Der türkische Fussball steuert ins Abseits

Nationaltrainer Fatih Termin müsste schon Grosses bewirken, um die Türkei noch nach Brasilien zu bringen. Das drohende Scheitern der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation ist auch ein Sinnbild für eine zerrüttete türkische Gesellschaft und einen maroden Fussball.

Turkey's coach Fatih Terim (R) talks to his player Gokhan Tore during their 2014 World Cup qualifying soccer match against Romania at National Arena in Bucharest September 10, 2013. REUTERS/Bogdan Cristel (ROMANIA - Tags: SPORT SOCCER) (Bild: Reuters/BOGDAN CRISTEL)

Nationaltrainer Fatih Termin müsste schon Grosses bewirken, um die Türkei noch nach Brasilien zu bringen. Das drohende Scheitern der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation ist auch ein Sinnbild für eine zerrüttete türkische Gesellschaft und einen maroden Fussball.

Von der vielleicht grössten Demütigung seiner Karriere erfuhr Fatih Terim angeblich am Telefon. Von seiner Tochter Merve. Im Anschluss an ein Nachmittagstraining mit Galatsasaray Istanbul vor gut zwei Wochen berichtete die Tochter dem Vater von dessen Entlassung. Terim war fassungslos.

Wer bereits für die WM 2014 qualifiziert ist

Brasilien (Gastgeber)
Argentinien (Südamerika)
Niederlande (Europa)
Italien
USA (Concacaf)
Costa Rica
Japan (Asien)
Iran
Südkorea
Australien

In Europa stehen am Freitag und Dienstag die letzten Gruppenspiele an; in Afrika werden die Hinspiele der fünf Playoffs ausgetragen.

Noch am Abend dieses 24. Septembers versammelten sich hunderte Fans vor dem Trainingszentrum Galatasarays im Villenviertel Florya und forderten den Rücktritt von Präsident Ünal Aysal. Vor der Villa Terims hingegen feierten gleichzeitig Fans den Trainer, der Galatasaray Spor Kulübü in seinen drei Amtszeiten zu sechs Meisterschaften und 2000 zum Gewinn des Uefa-Pokals geführt hatte. Terim schüttelte mit Tränen in den Augen die Hände seiner Anhänger und nahm wieder einmal Abschied von den Löwen. Er war vom Hof gejagt worden, die Macht des Präsidenten war grösser.

Der Präsident Aysal und der Trainer Terim, zwei sture Alphatiere, führten seit Monaten einen Kleinkrieg, in dem es um persönliche Eitelkeiten und Verwerfungen über Transferfragen ging – aber auch um Terims paralleles Engagement als Nationaltrainer, das angeblich auch durch Einfluss der Regierung vor sechs Wochen und gegen den Widerstand von Galatasaray durchgesetzt wurde.

Terim kann wieder einmal zum Helden werden

Terim soll es nämlich wieder einmal richten im türkischen Fussball, zum dritten Mal übernahm der 60-Jährige die «Milli Takim». Seit der Euro 2008, als die Türkei unter Terim erst im Halbfinal von Basel an Deutschland gescheitert war, fehlte der WM-Dritte von 2002 bei allen grossen Turnieren. Terims Nachfolger Guus Hiddink und Abdullah Avci scheiterten jeweils grandios.

Selbst nach zwei Siegen im September mit dem neuen, alten starken Mann Terim ist das Erreichen der Playoffs der Gruppenzweiten nur noch theoretischer Natur. Die Türken müssen am Freitag in Estland und kommenden Dienstag gegen Gruppensieger Niederlande in Istanbul gewinnen. Gelingt gegen die starken Holländer kein Sieg, dürfte Rumänien, das gegen Andorra und Estland antritt, noch vorbeiziehen. Und die vor den Türken postierten Ungarn dürfen ihr Heimspiel am Freitag gegen Holland nicht gewinnen, sonst sieht es düster aus für das Team vom Bosporus.

Die schwierige Ausgangsposition ist eigentlich eine, die Terim liebt: Löst er noch das Ticket an die Copacabana ist er der grosse Held; klappt es nicht, lag es nicht an ihm, den sie wegen seiner früheren Erfolge in seiner Heimat «Imparator» (Kaiser) nennen. Diesen Mittwoch flogen die Türken nach Estland, ohne die verletzten Nuri Sahin und Hamit Altintop.

Die Selbstreinigung findet nicht statt

Die Entwicklung des Nationalteams ist seit Jahren so rückläufig wie die des gesamten türkischen Fussballs. Der grosse Manipulationsskandal von 2011, der eine je zweijährige Europapokal-Sperren der Spitzenteams Fenerbahce und Besiktas durch die Uefa nach sich zog, führte nicht zu einer Selbstreinigung. Durch bizarre juristische Winkelzüge konnte der Verband TFF den Zwangsabstieg des wirtschaftlichen Zugpferdes Fenerbahce vermeiden, und bis heute hat der TFF Fenerbahce die gekaufte Meisterschaft 2011 nicht aberkannt.

Die Atmosphäre ist vergiftet, immer wieder kommt es auf den Rängen zu Gewaltausbrüchen. Zudem macht die zunehmende Polarisierung der türkischen Gesellschaft nach den regierungskritischen Demonstrationen im Juni, die von der Regierung Erdogan niedergeknüppelt wurden, auch vor den Kurven der Fussballstadien nicht halt. Ein erneutes Scheitern der Nationalmannschaft auf dem Weg zu einem grossen Turnier passte da nur ins Bild.

Symptome der Krise

Die grosse Frage ist, wie schnell Terim die Demütigung seiner Entlassung bei seinem Lieblingsclub verkraftet. In der Öffentlichkeit hat Galatasaray-Präsident Aysal die Sündenbockrolle, nicht nur bei den «Cimbom»-Fans. Als sicher gilt, dass der Verband Terim eine Verlängerung dessen ursprünglich bis Ende dieses Jahres laufenden Kontrakts als Nationaltrainer schmackhaft machen will.

Galatasaray übrigens hat mit Terims Nachfolger Roberto Mancini in der Liga vergangenes Wochenende 1:2 bei Akhisar Belediyespor verloren. Die Fans forderten «Aysal raus». Der gekränkte Terim aber ist wieder einmal der einzige Hoffnungsträger eines sich selbst ins Abseits manövrierenden Bewerberlandes für die Finalspiele der Euro 2020. Auch das ist als Symptom der Krise zu verstehen.

WM-Qualifikation, Gruppe D
Datum Spiel Resultat
11.10.2013 Andorra – Rumänien 20.30
11.10.2013 Estland – Türkei 20.30
11.10.2013 Holland – Ungarn 20.30
R Mannschaft Sp S U N G : E P
1. Holland 8 7 1 0 24 : 4 22

2. Ungarn 8 4 2 2 18 : 12 14

3. Türkei 8 4 1 3 14 : 7 13
4. Rumänien 8 4 1 3 13 : 12 13
5. Estland 8 2 1 5 6 : 16 7
6. Andorra 8 0 0 8 0 : 24 0

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