Die Stunde der Einzelmasken

18 Nationen sind in Sotschi mit einem Ein-Mann- oder Ein-Frau-Team vertreten. Meistens sind es kuriose Umstände, unter denen die Sportler für Länder an den Start gehen, die sie noch nicht oft gesehen haben. Der Schillerndste unter ihnen: Hubertus von Hohenlohe, der Prinz, der zum fünften Mal für Mexiko die Ski anschnallt.

Mexico's only winter Olympian, alpine skier Hubertus von Hohenlohe, smiles as he takes pictures of the Olympic mascots during a welcome ceremony at the Mountain Olympic Village prior to the 2014 Winter Olympics, Thursday, Feb. 6, 2014, in Krasnaya Polyana (Bild: Keystone/JAE C. HONG)

18 Nationen sind in Sotschi mit einem Ein-Mann- oder Ein-Frau-Team vertreten. Meistens sind es kuriose Umstände, unter denen die Sportler für Länder an den Start gehen, die sie noch nicht oft gesehen haben. Der Schillerndste unter ihnen: Hubertus von Hohenlohe, der Prinz, der zum fünften Mal für Mexiko die Ski anschnallt.

Es gibt einfachere Dinge, als auf den Philippinen jemanden aufs Glatteis zu führen. Rittberger und Axel lösen im fernöstlichen Inselstaat keine Luftsprünge aus. Dass es Michael Christian Martinez trotzdem auf Kufen von Manila nach Sotschi geschafft hat, gleicht deshalb einem Wunder.

Als Eiskunstläufer ist der 17-Jährige nicht nur in seiner Heimat ein Einzelkämpfer. Auch bei Olympia tritt Martinez mit einem Solo-Programm auf. Der Exot ist der einzige Olympia-Starter seines Landes und durfte bei der Eröffnung die philippinische Fahne und Ehre hochhalten.

Das Eislauf-ABC hatte der Olympia-Neuling seinerzeit in einem Einkaufszentrum erlernt. «Das Eis hatte extrem viele Löcher und ich musste zwischen den anderen Eisläufern trainieren», erinnert sich Martinez, der mittlerweile zum Training nach Kalifornien reist und längst auch den dreifachen Axel beherrscht.

Michael Christian Martinez ist aber einer von insgesamt 18 Sportlern, die bei diesen Olympischen Spielen als Alleinunterhalter auftreten. Auftreten müssen.

Die Karibik ist gut vertreten

Der Skifahrer Dow Travers etwa ist dafür verantwortlich, dass bei diesen Spielen auch die Flagge der Cayman Inseln gehisst wird, wo die höchste Erhebung gerade einmal 43 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Überhaupt ist die Karibik gut vertreten in Sotschi. Der Langläufer Tucker Murphy zieht für Bermuda seine Spuren und seine ungewöhnliche Herkunft für einen Wintersportler stellt er auch gerne demonstrativ zur Schau. Bei der Eröffnungsfeier 2010 in Vancouver trug Murphy eine – Bermudashort. Zum Training kommt der Solist meist nach Europa, wo er sich in Jugendherbergen einquartiert, um Geld zu sparen.

«Die Verwirrung war riesig, weil bei uns keiner mit dem Sport etwas anfangen hat können.»

Auch die British Virgin Islands sind in Russland mit einem Athleten dabei. Peter Crook will im Ski-Freestyle eine gute Figur abgeben. Weit schwieriger als die internationale Olympia-Qualifikation war für Crook die Überzeugungsarbeit in der Heimat. «Die Verwirrung war riesig, weil bei uns keiner mit dem Sport etwas anfangen hat können.» Dank der Initiative von Crook wurde auf der Insel vor drei Jahren ein eigener Skiverband gegründet, und mittlerweile weiss man dort auch, für was eine Halfpipe verwendet wird.

Für die US Virgin Islands geht Jasmine Campbell ins Rennen. Die Skifahrerin wurde auf der Karibik-Insel geboren, kam aber schon mit neun Jahren in die USA, wo sie das alpine Einmaleins erlernte. Bereits ihr Vater John war bei Olympia: 1992 in Albertville.

Unter den Olympia-Debütanten: Malta

Als Einzelkämpfer und Entwicklungshelfer ist auch Andrei Drygin unterwegs. In seiner Heimat Tadschikistan gibt es zwar Berge, aber nur ein Skigebiet mit einem Skilift. Sportgeschichte schreibt Elise Pellegrin. Die 21-jährige Skifahrerin wurde in Frankreich geboren und geht für Malta an den Start. Damit weht erstmals bei Winterspielen die maltesische Fahne. Ähnlich verhält es sich bei Luke Steyn: Der Skifahrer ist Winterspiel-Pionier aus Simbabwe. Er wurde in Harare geboren, übersiedelte aber schon mit zwei Jahren mit seiner Familie in die Schweiz.

Auch Julia Marino sorgt für eine Premiere: Die Slopestylerin, die in jungen Jahren als Adoptivkind von Paraguay in die USA kam, ist die erste Winterteilnehmerin des südamerikanischen Landes. Ihr Heimatland Paraguay hat sie das erste Mal vor einem Jahr gesehen.

Für den Prinz von Hohenlohe sind es bereits die fünften Spiele.

Hubertus von Hohenlohe  war hingegen schon bei Olympia, da waren die meisten seiner Skikollegen noch gar nicht auf der Welt. Sotschi sind für den 55-jährigen Ski-Prinz aus Mexiko bereits die fünften Spiele seit Sarajewo 1984.

Im Slalomrennen trifft Hohenlohe unter anderem auf Yohan Goutt Goncalves, der zwar in Frankreich geboren ist, aber für Osttimor, der Heimat seiner Verwandten,  an den Start geht. Die Region ist erst seit 2002 von Indonesien unabhängig.  Skifahrer Dmitry Trelevski spielt für Kirgisistan den Alleinunterhalter.

Dachhiri Sherpa ist das Single-Dasein bereits gewöhnt. Der 43-Jährige geht schon zum dritten Mal für Nepal an den Start. Und als Rekordhalter beim Ultra-Langlauf-Marathon «UltraTrail du Mont Blanc» (168 Kilometer und 9000 Höhenmeter) hat er schon viele Stunden alleine verbracht.

Im Langlauf  liefert sich Sherpa ein Wettrennen mit Antonio Jose Pardo Andretta, dem Solisten aus Venezuela und  Kari Peters. Der Luxemburger lief beim Europacup in St. Ulrich am Pillersee zuletzt dermassen zur Hochform auf, dass er nun die luxemburgischen Farben in Sotschi vertreten darf.

Und schliesslich: Bruno Banani

Dass Muhammad Karim  ohne Begleitung nach Sotschi reist, war so nicht geplant. Eigentlich waren drei Skifahrer aus Pakistan qualifiziert. Doch dann stritten Olympiakomitee und Politik, und nur Karim durfte anreisen. Der Exot aus der Region Gilgit-Baltistan  lernte mit vier Jahren auf Holzskiern, die sein Onkel schnitzte, das Skifahren. Beim FIS-Slalom in Bormio liess er zuletzt sogar vier Engländer hinter sich, hatte aber trotzdem 32 Sekunden Rückstand.

So weit ins Hintertreffen wird Pan-To Barton Lui nicht geraten. Weil es in Hongkong keine Shorttrackbahn von olympischem Format gibt, muss der Einzelkämpfer in den nahen chinesischen Hochburgen Harbin und Changchun trainieren.

Bruno Banani braucht da schon ein wenig länger, um an seine Sportstätten zu gelangen. Der Mann mit dem Unterwäsche-Markennamen ist für Tonga am Start – als Rodler. Seine Geschichte sorgt für einige Aufregung im olympischen Zusammenhang. Im Einsitzer liess er am ersten Olympia-Sonntag immerhin sieben Konkurrenten hinter sich – als Zweiunddreissigster.

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