Die sanfte Kontrolle für Trainer und Eltern

Mit einem Konzept für den Fussball der jüngsten Kinder setzt der Schweizerische Fussballverband SFV Massstäbe. Es geht um Fussball ohne Tabellen, Schiedsrichter, um Eltern auf Distanz und Trainer als Partner der kleinen Kicker.

Spielen lassen und die Eltern auf Distanz halten – Eckpunkte des Konzepts des Schweizerischen Fussballverbandes für den Kinderfussball. (Bild: Keystone/URS FLUEELER)

Mit einem Konzept für den Fussball der jüngsten Kinder setzt der Schweizerische Fussballverband SFV Massstäbe. Es geht um Fussball ohne Tabellen, Schiedsrichter, um Eltern auf Distanz und Trainer als Partner der kleinen Kicker.

Eine Fairplay-Liga, so wie sie in Deutschland lanciert worden ist, kennt die Schweiz nicht. Die Idee von Ralf Klohr allerdings schon. Er stellte dies Fussball-Funktionären im März 2013 bei einer Tagung in Basel zum Kinderfussball vor. Zusammengefasst lauten die drei Leitlinien Klohrs: keine Schiedsrichter, Erwachsene auf Abstand und Trainer als Partner der Kinder.

Dieser Beitrag ergänzt eine Reportage der TagesWoche aus Deutschland zum Thema Fairplay-Liga, eine Idee für kindgerechten Fussball: «Schiedsrichter sind nur zum Bescheissen da»

Spiele ohne Schiedsrichter gibt es im Kinderfussballbereich auch in der Schweiz. Zumindest ohne offizielle. G-Junioren (5- und 6-Jährige) und F-Junioren (7- und 8-Jährige) kommen bei ihren in Turnierform gespielten Wettbewerben ohne Schiedsrichter aus. Bei E-Junioren (9- und 10-Jährige) kann es einen Unparteiischen geben, der selbst noch Jugendlicher sein soll und im besten Fall einen Kurzlehrgang hinter sich hat. Erst von den C-Junioren an bis zu den Erwachsenen werden die Spiele vom Verband mit Unparteiischen beschickt.

Die räumliche und emotionale Distanz

Die Ideen der Fairplay-Liga sind in das Kinderfussball-Konzept des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) eingeflossen. Autoren sind Peter Knäbel, der Technische Direktor, sowie die Fachbereichsleiter Bruno Tuffer und Raphael Kern. Neben Grundsätzen für das kindgerechte Training und die Betreuung der jüngsten Kicker sind klare Richtlinien für die Trainer im Kinderfussball aufgeschrieben worden.

So heisst es etwa: «Während den Spielen ist der Trainer stiller und aufmerksamer Beobachter. Die Entscheidungen im Spiel überlässt er den Kindern. Während der Aktion beeinflusst er die Kinder nicht.»

Während den Spielen ist der Trainer stiller und aufmerksamer Beobachter.

Während den Spielen ist der Trainer stiller und aufmerksamer Beobachter. (Bild: Gerhard Mester)

Und den Eltern, die als Helfer oder Betreuer als «wichtiger Teil des Kinderfussballs» hervorgehoben werden, wird freundlich ins Stammbuch geschrieben: «Ihr teilweise emotionales Verhalten ist nachvollziehbar, bedarf aber einer sanften Kontrolle.»

Das teilweise emotionale Verhalten der Eltern ist nachvollziehbar, bedarf aber einer sanften Kontrolle.

Das teilweise emotionale Verhalten der Eltern ist nachvollziehbar, bedarf aber einer sanften Kontrolle. (Bild: Gerhard Mester)

Ranglisten werden im jüngsten Alter als «überflüssig» bezeichnet, und den Trainern wird in allen Alterskategorien vorgeschrieben, «stets nahe beieinander in der Coachingzone zu stehen, um das Spiel gemeinsam zu begleiten und in strittigen Situationen rasch eine einvernehmliche Spielfortsetzung zu ermöglichen».

Für Eltern, Verwandte und Bekannte wird eine Zuschauerzone zwar nicht vorgeschrieben, so doch empfohlen, «um räumliche und emotionale Distanz zwischen Eltern und Kindern zu schaffen».

Es wird empfohlen, eine räumliche und emotionale Distanz zwischen Eltern und Kindern zu schaffen.

Es wird empfohlen, eine räumliche und emotionale Distanz zwischen Eltern und Kindern zu schaffen. (Bild: Gerhard Mester)

Düstere Negativbeispiele auf den Fussballplätzen gibt es an jedem Wochenende. Im Bereich des Fussballverbandes Nordwestschweiz (FVNWS) wurde im Frühjahr ein C-Juniorenspiel vom Schiedsrichter abgebrochen, als er eine Gelb-Rote Karte zeigen wollte und von Trainer und Eltern erst beschimpft und dann bedroht wurde.

«Es ist unglaublich, was Eltern oder Trainer zum Teil vom Stapel lassen», sagt Markus Comment, der Schiedsrichter-Obmann des Regionalverbandes, «wie sollen da Jugendliche jemals Respekt vor dem Schiedsrichter bekommen?»

Im Tessin wurde im April ein kompletter Spieltag der D-Junioren abgesetzt. Damit sollte ein Zeichen gesetzt werden, da am Wochenende zuvor bei sieben von insgesamt 38 Spielen dieser Altersklasse negative Vorkommnissen rapportiert worden waren.

Die beispielgebende Arbeit des SFV

60’000 Kinderfussballer zwischen fünf und zehn Jahren sind in der Schweiz registriert, und Peter Knäbel hofft, mit dem Kinderfussball-Konzept einen Kulturwandel hinzubekommen. «Es hängt sehr viel von den Personen ab, von den Trainern, den Eltern.» Und eine Erkenntnis des erfahrenen Ausbildners Knäbel lautet: «Wo es keine Tabelle gibt, gibt es auch keine Probleme.»

Ralf Klohr ist glücklich und stolz, dass sein Vortrag in Basel auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Und auch wenn er bedauert, dass die Schweiz den Begriff der «Fairplay-Liga» nicht übernommen hat, so hält er fest: «Ganz Europa könnte sich eine Scheibe abschneiden von der Schweiz: Ein Konzept und einen Verantwortlichen für Kinderfussball wie Raphael Kern hat kein anderer Verband, auch der Deutsche Fussball-Bund nicht.»

» Das Kinderfussball-Konzept des SFV (PDF-Dokument)

» Die Fairplay-Liga – die Website zur Idee von Ralf Klohr aus Deutschland

Technischer Direktor des SFV und Co-Autor des Kinderfussball-Konzepts: Peter Knäbel, der frühere Nachwuchschef des FC Basel.

Technischer Direktor des SFV und Co-Autor des Kinderfussball-Konzepts: Peter Knäbel, der frühere Nachwuchschef des FC Basel. (Bild: LUKAS LEHMANN)

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