Derlis González und der zweite Anlauf nach Europa

Vielversprechend war es, was Flügelstürmer Derlis González zum Einstieg im Trikot des FC Basel gezeigt hat. Er erzählt die Geschichte eines jungen Profis aus Paraguay, der bereits einen vergeblichen Anlauf hinter sich hat, sich den Traum vom europäischen Fussball und der Champions League zu erfüllen.

Mit Händen, Gesten und Katalanisch als Brücke: Derlis González (rechts) in seinem ersten ausführlichen Gespräch mit Journalisten in Basel, übersetzt vom Journalisten Georges Küng. (Bild: Christoph Kieslich)

Vielversprechend war es, was Flügelstürmer Derlis González zum Einstieg im Trikot des FC Basel gezeigt hat. Er erzählt die Geschichte eines jungen Profis aus Paraguay, der bereits einen vergeblichen Anlauf hinter sich hat, sich den Traum vom europäischen Fussball und der Champions League zu erfüllen.

Ohne Georges Küng wäre es schwierig geworden. Wer kann schon Spanisch? Das heisst: so gut Spanisch, um etwas von einem jungen Mann aus Paraguay zu erfahren, über dessen Herkunft, die Ziele und Träume und seinen Weg zum FC Basel.

Es gibt jetzt dienstags, das ist neu, beim FC Basel einen Jour fix, an dem im Mediencenter des St.-Jakob-Park zwei Spieler zugegen sind und den Journalisten zur Verfügung stehen. Diese Woche waren Geoffroy Serey Die und Derlis González aufgeboten.

Serey Die, eben erst von der Weltmeisterschaft retour, sinnierte über eine Zeit, die noch weiter zurückliegt: «Vor drei Jahren, in Sion, hätte ich nie gedacht, Schweizer Meister zu werden, in die Nationalmannschaft zu kommen und dann auch noch an einer WM dabei zu sein.» Und auf die neue Konkurrenzsituation im mächtig aufpolierten Kader des FC Basel angesprochen, entgegnete er: «Es ist nicht das Problem, ob Serey spielt oder ob Serey nicht spielt. Das ist Fussball, das ist normal.»

Dem Kollegen sei Dank

Dann kam Derlis González mit etwas Verspätung, was durchaus von Vorteil war, da Georges Küng so zuerst Serey Die zuhören und nun gerne der Bitte der Kollegen nachkommen konnte, den jungen Mann aus Paraguay zu übersetzen.

Das war dann durchaus kurzweilig. Georges Küng, der sich mit seinen katalanischen Wurzeln auch Jordi nennt und als Hans Dampf Stadt und Region durchkämmt (siehe insbesondere: «Birsig-Bote»), ist kein Simultandolmetscher und neigt hier und da zur temperamentvollen Interpretation des Gesagten. Man muss ihn in diesen Momenten ganz kollegial darauf aufmerksam machen, bremsen quasi.

Aber die Anwesenden waren natürlich froh, dass er überhaupt da sass, der grosse, füllige Georges Küng, neben dem kleinen, schmächtigen Derlis Alberto González Galeano. Der leise spricht, ein Lausbubengesicht aufsetzen kann, dabei so schüchtern wirkt, wie ein junger Mensch eben ist, den man gerade aus Südamerika nach Mitteleuropa verpflanzt hat, und der einen Händedruck wie ein Magerquark hat.

Aus einer Kleinstadt bei Asunción

Knapp einen Monat ist González nun beim FCB, und bei seinen ersten beiden Einsätzen konnte man schon erahnen, warum ihm Etiketten wie «Wunderkind» oder «Rohdiamant» gegeben wurden. Beim Heimsieg gegen Luzern durfte der flinke Techniker sich bereits zwei Torvorbereitungen gutschreiben lassen.

González stammt aus Mariano Roque Alonso im Grossraum der Hauptstadt Asunción. 1945 erst wurde der Ort am Ufer des mächtigen Rio Paraguay gegründet, dort leben heute 85’000 Einwohner und bekannt ist die Stadt vor allem als Schauplatz der grössten Industriemesse. Derlis González ist in Mariano Roque Alonso in einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb gross geworden, in dem sein Vater Viehzucht betreibt.

Mariano Roque Alonso – die 85'000-Einwohner-Stadt im Grossraum von Asunción, aus der Derlis González stammt, der neue Stürmer des FC Basel.

Mariano Roque Alonso – die 85’000-Einwohner-Stadt im Grossraum von Asunción, aus der Derlis González stammt, der neue Stürmer des FC Basel. (Bild: skyscraperlife.com)

«Die Familie lebt gut davon», erzählt González. Er hat eine jüngere Schwester, und seine Mutter hat ihn nun für die ersten drei Monate nach Basel begleitet. Bis Ende dieser Woche logiert González noch gemeinsam mit der Freundin im Hotel, und hat als ersten Eindruck von der Schweiz gewonnen: «Das Leben hier ist sehr teuer.»

Der erste, fehlgeschlagene Anlauf

Nun darf man hoffen, dass der FC Basel sein Juwel aus Südamerika mit einem ausreichenden Salär im Fünfjahresvertrag ausgestattet hat, das die Preisunterschiede zwischen Mariano Roque Alonso und Basel ausgleicht. Derlis González wiegt den Kopf hin und her und sagt mit einem verlegenen Augenaufschlag: «Ja.»

Derlis González hat schon einmal einen Anlauf genommen in Europa. Als 18-Jähriger landete er bei Benfica Lissabon. Nach sechs Monaten brach er die Übung aus freien Stücken wegen fehlender Perspektive ab. Als Fehler will er den Wechsel zu Benfica nicht betrachten: «So kann man es nicht sagen. Es war ein grosser Schritt, auf den man vorbereitet sein muss.»

Jetzt, zwei Jahre und eine gute Saison bei Rekordmeister Olimpia Asunción später, mit den ersten drei Länderspielen im Rucksack und einem weiteren Etikett versehen – einer wie Angel Di Maria, schwärmt die Sportpresse – sieht er sich besser gerüstet als noch in Lissabon: «Damals war ich ein Jüngling, jetzt bin ich 20 Jahre alt.»

Vor dem Fernseher erfuhr González vom FCB

Seit dem 4. April weiss er, dass Basel sein zweites Karrieresprungbrett sein soll. An jenem Tag setzte sich sein Agent mit Derlis González vor den Fernsehapparat, sie schauten das Geisterspiel des FCB gegen Valencia in der Europa League an, und der Berater bedeutete ihm: «Das ist dein neuer Club.» Bis dahin hatte González noch nichts von seinem neuen Abenteuer geahnt, war er dem FC Basel allenfalls im Internet bei den Ergebnissen und Bildern der Champions League begegnet.

Es ist der Mechanismus des globalen Spielermarktes, eine Sache von von Angebot und Nachfrage. Eine Welt, in der Sentimentalitäten keine grosse Rolle spielen – damit steht Derlis González im unerschöpflichen Reservoir der Fussballbegabungen aus Südamerika oder Afrika nicht allein. Der Traum ist, in Europa zu spielen, klar, und die Champions League ist das «grösste Schaufenster», wie auch der junge Mann aus Paraguay sagt.

Feiner Fuss und flinker Flügel – das war schon in den ersten beiden Einsätzen von Derlis González für den FCB nicht zu übersehen.

Feiner Fuss und flinker Flügel – das war schon in den ersten beiden Einsätzen von Derlis González für den FCB nicht zu übersehen. (Bild: Keystone) (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Beim FC Basel haben sie nicht erst seit gestern festgestellt, dass die internationalen Erfolge sich aufs Renommée niederschlagen, dass der FC Basel für ein Spielersegment interessant geworden ist, das ihm vor geraumer Zeit noch schier unzugänglich erschien. Yoichiro Kakitani (24), die japanische Verheissung, ist das Beispiel auf der einen Seite des Spektrums: begehrt, populär, eroberungswillig. Walter Samuel (36) steht am anderen Ende der Skala: alt, mit allen Wassern gewaschen und Titeln dekoriert und dennoch neugierig, wie das beim FC Basel und mit Paulo Sousa zu und her geht.

«So ein Stadion gibt es in Paraguay nicht»

Derlis González will nun auch zeigen, dass er es kann. Dass er das Zeug hat, sich in einem ehrgeizigen Club durchzusetzen. Und er lässt – ganz unsentimental – durchblicken, dass er, kaum angekommen, Basel als Durchgangsstation begreift. Wer will ihm das verübeln.

Einen ersten Eindruck vom Schweizer Fussball hat der Neuankömmling, der sich auf den linken Unterarm einen Rosenkranz tätowieren liess, auch schon. «Mehr Ballbesitz, mehr Räume und schneller», stellt González fest. Daheim, in der Primera Division, sei das Spiel kämpferischer, aggressiver, fehlerhafter. Und die Stadien sind viel kleiner. «So ein Stadion wie in Basel», sagt González, «gibt es jedenfalls in Paraguay nicht.»

González verspricht keine Tore, dafür Herzblut

Beim FCB hat ihm Paulo Sousa fürs Erste die Perspektive aufgezeigt: «Der Trainer sieht mich im Moment eher auf dem Flügel.» Der zierliche Stürmer, der bei Olimpia auch als zweite, hängende Spitze agierte, als «media punta», wie man in seiner Sprache sagt, spielt seit dem 15. Lebensjahr in der ersten Liga. «Meister geworden bin ich noch nie, das will ich jetzt in Basel ändern», sagt González, «und wie viele Tore ich machen werde, kann ich nicht sagen. Aber ich verspreche Leidenschaft und Herzblut.»

So hat es jedenfalls Georges Küng gestenreich übersetzt. Moltes gràcies dafür.

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