Eine Mauer, die nicht fällt

Walter Samuel tritt am Mittwoch ab. Der Mann der wenigen Worte erzählt im Porträt von seiner Angst, als Trainer vor einer Mannschaft reden zu müssen.

Mit einem bezaubernden Lächeln: Walter Samuel bei seinem ersten Medientermin in Basel. (Bild: Meinrad Schön)

In einem letzten Gespräch erzählt der Mann der wenigen Worte von den grossen Namen, mit denen er zusammengespielt hat, von der Müdigkeit eines 38-jährigen Fussballers und von seiner Angst, als Trainer vor einer Mannschaft reden zu müssen. Am Mittwoch nimmt die Welt Abschied vom Fussballer Walter Samuel.

Einmal im Jahr treffen sich die besten Malambotänzer in Laborde, einem kleinen Ort im Zentrum Argentiniens. Dann tanzen vier Männer in der Hauptstadt des Malambo in Gruppen um Titel und Ehre. Die Gewinner dürfen nie mehr am Wettbewerb teilnehmen, der Höhepunkt ihres tänzerischen Daseins ist auch das Ende ihrer Karriere.

In Laborde kam 1978 Walter Samuel zur Welt. Inzwischen ist er der berühmteste Sohn der Stadt. Nicht, weil er den Flamenco-ähnlichen Tanz besonders gut beherrscht, sondern die körperliche Arbeit in einer anderen Vierergruppe. Samuel hat es in den Abwehrketten des europäischen Clubfussballs und der argentinischen Nationalmannschaft zu Weltruhm gebracht – und hätte er wie die siegreichen Malambotänzer beim ersten Titelgewinn aufhören müssen, dann wäre bereits 1998 Schluss gewesen.

Vor 18 Jahren gewann Samuel zweimal die argentinische Meisterschaft, mit den Boca Juniors, dem Verein aus dem östlichsten Stadtteil von Buenos Aires am Río de la Plata, wo zwei grosse Flusssysteme Südamerikas in den Atlantik fliessen. Samuel folgte der Richtung dieser Gewässer, um im Sommer 2000 bei der AS Roma seinen ersten Arbeitsvertrag in Europa zu unterschreiben.

Zerrissene Jeans als Hommage an die Jungen

Vier Jahre verbrachte Samuel in der italienischen Hauptstadt, in der ihm der Stadionsprecher den Übernahmen «il muro» gab. Ein Jahr spielte er in Madrid bei Real; und in zehn Jahren bei Inter Mailand haben Zweikämpfe, unüberschaubares Medieninteresse und ein unzimperlicher Anhang die Furchen rund um seine kalten blauen Augen gepflügt.

Dann kam Samuel nach Basel.

Und dort sitzt er zwei Tage vor seinem letzten Spiel vor drei Journalisten. Der Mann, der viel erreicht hat und wenig spricht, hat einen ruhigen Ort gefunden, um seine Karriere zu beenden. Einen Ort, an dem seine drei Kinder «alleine das Tram nehmen können», wo sie im Gegensatz zu ihm ein wenig Deutsch gelernt haben, und er in dieser «bella città» zwei «wunderbare Jahre» verbracht habe.



epa04626164 Basel's Walter Samuel, center, in action during an UEFA Champions League round of sixteen first leg soccer match between Switzerland's FC Basel 1893 and Portugal's FC Porto in the St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, on Wednesday, 18 February 2015. EPA/GEORGIOS KEFALAS

Eine Augenweide, diese Spielauslösung. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Samuel trägt zerrissene Jeans, als wolle er andeuten, dass er auch mit 38 Jahren noch immer mit den Jungen mithalten kann. Rundherum stapeln sich blaue Plastikstühle im Medienzentrum, das nach dem Europa-League-Endspiel noch aufgeräumt werden muss.

Samuel hat sich die Partie zwischen Liverpool und Sevilla im Stadion angesehen. «Mit ein wenig mehr Glauben an sich selber hätte auch der FC Basel diesen Final erreichen können», sagt Samuel. Er selbst hat die grossen Titel gewonnen: 19 an der Zahl, darunter sechs italienische Meisterschaften und die Champions League, 2010 mit Inter Mailand unter José Mourinho.

Mit dem Who-is-Who des Weltfussballs

Den Final gewannen die Mailänder gegen Louis van Gaals Bayern, Samuels Landsmann Diego Milito erzielte die beiden Treffer. Javier Zanetti spielte im zentralen Mittelfeld, Wesley Sneijder und Samuel Eto’o waren Teil der Offensive – und es klingt wie eine kleine Auflistung der europäischen Fussballhistorie, wenn Walter Samuel ehemalige Mitspieler aufzählt, die bei Fussballliebhabern Träume auslösen: die Tottis, die Messis, die Materazzis, die Ronaldos – das Phänomen, nicht das Modell.

Mit allen Grossen der letzten 20 Jahre stand er auf dem Rasen, als Gegner oder Mitspieler. Zusammen mit Gabriel Batistuta schied Samuel bei seiner ersten Weltmeisterschaft 2002 in der Gruppenphase aus. 52 Länderspiele und eine zweite WM-Teilnahme später beendete Samuel 2010 seine Karriere in der Albiceleste – in die ihn die argentinische Überfigur Diego Maradona nach fünf Jahren ohne Länderspiel nochmals berufen hatte.

ROM25 - 20020324 - MILAN, ITALY : Uruguayan Alvaro Recoba (L) of Inter Milan avoids to be marked by Argentinian Walter Adrian Samuel of AS Roma on his way to score during the Italian Serie A soccer match between the two overall leaders teams late Sunday, 24 March 2002. At the end of the first half, Inter is leading 2-0 with two goals scored by Recoba and Christian Vieri. EPA PHOTO ANSA/DANIEL DAL ZENNARO/pal mda

Als die Fotos noch nicht gestochen scharf waren, spielte Walter Samuel bereits auf höchstem Niveau Fussball. Hier mit der AS Roma gegen Inters Alvaro Recoba. (Bild: Keystone/DANIEL DAL ZENNARO)

In der Hochzeit seiner Karriere wäre Samuel nicht nach Basel gewechselt. Mit 36 Jahren aber lief sein Vertrag in Mailand aus, in Italien ergab sich keine neue Herausforderung. Über einen «amico di un amico», erzählt Samuel, trat der FCB auf den Plan, einen ersten persönlichen Kontakt hatte der zentrale Abwehrspieler mit Trainer Paulo Sousa, und innert zwei Tagen wurde aus der Idee ein Vertrag.

In Basel rieb man sich die Augen. Samuel wurde als zu langsam bezeichnet, als zu hüftsteif. Die 1:5-Niederlage im Estadio Bernabeu gegen Real Madrid war Wasser auf die Mühlen der Kritiker, Samuel verletzte sich, fast vergass man ihn. Und dann kam dieses Abendspiel im Dezember 2014 in Luzern: Walter Samuel organisierte die Dreierkette in Sousas 3-4-2-1, überzeugte mit fantastischem Stellungsspiel, präzisem Timing beim Kopfball und mit seinem feinen, langen Ball, gespielt mit diesem linken Fuss, der den Fussballliebhabern dieser Welt fehlen wird.

Die Hoffnung auf ein paar Abschiedsminuten

Nach 18 Einsätzen unter Sousa ist Samuel in Urs Fischers Team inzwischen kaum wegzudenken. Doch der Körper erlaubt nicht mehr alles, Wadenprobleme verunmöglichen möglicherweise gar einen letzten Auftritt in der Dernière gegen die Grasshoppers. Samuel erwartet vor den Augen seiner Familie einen «emotionalen Abend» und hofft, «ein paar Minuten spielen zu können».

Mit 38 Jahren ist Walter Samuel müde. «Un poco» jedenfalls, gesteht er. Doch es ist nicht der Fussball, der Samuel müde macht. Es sind die Schmerzen – die er künftig nicht mehr haben wird. Samuel will sich in Mailand zum Trainer ausbilden lassen, dort, wo er mit der Uefa-B-Lizenz seine Laufbahn zum Übungsleiter bereits als Spieler begonnen hat. Dort, wo sein ehemaliger Mitspieler und Freund Javier Zanetti inzwischen Vize-Präsident bei Inter ist.

Respekt habe er davor, in seinem neuen Beruf vor einer versammelten Mannschaft reden zu müssen, sagt Samuel. Er, der in den Interviewzonen zwar grüsst, den Gang aber beschleunigt, um erst gar nicht um Auskunft gebeten werden zu können. Dieser Mann, der der Medienstelle zu verstehen gibt, wie wenig Presseanfragen ihn interessieren, nimmt sich zwei Tage vor seinem letzten Spiel fast eine Stunde Zeit.

Die Medien danken. Und dass Samuel im St.-Jakob-Park Fussball gespielt hat, dafür dankt ihm ganz Basel. In den Erinnerungen der Fussballliebhaber fällt diese Mauer nicht.

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