Der Sitzenbleiber – zum Siebzigsten von Eddy Merckx

Als Vorbild in Sachen Anti-Doping sollten man ihn besser nicht auf die Bühne schicken, aber seine Stellung als eine der ganz grossen Ikonen des Radsports und des Sports überhaupt besitzt er nun eben mal auch. Eine Würdigung von Eddy Merckx, der am 17. Juni seinen 70. Geburtstag feiert.

ZUM 70. GEBURTSTAG DER BELGISCHEN RADSPORT-LEGENDE EDDY MERCKX AM MITTWOCH, 17. JUNI 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES MATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Eddy Merckx, Leader der Tour de France im Maillot Jaune, aufgenommen am 27. Juni 1971 in Basel nach der Teiletappe der 1. Etappe von Mulhouse nach Basel. (KEYSTONE/Str)

(Bild: Keystone)

Als Vorbild in Sachen Anti-Doping sollten man ihn besser nicht auf die Bühne schicken, aber seine Stellung als eine der ganz grossen Ikonen des Radsports und des Sports überhaupt besitzt er nun eben mal auch. Eine Würdigung von Eddy Merckx, der am 17. Juni seinen 70. Geburtstag feiert.

Letztes Wochenende ist Eddy Merckx in Meise gewesen, einer Kleinstadt im Norden von Brüssel, wo er zum Kriegsende geboren wurde. Sie haben dort eine Statue eingeweiht, die der Bildhauer Paul Grégoire nach seinem Ebenbild gefertigt hat. Aber was heisst schon Ebenbild: Der Pedaleur in Bronze, der da die Arme hochreisst, passt heute zwei Mal in die bullige Figur der real existierenden Sportikone hinein, und alle Anwesenden konnten es bei der Gelegenheit wieder sehen.

Die aufrechte Haltung ist weniger typisch, denn Edouard Louis Joseph Merckx ist ein Sitzenbleiber gewesen, wie er im Buche steht. Sogar am Berg schien sein Hintern chirurgisch mit dem Sattel verbunden zu sein. In dieser Position liess der Mann aus Flämisch-Brabant Mitbewerber stehen, die längst in die Pedalen gestiegen waren.



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Seine Verfolger auf dem Rad und die anderen Dämonen des Lebens abgeschüttelt: Eddy Merckx – hier 2014 bei der Tour-de-France-Etappe im belgischen Arenberg. (Bild: Imago)

Der Chef bleibt eben sitzen, wenn die anderen schuften, daran erkennt man ihn. Er muss noch lange nicht an seine letzten Reserven. Und wenn doch, zeigt er es nicht. Wie könnte er sonst auch die Gruppe führen, zwischen der Mauer von Gerardsbergen, San Remo und dem Tourmalet?

So gross wie Cassius Clay

Manche glauben, dass von den Sechzigern bis Mitte der Siebziger nur ein einziger Weltsportheld herausgeragt hätte: Cassius Clay alias Muhammad Ali. Es waren aber mindestens zwei. Auch Merckx hat seine Schmerzen ignorieren können wie kaum ein anderer, auch er hat sie alle irgendwann besiegt.

» Die Liste der bedeutendsten Siege von Eddy Merckx

Wenn Ali an seinen Kämpfen gegen Liston und Frazier, Foreman und Norton wachsen konnte, wuchs Eddy an seinen Duellen mit Poulidor und Gimondi, Thevenet und Motta, Pingeon und Pfenninger. Wohl dem, der in seinem Sport nicht nur Freunde, sondern auch herausragende Gegner hat. Sie helfen ihm, seine Ausnahmestellung zu definieren. Indem sie ihn herausfordern und hetzen, bei jeder Gelegenheit.

Ali hat 1967, mit 25 Jahren, zwei Titelkämpfe gewonnen, gegen Ernie Terrell und Zora Folley, er ist damit unangefochten Champion geblieben. Eddy hat bis Ende August jenen Jahres, mit 22 Jahren, schon 27 Rennen abgeschossen. Dann holt er sich Anfang September im niederländischen Heerlen auch noch den ersten von drei WM-Titeln, vor Janssen, Saenz, Motta und 41 anderen, die nach 265 Kilometern ankommen.

ZUM 70. GEBURTSTAG DER BELGISCHEN RADSPORT-LEGENDE EDDY MERCKX AM MITTWOCH, 17. JUNI 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES MATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Der belgische Radrennfahrer Eddy Merckx in Aktion waehrend der 21. Runde im Zeitfahren der Tour de France am 21. Juli 1974 in Orleans. Merckx belegt den zweiten Platz und bleibt somit Gesamtleader der Tour. (KEYSTONE/AP Photo/Bodini)

Natürlich hinken Vergleiche zwischen zwei so unterschiedlichen Disziplinen, aber sie erzählen auch etwas. In diesem Fall: Dass Merckx unersättlich ist, wenn es um Siege geht. Darum der «Kannibale», den man ihm bald ohne jede Ironie verpasst. Er sagt über den Radsportler genauso viel aus wie «The Greatest» über den Boxer.

Man kann nicht alle grossen Rundfahrten, Tageskriterien, Querfeldein-Rennen und Six-Days in einer Saison gewinnen, schon klar. Merckx aber versucht es bis 1977 immer wieder – und scheitert selten. So entsteht eine historische Bilanz, die unübertroffen bleibt. Je fünf Gesamtsiege bei Tour und Giro, ein Triumph bei der Vuelta und der Tour de Suisse (1974), dazu wenigstens zwei Siege in allen klassischen Kriterien. Sieben Mal küssen ihn die Mädchen bei San Remo, fünf Mal bei Lüttich–Bastogne–Lüttich, drei Mal in der Hölle von Paris–Roubax, zwei Mal nach der Lombardei-Rundfahrt.

Über die Winter hatte er ausserdem in 17 Sechstagerennen am Ende die Nase vorn. Und 1972 stellte er auf dem Velodrom von Mexiko City mit konventionellem Rennrad einen Stundenweltrekord (49,431 Kilometer) auf, der in dieser Form 30 Jahre lang nicht erreicht wird.

Der Held bewegte sich in einer Doping-Grauzone

Heute würde so einer sagen: Sonst noch was? Merckx sagt das nicht, er bleibt tiefgekühlt, lässt Resultate sprechen. Als er aufhört, hat er 525 Mal irgendwo was gewonnen, Pokale, Medaillen, unbequeme Lorbeerkränze. Ist zusammen 96 Tage in Gelb gefahren bei der Tour, die er einmal fast verpasst hätte – 1969, als sie ihn wegen Dopingbefunds aus dem Giro warfen und länger sperren wollten.

Man geniert sich fast, wenn man das heute erwähnt, aber es folgen noch zwei weitere Befunde. Merckx streitet die Vorwürfe ab, er strampelt in dieser Zeit tatsächlich in einer seltsamen Grauzone: Das Cortison, das er sich öfter spritzen lässt, kommt erst 1980 auf die Dopingliste der UCI.

Inzwischen pendeln seine Einlassungen dazu zwischen halbwegs kritisch bis optimistisch. Armstrong habe einfach das Pech gehabt, in einer Ära gefahren zu sein, als die Medizin dominiert hat, äusserte er etwa mal über seinen diskreditierten Nachfolger. Und ja, man könne die Tour auch heute noch ohne Doping gewinnen.

ZUM 70. GEBURTSTAG DER BELGISCHEN RADSPORT-LEGENDE EDDY MERCKX AM MITTWOCH, 17. JUNI 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES MATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Eddy Merckx startet am 13. Juni 1974 in Gippingen, Kanton Aargau, zum Prolog der Tour de Suisse. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Wie der Radsport insgesamt mit den neuen Tests und Kontrollmethoden «sauberer als je zuvor» sei und darum eine neue Chance verdient habe. So rosig leuchtet nicht mal das Trikot des Spitzenreiters im Giro, doch wer wollte die Legende ausgerechnet jetzt, zu seinem 70. Geburtstag, deswegen in die Mangel nehmen?

Merckx hat nach der Karriere eine schwierige Phase mit zu wenig Sinn und zu viel Alkohol überwunden, erzählt man sich, hat seine Dämonen dabei abgeschüttelt wie einst seine Verfolger. Und dreht seither weiter am Rad: Von Zellik aus, einem Örtchen in der Gemeinde Asse, norwestlich von Brüssel, beliefern die Eddy Merckx Cycles «tout les monde» mit hochwertigem Material.

Anfang des Jahres ist ein Jubiläumsrad aufgelegt worden, das nach Retro aussieht und doch State-of-the-Art ist. Wer für die «Eddy 70 Limited Edition» 14’000 Euro übrig hat, kann noch eines von 70 Exemplaren mit der «70» am Stahlrahmen bestellen. Bis Samstag läuft auch noch eine Ausstellung zu Merckx und Automobil-Rennfahrer Jacky Ickx, der im Januar ebenfalls 70 wurde, in Brüssel (Trade Mart Brussels op de Heizel).

Der Jubilar zieht sich zurück

Ansonsten wird sich der Jubilar am Mittwoch bei seiner Frau Claudine und der Familie verstecken, heisst es aus seiner Umgebung. Knapp zwei Wochen später, zum 28. Juni, lädt er im niederländischen Roermond dann zu den Eddie Merckx Classics ein. Viele werden allein deshalb kommen, weil er als Rennleiter am Start stehen wird. Ein fülliger Mann, der fürs sensible Herz Schrittmacher-Dienste braucht seit einer OP in 2013, aber noch immer er selbst ist: Belgiens einziger Kannibale im offiziellen Stand eines Barons.

ZUM 70. GEBURTSTAG DER BELGISCHEN RADSPORT-LEGENDE EDDY MERCKX AM MITTWOCH, 17. JUNI 2015, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES MATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Eddy Merckx, der Sieger des Strassenrennens an der Rad-WM in der Kategorie Profis, laesst sich am 16. August 1971 in Mendrisio im Kanton Tessin von den Zuschauern feiern. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)..

Der Meister aller Klassen: Eddy Merckx als Strassenweltmeister 1971 in Mendrisio. (Bild: Keystone)

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