingen hat schon reichlich Erfahrung. An den Zwischenspielen von Athen, welche die olympische Idee am Leben erhielten, aber bis heute vom Inter­nationalen Olympischen Komitee (IOC) nicht anerkannt sind, holte er 1906 für Deutschland die Goldmedaille im ­Seilziehen und ging in zahlreichen weiteren Leichtathletikwettkämpfen an den Start. 1908 in London – unterdessen als Schweizer – nahm er am erstmals ausgetragenen Hammerwerfen teil, ohne jedoch grosse Stricke zu zerreissen.

1912 reist Wagner auf eigene Rechnung nach Stockholm, um am Fünfkampf mit den Disziplinen Weitsprung, Speerwurf, 200 Meter, Diskuswerfen und 1500 Meter teilzunehmen. Auch hier ist er wenig erfolgreich und scheidet nach drei Disziplinen aus.

«Der grösste Athlet der Welt»

Der Sieger des Fünfkampfes heisst Jim Thorpe. Nachdem der US-Amerikaner auch noch den Zehnkampf gewonnen hat, gratuliert ihm König Gustav mit den Worten: «Sir, für mich sind Sie der grösste Athlet der Welt!»

Leider muss der König schon bald darauf seine Meinung ändern. Kurz nach den Spielen entdeckt ein Jour­nalist, dass Thorpe vor den Spielen von Stockholm einmal in einer unterklas­sigen Liga Baseball gespielt und dafür 60 Dollar kassiert hat. Dies wird als Verstoss gegen die olympische Amateurregel gewertet.

Das Gold gibt es 70 Jahre später

Das Internationale Olympische Komitee nimmt Thorpe seine Medaillen weg und streicht ihn aus den Ergebnis­listen. Erst 20 Jahre nach Thorpes Tod revidiert der amerikanische Verband seine Meinung und spricht ihm 1973 wieder den Amateurstatus zu. 1982 übergibt das IOC Thorpes Tochter die Goldmedaillen.


Jim Thorpe, geboren als Wa-Tho-Huck, gilt als einer der vielfältigsten Athleten der Jahrhundertwende.

Mit der Streichung von Thorpe aus den Resultatlisten rückt ein anderer US-Amerikaner, Avery Brundage, vom 6. auf den 5. Platz des Fünfkampfes vor. Brundage wird in der Folge als Sportfunktionär fast ein halbes Jahrhundert lang die Olympische Bewegung prägen.

1929 wird er Präsident des Olympischen Komitees der USA (Usoc). Als 1934 in den USA die Diskussion aufkommt, die Sommerspiele in Berlin wegen der Naziherrschaft zu boykottieren, setzt sich Brundage, der kurz zuvor in das IOC gewählt worden ist, für eine Teilnahme der US-Sportler ein. Hinter den Forderungen nach einem Boykott vermutet Brundage eine «jüdisch-kommunistische Verschwörung». Es gelingt ihm, alte Freunde zur Teilnahme an der Abstimmung des Usoc zu aktivieren. Sie fällt mit 58 zu 55 Stimmen für die Teilnahme in Deutschland denkbar knapp aus.

Brundage – von Teilen der amerikanischen Presse nunmehr als «Nazi» bezeichnet – engagiert sich dafür, dass zwei jüdische Sprinter des US-Teams durch Nichtjuden bei den NS-Spielen ersetzt werden. Sein umstrittenes Engagement für die Nazi-Spiele in Berlin schadet seiner olympischen Funktionärskarriere keineswegs. 1952 wird er zum fünften Präsidenten des IOC gewählt und bleibt 20 Jahre im Amt.

Der fünffache Schweizer Meister

Julius Wagners Lebenslauf verläuft weniger aufsehenerregend. Während seiner Karriere als Leichtathlet gelingt es ihm zweimal, fünffacher Schweizer Meister zu werden – 1907 und 1913. Im Oktober 1912 gehört er in Ouchy zu den Gründern des Schweizerischen Olympischen Komitees.

In dieser Zeit beginnt auch seine verlegerische Tätigkeit. Er publiziert Olympiabücher zu Stockholm (1912), Amsterdam (1916), Paris (1924) und Berlin (1936). Überdies gründet er 1920 die Zeitung «Sport», die er bereits nach sieben Monaten an den Jean-Frey-Verlag verkauft. 1952, in dem Jahr, in dem Avery Brundage zum Präsidenten des IOC gewählt wird, stirbt Julius Wagner 70-jährig in der Schweiz.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 27.07.12

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