Der Griff nach dem Nationenthron

Die Ausnahmegeneration mit Federer und Wawrinka spielt vom 21. bis 23. November in Lille gegen Frankreich um den Davis Cup. Der Baselbieter ist nach seinen Rückenproblemen als Nummer 1 nominiert – die Sportnation Schweiz atmet auf.

epa04491548 Switzerland's Roger Federer embraces compatriot Stanislas Wawrinka following his three set win during the ATP World Tour Finals semi-final match at the O2 Arena in London, Britain, 15 November 2014. EPA/ANDY RAIN (Bild: Keystone/ANDY RAIN)

Die Ausnahmegeneration mit Federer und Wawrinka spielt vom 21. bis 23. November in Lille gegen Frankreich um den Davis Cup. Der Baselbieter ist nach seinen Rückenproblemen als Nummer 1 nominiert – die Sportnation Schweiz atmet auf.

Es dauerte 22 Jahre, bis in der Schweiz wieder wahres Interesse aufkam. Für den Davis Cup, den Nationenwettbewerb im Tennis, in der Sportart, an deren Weltspitze die Schweiz seit Jahrzehnten vertreten ist. In Lille steht sie vom 21. bis 23. November im Final dem neunfachen Sieger Frankreich gegenüber. Vor eindrucksvoller Kulisse in dem zur Tennisarena umgebauten Fussballstadion Pierre-Mauroy.

Der Schweiz bietet sich die Möglichkeit, diesen einen Titel zu holen, der ihr bisher verwehrt blieb: 1992 waren Marc Rosset und Jakob Hlasek nahe dran, sie verloren erst im Final gegen die übermächtigen Amerikaner. Die Generation um den Olympiasieger aus Genf und den in der Tschechoslowakei geborenen Doppelspezialisten schien reif für den Sieg. Die Generation 22 Jahre später ist überreif.

Mit Roger Federer, für den der Davis Cup eine der wenigen Lücken in der Titelsammlung bildet, und Stanislas Wawrinka verfügt die Schweiz über zwei Grand-Slam-Sieger. Und zum ersten Mal haben sich die beiden Ausnahmekönner für den Final des Davis Cup qualifiziert, den vor allem Federer immer wieder seiner Einzelkarriere untergeordnet hatte.

Federer trainiert – und spielt

Gemeinsam haben sie Olympiagold im Doppel gewonnen, doch in die Favoritenrolle gegen Frankreich bringen sie ihre Qualitäten im Einzel. Wenn Federer denn tatsächlich im Vollbesitz seiner Gesundheit ist, was seit den World Tour Finals unsicher ist. Er hatte in London den Titel kampflos Novak Djokovic überlassen müssen, Rückenprobleme verhinderten einen Einsatz. Und dieser Rücken wurde in der vergangenen Woche zum Körperteil der Nation.

Erst am Mittwoch trainierte Federer in der kühlen Halle in Lille zum ersten Mal. Ohne an seine Grenzen zu gehen, ohne eine weitere falsche Bewegung zu riskieren. Die sportinteressierte Schweiz atmete auf; umso mehr, als Federer am Donnerstagmorgen die Belastung im ersten gemeinsamen Training mit Wawrinka steigerte.

Wenige Stunden später wurde Federer von Captain Severin Lüthi als Nummer 1 nominiert. Wawrinka, die Nummer 2 der Schweiz, eröffnet am Freitag um 14 Uhr den Final gegen Jo-Wilfried Tsonga, Federer spielt im Anschluss gegen Gaël Monfils.

Die Tennisnation atmet auf

Federers Nominierung ist die Rettung in letzter Not, denn die vergangenen Tage haben eines gezeigt: Die Schweiz hat zwar herausragende Einzelspieler, ihren Ausfall kann diese Mannschaft aber kaum kompensieren. Dafür sind Marco Chiudinelli und Michael Lammer, die im Doppel am Samstag gegen Julien Benneteau und Richard Gasquet antreten werden, im Einzel zu schwach.

Im Vergleich dazu verfügt der französische Captain Arnaud Clément über Spieler, die allesamt in den Top-30 der Welt platziert sind. Das Team mit Tsonga, Monfils, Gasquet und Benneteau würde einen Ausfall verkraften.

Eine Generation will den Titel

Dazu kommt, dass Frankreich im Doppel der klare Favorit ist. Benneteau ist die Nummer 5 der Doppelweltrangliste und hat dieses Jahr die French Open gewonnen. Chiudinelli und Lammer haben 2009 zusammen zwar einen Doppel-Titel geholt, sind gegen die Franzosen aber klare Aussenseiter.

Sollten die Franzosen das Doppel gewinnen und daneben mit ihrer Geschlossenheit überzeugen, ist ihnen der Sieg in Lille zuzutrauen. Rufen hingegen Federer und Wawrinka ihr gesamtes Potenzial in den Einzeln ab, dann wird die Schweiz schwer zu schlagen sein.

Der Sieg gegen die Franzosen wäre der Sieg einer Generation, die die Schweiz noch nie erlebt hat – und in naher Zukunft wohl nicht wieder erleben wird. Es wäre die Krönung einer beispiellosen Ära.



Stanislas Wawrinka, left, of Switzerland, and Roger Federer, of Switzerland, right, arrive for a training session of the Swiss Davis Cup Team prior the Davis Cup Final match between France and Switzerland, in Lille, Switzerland, Thursday, November 20, 2014. The Davis Cup World Group Final France vs Switzerland will take place from 21 to November 23. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Sie vereinen 18 Grand-Slam-Titel und stellen die erfolgreichste Tennisgeneration der Schweiz dar: Stanislas Wawrinka und Roger Federer. (Bild: Keystone/SALVATORE DI NOLFI)

Davis-Cup-Final 2014, 21. bis 23. November
Ort: Lille, Stade Pierre-Mauroy
Belag: Sand

Programm:
Freitag ab 14.00 Uhr: Jo-Wilfried Tsonga–Stanislas Wawrinka, gefolgt von Gaël Monfils–Roger Federer
Samstag, 15.30 Uhr: Julien Benneteau/Richard Gasquet–Marco Chiudinelli/Michael Lammer (provisorisch)
Sonntag ab 13.00 Uhr: Jo-Wilfried Tsonga–Roger Federer, gefolgt von Gaël Monfils–Stanislas Wawrinka (beide Partien provisorisch)

Frankreichs Aufgebot unter Captain Arnaud Clément:
Jo-Wilfried Tsonga, ATP 12
Gaël Monfils, ATP 19
Richard Gasquet, ATP 26
Julien Benneteau, ATP 25

Schweizer Aufgebot unter Captain Severin Lüthi:
Roger Federer, ATP 2
Stanislas Wawrinka, ATP 4
Marco Chiudinellei, ATP 212
Michael Lammer, ATP 508

» Stand Frankreich vs. Schweiz im Davis Cup: 10:2  » Details zu den Begegnungen
» Die offizielle Website zum Davis Cup

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