Die Verwundbarkeit des einstigen Champions

Was soll nicht alles besser werden in der neuen Saison, vor allem zu einer Macht im eigenen Stadion wollte der FC Basel wieder werden – und dann kassiert er gegen St. Gallen eine schmerzhafte 1:2-Heimniederlage, die den Druck bereits mächtig erhöht.

Basler Bauchlandung: Dimitri Oberlin.

94 Minuten hat es gebraucht, um eine erste Sturmböe der Entrüstung auszulösen, die über den FCB hinweg gefegt ist wie ein Hitzegewitter. Samt Abkühlung der heissen Erwartungen, die in diese Mannschaft projiziert worden sind. Der Furor der Fans und ihr Hohn und Spott kurz zusammengefasst: Der Trainer muss weg und Martin Schmidt her. Der Sportchef muss auch weg, denn der FCB befindet sich auf bestem Weg in die Barrage. Und YB freut sich über einen geglückten Saisonstart.

Das Aufstöhnen ist laut, weil die Niederlage zum Saisonauftakt eine der schmerzhaften Art war. Die vierte Minute der Nachspielzeit lief, als der FCB nicht zum ersten Mal an diesem Abend ungenügend verteidigte. Marek Suchy verlor ein Kopfballduell gegen Marco Aratore, Fabian Frei bekam auch keinen Zugriff auf den Ex-Basler, und dann wurde Aratores Schlenzer von Luca Zuffi mit dem Rücken abgefälscht zu einer nicht lösbaren Aufgabe für Jonas Omlin, den fast tadellosen Debütanten im Tor des FCB.

Was sich danach abspielte, könnte krasser nicht sein. Hier der FC St. Gallen, der sich unbändig über einen zwar glücklichen, aber keineswegs gestohlenen 2:1-Sieg freute. Durch Treffer zweier Ex-Basler, von denen der verschmähte Cedric Itten besondere Genugtuung verspürte: «Es war nicht immer einfach hier, ich bin mehrfach ausgeliehen worden, und ich bin froh, zeigen zu können, dass ich auch etwas kann.» Das gilt übrigens genauso für Dereck Kutesa, der beim FCB nie den Tritt fand, und nun im Trikot der Sankt Galler eine fabelhafte erste Halbzeit spielte. 

Auf der anderen Seite sanken die Basler Spieler auf den frisch verlegten Rasen wie nach einem verlorenen Endspiel, demoralisiert gleich im ersten Gang der neuen Saison, für die man sich so viel vorgenommen hat. «Es ist das Schlimmste, was einer Mannschaft und einem Trainer passieren kann», fasste Raphael Wicky die 94. Minute in Worte. Es war ein kleines Jubiläumsspiel für ihn, der 50. Wettbewerbsmatch, in dem er bei 29 Siegen die zwölfte Niederlage einstecken musste.

Am Unterhaltungswert mangelt es nicht

Es war beileibe nicht alles schlecht, was Wickys Mannschaft den offiziell knapp 26’000 Zuschauern im St.-Jakob-Park (inklusive grossen, auch ferienbedingten Lücken auf den Rängen) bot. Und weil der FC St. Gallen mit einem vom neuen Trainer Peter Zeidler angeleiteten mutigen Gegenpressing völlig ohne Komplexe auftrat, entwickelte sich ein munteres, intensives Spiel mit ungezählten packenden Strafraumszenen.

Entwickelt sich zum Schrecken des FCB: Der Ex-Basler Cedric Itten, der hier zum 0:1 trifft. Fabian Frei, Raoul Petretta und Luca Zuffi sind nur Zuschauer.

Aber es war auch augenfällig, wie verwundbar der FCB erschien. Im zentralen Mittelfeld bekundeten Zuffi und Geoffroy Serey Dié ebenso Mühe, in die Zweikämpfe zu kommen und die Doppelpässe der flinken Ostschweizer zu unterbinden, wie die Viererkette in der Abwehr. Zu einfach machten es Raoul Petretta und Serey Dié in der 57. Minute ihrem Gegenspieler Itten, als der sich den Ball auf den eigentlich schwächeren linken Fuss legte und mit einem platzierten Distanzschuss traf.

«Wir haben zu viele Chancen zugelassen», räumte Wicky ein, der ansonsten seiner Mannschaft lediglich einen Vorwurf machen wollte: «Dass sie ihre Chancen nicht verwertet hat. Und ich kann ihr auch keinen Vorwurf machen, dass sie am Ende den Sieg gesucht hat.»

Kalulus Krämpfe

Da ging der FCB bereits auf dem Zahnfleisch. Valentin Stocker, der einer der Leader dieser Mannschaft sein soll, wurde nach einer Stunde und wenigen wirkungsvollen Szenen ausgewechselt. Anschliessend kam Blas Riveros für Silvan Widmer, der nach nur wenigen Trainingseinheiten mit dem neuen Team noch nicht bei 100 Prozent ist. 

Ebenfalls mit Krämpfen ging Kevin Bua vom Platz. Der hatte einerseits beste Möglichkeiten liegen lassen, andererseits mit seiner Flanke das Eigentor zum Ausgleich in der 66. Minute provoziert. Als schliesslich auch noch Aldo Kalulu von Krämpfen in beiden Beinen geschüttelt wurde, war es um das Auswechselkontingent bereits geschehen – und um die Basler Torgefahr.

Vielversprechendes Debüt trotz vergebener Chancen: Aldo Kalulu, hier gegen Silvan Hefti.

Das Debüt des kleinen Franzosen hinter der Spitze war ein echtes Versprechen. Schon in der siebten Minute war Kalulu am grossartig reagierenden Dejan Stojanovic gescheitert, er suchte die Tiefe im Spiel, und war sich nicht zu schade für Defensivarbeit. «Hätte er seine Chancen gemacht», seufzte Wicky, «wäre er der Held gewesen.»

Auch Albian Ajeti hätte das Zeug dazu gehabt. Vor dem Spiel, bei einer Eröffnungszeremonie, bei der nicht klar war, ob die ablehnenden Pfiffe der Fans lauter waren oder die Musik aus den Boxen, war Ajeti noch als Torschützenkönig der vergangenen Saison geehrt worden. Dann, in der 78. Minute, sah er seinen Heber von Silvan Hefti von der Torlinie gekratzt.

Eine Spur mehr zusetzen zu können – das war bis vor einem Jahr noch eine Basler Domäne.

Auch die letzte, aussichtsreiche Basler Chance hatte der quirlige Kalulu mit einem Hackentrick vorbereitet, die der Fünf-Millionen-Franken-Stürmer Dimitri Oberlin jedoch in seiner überhasteten Art versiebte. Und das ist auch bitter für den FC Basel: Dass der FC St. Gallen, erst zu Jahresbeginn ein verdienter Sieger im St.-Jakob-Park, noch eine Spur mehr zuzusetzen hatte auf den letzten Metern. 

Das war bis vor einem Jahr noch eher eine Domäne der Basler, die schwer daran zu knabbern haben, ihr einstiges Selbstverständnis wieder aufzubauen. Und sie haben zum Auftakt in die neue Saison nichts dafür getan, die öffentliche Wahrnehmung der alten Saison zu korrigieren – die eines anfälligen Ex-Champions.

Alles im Eimer: Die Entsetzte Basler nach dem Last-Minute-Treffer der Sankt Galler.

Auch wenn er von einem «glücklichen Sieg» sprach, so nimmt Peter Zeidler mit seiner Mannschaft nicht nur drei Punkte aus Basel mit, sondern auch die «tollen, positiven Emotionen», wenn man ein Spiel in letzter Minute gewinnt». Und die Sankt Galler lassen einen mitgenommenen FCB zurück, für den es am Dienstag in Thessaloniki schon um sehr viel geht: um Moral, Reputation und die Champions League. Vier Tage später wartet dann Aufsteiger Xamax, der zweite Überraschungssieger der ersten Runde mit dem 2:0 in Luzern.

Burgeners Wunsch ist bereits kompromittiert 

Der fromme Vorsatz, zu alter Heimstärke zu finden – von Präsident Bernhard Burgener dezidiert als Vorgabe an Sportdirektor und Trainer ausgegeben – ist bereits mit dem ersten Auftritt kompromittiert. Da ist es nur bedingt tröstlich, wenn sich Wicky «mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben», zufrieden zeigt und zur Heimpleite sagt: «Das ist nicht optimal, bedeutet aber nicht, dass wir die nächsten Heimspiele nicht gewinnen können.»

Mitte der vergangenen Woche war beim FCB noch die Rede vom Meisterpokal. Der stattete Basel am Samstag einen Kurzbesuch ab, ehe er wieder nach Bern zurückgebracht wurde. Bis zur Heimholung, das vermittelten diese ersten 94 Minuten, ist es ein steiniger Weg.

https://tageswoche.ch/sport/jonas-omlin-und-die-bitterkeit-eines-gelungenen-debuets/

Konversation

  1. Geld kann man nicht essen!
    Bei so viel Verlust von Qualität und so mageren Dazukäufen kommt die Frage auf:
    Gier nach hoher Dividende oder mangelnde Kompetenz des Käufers?
    Ich meine beides trifft zu.
    Nils2

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  2. Ich habe bereits vor einem Jahr vor Borat und Azamat gewarnt. Ihr wolltet nicht hören. Der Erfolg wird erst wieder zurückkehren, wenn Sacha Baron Cohen den Vorhang fallen lässt.

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  3. Habe kein gutes Gefühl. Der FCB dominiert seine Spiele nicht mehr, obwohl er es auf Grund der Qualität der Spieler müsste. Entscheidend ist auch die mentale Stärke einer Mannschaft. Wicky scheint das Problem zu sein. Er ist zu verbissen, streberhaft und lacht nie. Das strahlt auf die Mannschaft über. Ich wünsche ihm mehr Gelassenheit.

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  4. Nun, Basel muss sich damit abfinden, dass der FCB wieder Mittelmass ist. Irgendwann einmal werden sie wieder Meister werden. Schätzungsweise in vier bis fünf Jahren wird dies wieder der Fall sein. Dann wird der Staff komplett ausgewechselt sein und der FCB wird schmerzhaft festgestellt haben, dass ein guter Spieler nicht unbedingt auch ein guter Sportdirektor ist.

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