Die Massregelung des renitenten Herrn Schmidt

Die Bundesliga erlebt ein noch nicht dagewesenes Theater um Roger Schmidt, der sich einer Anordnung des Schiedsrichters verweigert. Dabei ist Beobachtern längst klar: Ein bisschen Chaos zu verursachen gehört zur Methode des Trainers von Bayer Leverkusen.

Football Soccer -- Bayer Leverkusen v Borussia Dortmund - German Bundesliga - BayArena , Leverkusen, 21/02/16 Referee Felix Zwayer walks to Leverkusen's coach Roger Schmidt (R). REUTERS/Ina Fassbender DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE DURING MATCH TIME TO 15 PICTURES PER GAME. IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO IS NOT ALLOWED AT ANY TIME. FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050

(Bild: Reuters/INA FASSBENDER)

Die Bundesliga erlebt ein noch nicht dagewesenes Theater um Roger Schmidt, der sich einer Anordnung des Schiedsrichters verweigert. Dabei ist Beobachtern längst klar: Ein bisschen Chaos zu verursachen gehört zur Methode des Trainers von Bayer Leverkusen.

Natürlich blieb Thomas Tuchels Bitte ohne Wirkung. Wenn die Aufregungsmaschine erstmal Fahrt aufgenommen hat, dann ist sie nur noch schwer zu bremsen. Dortmunds Trainer hatte nach dem denkwürdigen Spiel seiner Mannschaft bei Bayer Leverkusen am Sonntag dafür geworben, «nicht zu hart mit Roger Schmidt ins Gericht zu gehen».

Aber schon am Montagmorgen beschrieben die Kommentatoren das Verhalten des Leverkusener Fussball-Lehrers als «absolutes No-Go», «unwürdig» und «beschämend». Eine Zeitung empfahl sogar einen «Berufswechsel».

Was war passiert? Der Schiedsrichter hatte Schmidt auf die Tribüne verbannt. Dieser verlangte eine Begründung an Ort und Stelle und weigerte sich beharrlich, der Strafe Folge zu leisten. Bayer Leverkusen hat nicht nur mit 0:1 verloren, sondern auch einen beträchtlichen Imageschaden erlitten.

Denn das Spiel musste für neun Minuten unterbrochen werden; es war das erste Mal in der Bundesligageschichte, dass ein Konflikt zwischen einem Schiedsrichter und einem Trainer derart drastisch eskalierte. Er habe keine persönliche Erklärung abgeben wollen, weil Schmidt «sehr aufgebracht war, und ich es in dieser Situation für angebracht hielt, die Distanz zu wahren», erläutert Schiedsrichter Felix Zwayer seine Position.

Football Soccer -- Bayer Leverkusen v Borussia Dortmund - German Bundesliga - BayArena , Leverkusen, 21/02/16 Referee Felix Zwayer and Leverkusen's Kyriakos Papadopoulos and Ramalho (L) react. REUTERS/Ina Fassbender DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE DURING MATCH TIME TO 15 PICTURES PER GAME. IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO IS NOT ALLOWED AT ANY TIME. FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050

Eklat in der Bundesliga: Schiedsrichter Felix Zwayer unterbricht die Partie, schickt beide Mannschaften in die Kabine und verschwindet dort selbst. (Bild: Reuters/INA FASSBENDER)

Doch auch der Unparteiische wurde kritisiert, weil er ein Gespräch unter vier Augen verweigerte. Zwei Dickköpfe trafen da aufeinander, wobei die Motive des Schiedsrichters nachvollziehbar sind. Es schien so gut wie ausgeschlossen, dass Zwayer den von offenbar heftigen Testosteron- und Adrenalinausschüttungen berauschten Schmidt hätte überzeugen können.

Die Schmidt-Methode: Chaos verbreiten 

Das Publikum konnte den Herren durchaus dankbar sein für deren Sturheit. Denn die 30’000 hatten einen Nachmittag für die Geschichtsbücher erlebt und nebenbei hat der Wahnsinn am Spielfeldrand ein recht langweiliges Fussballspiel in ein Spektakel verwandelt. Nach der Unterbrechung wurde es höchst unterhaltsam, und genau solche Metamorphosen gehören eigentlich zu den Stärken von Roger Schmidt.

Bevor dieser Trainer aus Salzburg nach Leverkusen kam, wurde der Werkself regelmässig vorgeworfen, einen allzu biederen Fussball zu spielen und trotz beachtlicher sportlicher Erfolge irgendwie grau und langweilig zu sein. Seit Schmidt da ist, gibt es regelmässig grosse Abenteuer in Leverkusen zu erleben. Spiele enden 3:3 oder 4:4 und nun eben mit einem Eklat. Es gibt da einen Zusammenhang.

Leverkusen's Stefan Kiessling talks to Leverkusen's head coach Roger Schmidt during the German Bundesliga soccer match between Bayer Leverkusen and Borussia Dortmund in Leverkusen, Germany, Sunday, Feb. 21, 2016. (AP Photo/Martin Meissner)

Überbringer der schlechten Nachricht: Leverkusens Kapitän Stefan Kiessling wurde vom Schiedsrichter geschickt, um seinem Trainer mitzuteilen, dass er gefälligst aus dem Innenenraum verschwinden soll. (Bild: Keystone/Martin Meissner)

Die ganze Partie sei «sehr hektisch gewesen», findet Mats Hummels. «Leverkusen-Spiele sind so. Das wollen sie dem Gegner aufzwingen, sowohl mit den langen Bällen vorne, als auch mit dem Gegenpressing», sagte der Dortmunder Kapitän.

Hektik ist demnach ein gewolltes Element, das Schmidt durch seine ständigen Diskussionen mit dem vierten Offiziellen am Spielfeldrand schürt. Der Leverkusener Mittelfeldspieler Christoph Kramer hat einmal den Begriff «geplantes Chaos» für diese Spielweise verwendet. An diesem Nachmittag ist das Chaos ausser Kontrolle geraten.

Für Zwayer liegen drei, vier, fünf Meter im Ermessensspielraum

Schon in der ersten Halbzeit habe er sich mehrfach beschwert, weil er «die Zweikampfbewertung nicht gleichberechtigt» fand, sagt Schmidt. Das ist die Vorgeschichte zum Eklat nach 64 Minuten. Dabei haben Zwayer und seine Kollegen bis zu Sokratis‘ ungeahndetem Handspiel im Strafraum (71.) keine klare Fehlentscheidung getroffen.

Auch den Stein des Anstosses, nämlich die Ausführung eines Freistosses deutlich entfernt vom Ort des Fouls, verteidigt der Schiedsrichter als regelkonform: «Ich finde, dass eine Ausführung mit drei, vier, fünf Metern in der Karenz liegt, daher habe ich die schnelle Spielfortsetzung in dem Fall zugelassen», sagt Zwayer. Messungen ergaben, dass es sich im vorliegenden Fall um 5,8 Meter handelt.

Ohne die rasche Ausführung wäre Stefan Kiesslings Versuch, den schnellen Dortmunder Gegenstoss mit einem taktischen Foul zu unterbinden, belohnt worden. «Das Foul war die Regelübertretung», sagte auch Tuchel. Und wenn die Schiedsrichter darauf bestanden hätten, den Freistoss exakt am Ort des Fouls auszuführen? Dann «werden wir bestraft, weil wir den schnellen Konter nicht spielen können», so der BVB-Trainer. Im Sinne der Gerechtigkeit haben die Schiedsrichter die Situation vollkommen korrekt eingeschätzt.

Schmidt setzt Verschwörungstheorie oben drauf

Im Gegensatz zu Schmidt, der auch nach der Partie einen weiteren Fehltritt beging. Zwar räumte er ein, «zu stur» gewesen zu sein, allerdings warf er den Schiedsrichtern anschliessend vor, dass sie beim klaren Handspiel von Sokratis im Strafraum mit Absicht auf einen Elfmeterpfiff verzichteten. Gewissermassen als Rache.



Football Soccer -- Bayer Leverkusen v Borussia Dortmund - German Bundesliga - BayArena , Leverkusen, 21/02/16 Leverkusen's sport director Rudi Voeller (R) discusses with referees after the match. REUTERS/Ina Fassbender DFL RULES TO LIMIT THE ONLINE USAGE DURING MATCH TIME TO 15 PICTURES PER GAME. IMAGE SEQUENCES TO SIMULATE VIDEO IS NOT ALLOWED AT ANY TIME. FOR FURTHER QUERIES PLEASE CONTACT DFL DIRECTLY AT + 49 69 650050

Konnte sich richtig aufregen: Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler knöpft sich nach dem Spiel das Schiedsrichtergespann vor. (Bild: Reuters/INA FASSBENDER)

«Mir fällt kein anderer Grund ein, so einen Elfmeter nicht zu pfeifen», sagte Schmidt, der mit einer Sperre von mehreren Spielen rechnen muss. Zum Abschluss konstruiert er also auch noch eine Verschwörungstheorie. Das ist der Glaubwürdigkeit dieses Trainers sicher nicht zuträglich.

Kontrollausschuss will schnell entscheiden

Am regelkonformen Vorgehen Zwayers hat auch Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel keine Zweifel. «Wenn sich ein Spieler oder eben ein Trainer nach einem Platzverweis weigert, den Innenraum zu verlassen, ist die Spielunterbrechung und die Androhung eines Abbruchs die richtige Entscheidung. Auf jeden Fall kann es nicht sein, dass der Trainer eine Entscheidung ignoriert und eine persönliche Erklärung des Unparteiischen durch sein Verhalten erzwingen will.»

Nun wird erwartungsgemäss der Kontrollausschuss des Deutschen Fussball-Bundes tätig. Schmidt kann Stellung beziehen, und schon am Dienstag oder spätestens am Mittwoch wollen die Sittenwächter entscheiden, wie sie den renitenten Leverkusener Trainer sanktionieren.

Felix Zwayer und der Schiedsrichter-Skandal

Wem der Name Felix Zwayer noch dunkel etwas sagt: Der Schiedsrichter gehört zu jenen, die 2005 den Schiedsrichter-Skandal in der Bundesliga ins Rollen brachte. Zwayer war Linienrichter bei Robert Hoyzer, der Spiele manipuliert hatte, und wurde selbst für ein halbes Jahr gesperrt.

» Die Akte Zwayer – «Die Zeit» über die Aufarbeitung des Schiedsrichter-Skandals 

(Bild: rotblauapp.ch)

» Mehr zur Bundesliga bei rotblauapp.ch

Konversation

  1. Ich stimme mit DEM GEVATTER überein. Zudem ist die Ansprechperson des Schiedsrichters der Captain und nicht der Trainer. Und mit Kiessling hat er gesprochen. Mir kommt hier noch die Heulsuuse Babbel in den Sinn, der an der PK nach dem FCB-Spiel meinte, dass man gegen den FCB nicht gewinnen könne, wenn der Schiedsrichter für den FCB pfeife. Die Unterstellung, dass der Schiri mit Absicht für einen Verein pfeife, ist widerlich und extrem unsportlich. Dies gehört genauso bestraft, mit einer Busse und einer langen Sperre. Aber von unserem Fussballverband ist da nichts zu erwarten. Babbel darf weiter wursteln.

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  2. Schmidt ist ein arroganter Selbstdarsteller. Das war er schon als Trainer bei der Firmensportmannschaft der salzburger Sektion von Red Bull.

    Dieses Verhalten passt zu ihm und zum Bild, das ich von diesem Typen habe.

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  3. Ich bin da zu 100% beim Schiedsrichter. Abgesehen davon, dass das Theater an der Linie mittlerweile bei jedem noch so unbedeutenden Einwürflein immer mühsamer wird, kann es einfach nicht angehen, dass ein rausgestellter Trainer den Schiedsrichter wie einen Hund herbeipfeift, um ihm gefälligst Red und Antwort zu stehen. Der Chef auf dem Platz ist der Schiedsrichter, wenn ein Trainer nicht weiss wann genug ist, wird er via 4.Schiri runtergestellt, das ist der Normalfall. Wo kommen wir denn hin, wenn ein Schiri künftig jeden Entscheid den Trainern erklären gehen muss? Wollen wir das? Zistigsclub statt Fussball? Ich hoffe, die Leverkusner kriegen für ihr Affentheater eine ordentliche Strafe, auch die Aussagen bezüglich der Elfmeter-Fehlentscheidung sind einfach nur eine Frechheit und offenbaren die Denkhaltung dieser Gesellen. Und da gehts lange nicht nur um den Trainer, auch der gute Rudi Völler sollte vielleicht mal wieder einen Kurs in Sachen Anstand und Contenance besuchen.

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