Es ist nicht die Fortsetzung des Krieges

Es ist das auf dem Papier heisseste Duell im Qualifikations-Pool des Wochenendes: Kroatien gegen Serbien. Ein emotional aufgeladenes Spiel zwischen den Nationalteams zweier Länder, deren Rivalität am Anfang des Auseinanderbrechens Jugoslawiens stand.

In this May 18, 1991 photo, Dinamo Zagreb's Zvonimir Boban, right, clashes with police during the Yugoslav league soccer match between Belgrade's Red Star and Zagreb's Dinamo, in Zagreb, then Yugoslavia. By some, the Yugoslav wars started on the football (Bild: Keystone/Renato Brandjolica)

Es ist das auf dem Papier heisseste Duell im Qualifikations-Pool des Wochenendes: Kroatien gegen Serbien. Ein emotional aufgeladenes Spiel zwischen den Nationalteams zweier Länder, deren Rivalität am Anfang des Auseinanderbrechens Jugoslawiens stand.

Goran, der ehemalige Ski-Fahrer, reicht einen «Rakija» zum 
Frühstück. Der selbstgebrannte Obstschnaps hebe die Lebensgeister,
 verspricht er. Goran kommt aus Zagreb, er wird sich das Fussballspiel
 diesen Freitag zwischen Kroatien und Serbien am TV anschauen. Er will
 natürlich schon, dass Kroatien gewinnt, aber die Welt, sagt er, hänge
 für ihn nicht vom Ergebnis dieses Spiels ab. Nicht jedermann sieht das
 in beiden Ländern so entspannt wie Goran.

Kroatien setzt sich 2:0 durch

Durch Tore der beiden Bundesliga-Legionäre Mario Mandzukic (Bayern München) und Ivica Olic (Wolfsburg) in der 23. und 37. Minute hat Kroatien den Clash gegen eine im schwache serbische Mannschaft klar für sich entschieden. Der Ex-Basler Ivan Rakitic (FC Sevilla) war am Führunsgtor beteiligt, das der serbische Verteidiger Aleksandar Kolarov (Manchester City) mit einem krassen Fehler verursachte. Mladen Petric sass auf der Ersatzbank der Kroaten. (cok)

Es ist ein hoch brisantes, politisch aufgeladenes Duell in der
 WM-Qualifikation an einem symbolischen Ort: dem Maksimir-Stadion in
 Zagreb. Die Vergangenheit hallt immer noch nach. Am 13. Mai 1990 trafen
 dort Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad aufeinander. Es kommt zu
 schweren Schlägereien zwischen Hooligans aus Zagreb und Belgrad, auch
 Spieler von Dinamo traten auf Polizisten und Belgrader Fans ein. Das Spiel wurde erst gar nicht angepfiffen.

Viele 
sehen in den Ereignissen den Auslöser für den Bürgerkrieg im Vielvölkerstaat und den Anfang vom Ende der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien. Die Ultra-Gruppierungen
 beider Clubs kämpften später an der Front gegeneinander. Noch heute 
erinnern die Dinamo-Ultras der Bad Blue Boys mit einem Denkmal am 
Maksimir-Stadion an die Toten des Krieges aus ihren Reihen.

Die Geschichte der Trainer

Im Vorfeld des WM-Qualifikationsspiels 23 Jahre später steht auch die Geschichte von Igor Stimac und 
Sinisa Mihajlovic im Zentrum. Der 45-jährige Stimac ist Nationaltrainer Kroatiens,
der 44-jährige Mihajlovic der von Serbien. Beide standen sich Jahrzehnte lang wie 
Todfeinde gegenüber. Beim Pokalendspiel im Mai 1991 zwischen Hajduk
 Split und Roter Stern sahen Stimac (Split) und Mihajlovic die Rote 
Karte.

Ein paar Tage zuvor hatten serbische Freischärler sich in Borovo
 ein tödliches Gefecht mit kroatischen Polizisten geliefert, die 
Freischärler verstümmelten anschliessend die Leichen der Polizisten. 
Mihajlovic, Sohn eines Serben und einer kroatischen Mutter, stammt von 
dort. Stimac, so erzählte Mihajlovic später, habe ihm während des 
Pokalendspiels gesagt, er bete zu Gott, dass seine Familie ermordet
 werde.

Nun aber zeigen sich beide zumindest öffentlich versöhnlich, im letzten 
Jahr trafen sie sich in Warschau. «Das ist nicht die Fortsetzung des
 Krieges, es ist nur ein heisses Fussballspiel», erklärte der ehemalige 
Italien-Pofi Mihajlovic in der «Gazetta dello Sport», kurz bevor er mit 
seiner Mannschaft am Donnerstag am Flughafen in Zagreb von einem
 riesigen Sicherheitsaufgebot empfangen wurde.

Unter dem Druck der Verbände

Die Balkan-Liga

Es gibt Bestrebungen, den Fussball in den ehemaligen Teilen Jugoslawiens wieder in einer gemeinsamen Balkan-Liga zusammenzuführen. Was vor allem aus fussballerischen Qualitätsgründen befürwortet und von der Uefa durchaus wohlwollend betrachtet wird, obwohl die reglementarischen Grundlagen für eine staatenübergreifende Liga fehlen, stösst auch auf grosse Skepsis. Bei all jenen, die die Gräben, die der Krieg aufgebrochen hat, zwei Jahrzehnte später noch nicht überwunden sehen, und die darin bestärkt werden, wenn es bei Sportveranstaltungen zu Ausschreitungen kommt. Das Sicherheitsproblem dürfte somit eine der grössten Hürden sein für ein Projekt, dass es in Basketball und Handball bereits gibt. (cok)

Doch längst sind nicht alle Wunden verheilt, 23 Jahre nach dem
 verhängnisvollen Spiel im Maksimir und 18 Jahre nach dem Ende des 
folgenden Krieges. Serbische Fans sind in Zagreb nicht zugelassen, genauso wenig werden für das Rückspiel in Belgrad im September Tickets an kroatische Fans verkauft werden. Der Druck der 
internationalen Fussballverbände ist gross. Die Gewalt rund um die Spiele 
kroatischer und serbischer Fussball-Mannschaften wollen Fifa und Uefa 
nicht länger akzeptieren, sie drohen mit Ausschluss aus den 
internationalen Wettbewerben.

In den letzten Monaten ist es vor allem Stimac nicht immer leicht 
gefallen, seine nationalistische Gesinnung zurückzuhalten. Im November
 2012 wurden die Generäle Mladen Markac und Ante Gotovina vom 
UN-Strafgerichtshof in Den Haag im Berufungsverfahren vom Vorwurf der 
Kriegsverbrechen freigesprochen. In Kroatien feierten die Menschen dies
 als Legitimation ihres Unabhängigkeitskrieges.

Ein politisches Urteil
 sei das, hiess es in Belgrad, das den Kroaten den EU-Beitritt diesen 
Juli vereinfachen solle. Der kroatische Stürmer Mandzukic salutierte
 damals bei einem Spiel seines Clubs Bayern München nach einem Tor als Geste 
für die Generäle. Und Stimac schlug vor, Gotovina könne doch 
symbolisch den Anstoss beim nächsten Heimspiel Kroatiens übernehmen. 
Diese Aussage löste nicht nur in Serbien Proteste aus, war doch das 
nächste Heimspiel jenes gegen Serbien. Stimac erklärte später, er sei 
falsch verstanden worden.

Die Nationalismen schwingen mit

Für einen nächsten Eklat im Vorfeld sorgte wieder einmal Zdravko Mamic, der 
umstrittene Präsident von Dinamo Zagreb. Mamic bezeichnete den 
kroatischen Sportminister Zeljko Jovanovic als «Kroatenhasser», der 
eine «Beleidigung für den kroatischen Verstand» sei. Jovanovic gehört 
der serbischen Minderheit in Kroatien an. Mamic war vorübergehend in 
Haft.

Regierungschef und Staatspräsident verurteilten die Äusserungen.
 Selbst Torjäger-Ikone Davor Suker, den viele in Kroatien als Marionette Mamics 
bezeichnen, distanzierte sich in seiner Funktion als Präsident des 
kroatischen Fussballverbandes.

Dennoch scheint die Stimmung insgesamt weniger vergiftet als noch 1999, 
als Kroatien in der EM-Qualifikation auf das damalige Jugoslawien traf. 
Mit dabei: Stimac als Spieler für Kroatien, Mihajlovic für Jugoslawien. 
Die Kroaten, WM-Dritte von 1998, scheiterten damals. Diesmal sind sie klarer Favorit vor 35’000 Zuschauern im Maskimir. Gewinnt aber Serbien, könnten sie bis auf drei Punkte 
an Kroatien herankommen, die zusammen mit Belgien (beide zehn Punkte) 
die Tabelle der Gruppe A anführen.

Der ehemalige Ski-Fahrer Goran sagt, während er am Rakija nippt: «Im 
Fussball kann auch der Schlechtere gegen den Besseren gewinnen.» Und
 nach einem kräftigen Schluck Wasser gibt er zu: «Den besten Rakija gibt es 
in Serbien.»

Eine Reportage des Senders Arte zum Hassduell (ipad-Benutzer benutzen den Link):

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